Kleines Fach

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Als Kleine Fächer werden in der deutschen Hochschulpolitik und Hochschulforschung eigenständige wissenschaftliche Fächer genannt, die eine geringe Zahl an Lehrstühlen aufweisen. Nicht jedes Fach entspricht dabei einem gleichnamigen Studiengang, da Kleine Fächer auch gemeinsame Lehre im Rahmen von Verbundstudiengängen anbieten können. Die Anzahl der Studierenden ist für die Zuordnung nicht einschlägig.

Die Bandbreite von Kleinen Fächern reicht dabei von Fächern wie Vietnamistik[1] mit einer einzigen Professorenstelle in Deutschland bis hin zur Alten Geschichte mit 74 Professuren an 52 Universitätsstandorten.[2]

Kleine Fächer finden sich überwiegend in den Geistes- und Kulturwissenschaften, können aber an allen Fakultäten verortet sein (zum Beispiel die Kleinen Fächer Astronomie, Astrophysik, Computerlinguistik, Gerontologie, Paläontologie oder Umformtechnik). 2015 waren in Baden-Württemberg 20 Prozent der Kleinen Fächer in den Naturwissenschaften zu finden.[3]

Kleine Fächer werden umgangssprachlich oder in abwertender Absicht auch Orchideenfächer genannt.

Eine Übersicht über die Kleinen Fächer gibt die Liste der Kleinen Fächer.

Abgrenzung der Kleinen Fächer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kriterien der „Mainzer Arbeitsstelle Kleine Fächer“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Mainzer Arbeitsstelle Kleine Fächer grenzt in der Tradition der Potsdamer Arbeitsstelle Kleine Fächer die Kleinen Fächer zu Großen Fächern (Abgrenzung nach oben) über zwei quantitative Kriterien ab. Um als Kleines Fach zu gelten, sollte das Fach an höchstens zwei Standorten über mehr als drei Professuren verfügen oder aber an nicht mehr als 10 Prozent der deutschen Universitäten vertreten sein (2016 an maximal acht).[4] Dennoch müssen Kleine Fächer mehr sein als ein Spezialgebiet und wissenschaftliche Eigenständigkeit, sowie ein Selbstverständnis als unabhängiges Fach besitzen. Sie müssen eine spezifische Karrierestruktur und eine institutionalisierte Ausbildung aufweisen. Zeichen dieser Eigenständigkeit sind neben einem eigenen Qualifikationsprofil und einem Selbstverständnis als unabhängiges Fach, fachgebundene Professuren, Fachgesellschaften und Fachzeitschriften. (Abgrenzung nach 'unten')[5]

Wissenschaftsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Kleines Fach kann aufgrund der starken historischen Dynamik der Wissenschaftslandschaft nur fließend gefasst werden. Er kann sich im historischen Kontext ändern, da er relational ein Verhältnis zu Großen Fächern fasst. Seine Anwendung auf ein besonderes Fach ist ebenfalls abhängig vom Zeitpunkt der Untersuchung, da Fächer wachsen, schrumpfen, neu entstehen, zusammengelegt werden oder zerfallen können. Beispiele sind die Zunahme der Bedeutung der Physik seit 1900, das Wachstum der Informatik seit den 70er Jahren oder die Etablierung der Gender Studies seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Andere zuvor eigenständige Fächer werden wiederum zu Teilgebieten neuer interdisziplinärer Facheinheiten und verlieren ihre Eigenständigkeit.[6]

Analyse und Kartierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

70er Jahre und Hochschulreform[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund sich verändernder Rahmenbedingungen an deutschen Hochschulen begann in den 1970er Jahren die Diskussion um die Gruppe der Kleinen Fächer. Infolge zunehmenden Studieninteresses mit verbesserten Zugangsbedingungen zur Hochschule seit den 50er Jahren entstanden sogenannten Massenfächer, die im Rahmen des Hochschulausbaus der 60er Jahre personell und infrastrukturell besonders berücksichtigt wurden. Die bereits vorhandenen Kleinen Fächer nahmen an diesem Wachstum nicht teil und "blieben klein".[7]

1974 veröffentlichte der Deutsche Hochschulverband eine erste Kartierung der Kleinen Fächer an den deutschen Universitäten.[8] In der Untersuchung wurden 65 Kleine Fächer identifiziert. Zwölf davon waren den Naturwissenschaften, elf den Bereichen Medizin, Theologie, Jura; und die übrigen 42 Fächer den geisteswissenschaftlichen Fächern zuzuordnen.[9]

2000er Jahre und Bologna-Reform[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zuge der Bologna-Reform wurde die Situation der Kleinen Fächer erneut diskutiert, da die Umstrukturierung auf ein modulares, zweistufiges Studiensystems für die Kleinen Fächer aufgrund der knappen Lehrkapazität zu einer großen Herausforderung wurde. Befürchtet wurde, dass die Ausrichtung aller Studiengänge auf Arbeitsmarktsrelevanz und eine hohe Dichte an verbindlichen Lehrveranstaltungen die Kleinen Fächer strukturell überfordern würde. Im Hintergrund dieser Befürchtung stand der als überproportional empfundene Abbau vereinzelter und regional verstreuter geistes- und kulturwissenschaftlichen Professuren in den 90er Jahren, sowie die damit verbundene Einstellung etablierter Studiengänge.[10] Als eine hochschulpolitische Alternative zur Schließung eines Kleinen Faches gilt die Einführung von Verbundstudiengängen sein, in denen mehrere Fächer zusammenarbeiten.[11]

