Irren-Offensive

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Die Irren-Offensive wurde 1980 als Initiative ehemaliger psychiatrischer Patienten in West-Berlin gegründet. Die Gruppe vertrat, ähnlich wie das Sozialistische Patientenkollektiv (SPK) in den 1970er Jahren, eine antipsychiatrische Position. Die Irren-Offensive ist eine Bewegungsorganisation der Antipsychiatriebewegung, die in den USA durch Organisationen wie das Icarus Project und im Vereinigten Königreich durch The Hearing Voices Network repräsentiert wird.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Im Laufe ihrer Geschichte hat diese Gruppe Diskussionen zum Thema Selbstbestimmung von psychiatrischen Patienten in Deutschland angestoßen oder war an diesen beteiligt. Die Irren-Offensive wirkte an der Konzeption des psychiatrischen Testaments bzw. der Vorsorgevollmacht mit; in einer von ihr mitgetragenen Projektgruppe wurde auch die Konzeption des Weglaufhauses entwickelt. Bei der ersten psychiatriepolitischen Tagung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Grünen 1984 in Berlin stellte die Gruppe das Konzept einer reformierten Sozialpsychiatrie, das vor der Tagung von den Grünen vertreten wurde, erfolgreich in Frage.[2]

Geleitet wird die Irren-Offensive von René Talbot. Ehemalige Aktivisten wie die beiden Gründungsmitglieder Peter Lehmann und Ludger Bruckmann haben die Initiative verlassen; einige sind heute in anderen Vereinen der Antipsychiatrie aktiv. Tina Stöckle, die 1983 ein gleichnamiges Buch über die Irren-Offensive publiziert und lange Jahre dort als Projektorganisatorin gearbeitet hatte, wurde im März 1992 entlassen. Sie starb am 8. April 1992. Ihr zu Ehren trägt das Weglaufhaus in Berlin den Beinamen „Villa Stöckle“.

Der ehemalige Vizerektor der Universität Marburg, Dietmar Kamper, hat 1998 in Zusammenarbeit mit Gerburg Treusch-Dieter, Klaus-Jürgen Bruder und Wolf-Dieter Narr, der Irren-Offensive sowie der Berliner Volksbühne das „Foucault-Tribunal“ zur Lage der Psychiatrie organisiert.[3] Die Irren-Offensive war in der Folge auch maßgeblich an der Planung und Durchführung eines internationalen „Russell-Tribunals“ im Jahr 2001 in Berlin beteiligt, bei dem die World Psychiatric Association angeklagt wurde. Hierbei trat der Psychiater Thomas Szasz, Gründungsmitglied des Beirats der Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte, einer Unterorganisation Scientologys, als „Chefankläger“ auf.

2004 wurde unter Beteiligung der Irren-Offensive durch Demonstrationen, Pressearbeit und Gespräche mit Bundestagsmitgliedern eine Änderung des § 1906 in der 1. Lesung des Betreuungsänderungsgesetzes verhindert, wodurch die Möglichkeit der ambulanten Zwangsbehandlung entfiel, die im Gesetzesentwurf unter § 1906a BGB vorgesehen war.[4]

Literatur[Bearbeiten]

  • Tina Stöckle: Die Irren-Offensive: Erfahrungen einer Selbsthilfe-Organisation von Psychiatrieüberlebenden. Peter-Lehmann-Antipsychiatrieverlag, Berlin 2005. ISBN 978-3-925931-33-8. (Nachdruck der Original-Ausgabe von 1983 aus dem Extrabuchverlag.)
  • Irren-Offensive e. V. (Hg.): Irren-Offensive - 30 Jahre Kampf für die Unteilbarkeit der Menschenrechte. AG SPAK Bücher, Neu-Ulm 2010. ISBN 978-3-940865-14-4. Autoren: Alice C. Halmi, Wolf-Dieter Narr, Alexander Paetow, Thomas Saschenbrecker, René Talbot, Eckart Wähner.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Philip J. Barker und Poppy Buchanan-Barker: The Tidal Model: A Guide for Mental Health Professionals. Psychology Press, London, England 2005; ISBN 1-583-91801-9, S. 5f.
  2. Heiner Keupp: Von der „fürsorglichen Belagerung“ zur „eigenen Stimme“ der Betroffenen – Ein Vierteljahrhundert Psychiatriereform, Vorwort (PDF; 57 kB). In: Rosa Geislinger (Herausgeberin): Experten in eigener Sache: Psychiatrie, Selbsthilfe und Modelle der Teilhabe. Zenit-Verlag, München 1998, S. 27–29, ISBN 3-928316-10-9.
  3. Bericht des „Foucault Tribunal zur Lage der Psychiatrie“, abgehalten vom 30. April bis 3. Mai 1998 in der Volksbühne, Berlin. In: Psychiatrische Pflege Heute, Nr. 4/1998, S. 213–216, ISSN 0949-1619. (Abgerufen am 21. Dezember 2008.)
  4. Bombosch, Hansen, Blume: Die Reise zur trialogischen Psychiatrie. In: Jürgen Bombosch (Herausgeber): Trialog praktisch: Psychiatrie-Erfahrene, Angehörige und Professionelle gemeinsam auf dem Weg zur demokratischen Psychiatrie. Paranus-Verlag, Neumünster 2004, S. 11–17, ISBN 3-926200-57-X. Zitiert nach Sabine Mayer: Hoffnung ja, aber nüchtern bleiben. (PDF; 641 kB) 2004, vorgelegt als Diplomarbeit in Sozialpädagogik, Erstprüferin Sabine Allwinn, Professorin für Psychologie an der Evangelischen Fachhochschule Freiburg, S. 49–50.