Johann Kasimir Kolb von Wartenberg

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Johann Kasimir Kolb Graf von Wartenberg
Wartenberg-Palais 1702–1889 im Nikolaiviertel, Spreeseite, Ecke heutige Rathausstraße.[1]

Graf Johann Kasimir Kolb(e) von Wartenberg auch als Freiherr Johann Kasimir Kolb von Wartenberg (* 6. Februar 1643 in Metz; † 4. Juli 1712 in Frankfurt am Main) war ein preußischer Premierminister und führender Kopf des Drei-Grafen-Kabinetts.

Biografie[Bearbeiten]

In jungen Jahren trat Kolb als Oberstallmeister und Geheimer Rat in die Dienste von Marie von Oranien (1642–1688), der Schwägerin des Großen Kurfürsten und Frau des Pfalzgrafen Ludwig Heinrich von Simmern (1640–1674). Nach deren Tod trat er 1688 in die Dienste des Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg. Dort stieg er schnell auf: 1690 war er Hauptmann von Oranienburg, 1691 Schlosshauptmann von Berlin und 1694 Hauptmann der Dompropstei Havelberg, 1696 Oberstallmeister sowie Oberkammerherr.

Nach dem Sturz des Ersten Ministers Eberhard von Danckelman 1697 Minister und Chef der Generalökonomiedirektion, entledigte er sich bald mittels gezielter Intrigen der Konkurrenten Hans Albrecht von Barfus und Paul von Fuchs und verstand es, wichtige Hofstellen mit seinen Handlangern zu besetzen. 1699 wurde Kolb von Wartenberg von Kaiser Leopold I. in den Rang eines Reichsgrafen (1707 wurden seine pfälzischen Güter zur Reichsgrafschaft Wartenberg, der Kolb von Wartenberg) erhoben.[2] Am 18. Januar 1701 durfte er Friedrich I. bei dessen eigenhändiger Krönung in Königsberg den Purpurmantel umhängen. Im selben Jahr wurde er dazu noch Premierminister. Sein Wirken ist durch eine beispiellose Ämterhäufung gekennzeichnet, die es ihm gestattete, nach Belieben zu schalten und walten: Er hatte nicht nur die bereits genannten Funktionen inne, sondern war darüber hinaus auch noch Marschall des Königreichs Preußen, Protektor der Königlichen Akademien, Kanzler des Ordens vom Schwarzen Adler, Oberstallmeister, Oberaufseher der Königlichen Schlösser, Oberhauptmann aller Schatullenämter, Generalpostmeister, und bekleidete diese Stellungen nicht etwa nacheinander, sondern in Personalunion. So konnte er den Hof mit einem System von Korruption überziehen und sich schamlos bereichern.

Ihm assistierte dabei seine Frau Katharina Rickert (* 1670 in Lobith; † 1734 in Den Haag). Tochter des aus Emmerich stammenden höchsten Zollbeamten Kurbrandenburgs im klevischen Raum, war sie bürgerlicher Herkunft. Als Gattin des geheimen Kammersekretärs Peter Biedekap war sie nach Berlin gekommen und wurde dort zunächst Kolbs Geliebte, später seine Ehefrau. Nach der Heirat der beiden überredete Kolb den König, sie zur Aufwertung des königlichen Renommés zur offiziellen Mätresse zu ernennen. Friedrich schlief zwar nie mit ihr, aber ihr Status vergrößerte den politischen Einfluss ihres Gatten erheblich[3].

Kolb von Wartenberg und seine Minister, Oberhofmarschall Graf August von Wittgenstein (1663–1735) und Generalfeldmarschall Graf Alexander Hermann von Wartensleben (1650–1734) − die „drei großen Wehs“ von Preußen –, verschwendeten Staatsgelder und erhöhten die Steuern. August Reichsgraf zu Sayn-Wittgenstein etwa, dem Wartenberg 1705 die Position eines Direktors des Salzwesens verschafft hatte, nutzte die Gelegenheit, erhöhte die Salzsteuer um das Zehnfache und strich die Einnahmen ein. Als sich die Beschwerden in der Bevölkerung häuften und der Kronprinz Friedrich Wilhelm, der spätere Soldatenkönig, 1710 schließlich eingriff, flog der Schwindel auf. Anfang 1711 wurde Wartenberg entlassen und ging außer Landes.

