Irene Harand

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Irene Harand (* 6. September 1900 als Irene Leopoldine Wedl in Wien[1]; † 3. Februar 1975 in New York City[2]) war eine österreichische Autorin und politische Aktivistin, die besonders als Gegnerin des Nationalsozialismus bekannt wurde.

Irene-Harand-Platz in Wien

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das 2010 aufgestellte Denkmal für Irene Harand auf dem gleichnamigen Platz in Wien

In den späten 1920er Jahren arbeitete Harand im „Verband der Kleinrentner und Sparer Österreichs“ des jüdischen Anwalts Moriz Zalman (geboren am 7. November 1882 in Bârlad, Rumänien; gestorben am 29. Mai 1940 im KZ Sachsenhausen), der sich unentgeltlich für Opfer der Inflation einsetzte. In diesem Verband wurde sie schließlich seine Stellvertreterin und schrieb für dessen Zeitung Welt am Morgen.

1930 gründete sie gemeinsam mit Zalman die „Österreichische Volkspartei“ (steht nicht in Verbindung mit der ÖVP der Zweiten Republik), die sich für Kleinrentner und Ärmere einsetzte und, im Gegensatz zu den anderen Parteien in Österreich, aktiv gegen den Antisemitismus auftrat. Bei den Wahlen am 9. November 1930 erhielt die Partei nur 0,4 Prozent der Wählerstimmen und konnte nicht in den Nationalrat einziehen.

Im Herbst 1933 gründeten Zalman und Harand die „Weltbewegung gegen Rassenhass und Menschennot“, die unter dem Namen „Harand-Bewegung“ bekannt wurde und als Antithese zur NSDAP-„Hitler-Bewegung“ auftrat. Die „Harand-Bewegung“ hatte zwischen 1933 und 1938 mehrere tausend Mitglieder und Ortsgruppen in vielen europäischen Staaten. Ihr Sprachrohr war die Wochenzeitung Gerechtigkeit, die von 1933 bis 1938 in einer Auflage von ca. 28.000 Exemplaren – für kurze Zeit auch in polnischer und französischer Sprache – erschien. Ein Weltkongress der „Harand-Bewegung“ scheiterte 1937 an den finanziellen Möglichkeiten der Organisation und der mangelnden Unterstützung der österreichischen Behörden.

1935 erschien ihr Buch Sein Kampf. Antwort an Hitler, welches sie auf eigene Kosten herausgab, in dem sie diverse antisemitische Stereotype widerlegte und in einem eigenen Kapitel auf die Fälschung der Protokolle der Weisen von Zion einging. 1936 erschien das Buch auf Französisch, 1937 auf Englisch. In ausgedehnten Vortragsreisen durch Europa und die USA (1937) versuchte Irene Harand die Öffentlichkeit gegen den Nationalsozialismus und im Speziellen gegen den Antisemitismus zu mobilisieren. Da sie der Ansicht war, dass prekäre wirtschaftliche Verhältnisse einen Nährboden für die Ideologie der Nationalsozialisten bildeten, übernahm sie Firmpatenschaften und organisierte Weihnachtsbescherungen für die Kinder Mittelloser und die Zusendung von Lebensmittelpaketen an Bedürftige. Sie versprach Hoteliers vor allem in ländlichen Regionen Gratis-Inserate in der Zeitung Gerechtigkeit, sofern diese die Zeitschrift abonnierten und sich verpflichteten, jeden Gast unabhängig von Herkunft und Religionszugehörigkeit aufzunehmen. Als Protest gegen die Münchner Ausstellung „Der ewige Jude“ gab die „Harand-Bewegung“ Verschlussmarken mit Porträts berühmter jüdischer Persönlichkeiten heraus.

Die überzeugte Katholikin Irene Harand war bis in die 1940er Jahre Monarchistin und eine Anhängerin des Austrofaschismus. Die „Harand-Bewegung“ wurde Teil der Vaterländischen Front und verteidigte bis zum Schluss den autoritären Kurs der Regierungen von Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg. Gegen antisemitische Strömungen innerhalb des Austrofaschismus und der katholischen Kirche in Österreich trat die „Harand-Bewegung“ jedoch massiv auf.

1938 wurde ein Kopfgeld von 100.000 Reichsmark auf Irene Harand ausgesetzt und ihre Bücher wurden in Salzburg öffentlich verbrannt. Harand, die zu jener Zeit in Großbritannien war, konnte jedoch nicht gefasst werden und flüchtete in die USA, wo sie die Exilorganisation „Austrian Forum“ mitbegründete und in den 1940er Jahren die Frauenorganisation der amerikanischen „Non-Sectarian Anti-Nazi League to Champion Human Rights“ führte. Zudem verhalf sie österreichischen Juden zu Visa für die USA, wodurch mehr als 100 Menschen vor der nationalsozialistischen Verfolgung fliehen konnten.[3] 1941 war sie in London an der Gründung des Free Austrian Movements beteiligt. 1969 wurde sie von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet[4] und erhielt 1971 das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

Grabstätte von Irene und Frank Harand

Irene Harand starb 1975 in New York. Ihre Asche wurde am 27. Juni 1975 in einem ehrenhalber gewidmeten Grab (Abteilung ARI, Nummer 153) der Gemeinde Wien im Urnenhain der Feuerhalle Simmering beigesetzt.

Anerkennungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1990 wurde das Haus Judengasse 4 – ein Wiener Gemeindebau – auf Initiative von Peter Marboe auf Irene-Harand-Hof umbenannt.[5]
  • 2006 wurde vor der Paulanerkirche an der Wiedner Hauptstraße der Irene-Harand-Platz nach ihr benannt. (Gemeinderatsbeschluss vom 21. Februar 2006.)[6]
  • Im Zuge einer Neuauflage von Irene Harands Buch Sein Kampf gaben am 12. März 2005 mehr als 100 Künstler, Literaten, Wissenschaftler und Publizisten der Österreicherin im Erzbischöflichen Palais in Wien und via Videowall auf dem Stephansplatz ihre Stimme zurück. Die Lesung fand unter jenem Christusbild statt, das am 8. Oktober 1938 beim Sturm der Hitlerjugend von Dolchen durchbohrt und zur Erinnerung in diesem Zustand belassen wurde.

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • So oder So? Die Wahrheit über den Antisemitismus. Österreichische Volkspartei, Wien 1933.
  • „Sein Kampf.“ Antwort an Hitler. Wien 1935.[7]
    • Franz R. Reiter (Hrsg.): Sein Kampf. Antwort an Hitler. Reproduktion der Ausgabe Wien 1935 mit Vorworten von Christoph Kardinal Schönborn: Christ und Antisemit sein ist unvereinbar und Peter Marboe: Eine Gerechte sowie einem Plakat der Österreichischen Volkspartei aus der Ersten Republik: „Für Wahrheit und Gerechtigkeit“ und einem Nachwort von John Haag: Europe’s Noblest Woman. Ephelant-Verlag, Wien 2005, ISBN 3-900766-16-9.
  • “Son Combat.” Réponse á Hitler. Brüssel / Wien 1936.
  • “His Struggle.” (An Answer to Hitler). Chicago 1937.
  • “Sein Kampf” (“His Fight”) Answer to Hitler and his Mein Kampf. Englische von William B. Korach. Laguna Hills (Kalifornien) 1983.
  • „Hitler’s Lies.“ An Answer to Hitler’s Mein Kampf. Reproduktion der Ausgabe Wien 1935, Jaico Publishing House, Mumbai 2010, ISBN 978-81-8495-070-0.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Praktisch die gesamte Sekundärliteratur nennt 6. September 1900 als Geburtsdatum, etwa in Harand Irene, geb. Wedl. In: Ilse Korotin (Hrsg.): biografiA. Lexikon österreichischer Frauen. Band 1: A–H. Böhlau, Wien 2016, ISBN 978-3-205-79590-2, S. 1190 f. (PDF). Dagegen nennen alle amtlichen Dokumente , beginnend mit Taufbuch Wien Matzleinsdorf, tom. 62b, fol. 86 (Faksimile), den 7. September 1900 als Geburtsdatum.
  2. Die Sekundärliteratur bevorzugt den 3. Februar als Sterbedatum, fallweise wird auch der 2. Februar genannt. Die Verstorbenensuche der Stadt Wien nennt den 1. Februar.
  3. Daniel Fraenkel, Jakob Borut (Hrsg.): Lexikon der Gerechten unter den Völkern: Deutsche und Österreicher. Wallstein Verlag, Göttingen 2005, ISBN 3-89244-900-7, S. 318
  4. Mosche Meisels: Weltbewegung gegen Rassenhass: Irene Harand – 1969. In: Die Gerechten Österreichs: Eine Dokumentation der Menschlichkeit. 1996, abgerufen am 11. März 2022.
    The Righteous Among the Nations Database: Harand Irene. In: YadVashem.org. Abgerufen am 11. März 2022 (englisch).
  5. Irene-Harand-Hof im Wien Geschichte Wiki der Stadt Wien
  6. Irene-Harand-Platz im Wien Geschichte Wiki der Stadt Wien
  7. Irene Harand: „Sein Kampf“: Antwort an Hitler. (html) Wien, 1935, abgerufen am 11. März 2022 (wiedergegeben auf ldn-knigi.lib.ru).
    Irene Harand: „Sein Kampf“: Antwort an Hitler. (pdf; 1,3 MB) Wien, 1935, archiviert vom Original am 13. November 2004; abgerufen am 11. März 2022 (wiedergegeben auf wissensnavigator.com).
  8. John Connelly: Christian Klösch / Kurt Scharr / Erika Weinzierl (Hgg.): „Gegen Rassenhass und Menschennot“. In: sehepunkte. 6/4, 2006, abgerufen am 11. März 2022 (englisch, Rezension).
    Ursula Homann: „Mit Hitler darf es keine Kompromisse geben!“ Ein Sammelband erinnert an eine österreichische Widerstandskämpferin. In: Das Parlament. 11 (2005), 14. März 2005, archiviert vom Original am 28. Juni 2007; abgerufen am 11. März 2022.