Karl Heinrich Rengstorf

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Karl Heinrich Rengstorf (* 1. Oktober 1903 in Jembke; † 24. März 1992 in Münster) war ein deutscher evangelischer Theologe, Professor für Neues Testament an den Universitäten Kiel und Münster sowie Studiendirektor am Kloster Loccum.

Leben und akademisches Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Heinrich Rengstorf wurde als ältestes Kind eines Pfarrers und seiner Ehefrau in Jembke, Kreis Gifhorn, geboren. Nach dem Abitur studierte er von 1922 bis 1926 evangelische Theologie, orientalische Sprachen und Archäologie an den Universitäten Tübingen, Greifswald und Göttingen. Im März 1926 legte er in Hannover die Erste theologische Prüfung ab, der ab Mai das Vikariat beim Evangelisch-Lutherischen Zentralverein für Mission unter Israel in Leipzig folgte. Ab November 1926 war er als Assistent am Institut für Palästinawissenschaft in Greifswald tätig, wo er die Arbeit an seiner Lizentiatenarbeit, einer kritischen Textausgabe des Mischnatraktats Jebamot, aufnahm. Bevor er im Dezember 1927 die Prüfung zum Lizentiaten der Theologie ablegte, absolvierte er zunächst im September 1927 die Zweite Theologische Prüfung. Zum 1. Januar 1928 wechselte er als Assistent an die Universität Tübingen, um dort seine Habilitationsschrift, eine kommentierte Ausgabe des Toseftatraktats Jebamot, zu verfassen, und im März 1930 die venia legendi zu erhalten. Die Tübinger Zeit als Privatdozent, die nur für einige Monate im Pfarrdienst in Wittingen unterbrochen war, endete zum 1. April 1936 mit der Berufung auf den Kieler Lehrstuhl für Neues Testament. Sein dortiges Wirken war jedoch nur von kurzer Dauer, da ihm am 2. Dezember 1936 die Lehrbefugnis entzogen wurde. Rengstorf nahm das Amt des Studiendirektors am Kloster Loccum an, das er offiziell bis nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges innehatte, tatsächlich aber durch die Einberufung zur Wehrmacht für die gesamte Dauer des Krieges unterbrochen war. Nach der Entnazifizierung konnte Rengstorf zum 1. September 1948 der Berufung auf den Lehrstuhl für Neues Testament an der Universität Münster folgen, den er bis zu seiner Emeritierung 1971 innehatte.

Karl Heinrich Rengstorf setzte sich nach dem Krieg dafür ein, den Evangelisch-Lutherischen Zentralverein für Mission unter Israel wiederzubegründen, was schon im Oktober 1945 gelang. Der Zentralverein, dessen Vorsitzender Rengstorf von 1956 bis 1971 war, übernahm dann auch die Trägerschaft für das Institutum Judaicum Delitzschianum, das 1952 in Münster neubegründet wurde und dessen Direktor Rengstorf bis zu seiner Emeritierung war.

1948 übernahm Rengstorf auch den Vorsitz des neu gegründeten Deutschen Evangelischen Ausschusses für Dienst an Israel, den er bis 1982 innehatte. Durch Rengstorfs prägenden Charakter firmiert dieses Gremium in der Literatur auch als Rengstorf-Ausschuss.[1] Der Ausschuss fungierte als Gesprächsplattform der wiederbelebten judenmissionarischen Vereinigungen. In der Praxis wurde jedoch keine Mission getrieben, sondern über das christlich-jüdische Verhältnis nachgedacht. Die Pionierarbeit des Ausschusses lag darin, dass er seit 1948 jüdische Referenten – z.B. Leo Baeck – einlud und damit christlichen Theologen erstmals eine Begegnung mit jüdischen Gelehrten ermöglichte. Die Beschäftigung des Ausschusses mit dem Judentum geschah allerdings unter dem Vorzeichen, dass Juden Jesus Christus zu ihrem Heil bräuchten. Als seit den 1960er-Jahren der Missionsgedanke im jüdisch-christlichen Dialog mehr und mehr zurücktrat, wurde Rengstorf und der von ihm geleitete Ausschuss zunehmend an den Rand gedrängt.[2]

Innerhalb der Universität Münster fungierte Rengstorf 1949/50 als Prodekan und 1950/51 als Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät sowie zweimal, 1951/52 und 1953/54, als Prorektor und 1952/53 als Rektor.

