Junk Science

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zur gleichnamigen Band siehe Junk Science (Band).

Junk Science oder Bunk Science (von englisch junk für „Ramsch“, „Müll“ bzw. bunk für „Unsinn“, „Humbug“ und science für „Wissenschaft“) bzw. Minderwissenschaft sind Forschungsergebnisse, mit welchen Einzelpersonen oder wirtschaftliche, religiöse oder politische Interessengruppen versuchen, Entscheidungen zu ihren Gunsten zu beeinflussen oder bereits getroffene Entscheidungen zu rechtfertigen. Das Kernproblem dabei besteht in der Tatsache, dass die (oftmals hoheitlichen) Entscheidungsträger regelmäßig nicht über das notwendige Fachwissen verfügen, um den wissenschaftlichen Wert der vorgetragenen Ergebnisse objektiv zu beurteilen und es dabei versäumen den notwendigen Rat einzuholen.

Ein erheblicher Teil derartiger Forschungsergebnisse wird von den jeweiligen Anwendern eigens produziert oder finanziert (Beispielsweise durch indirekte Finanzierung über eine Denkfabrik), wobei dieser Zusammenhang verschleiert oder zumindest nicht offenkundig gemacht und ausdrücklich angesprochen wird. Auf diese Weise bewahren die Ergebnisse den Eindruck der Objektivität und wissenschaftlichen Unabhängigkeit.

Selbstverständlich kann nicht aus jeder abhängig betriebenen Forschung oder aus jedem wissenschaftlichen Ergebnis mit fehlerhafter oder unvollständiger Methodik der Vorwurf der Minderwissenschaft erwachsen. Als wesentliches Element besteht die manipulative Absicht, welche Junk Science von Pseudowissenschaften einerseits und von gewöhnlichen wissenschaftlichen Kontroversen andererseits unterscheidet.

Wie bei jeder kontroversen Debatte bezichtigen sich bei solchen Streitfragen die Gegner oft gegenseitig, mit Junk Science zu argumentieren, obwohl die Bewertung des Problems, um das es in der Debatte geht, in der Wissenschaft selbst gar nicht strittig sein muss.

Im umgekehrten Fall werden auch Versuche unternommen, seriöse wissenschaftliche Arbeit als Junk Science abzuwerten, wenn deren Inhalt bestimmten Interessen zuwiderlaufen. So hat beispielsweise die US-amerikanische Tabakindustrie über Jahre die wissenschaftlichen Beweise für die Gesundheitsgefährdung durch Passivrauchen als Junk Science hingestellt.[1][2][3]

Methoden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als negative Form der Propaganda soll vor allem auf die Willensbildung der Adressaten eingewirkt werden. Die Problemstellung des Anwenders besteht darin, dass eine Argumentation, welche vornehmlich Emotionen der Adressaten ansprechen würde und deshalb besonders wirksam wäre, kaum mit anerkannten wissenschaftlichen Methoden zu vereinen ist und somit zu leicht entlarvt werden könnte. Jedoch bestehen Möglichkeiten, durch gezielte Wortwahl oder verzerrte Darstellungen auch innerhalb des wissenschaftlichen Kontext die gewünschte emotionale Befangenheit zu fördern. Da der Anschein von Objektivität und Serösität gewahrt werden soll, müssen die vorgetragenen Ergebnisse zumindest unter Berücksichtigung der Adressaten sowie der Vortragsart den formalen Kritererien entsprechen (z.B. wissenschaftliche Zitierweise). Die methodischen Fehler oder Manipulationen erschließen sich allenfalls Fachleuten. Der Adressat soll die vorgetragenen Ergebnisse nicht objektiv akzeptieren, denn dazu müsste er sie hinterfragen, sondern subjektiv glauben oder zumindest billigen. Der Übergang zum Betrug (im allgemeinverständlichen Sinne) kann dabei als fließend angesehen werden (siehe: Tachyonen, freie Energie).

Prüfergebnisse und deren Auswertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Prüfergebnissen (z.B. Studien, Umfragen, Versuche, Messungen) wird allgemeinen ein hoher Wahrheitsgehalt zugesprochen, da deren Falsifizierung zumeist aufwändig und teuer, gelegentlich sogar unmöglich ist. Daher besteht natürlich der Anreiz, Prüfergebnisse im eigenen Interesse zu generieren. Dies kann entweder durch Fälschung geschehen, oder die Prüfungen werden so lange unter veränderten Parametern wiederholt, bis das gewünschte Ergebnis erzielt wird. Dabei besteht die Notwendigkeit, eine Art Monopol auf diese Prüfergebnisse zu errichten, um Anderen deren Falsifizierung zumindest erheblich zu erschwerden.

Gelegentlich werden auch Prüfergebnisse mit allenfalls belanglosem Inhalt erstellt. Hier stehen nicht die Inhalte der Prüfung im Vordergrund, sondern das Vorliegen der Ergebnisse an sich, beziehungsweise der allgemein hochgeschätzte Name des beauftragten Prüfinstitutes (z.B. Fresenius, DEKRA)[4].

Neben der Möglichkeit zur Manipulation oder Unterdrückung von Rohdaten, kann Einfluss auf deren Auswertung genommen werden. Die üblichen statistischen Methoden eröffnen hier einige Möglichkeiten, um bestimmte Rohdaten aufzuwerten oder auszublenden (z.B. als "Ausreißer", "unbedeutende Abweichung" oder "nicht Aussagekräftig"). Auch die Wahl der Aufbereitung (z.B. Mittelwertbildung[5], besonders vorteilhafter Vergleich mit bekannten Größen oder anderen Messwerten) kann dazu dienen. Die Beschreibung bestimmter, oftmals lebensfremder Bedingungen, welche eventuell notwendig waren, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen, kann heruntergespielt oder sogar ganz unterdrückt werden.

