Irving Kristol

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Irving Kristol (* 22. Januar 1920 in Brooklyn, New York; † 18. September 2009 in Washington, D.C.) war ein US-amerikanischer politischer Autor und Sozialwissenschaftler. Irving wird häufig als spiritus rector des Neokonservatismus in den USA bezeichnet und trug unter anderem zur Netzwerkbildung entsprechender Denkfabriken bei. Er schrieb lange Zeit eine Kolumne für das Wall Street Journal und mitbegründete das Magazin The National Interest. Sein Sohn William Kristol ist ebenfalls ein führender Neokonservativer.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kristol, 1936

Der Sohn russisch-jüdischer Einwanderer wuchs in New York auf und studierte dort Geschichte am City College, wo er 1940 den B.A. erwarb. Zu dieser Zeit war er Mitglied der Young People’s Socialist League und aktiver Trotzkist. Von 1941 bis 1944 diente er als Feldwebel in der 12. US-Panzerdivision.

Kristol war Herausgeber und teilweise Mitbegründer zahlreicher Zeitschriften: 1947 bis 1952 Herausgeber der Zeitschrift Commentary, 1953 bis 1958 Herausgeber und Mitbegründer des britischen Magazins Encounter, 1959 bis 1960 Herausgeber der Zeitschrift Reporter. Zudem begründete und leitete Kristol weitere Zeitschriften, etwa Politics and Culture, The Public Interest, Foreign Affairs Journal oder The National Interest. Von 1961 bis 1969 war er stellvertretender Vorstand des US-Verlages Basic Books.

In den 1960er Jahren wandte sich Kristol mehr und mehr dem Konservatismus zu und wurde zu einem der wichtigsten Vertreter des Neokonservatismus. Er prägte entscheidend die konservative Kritik am Sozialstaat, indem er viel von der demoralisierenden Wirkung schrieb, die ein großzügiger Sozialstaat auf die Unterschicht habe. Forderungen nach besseren Lebensumständen und gesellschaftlicher Teilhabe verstand er als ein Symptom des Zusammenbruchs des “bürgerlichen Ethos”. Für Kristol verkörperte die moderate Stärkung demokratischer Rechte den fundamentalen Leichtsinn liberaler Sozialpolitik. Hinter all dem stecke nämlich eine gefährliche „Idee, ersonnen von den Jakobinern in der Französischen Revolution“, der zufolge „die Abhilfe für Armut in militanter politischer Aktivität, gar revolutionärer politischer Aktivität liegt, die eine Umverteilung von Einkommen und Wohlstand zur Folge haben würde“ – und damit die Grundfesten der liberalen Gesellschaft ins Wanken bringe.[1] Kristol bezeichnete sich später selbst als Liberalen, der von der politischen Realität überfallen wurde („a liberal mugged by reality“).

Im Jahr 1969 erhielt Kristol eine ordentliche Professur für „Social Thought“ an der New York University Graduate School of Business, die er bis 1985 bekleidete. Seitdem ist er Senior Fellow des American Enterprise Institute (AEI). 1972 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Ebenfalls seit 1972 war er Mitglied des Council on Foreign Relations und Präsident des Bureau of National Affairs, Inc. (BNA). Ab 1972 schrieb er eine Kolumne für das Wall Street Journal.[2]

Ende der 1970er Jahre stellte Kristol, um den Kapitalismus und die Kapitalisten zu schützen und gesund zu erhalten,[3] die Aufgabe, „das Klima der öffentlichen Meinung zu formen oder umzuformen – ein Klima, das von unseren Wissenschaftlern, unseren Lehrern, unseren Intellektuellen, unseren Publizisten, .. erzeugt wird.“[4] Für diese Maßnahmen wählte er den Begriff Corporate Philanthropy und stieß mit dem Vorschlag auf Unterstützung bei Unternehmensvorständen und Lobbyisten.[5] In den folgenden 30 Jahren baute er zusammen mit anderen konservativen Intellektuellen und den sie finanzierenden Wirtschaftsführern ein Netzwerk von konservativen Denkfabriken, Stiftungen, Elitejournalen und Massenmedien auf.[6]

1985 gründete Kristol die Zweimonatszeitschrift The National Interest, die sich nicht nur mit Außenpolitik im engeren Sinn befasst, sondern auch mit einem weiteren Themenkreis und der Frage, wie kulturelle und gesellschaftliche Unterschiede, technische Neuerungen, Geschichte und Religion das Verhalten von Staaten beeinflussen. Sie verbreitet den Ansatz der realistischen Schule der Politikwissenschaft.

Im Juli 2002 erhielt Kristol von Präsident George W. Bush die höchste zivile Auszeichnung der USA verliehen, die Presidential Medal of Freedom.

Kristol heiratete 1942 die Historikerin Gertrude Himmelfarb (* 1922). Beider Sohn ist William Kristol, Editor des Weekly Standard, von 1997 bis 2006 Geschäftsführer des Project for the New American Century sowie 2009 Gründer und seither Aufsichtsratsmitglied der Foreign Policy Initiative (FPI). William Kristol arbeitete in Washington für William Bennett, Secretary of Education unter Ronald Reagan. Anschließend war er Stabschef von Dan Quayle, US-Vizepräsident unter George Bush. Irving Kristols Sohn galt damit als einer der führenden Konservativen in Washington.

Der Bruder seiner Frau war Milton Himmelfarb, langjähriger Direktor für Forschung und Information des American Jewish Committee.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • The Neoconservative Persuasion: Selected Essays, 1942-2009 (with Gertrude Himmelfarb). New York: Basic Books, 2011
  • Neoconservatism: The Autobiography of an Idea. 1995.
  • Scorpions in a Bottle: Dangerous Ideas about the United States and the Soviet Union (with Michael Novak, William Bennett, Peter Berger, and Sidney Hook). 1986.
  • The Press and American Politics (with J. William Fulbright and Raymond Price). 1986.
  • Reflections of a Neoconservative: Looking Back, Looking Ahead. 1983.
  • Crisis in Economic Theory (with Daniel Bell). 1981.
  • Two Cheers for Capitalism. 1978.
  • American Commonwealth (with Nathan Glazer). 1976.
  • Sozialismus, Kapitalismus und Nihilismus, in: ORDO – Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. 24, 1971, S. 49–66.
  • The American Revolution as a Successful Revolution. 1973.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christopher Demuth, William Kristol (Hrsg.): The Neoconservative Imagination. Essays in Honor of Irving Kristol. The AEI Press, Washington DC Dezember 1995, ISBN 0-8447-3899-9, (Mit Bibliographie Irving Kristol, S. 207–249).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kristol, Irving: Two Cheers for Capitalism. New York: Basic Books, 1978. S. 166f. zit. nach Johannes Simon, Der neue alte Unterschichtendiskurs, Le Bohemien
  2. Walter Goodman; Walter Goodman writes frequently: IRVING KRISTOL: PATRON SAINT OF THE NEW RIGHT. In: nytimes.com. 6. Dezember 1981; abgerufen am 14. März 2017 (englisch).
  3. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 297.
  4. Irving Kristol, „On Corporate Philanthropy“, ’'The Wall Street Journal’’, 21. März 1977 (http://www.hudson.org/files/documents/Bradley/Center/Kristol_On_Corporate_Philanthropy.pdf), zit n. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 297 f.
  5. John B. Judis: The Paradox of American Democracy. Knopf Doubleday Publishing Group, 2013, ISBN 978-0-804-15062-0 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 298.