Katharina Schroth

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Katharina Schroth (geb. Bauer; * 22. Februar 1894 in Dresden; † 19. Februar 1985 in Bad Sobernheim) war eine Handelsschullehrerin, die an einer Skoliose erkrankt war. Sie versuchte, diese Wirbelsäulenverkrümmung bei sich selbst zu behandeln, und entwickelte dabei ein neues Konzept der Physiotherapie, die Dreidimensionale Skoliosebehandlung nach Katharina Schroth, die später von ihrer Tochter, Christa Lehnert-Schroth, in deren gleichnamigem Buch umfassend dargestellt wurde. Mit dieser Behandlungsmethode führte Katharina Schroth neue Behandlungselemente in die Skoliosetherapie ein.[1] Neu war einerseits die sogenannte Drehwinkelatmung als Verstärker für die Wirbelsäulenkorrektur über die Rippen, andererseits auch das Ziel, in die Haltungsregulation über das Haltungsempfinden korrigierend einzugreifen.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1921 gründete Katharina Schroth in Meißen ihr erstes kleines Institut, das im Wesentlichen aus einer Baracke zur Unterbringung der Patienten auf dem großen Grundstück der Familie Grundmann im Boselweg bestand. Geübt wurde im Freien auf der großen Wiese des idyllischen Gartens.

1924 erschien ihr erstes Büchlein mit dem Titel Die Atmungskur,[2] weitere Publikationen folgten,[3][4][5] wodurch das kleine Institut bald überregional bekannt wurde. Es wurden bereits Ende der 1920er Jahre Patienten aus dem umliegenden Ausland (Schweiz und Italien) in Meißen auch mit Hilfe ihres Ehemanns, Franz Schroth, behandelt.

Die mehrmonatigen Behandlungen von Schwerstverkrümmten wurden in Meißen auch während der Kriegsjahre fortgesetzt. Zu Beginn der sowjetischen Besatzung begannen die „Hungerjahre“. Katharina Schroth und ihre Familie wurden durch den Verkauf selbstgemalter Aquarelle und auch durch Spenden ausländischer Patienten unterstützt und konnten so die Behandlung in Meißen zunächst fortführen, bis das Institut durch die Staatsgewalt der DDR geschlossen wurde. Die Familie wurde nach Bad Gottleuba umgesiedelt, ehe Katharina Schroth mit ihrer Tochter in den Westen flüchtete. Für ihr Lebenswerk wurde Katharina Schroth 1969 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Katharina Schroth war selbst noch bis Mitte der 1970er Jahre in dem Sanatorium tätig. Allerdings wurden auch schon Therapeuten aus dem Ausland ausgebildet. Ende der 1970er Jahre legte Katharina Schroth die Behandlung gänzlich in die Hände ihrer Tochter, die mittlerweile auch von ihrem zweiten Ehemann, Adalbert Lehnert, unterstützt wurde.

Die dreidimensionale Skoliosetherapie wurde von Christa Schroth weiterentwickelt und in der Publikation Dreidimensionale Skoliosebehandlung – Atmungs-Orthopädie System Schroth (siehe Weblinks) ausführlich dokumentiert.

Im Heimatmuseum der Stadt ist Katharina Schroth eine Dauerausstellung gewidmet.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl der Anspruch erhoben wird, dass die Schroth-Therapie weltweit praktiziert wird,[6], ist offenbar die ASKLEPIOS Katharina-Schroth-Klinik Bad Sobernheim der einzige klinische Standort. Ebenfalls ist eine Liste von Schroth-Therapeuten, die es ebenfalls weltweit geben soll, nicht öffentlich zugänglich, sondern wird nur auf Anfrage zugeschickt.[6] Studien zur Wirksamkeit der Methode, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen, sind fast nicht vorhanden. 2014 hat der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger einen Bericht herausgegeben, in dem ein Kurzassessment der Literatur erstellt wurde.[7] Da kaum randomisierte kontrollierte Studien mit entsprechender wissenschaftlicher Beweiskraft existieren und von den 14 Studien aus der Literatursuche nicht weniger als 9 von einem oder mehreren Autoren verfasst wurden, die selbst in der Rehabilitationsklinik Bad Sobernheim beschäftigt sind, musste nach der Methode der "besten verfügbaren Evidenz" (nach Sackett) vorgegangen werden. Mit der Arbeit von Romano[8] konnte nur eine einzige systematische Übersichtsarbeit (Cochrane) gefunden werden. Das Ergebnis von Romano lautet kurz gefasst, dass für die Schroth-Therapie nur eine "geringe Evidenz" vorliegt. Für den entscheidenden Befund eines Langzeitnutzens scheint es überhaupt keinen Beleg zu geben.