Im Jahr 2005 wurde im Auftrag der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) eine eigene Arbeitsstelle zum Thema Kleine Fächer gegründet, um empirisch einen Befund zu erarbeiten. Seit 2007 werden durch die Arbeitsstelle rückwirkend Daten zu den Kleinen Fächern erhoben.[12]

Die Arbeitsstelle war zunächst an der Universität Potsdam angesiedelt und wurde vom BMBF finanziert. Leiter der Arbeitsstelle in Potsdam war der Slawist Norbert Franz.[13] Seit September 2012 wird die Kartierung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz unter der Leitung der Wissenschaftsphilosophin Mechthild Dreyer und dem Soziologen Uwe Schmidt fortgesetzt.[14] Unterstützt wird die neu eingerichtete Mainzer Arbeitsstelle Kleine Fächer vom rheinland-pfälzischen Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur.

Die Arbeitsstelle kartierte 119 Studiengänge an 81 Hochschulen als kleines Fach. Die erhobenen Daten sind öffentlich zugänglich (siehe Weblinks).

2010er Jahre und Zukunftsprogramm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einen aktuellen Überblick über die Lage der Kleinen Fächer in Baden-Württemberg bietet der Bericht der Expertenkommission zur Situation der Kleinen Fächer in Baden-Württemberg an das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg (Stand Januar 2015)[15]. Kleine Fächer werden hier als 'strukturprekär' charakterisiert, deren wichtige Rolle in Lehre, Forschung und Wissenstransfer durch ein belastbares und evaluiertes Zukunftsprogramm gesichert werden soll.

Wissenschaftliche, forschungspolitische und gesellschaftliche Relevanz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es lässt sich zwischen einer wissenschaftlichen und einer forschungspolitischen oder gesellschaftlichen Relevanz differenzieren. Die Kleinen Fächer tragen zur Profilbildung einer Universität bei und bergen Potentiale für interdisziplinäre Zusammenarbeit über Fakultätsgrenzen hinaus, für internationale Vernetzung und für interkulturellen Austausch. Dadurch übernehmen die Kleinen Fächer eine wichtige Rolle beim Aufbau universitätsinterner und universitätsübergreifender interdisziplinärer Forschungsprogramme oder bei der Umsetzung von Internationalisierungsstrategien. Einen besonderen Nutzen für das Verständnis zeitaktueller Fragen können kleine Fächer leisten, die zu alten, kleineren europäischen oder außereuropäischen Sprachen und Kulturen forschen. Sie liefern wissenschaftliche Hintergrundinformationen zu bestimmten Weltregionen oder wirtschaftlichen, politischen oder tagesaktuellen Entwicklungen.

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Beispiel für das verstärkte gesellschaftliche Interesse an Kleinen Fächern ist die Stärkung der Islamwissenschaften.[16]

Beispiele für interdisziplinäre Vernetzung innerhalb einer Universität unter deutlicher Einbindung Kleiner Fächer finden sich in verschiedenen Förderprogrammen der institutionellen Forschung, zum Beispiel in Sonderforschungsbereichen oder Exzellenzclustern der DFG.[17]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als negativ wertendes Synonym für die Kleinen Fächer wird der Begriff Orchideenfach verwendet. Der Name leitet sich von einem vermeintlich hohen Finanzierungsaufwand bei gleichzeitig geringen praktischen Nutzen ab. Damit wird dem Kleinen Fach ein zu geringer Wert für Wissenschaft und Gesellschaft zugesprochen, das als Luxusgut entbehrlich sei [18].