Veröffentlichung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Selbstverständlich bedürfen die Ergebnisse seriöser wissenschaftlicher Tätigkeit der Veröffentlichung. Ab diesem Zeitpunkt kann die gesamte wissenschaftliche Welt das Ergebnis prüfen und gegebenenfalls falsifizieren, wenn sie denn könnte (Stichwort: Monopol). Publikationen in renommierten Fachzeitschriften können zwar die Glaubwürdigkeit unterstreichen, eröffnen jedoch auch die Möglichkeit, dass sehr schnell fachlich qualifizierte Kritik erwächst. Deshalb eignen sich fremdspracheige Fachzeitschriften angrenzender Wissenschaftsbereiche mit geringer Verbreitung sehr gut als Publikationsmedium. Erfolgt keine Publikation, besteht die (unerwünschte) Möglichkeit, dass Kritiker die Vorlage der Rohdaten verlangen könnten.

Im Bereich der Pseudowissenschaft kann eine fehlende Publikation sehr leicht mit der (angeblich) notwendigen Geheimhaltung begründet werden.

Bewertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein erheblicher Teil wissenschaftlicher Leistung besteht aus der Bewertung anderer wissenschaftlicher Ergebnisse. Dabei bestehen für den Bewertenden erhebliche Freiheiten bei der Auswahl der berücksichtigten Vorleistungen und bei deren Einordnung. Letztendlich kann sich der Bewertende genau die Vorergebnisse auswählen, welche seine Position stützen. Dabei können auch sekundäre Ergebnisse, welche also bereits einer Bewertung unterworfen und eventuell statistisch nivelliert wurden, einbezogen werden. Dadurch erhalten die gewünschte Ergebnisse größeres statistisches Gewicht und einen Anschein der Reproduzierbarkeit. Darüber hinaus können selbst spekulative Werte unkritisch aus anderen Publikationen übernommen und im Kontext mit (genehmen) Prüfdaten gestellt werden. Ohne einschlägige Kenntnisse der Fachliteratur kann der Leser kaum zwischen Primärliteratur (z.B. Prüfdaten) und Sekundär- oder Tertiärlitertur unterscheiden, vor allem, wenn die Werte in Tabellenform dargestellt werden. Es entsteht der Eindruck, dass besonders viele Werte vorliegen, obwohl eventuell nur einige wenige Messwerte mehrfach zitiert und statistisch aufbereitet wurden. Auch "redaktionelle Fehler" können nutzbringend angewendet werden, indem Rohdaten in gleicher Maßeinheit aber aus unterschiedlichen Bezugssystemen unkritisch nebeneinandergestellt werden. Auch das Fehlen obligatorischer Angaben zur Versuchsmethodik oder zu Standardabweichungen wird dem Adressaten ohne wissenschaftlichen Hintergrund kaum auffallen.

Präsentation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Art der Präsentation entscheidet, wie das vorgetragene Ergebnis aufgenommen wird. Davon ausgehend, dass die zu beeinflussenden Entscheidungsträger über einen gewissen Bildungsstand verfügen und diesen sowie ihre Erfahrung bewusst in den Entscheidungsprozess einfließen lassen wollen, sollen die angesprochenen Entscheidungsträger zumindest den Eindruck erhalten, die intellektuelle Herausforderung meistern zu können. Ein zu abgehobenes Forschungsergebnis, welches nicht verstanden wird, stößt auf Ablehnung oder führt dazu, dass der Adressat dieses durch Fachleute prüfen lässt. Idealerweise besteht ein Großteil des Textes aus Fachvokabular und einigen Tabellen, deren Lektüredauer die Aufmerksamkeitsspanne der meisten Menschen übersteigt. Dann wird der Adressat die relativ allgemeinverständliche Zusammenfassung um so leichter akzeptieren, zumal er dann nicht zugeben muß, durch den Großteil des Vortrags überfordert worden zu sein. Einige semantische Kunstgriffe können diese Akzeptanz noch steigern. Zu nennen sind hier die gezielte Verwendung positiv oder negativ belegter Begriffe oder die Wahl bestimmter Einheiten oder Relationen, um möglichst hohe oder niedrige Zahlenwerte zu erhalten. Auch das Einstreuen von Diagrammen kann sehr hilfreich sein, zumal diese sehr einfach an die gewünschte Sichtweise angepasst werden können.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. forces.org, THE LONG LIST OF METHODOLOGICAL ERRORS IN THE JUNK SCIENCE OF PASSIVE SMOKE abgerufen am 16. Dezember 2007.
  2. Samet JM et al.,Turning Science Into Junk: The Tobacco Industry and Passive Smoking, in American Journal of Public Health, 91/2001, S. 1742–1744, online.
  3. Yach D et al., Junking Science to Promote Tobacco, 91/2001, S.1745–1748.
  4. Die allermeisten Prüfinstitute sehen diese Art von Missbrauch ihres Namens durchaus kritisch und verweigern sich entweder vollständig oder verbieten zumindest die Wiedergabe der entsprechenden Prüfzertifikate oder die Verwendung Ihrer Markenzeichen. So verweigerte 2012 der TÜV Nord Prüfaufträge von Herstellern von Liquiden für elektrische Zigaretten, nachdem ein Hamburger Hersteller unter Verweis auf ein Prüfzertifikat des TÜV Nord mit eher belanglosem Inhalt die Bildmarke des TÜV Süd auf seinen Produkten anbrachte.
  5. Bei arithmetischer Mittelwertbildung erhält jeder Wert das gleiche Gewicht, bei geometrischer oder gewichteter Mittelwertbildung jedoch nicht

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]