Irren-Offensive

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Irren-Offensive wurde 1980 als Initiative ehemaliger psychiatrischer Patienten in West-Berlin gegründet. Die Gruppe vertrat, ähnlich wie das Sozialistische Patientenkollektiv (SPK) in den 1970er Jahren, eine antipsychiatrische Position. Die Irren-Offensive ist eine Bewegungsorganisation der Antipsychiatriebewegung, die in den USA durch Organisationen wie das Icarus Project und im Vereinigten Königreich durch The Hearing Voices Network repräsentiert wird.[1] Sie hat nach Jahren in der Scharnweberstraße 29 ("Werner-Fuss-Zentrum") nun ihren Sitz im Haus der Demokratie und Menschenrechte.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Laufe ihrer Geschichte hat diese Gruppe Diskussionen zum Thema Selbstbestimmung von psychiatrischen Patienten in Deutschland angestoßen oder war an diesen beteiligt. Die Irren-Offensive wirkte an der Konzeption des psychiatrischen Testaments bzw. der Vorsorgevollmacht mit; in einer von ihr mitgetragenen Projektgruppe wurde auch die Konzeption des Weglaufhauses entwickelt. Bei der ersten psychiatriepolitischen Tagung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Grünen 1984 in Berlin stellte die Gruppe das Konzept einer reformierten Sozialpsychiatrie, das vor der Tagung von den Grünen vertreten wurde, erfolgreich in Frage.[2]

Die Irren-Offensive, die sich 1983 als eingetragener Verein konstituierte, "dient", laut Satzung, "der Selbsthilfe von derzeitigen oder ehemaligen Psychiatrie-Insassen und Insassinnen". Sie "arbeitet darauf hin, Verständnis für Ver-rücktsein herzustellen und neue Formen des Lebens mit dem Ver-rücktsein zu finden. Insbesondere die Einhaltung der Menschenrechte, [...] sind ein Schwerpunkt der Arbeit des Vereins." [3] Tina Stöckle publizierte 1983 ein gleichnamiges Buch über die Irren-Offensive. Ihr zu Ehren trägt das Weglaufhaus in Berlin den Beinamen „Villa Stöckle“.

Der ehemalige Vizerektor der Universität Marburg, Dietmar Kamper, hat 1998 in Zusammenarbeit mit Gerburg Treusch-Dieter, Klaus-Jürgen Bruder und Wolf-Dieter Narr, der Irren-Offensive sowie der Berliner Volksbühne das „Foucault-Tribunal“ zur Lage der Psychiatrie organisiert.[4] Die Irren-Offensive war in der Folge auch maßgeblich an der Planung und Durchführung eines internationalen „Russell-Tribunals“ im Jahr 2001 in Berlin beteiligt, bei dem die World Psychiatric Association angeklagt wurde. Hierbei trat der Psychiater Thomas Szasz, Gründungsmitglied des Beirats der Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte, einer Unterorganisation Scientologys, als „Chefankläger“ auf.

2002 vergab die Irren-Offensive einen Freiheitspreises an Thomas Szasz.[5]

Weiterhin wurde von der Irren-Offensive als Teil des Werner-Fuß-Zentrums an der Freien Universität Berlin ein „Lehrstuhl FÜR Wahnsinn“[6] ausgerufen. Werner Fuß war bis 1989 in der ursprünglichen Irren-Offensive ausgeschlossen gewesen. 2004 wurde unter Beteiligung der Irren-Offensive durch Demonstrationen, Pressearbeit und Gespräche mit Bundestagsmitgliedern eine Änderung des § 1906 in der 1. Lesung des Betreuungsänderungsgesetzes verhindert, wodurch die Möglichkeit der ambulanten Zwangsbehandlung entfiel, die im Gesetzesentwurf unter § 1906a BGB vorgesehen war.[7]

Die Irren-Offensive Gründung Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener Berlin-Brandenburg e.V. veranstaltete am 31. Januar 2012 in Berlin die Premierenveranstaltung des Patientenverfügungs-Kinospots mit der Hauptdarstellerin Nina Hagen. Die spezielle Patientenverfügung PatVerfü und der Kinospot mit Hagen werden unter anderem mit Postkarten, auf denen ihr Konterfei und der Slogan „PatVerfü - Geisteskrank? Ihre eigene Entscheidung!“ zu sehen ist, beworben und erhielt im April 2012 aufgrund diverser Differenzen einen neuen Abspann.[8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Tina Stöckle: Die Irren-Offensive: Erfahrungen einer Selbsthilfe-Organisation von Psychiatrieüberlebenden. Peter-Lehmann-Antipsychiatrieverlag, Berlin 2005. ISBN 978-3-925931-33-8. (Nachdruck der Original-Ausgabe von 1983 aus dem Extrabuchverlag.)
  • Irren-Offensive e. V. (Hg.): Irren-Offensive - 30 Jahre Kampf für die Unteilbarkeit der Menschenrechte. AG SPAK Bücher, Neu-Ulm 2010. ISBN 978-3-940865-14-4. Autoren: Alice C. Halmi, Wolf-Dieter Narr, Alexander Paetow, Thomas Saschenbrecker, René Talbot, Eckart Wähner.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Philip J. Barker und Poppy Buchanan-Barker: The Tidal Model: A Guide for Mental Health Professionals. Psychology Press, London, England 2005; ISBN 1-583-91801-9, S. 5f.
  2. Heiner Keupp: Von der „fürsorglichen Belagerung“ zur „eigenen Stimme“ der Betroffenen – Ein Vierteljahrhundert Psychiatriereform, Vorwort (PDF; 57 kB). In: Rosa Geislinger (Herausgeberin): Experten in eigener Sache: Psychiatrie, Selbsthilfe und Modelle der Teilhabe. Zenit-Verlag, München 1998, S. 27–29, ISBN 3-928316-10-9.
  3. "Satzung der "Irren-Offensive"": § 2 Zweck und Aufgaben
  4. Bericht des „Foucault Tribunal zur Lage der Psychiatrie“, abgehalten vom 30. April bis 3. Mai 1998 in der Volksbühne, Berlin. In: Psychiatrische Pflege Heute, Nr. 4/1998, S. 213–216, ISSN 0949-1619. (Abgerufen am 21. Dezember 2008.)
  5. http://www.irrenoffensive.de/szasz/start.htm
  6. „Lehrstuhl FÜR Wahnsinn“ im Internet. Herausgeber ist das Werner-Fuß-Zentrum, eine Gesellschaft der Irren-Offensive und des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener Berlin-Brandenburg. (Abgerufen am 1. November 2011.)
  7. Bombosch, Hansen, Blume: Die Reise zur trialogischen Psychiatrie. In: Jürgen Bombosch (Herausgeber): Trialog praktisch: Psychiatrie-Erfahrene, Angehörige und Professionelle gemeinsam auf dem Weg zur demokratischen Psychiatrie. Paranus-Verlag, Neumünster 2004, S. 11–17, ISBN 3-926200-57-X. Zitiert nach Sabine Mayer: Hoffnung ja, aber nüchtern bleiben. (PDF; 641 kB) 2004, vorgelegt als Diplomarbeit in Sozialpädagogik, Erstprüferin Sabine Allwinn, Professorin für Psychologie an der Evangelischen Fachhochschule Freiburg, S. 49–50.
  8. zwangspsychiatrie.de