Wartenberg war Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft mit dem Gesellschaftsnamen „der Bessere“. Wartenberg initiierte heute kurios anmutende Abgaben wie Jungfernsteuer, Perückensteuer, Hutsteuer, Strumpfsteuer, Kutschensteuer und den Vorläufer einer Kaffeesteuer: Wer Kaffee, Tee oder Kakao trinken wollte, musste einen Erlaubnisschein erwerben, der pro Jahr zwei Taler kostete.

Familie[Bearbeiten]

Johann Kasimir heiratete die verwitwete Anna Katharina Rickert (* 1670; † 19. März 1734) im März 1696[4]. Das Paar hatte folgende Kinder:

  • Friedrich Kasimir (* 9. Januar 1697; † 19. Oktober 1719)
  • Kasimir (* 6. Mai 1699; † 2. Oktober 1772) ∞ Marie Sophie Eleonore Wilhelmine zu Solms-Rödelheim und Assenheim (* 4. Juli 1698; † 1. Oktober 1766)
  • Friedrich Karl (* 29. Juli 1704; † 20. September 1757) ∞ Anna Regina Wagner (* 25. September 1711; † 2. September 1782)
  • Wilhelm Anton (* 31. August 1705; † 6. September 1778)
  • Sophie Dorothea (* 10. Februar 1707)

Die Gräfin hatte bereits aus erster Ehe mit dem Kammerdiener Biedekap einen Sohn und eine Tochter geboren, die auf Betreiben Kolb von Wartenbergs mit dem Namen "Bidekap von Aßbach" (bzw. "Aschbach") (nach dem kolbischen Besitz Aschbacherhof bei Wartenberg in der Pfalz) geadelt wurden.[5] (Reichsadelsstand zu Wien am 27. Juli 1699 für Friedrich Eberhard Christoph und Helene Sophie Eleonore Bidekap, Kinder des kurbrandenburgischen Geheimen Kämmerers und Sekretärs Peter Bidekap und der Anna Catharina Rickers, wiedervermählten Gräfin Kolb v. Wartenberg, mit dem Prädikat "von Aschenbach" und kurbrandenburgische Adelsbestätigung am 28. März 1700 unter dem Namen "Bidekap von Aschbach". Das 1699 verliehene Wappen ist ähnlich dem der mit den Kolb v. Wartenberg stammverwandten, erloschenen Herren von Randeck.[6]) Die 1693 geborene Freiin Helene Sophie Eleonore Bidekap von Aßbach († 1775 in Königsberg) heiratete 1706[7] den Grafen Ernst Sigismund von Schlieben, später königlich preußischer Kammerpräsident.[8][9][10]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Johann Kasimir Kolb von Wartenberg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Geschichte Berlins: Spreeufer im Nikolaiviertel (Burgstraße)
  2. Genealogisches Handbuch des Adels, Adelslexikon BandVI, Band 91 der Gesamtreihe, Limburg (Lahn) 1987, S. 397 f.
  3. Vgl. Hans-Dieter Otto: Nach uns die Sintflut. Höfisches Leben im absolutistischen Zeitalter, Ostfildern 2010, S. 84.
  4. Friedrich W.[Wilhelm] Weber, Das pfälzische Adelsgeschlecht der Kolbe von Wartenberg: Abstammung, Besitz- und Herrschaftsrechte in der nachmittelalterlichen Zeit (mit einer ausführlichen Würdigung des preußischen Erstminister Johann Casimir Kolb von Wartenberg), Kaiserslautern 1955, S. 11
  5. Preußen-Chronik: Catharina Rickert "Catharina Reichsgräfin von Wartenberg"(abgerufen am 11. Juli 2015)
  6. GHdA, Adelslexikon Band I, Band 53 der Gesamtreihe, Limburg an der Lahn 1972, S. 386
  7. Helene Sophie Bidekap von Asbach
  8. Ernst Sigismund von Schlieben
  9. Martin Ernst von Schlieffen, Nachricht von einigen Häusern des Geschlechts der von Schlieffen (1784), S. 390 f.
  10. Karl von Ledebur, König Friedrich I. von Preußen, S. 325 f.