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der Universität Basel sind die Fächer Geschlechterforschung und Soziologie sowie Ethnologie und Kulturanthropologie ab dem Herbstsemester 2014 nur noch als ein Studiengang vertreten.[19] „Auch die Universität Zürich führt Kleinfächer (Anm: Orchideenfächer) zusammen: Indologie, Islamwissenschaft, Japanologie, Sinologie sowie Gender Studies sind nun zum Asien-Orient-Institut vereint.“[20][21]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Deutscher Hochschulverband (Hrsg.): Die Kleinen Fächer. Eine vom Hochschulverband im Auftrage des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft erarbeitete Struktur- und Funktionsanalyse über die Lage an den Hochschulen in der Bundesrepublik Deutschland, 2 Bde., Bonn 1974/75.
  • Norbert Franz: Die kleinen Fächer an den deutschen Universitäten. Bestandsaufnahme und Kartierung. Hochschulrektorenkonferenz, Bonn 2008, ISBN 978-3-938738-50-4 (Beiträge zur Hochschulpolitik 2008,4).
  • Kleine Fächer an den deutschen Universitäten interdisziplinär und international. Ergebnisse eines HRK-Projekts, Dokument der Hochschulrektorenkonferenz (2012) online (PDF; 2,1 MB)
  • Mechthild Dreyer, Uwe Schmidt und Klaus Dicke: Geistes- und Sozialwissenschaften an der Universität von morgen. Innenansichten und Außenperspektiven. Springer VS, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-05517-2.
  • Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg (Hrsg.): Expertenkommission zur Situation der Kleinen Fächer in Baden-Württemberg. Empfehlungen für ein Zukunftsprogramm ‚Kleine Fächer‘ in Baden-Württemberg, Stuttgart 2015. Redaktion: Markus Hilgert und Michaela Böttner. online (PDF; 1,6 MB)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. siehe Vietnamistik an der Universität Hamburg http://www.kleinefaecher.de/hamburg-vietnamistik/ Abgerufen am 15. Februar 2016
  2. siehe Überblick Professuren und Standorte der Kleinen Fächer http://www.kleinefaecher.de/entwicklung-der-professuren-und-standortzahlen-in-den-kleinen-faechern/ Abgerufen 15. Februar 2016
  3. [1] Abgerufen am 17. Februar 2016
  4. Definition der Kleinen Fächer der Arbeitsstelle Kleine Fächer an der Johannes Gutenberg Universität Mainz. http://www.kleinefaecher.de/in-abgrenzung-zu-grossen-faechern/ Abgerufen am 06. März 2017
  5. http://www.kleinefaecher.de/in-abgrenzung-zu-spezialgebieten/ Abgerufen 15. Februar 2016
  6. Abschlussbericht der Potsdamer Arbeitsstelle Kleine Fächer, Abgerufen am 15. Februar 2016
  7. http://www.uni-regensburg.de/Fakultaeten/phil_Fak_I/Philosophie/Wissenschaftsgeschichte/Fachverband/KleineFaecher_Abschlussbericht_2012.pdf#page=24 Abschlussbericht Kleine Fächer 2012, S.24
  8. Forum des Hochschulverbandes (Hrsg.): Die Kleinen Fächer. Eine vom Hochschulverband im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft erarbeitete Struktur- und Funktionsanalyse über die Lagen an den Hochschulen in der Bundesrepublik Deutschland. Bonn 1974/75.
  9. Katharina Bahlmann, Anna Cramme, Mechthild Dreyer, Uwe Schmidt: Das Selbstverständnis der kleinen (geisteswissenschaftlichen) Fächer im zeitlichen Vergleich. In: Dieter Lamping (Hrsg.): Geisteswissenschaft heute. Die Sicht der Fächer (= Kröners Taschenausgabe. Band 441). Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2015, 978-3-520-44101-0, S. 379.
  10. Abschlussbericht Kleine Fächer 2012, S.24
  11. Potsdamer Arbeitsstelle Kleine Fächer, 'Workshop Lehre', 2011, S. 4
  12. Katharina Bahlmann, Anna Cramme, Mechthild Dreyer, Uwe Schmidt: Das Selbstverständnis der kleinen (geisteswissenschaftlichen) Fächer im zeitlichen Vergleich In: Dieter Lamping (Hrsg.): Geisteswissenschaften heute. Die Sicht der Fächer. 2015, S. 376–399.
  13. siehe Programm der Abschlusstagung 2011 unter http://www.kleinefaecher.de/files/2013/06/KleineFaecher_-Abschlusstagung_2011_Programm.pdf
  14. siehe Homepage der Arbeitsstelle Kleine Fächer an der Universität Mainz, abgerufen 2. März 2013
  15. Expertenkommission zur Situation der Kleinen Fächer in Baden-Württemberg (Hg.) (2015): Empfehlungen für ein Zukunftsprogramm ‚Kleine Fächer‘ in Baden-Württemberg. Redaktion: Markus Hilgert u. Michaela Böttner. (Online als PDF)
  16. siehe Islamwissenschaften http://www.kleinefaecher.de/islamwissenschaft/
  17. Zum Beispiel dem Heidelberger Sonderforschungsbereich 933 "Materiale Textkulturen"
  18. Darstellung und Ablehnung der Kritik durch die DFG-Senatskommission für Kulturwissenschaften, 26. Dezember 2000
  19. Beschluss des Rektorates Nr. 13.01.2 vom 08.01.13. Revision der Studienpläne der Philosophisch-Historischen Fakultät. Neuerlasse von Studienplänen. Universität Basel, 9. Januar 2013, abgerufen am 3. März 2014 (PDF; 34 kB).
  20. Asien-Orient-Institut. Universität Zürich, 27. Februar 2014, abgerufen am 3. März 2014: „Durch den Verbund der fünf Fächer Indologie, Islamwissenschaft, Japanologie, Sinologie und Gender Studies in einer gemeinsamen Institutsstruktur soll der Zürcher Asienschwerpunkt innerhalb und ausserhalb der Universität noch besser sichtbar werden.“
  21. Anna Gielas: Die Orchideenfächer trifft es hart. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 51, 3. März 2014, ISSN 0376-6829, S. 39 (online [abgerufen am 3. März 2014]).