Darüber hinaus resümiert Romano generell, dass die Anwendung von skoliosespezifischen Bewegungsübungen (Scoliosis‐specific exercises – SSE) umstritten sei. Laut Romano führen die von ihm untersuchten Therapiestudien – also auch die Schroth-Therapie – insgesamt zu der zusammenfassenden Berichtsaussage einer "geringen Evidenz".[7] Auch Choudhry et. al. kommen zu dem Schluss, dass die "Evidenz (von konservativer Behandlungen) generell schwach hinsichtlich der ... Ergebnisse zum Langzeitnutzen" sei. Zudem weisen sie darauf hin, dass – anders als in Mitteleuropa – in den USA Physiotherapie als Bestandteil eines Skoliosemangagements ausgeschlossen werde.[9] Nur für Korsette und operative Korrekturen existieren wissenschaftlich fundierte Daten über deren Wirksamkeit.[7]

Es ist anzumerken, dass zwei der drei in der Literaturliste genannten Werke von H.-R. Weiß stammen, der zurzeit der Abfassung ebenfalls in der Klinik in Sobernheim tätig war. Die angegebene Veröffentlichung von 2006[10] beschreibt eine Studie von 18 Patienten und einer gleich großen Kontrollgruppe. Jeweils (!) 13 dieser Patienten trugen ein Stützkorsett. Die Studie weist selbst darauf hin, dass keinerlei Angaben über die Langzeitwirkung gemacht werden könne. Eine solche Studie genügt auch niedrigen Anforderungen an Wissenschaftlichkeit nicht.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nicht zu verwechseln: die Schroth-Kur ist ein angebliches Naturheilverfahren mit Trink- und Trockentagen, das auf den Fuhrmann Johann Schroth (1798–1856) zurückgeht.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • C. Lehnert-Schroth: Dreidimensionale Skoliosebehandlung. 6. Auflage. Urban & Fischer, Stuttgart 2000 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • H. R. Weiss: Best Practice in Conservative Scoliosis Care. 3. Auflage. Pflaum, München 2010.
  • H. R. Weiss, R. Klein: Improving excellence in scoliosis rehabilitation: a controlled study of matched pairs. In: Pediatric rehabilitation. 9(3), Jul-Sep 2006, S. 190–200. doi:10.1080/13638490500079583. PMID 17050397.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wie alles begann auf der Homepage „Dreidimensionale Skoliosebehandlung nach Katharina Schroth“ der Tochter Christa Lehnert-Schroth

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. H. R. Weiss: Entstehung und Entwicklung der dreidimensionalen Skoliosebehandlung nach Katharina Schroth. In: Zichner, Rauschmann, Thomann: Geschichte konservativer Verfahren an den Bewegungsorganen. Steinkopff Verlag, Darmstadt 2001.
  2. K. Schroth: Die Atmungskur. Zimmermann Verlag, Chemnitz, 1924.
  3. K. Schroth: Gefahren bei der Behandlung seitlicher Rückgratverkrümmungen. Zimmermann Verlag, Chemnitz 1929.
  4. K. Schroth: Behandlung der Skoliose (Rückgratverkrümmung) durch Atmungsorthopädie. In: Der Naturarzt. 1931, S. 11–15.
  5. K. Schroth: Wie helfen wir den Rückgratverkrümmten? In: Obererzgebirgische Zeitung. 143, 25. Juni 1935.
  6. a b ASKLEPIOS Katharina-Schroth-Klinik Bad Sobernheim: Niedergelassene Schroth-Therapeuten. Zur Optimierung der nachstationären Behandlung unserer Patienten bilden wir ambulante Schroth-Therapeuten weltweit aus. In: www.asklepios.com. Abgerufen am 1. Juni 2019.
  7. a b c Mag. Ingrid Wilbacher, PhD: Katharina-Schroth Therapie bei Skoliose. Ein HTA-Kurzbericht. In: http://www.hauptverband.at. Evidenzbasierte Wirtschaftliche Gesundheitsversorgung, EBM/HTA, abgerufen am 1. Juni 2019.
  8. Michele Romano, Silvia Minozzi, Josette Bettany‐Saltikov, Fabio Zaina, Nachiappan Chockalingam, Tomasz Kotwicki, Axel Maier‐Hennes, Stefano Negrini: Exercises for adolescent idiopathic scoliosis. In: Cochrane Systematic Review - Intervention. 2012, 15. August 2012. doi:10.1002/14651858.CD007837.pub2.
  9. Muhammad Naghman Choudhry, Zafar Ahmad, Rajat Verma: Adolescent Idiopathic Scoliosis. In: The Open Orthopaedics Journal. 2016, Nr. 10, 2016, S. 143–154. doi:10.2174/1874325001610010143.
  10. Weiss HR, Klein R.: Improving excellence in scoliosis rehabilitation: a controlled study of matched pairs.. In: Pediatr Rehabil.. 2006, Nr. 3, 2006, S. 190–200. doi:10.1080/13638490500079583. PMID 17050397.