Stand der Wissenschaft

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Der Stand der Wissenschaft ist die wissenschaftstheoretische und philosophische Zusammenfassung der jeweils gegenwärtigen Erkenntnisse einer Wissenschaft oder aller Wissenschaften.

Der ideale Stand der Wissenschaft wird durch jede neue wissenschaftliche Erkenntnis direkt weiterentwickelt. Der allgemeine Stand der Wissenschaft ist von einzelnen Menschen nur in Grundzügen beschreibbar, für ihre eng begrenzte Einzelwissenschaft können gut informierte Wissenschaftler den Stand darstellen. Der Stand der Wissenschaft ergibt sich somit ständig neu aus einer Gesamtheit von Forschung, Publikationen und wissenschaftlicher Fachdiskussion (Vorträge auf Fachkongressen, interne Informationen, graue Literatur).

Wissenschaftstheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anders als reines Glaubenswissen repräsentiert der Stand der Wissenschaft gültige, beweisbare und überprüfbare Erkenntnisse. Diese müssen sich zunächst von anderen Ausprägungen des Standes der Wissenschaft identifizierbar und erkennbar unterscheiden.

Zu entsprechenden Prüfungen gehören als erste grobe Filter zunächst elementare Methoden der Modellbildung und -validierung sowie elementare Methoden der Mathematik und der Informatik. Weiter folgen gültige Beweismethoden.

Die gültigen Beweismethoden sind in Philosophie und Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie beschrieben. Sie heben Wissenschaft von pseudowissenschaftlichen Behauptungen, politischen und anderen Ideologien und von Meinungen ab. Der deduktive Beweis wird als strenger Beweis bezeichnet.[1] Der Induktive Beweis ist indirekt, er muss durch die Zahl der überprüften Einzelfälle, also Empirische Induktion erhärtet werden.[2] Erkenntniserweiternd ist die Abduktion. Ein bekanntes Mittel zur Überprüfung wissenschaftlicher Hypothesen sind wiederholbare und verallgemeinerbare Experimente.[3] Die schonungslose Kritik[4] an bisheriger Erkenntnis ist im Gegensatz zu Pseudowissenschaft und anderen ideologischen Systemen wissenschaftsimmanent (siehe Metaphysik, Ontologie und Ethik). Der Stand der Wissenschaft repräsentiert daher das gegenwärtige Wissen in überprüfbarer Beziehung zur Wirklichkeit. Daraus ergibt sich die besondere Bedeutung für Bildung, insbesondere aber für globale politische Entscheidungen und zukunftswichtige Technologien, auch für die öffentliche Diskussion und Wissensvermittlung, soweit sie Folgen für das Leben vieler Menschen haben. Beispiele: Medizin, Recht, Klimapolitik, Umwelttechnik, technische und soziale Risiken, Lebensmittelproduktion, Umgang mit Energiequellen, Friedensforschung, Meinungsbildung.

Praktische Bedeutung als Technikstandard[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die nach der in der Kalkar-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts entwickelten Drei-Stufen-Theorie[5] höchste Technikklausel ist der Stand von Wissenschaft und Technik.

Das Anforderungsprofil stellt auf die neuesten technischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse ab und wird nicht durch das gegenwärtig Realisierte und Machbare begrenzt. Dagegen setzen die anerkannten Regeln der Technik eine allgemeine wissenschaftliche Anerkennung und deren praktische Bewährung voraus. Der Stand der Technik verzichtet auf diese allgemeine Anerkennung und bezeichnet einen fortschrittlichen Entwicklungsstand, der zur Erreichung bestimmter praktischer Schutzzwecke als gesichert angesehen werden darf. Der Stand der Technik ist beispielhaft legaldefiniert in § 3 Abs. 6 BImschG.[6]

Auch der Stand von Wissenschaft und Technik schließt jedoch ein Restrisiko nicht aus, da er den theoretischen Erkenntnisstand einer Wissenschaft einschließlich von Streitfragen zugrundelegt, ohne auf gesicherte praktische Erfahrungen zurückgreifen zu können.

Der Stand der Technik nimmt hingegen ein Grenzrisiko in Kauf. Dieses Grenzrisiko wird durch das „wirtschaftlich Vertretbare“ bestimmt, weil das Praktikable häufig marktwirtschaftlichen Überlegungen unterworfen ist. In der Risikoabwägung müssen das technisch Machbare und das wirtschaftlich Vertretbare gegeneinander aufgewogen werden. Das wirtschaftlich vertretbare Grenzrisiko liegt meist weit höher als das technische.

Der Stand von Wissenschaft und Technik dient dem bestmöglichen Grundrechtsschutz, etwa vor den Gefahren der Kernenergie. So darf die Anlagengenehmigung nach § 7 Abs. 2 Nr. 3 Atomgesetz nur erteilt werden, wenn […] die nach dem Stand von Wissenschaft und Technik erforderliche Vorsorge gegen Schäden durch die Errichtung und den Betrieb der Anlage getroffen ist.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Schmidt/Schischkoff: Philosophisches Wörterbuch. 18. Auflage. Taschenausgabe Bd. 13. Alfred Kröner, Stuttgart 1969, S. 98,2.
  2. Schmidt/Schischkoff: Philosophisches Wörterbuch. 18. Auflage. Taschenausgabe Bd. 13. Alfred Kröner, Stuttgart 1969, S. 278,4.
  3. Schmidt/Schischkoff: Philosophisches Wörterbuch. 18. Auflage. Taschenausgabe Bd. 13. Alfred Kröner, Stuttgart 1969, S. 163,2.
  4. Schmidt/Schischkoff: Philosophisches Wörterbuch. 18. Auflage. Taschenausgabe Bd. 13. Alfred Kröner, Stuttgart 1969, S. 339,4.
  5. BVerfG, Beschluss vom 8. August 1978 – 2 BvL 8/77
  6. Mark Seibel: Abgrenzung der "anerkannten Regeln der Technik" vom „Stand der Technik“ (PDF) In: NJW 2013, 3000.
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