Zu Rengstorfs wichtigsten Veröffentlichungen gehören ein Kommentar zum Lukasevangelium in der Kommentarreihe Das Neue Testament Deutsch, die mehrfach nachgedruckten und auch in andere Sprachen übersetzten Monographien Apostolat und Predigtamt (zuerst 1934) und Die Auferstehung Jesu (zuerst 1952) sowie 28 teilweise sehr umfangreiche Artikel für das Theologische Wörterbuch zum Neuen Testament.

Karl Heinrich Rengstorf war in Münster, zusammen mit seinen Fakultätskollegen Ernst Kinder (Systematische Theologie) und Peter Hauptmann (Kirchengeschichte Osteuropas und Theologiegeschichte der Lutherischen Konfessionskirchen), Glied der altlutherischen Gemeinde[3] und war 1948 auch einer ihrer Mitbegründer.[4]

Der Nachlass von Karl Heinrich Rengstorf befindet sich im Universitätsarchiv der Universität Münster.

Mitgliedschaften und Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rengstorf war seit 1953 Mitglied der Arbeitsgemeinschaft des Landes Nordrhein-Westfalen (die später zur Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften wurde) und gehörte auch weiteren Akademien und Gesellschaften an. Die Eberhard Karls Universität Tübingen (1948), die Universität Lund (1962), die Universität Aberdeen (1962) und die University of Illinois at Springfield zeichneten ihn mit der Ehrendoktorwürde aus. Ferner erhielt er die Universitätsmedaille der Universität Münster, die Rathausgedenkmünze der Stadt Münster(beide 1973), das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1974) sowie den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen (1989)[5][6].

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Dietrich, Peter Freimark, Heinz Schreckenberg (Hrsg.): Festgabe für Karl Heinrich Rengstorf zum 70. Geburtstag. (= Theokratia. Jahrbuch des Institutum Judaicum Delitzschianum 2, 1970-1972). Brill, Leiden 1973, (S. 419–442: Bibliographie Karl Heinrich Rengstorf 1927-1973, zusammengestellt von Wolfgang Dietrich)
  • Siegfried Hermle: Evangelische Kirche und Judentum – Stationen nach 1945 (= AKIZ.B 16). Göttingen 1990. ISBN 3-525-55716-7
  • Wilfrid Haubeck u.a. (Hrsg.): Wort in der Zeit. Neutestamentliche Studien. Festgabe für Karl Heinrich Rengstorf zum 75. Geburtstag. Brill, Leiden 1980, ISBN 90-04-06179-7.
  • A. H. Baumann: Karl Heinrich Rengstorf: 75 Jahre. In: Friede über Israel 61, 1978, S. 9798.
  • Michael Bachmann: Rengstorf, (Otto Wilhelm) Karl Heinrich (Gustav) In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon Bd. 25, 2005, S. 1126–1158.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. So Gerhard Gronauer: Der Staat Israel im westdeutschen Protestantismus. Wahrnehmungen in Kirche und Publizistik von 1948 bis 1972 (= AKIZ.B 57). Göttingen 2013, S. 18.
  2. So Gerhard Gronauer: Der Staat Israel im westdeutschen Protestantismus. Wahrnehmungen in Kirche und Publizistik von 1948 bis 1972 (= AKIZ.B 57). Göttingen 2013, S. 155.
  3. Folker Siegert: Zwischen Gleichgültigkeit und Judenmission: Luthertum und Judentum in ihrem klassischen Unverhältnis. In: Folker Siegert (Hrsg.): Kirche und Synagoge. Ein lutherisches Vortum. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, S. 47.
  4. Geschichte der Evangelisch - Lutherischen St. Thomas - Gemeinde der SELK zu Münster. Abgerufen am 16. November 2016.
  5. Verleihung des Verdienstordens des Landes Nordrhein-Westfalen. In: Ministerialblatt (MBl. NRW.) Ausgabe 1989 Nr. 63 Seiten 1279-1294 (Online-Fassung im Portal recht.nrw.de). 30. Oktober 1989, abgerufen am 13. Mai 2017.
  6. Verdienstordenträgerinnen und -träger seit 1986. Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen, abgerufen am 11. März 2017.