Kasteiung

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Darstellung von Schiiten, die sich am 10. Muharram selbst geißeln. 1909, İstanbul, gemalt vom osmanischen Hofmaler Fausto Zonaro.

Kasteiung oder Selbstkasteiung (von lat. castigatio, ‚Züchtigung‘), im mittelalterlichen Deutsch Kestigung, bezeichnet freiwillige Entbehrungen und Leiden um eines höheren Gutes willen.

Das Wort Kasteiung wurde allerdings in historischen Zusammenhängen durchaus nicht ausschließlich für die selbst durchgeführte religiöse Praxis verwendet. Auch Strafen aus erzieherischen Gründen wurden so bezeichnet. So beschreibt der Beichtvater der Mystikerin Dorothea von Montau (1347-1394) wie sie ihre Kinder „vernünftig und hart“ schlug („sy casteyte sye [ihre Kinder] vornumftlich und hertlich“). [1]

Als eine Form der Askese erscheint Kasteiung, wenn man sie zur Beschränkung oder Abtötung der Triebhaftigkeit oder auch der Sinnlichkeit auf sich nimmt („Abtötung des Fleisches“) mit dem Ziel, innerlich frei zu werden für Höheres. Solche Kasteiung geschieht zum Beispiel durch den Entzug von Nahrung oder Schlaf durch Fasten und nächtliches Gebet oder auch das Tragen von härenen Hemden, Bußgürteln, oder eines Ciliciums.

Zahlreiche Erelbnismystiker und –mystikerinnen des Mittelalters praktizierten harte Formen der Kasteiung. So trug Heinrich Seuse etwa Unterwäsche mit eingearbeiteten Nägeln und stichelte den Namen Jesu auf seine Brust, Adelheid Langmann verwendete zur Selbstverwundung eine Igelhaut, Christina von Retters schließlich verbrannte sich zur Abtötung des Fleisches die Vagina. [2]

Kasteiung kann auch eine Art der Buße und Sühne sein. Zuweilen geht es bei solchen Praktiken auch um das Erdulden von Schmerzen. Im öffentlichen Raum wurde solche Kasteiung in besonders spektakulärer Form von den Flagellanten oder Geißlern praktiziert.

Im Christentum kann Kasteiung auch im Sinne der Compassio, des körperlichen Mit- oder Nachvollzugs des Leidens Christi, erfolgen. Die Compassio im vergeistigten Sinn, in der es um das Mitleiden im seelischen Sinn geht, kann hingegen nicht als Kasteiung verstanden werden.

Auch im Islam gibt es die Selbstkasteiung. Ein Beispiel bei den Schiiten sind die Trauer- und Bußrituale anlässlich der schiitischen Passionsspiele, insbesondere am Märtyrer-Gedenktag Aschura.

Formen der Kasteiung im Sinne der Askese gibt es nahezu in allen Kulturen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dinzelbacher, Peter (1996). Diesseits der Metapher: Selbstkreuzigung und -stigmatisation als konkrete Kreuzesnachfolge. In: Revue Mabillon, Nouvelle série, 7 (t. 68), S. 157-181.

Dinzelbacher, Peter (2007). Über dir Körperlichkeit in der mittelalterlichen Frömmigkeit. In: Peter Dinzelbacher: Körper und Frömmigkeit in der Mittelalterlichen Mentalitätsgeschichte. Schönigh (S. 11-50)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Das Leben der heiligen Dorothea von Johannes Marienwerder. Hrsg. v. Max Toeppen. In: Scriptores rerum Prussicarum (Die Geschichtsquellen der preußischen Vorzeit). Band 2. Hrsg. v. Theodor Hirsch, Max Toeppen, Ernst Strelke. Leipzig: Hirzel. (S. 179-374; Zitat: S. 220)
  2. Heinrich Seuse, (1907, unveränderter Nachdruck 1961). Deutsche Schriften. Hrsg. v. Karl Bihlmeyer. Stuttgart: Kohlhammer. (Nachdruck: Frankfurt am Main: Minerva, S. 39 ff.; vgl. vor allem die Kapitel 15 bis 18.). Vgl. zu Adelheid Langmann: Die Offenbarungen der Adelheid Langmann, Klosterfrau zu Engelthal. Hrsg. v. Philipp Strauch. Straßburg: Trübner. S. 53. Vgl. zu Christina von Retters (1965), S. 235: „Zo eym anderen mail namme sie eyn burnende hoiltze vnd stieße daz selbe also gluedich yn yren lyffe, also daz daz lypliche fure das fure yrer bekarunge myt groißen smertzen verleyst.“ In: Lebensbeschreibung der sel. Christina, gen. von Retters. Hrsg. v. Paul Mittermaier. In: Archiv für Mittelrheinische Kirchengeschichte, 17, 209-252 und (1966), 18, 203-238.