Ichbewusstsein

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Ichbewusstsein ist das Bewusstsein der Ich-Identität oder das Wissen des Individuums um seine Identität.[1]

Ichbewusstsein nach Karl Jaspers[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Ichbewusstsein wird von Jaspers als Ergebnis der inneren Wahrnehmung (Intuition) dem Gegenstandsbewusstsein als Ergebnis der äußeren Wahrnehmung gegenübergestellt. Er unterscheidet vier formale Merkmale des Ichbewusstseins:[2]

  • das Tätigkeitsgefühl als Aktivitätsbewusstsein
  • das Bewusstsein der Einfachheit des Ichs im gleichen Augenblick
  • das Bewusstsein der Identität von jeher, d. h. in der Zeitfolge, dem Ablauf der Zeit
  • das Ichbewusstsein im Gegensatz zum Außen und zum Andern

Aktivitätsbewusstsein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Triebkomponenten werden durch Gefühle vorangedrängt. Gleichgültig, ob es sich um Wahrnehmungen, Vorstellungen, Gedanken oder Gefühle handelt, alles Psychische erhält den „besonderen Ton“ des Persönlichen (des „mein“, des „ich“). Diesen Vorgang nennt Jaspers Personalisation.[2] Andere Autoren bezeichnen diese eigentümliche Qualität des Persönlichen als Ichqualität.[3]

Einheit des Ich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Ichbewusstsein ist stets mit Wertvorstellungen verbunden. Sofern das Subjekt mit Wertvorstellungen konfrontiert ist, die seinem Wertesystem nicht entsprechen, kommt es zu Phänomenen der Verdoppelung der Persönlichkeit, des Schattens, der Besessenheit[4], der Ich-Anachorese, der Fremdheit eigener Verhaltensweisen, z. B. bei Zwangshandlungen.[5][2]

Identität des Ichs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der gleichzeitigen Einheit oder Verdoppelung der Persönlichkeit ist die im Verlauf der Zeit sich gleichbleibende oder sich ändernde Einheit der Persönlichkeit zu unterscheiden.[2] Es ist nicht immer davon auszugehen, dass sich Menschen mit ihren früheren Verhaltensweisen identifizieren, da sich das persönliche Wertesystem im Verlauf der Zeit auch ändert. Ein Musterbeispiel stellt hier die frühkindliche Amnesie dar.

Innen- und Außenwelt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Unterscheidung von Innen- und Außenwelt erscheint selbstverständlich, kann jedoch in einzelnen Fällen mehr oder weniger aufgehoben sein. So liegen Schilderungen von Baudelaire über das Schwinden der Persönlichkeit möglicherweise Wirkungen einer Haschischvergiftung zugrunde. Dabei fühlte Baudelaire seine Pfeife als personifiziert ähnlich gewissen pantheistischen Denkweisen, siehe das All-Eine oder die → Participation mystique.[6][2]

Ichbewusstsein nach C.G. Jung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Definition und Abgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung definierte das Ich als das "Zentrum des Bewusstseinsfeldes, … Subjekt aller persönlichen Bewusstseinsakte".[7] Das Ich beruhe einerseits "auf dem gesamten Bewusstseinsfeld, andererseits auf der Gesamtheit unbewusster Inhalte", wobei zu den unbewussten Grundlagen gehören: das nur zeitweise unbewusste, dem Ich zugängliche Gedächtnis, "zweitens nicht willkürlich reproduzierbare, unbewusste, und drittens überhaupt nicht bewusstseinsfähige Inhalte" der unbewussten Psyche.[8] "Trotz der unabsehbaren Reichweite seiner Grundlage ist das Ich nie mehr und nie weniger als das Bewusstsein überhaupt".[9] In diesem Sinne verstand Jung das Ich als einen Teil der Gesamtpersönlichkeit, des Selbst:[10] "Ich unterscheide daher zwischen Ich und Selbst, insofern das Ich nur das Subjekt des Bewusstseins, das Selbst aber das Subjekt meiner gesamten, also auch der unbewussten Psyche ist."[11] Die "Energie oder Intensität des Ichkomplexes, der sich durch Willenskraft manifestiert", werde in seiner Wirkung schwächer, je näher man dem Grenzbereich zum Unbewussten mit seinen Affekten und ins Bewusstsein einbrechenden Vorstellungen komme.[12] - Ebenfalls gegen das Ich abgegrenzt sind bei Jung die Persona ('Theatermaske'): "als was einer sich selber und der Umwelt erscheint",[13] und der Schatten, welcher dem Ich-Ideal eines Menschen entgegensteht und dieses mitunter grob auszugleichen tendiert.

