Jerusalem-Syndrom

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Das Jerusalem-Syndrom bezeichnet eine psychische Störung, von der jährlich etwa 100 Besucher der Stadt Jerusalem betroffen sind. Dabei handelt es sich nicht um eine anerkannte Diagnose. Die Symptome fallen im internationalen Diagnoseschlüssel unter „Akute und vorübergehende psychotische Störung“.

Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Erkrankung hat den Charakter einer Psychose und äußert sich unter anderem in religiösen Wahnvorstellungen: Der oder die Betroffene identifiziert sich z. B. in einigen Fällen mit einer heiligen Person aus dem Alten oder Neuen Testament und gibt sich als diese aus.

Sehr bekannte biblische Figuren werden besonders häufig zum Objekt einer solchen Identifizierung, so zum Beispiel Mose und König David aus dem Alten Testament oder Paulus und Johannes der Täufer aus dem Neuen Testament. Grundsätzlich „wählen“ Männer männliche biblische Figuren und Frauen weibliche. Juden wählen häufig Figuren aus dem Alten Testament, Christen solche aus dem Neuen Testament.

Die Identifizierung als biblische Person geht einher mit einer entsprechenden Selbstdarstellung und wird oft begleitet von öffentlichen Predigten oder Gebeten des Erkrankten. Auch hüllen sie sich oft in weite Gewänder oder Bettlaken, d. h. in Kleidungsstücke der damaligen Zeit.

Bezeichnung und Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Jerusalemer Psychiater Heinz Herman diagnostizierte in den 1930er Jahren als Erster das Phänomen, damals noch unter dem Namen Jerusalem-Fieber.[1]

Die Bezeichnung Jerusalem-Syndrom stammt vermutlich vom israelischen Arzt Yair Bar El, der Anfang der 1980er Jahre dieses Krankheitsbild diagnostizierte und seitdem über 400 Betroffene in der psychiatrischen Klinik Kfar Shaul behandelt hat. Grundsätzlich ist die Erkrankung nicht gefährlich und die Betroffenen sind in der Regel nach wenigen Tagen vollständig genesen. Die große Mehrzahl der erkrankten Personen zeigte bereits vor dem Jerusalem-Syndrom psychische Auffälligkeiten.

Der Brandanschlag auf die Al-Aqsa-Moschee durch den australischen Touristen Michael Rohan im Jahre 1969 wurde wegen seiner religiösen Motivation dem Jerusalem-Syndrom zugeordnet.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der israelische Autor Jehoschua Sobol schrieb 1988 ein Theaterstück gleichen Namens.

In der Simpsons-Episode Simpson und Gomorrha (Staffel 21; OT: The Greatest Story Ever D’ohed) sind Homer Simpson und weitere Personen von dem Syndrom betroffen.[2]

In dem ARD-Film Das Jerusalem Syndrom (Erstausstrahlung 11. Dezember 2013) ist die Schwester der Hauptdarstellerin betroffen.[3]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Y. Bar-el, R. Durst, G. Katz, J. Zislin, Z. Strauss, H. Y. Knobler: Jerusalem syndrome. In: British Journal of Psychiatry. 176, 2000, S. 86–90. (Volltext)
  • M. Kalian, E. Witztum: Comments on Jerusalem syndrome. In: British Journal of Psychiatry. 176, 2000, S. 492. (Volltext)
  • M. Kalian, E. Witztum: „The Jerusalem syndrome“—fantasy and reality a survey of accounts from the 19th century to the end of the second millennium. In: Isr. J. Psychiatry Relat Sci. 1999, 36(4), S. 260–271. PMID 10687302
  • N. Fastovsky, A. Teitelbaum, J. Zislin, G. Katz, R. Durst: Jerusalem syndrome or paranoid schizophrenia? In: Psychiatric Services. 2000, 51 (11), S. 1454. (Volltext)
  • C. Tannock, T. Turner: Psychiatric tourism is overloading London beds. In: BMJ (Clinical research ed.). Band 311, Nummer 7008, September 1995, S. 806, PMID 7580448, PMC 2550781 (freier Volltext).
  • A. Van der Haven: The holy fool still speaks. The Jerusalem Syndrome as a religious subculture. In: T. Mayer, S. A. Mourad (Hrsg.): Jerusalem. Idea and Reality. Routledge, 2008, S. 103–122.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. The Jerusalem Syndrome in Biblical Archaeology
  2. Simpson und Gomorrha. simpsonspedia.net, 3. Juni 2017; abgerufen am 19. September 2017.
  3. Das Jerusalem-Syndrom. (Memento vom 11. Dezember 2013 im Internet Archive) Beschreibung zum Film auf der Website der ARD