Bildung des Ichbewusstseins aus dem Unbewussten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jung sagte: „Das Unbewusste ist die Mutter des Bewusstseins.“[14] Zur Bildung eines Ichbewusstseins in der Menschheitsentwicklung wie auch der des einzelnen Menschen setzten sich „multiple[r] Luminositäten“ [15] (von lat. lumen = Licht), also Keime annähernden Bewusstseins oder aufflackernde Bewusstseinsfunken, „die aus dem Dunkel des Unbewussten hervorleuchten“,[16] nach und nach zu einem „festgefügten Ichkomplex“[17] zusammen. „Das Licht des Bewusstseins hat … viele Helligkeitsgrade, und der Ichkomplex viele Abstufungen seiner Betonung.“[18]

Gefährdung des Ichbewusstseins durch das Unbewusste[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Ichbewusstsein könne auch in Zerfallszustände geraten: Dissoziation in einen „dunklen Zustand der Desorientierung“ oder gar Auflösung als Schizophrenie:[19] eine latente Psychose könne durch die Konfrontation mit dem Nicht-Ich, dem Unbewussten, ausgelöst werden. - Eine unter Umständen erwünschte (zeitweise) Auflösung des Ichbewusstseins kann in der religiösen Erfahrung geschehen: Weil das Ichbewusstsein auch durch Akte bewusster „Unterscheidung von der unbewussten Dynamis“ konstituiert wurde, so könne es „durch eine Identifikation des Ich mit der treibenden Dynamis des Unbewussten wieder aufgehoben“ werden und z. B. wie in der religiösen Erfahrung Meister Eckharts in einer Art mystischer Allbezogenheit (zeitweise) aufgehen.[20] Zur neurotischen Gefährdung des Ichbewusstseins durch autonome Komplexe siehe auch Komplex (Psychologie).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hermann Düringer, Hubert Meisinger & Wolf-Rüdiger Schmidt (Hrsg.): Das rätselhafte Ich. Neurowissenschaft und Evolutionsbiologie vor der Frage, wie aus dem Körperorgan „Gehirn“ ein Ich-Bewusstsein entstehen konnte (= Arnoldshainer Texte. Band 144). Haag + Herchen, Hanau 2010, ISBN 978-3-89846-603-5.
  • Carl Gustav Jung: Gesammelte Werke, Sonderausgabe 1995, Walter Verlag Düsseldorf, ISBN 3-530-40081-5.
  • Moritz Löwi: Vom Ich und Ichbewußtsein. Ein Beitrag zur Grundlagenforschung der Denkpsychologie. In: Die Arbeitsgemeinschaft (11) 1930, 19–26
  • Thomas Metzinger: Der EGO Tunnel (Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik), BvT Berliner Taschenbuch Verlags GmbH, Berlin, 3. Auflage März 2011, ISBN 978-3-8333-0719-5

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Uwe Henrik Peters: Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, Medizinische Psychologie. Urban & Fischer, München 62007; ISBN 978-3-437-15061-6; Seite 256 (online)
  2. a b c d e Jaspers, Karl: Allgemeine Psychopathologie. Springer, Berlin 91973, ISBN 3-540-03340-8, zu Stw. Ichbewusstsein: 1. Teil: Die Einzeltatbestände des Seelenlebens, 1. Kap.: Die subjektiven Erscheinungen des kranken Seelenlebens (Phänomenologie), § 7 Ichbewußtsein, Seite 101 ff.
  3. Gruhle, Hans Walter: Verstehende Psychologie. (Erlebnislehre). Georg Thieme, Stuttgart 21956; Kap. VI Psychologie und Einzelwissenschaften. Abs. Religionswissenschaft – Frage des spezifisch religiösen Erlebnisses, Seite 169.
  4. Janet, Pierre: Les obsessions et la psychasthénie. Paris 11900, 21908; 2. Auflage 1908, Seite 319–322.
  5. Ideler, Karl Wilhelm: Versuch einer Theorie des religiösen Wahnsinns. Ein Beitrag zur Kritik der religiösen Wirren der Gegenwart. Bd. I. Seite 392 ff. (Pater Surn).
  6. Baudelaire, Charles: Les fleurs du mal / Die Blumen des Bösen. Fischer Bücherei, Exempla Classica 63, 1963, Seite 116; La pipe: „Je suis la pipe d’un auteur …“ (Ich bin die Pfeife eines Autors).
  7. C.G. Jung, GW 9/2: §1
  8. C.G. Jung, GW 9/2: §4
  9. C.G. Jung, GW 9/2: §7
  10. C.G. Jung, GW 9/2: §18 f.
  11. C.G. Jung, GW 6: §730.
  12. C.G. Jung, GW 18/1: §91 und Abb. 4
  13. C.G. Jung, GW 6: §370
  14. C.G. Jung, GW 9/1: § 501
  15. C.G. Jung, GW 8: § 388
  16. C.G. Jung, GW 8: § 389
  17. C.G. Jung, GW 8: § 387
  18. C.G. Jung, GW 8: § 387
  19. C.G. Jung, GW 16: §476
  20. C.G. Jung, GW 6: § 430