Kolleg St. Ludwig

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Karte mit der Lage des Kollegs St. Ludwig
Südost-Ansicht des Kollegs um 1910
Geländeskizze des Architekten
Der teilzerstörte Südost-Flügel des Kollegs im Jahr 2009

Das Kolleg St. Ludwig war ein Franziskanerkloster und Internat in der niederländischen Provinz Limburg in Vlodrop. Es lag im Nationalpark De Meinweg direkt an der deutschen Grenze bei Dalheim-Rödgen. Der früher denkmalgeschützte Gebäudekomplex war im Besitz der Maharishi European Research University (MERU)[1] und wurde im Jahr 2015 abgerissen.

Geschichte des Kollegs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Jahren des Bismarckschen Kulturkampfes zwischen 1872 und 1887 emigrierten deutsche Orden nach Belgien und in die Niederlande, so auch Franziskaner der Sächsischen Ordensprovinz. Verschiedene Niederlassungen bei Sittard, Geleen und Lüttich wurden nach und nach wieder aufgegeben. Auch nach dem Auslaufen der Kulturkampfgesetze 1887 wollte die deutsche Ordensprovinz der Franziskaner möglicherweise aus Vorsicht an einer Auslandsniederlassung im katholischen Limburg festhalten und erwarb am Beginn des 20. Jahrhunderts von Julius Graf von Schaesberg Thannheim das 158 Hektar große grenznahe Areal in Vlodrop. Nach nur vierjähriger Bauzeit konnte im Jahre 1909 die auf Betreiben des Franziskaner-Paters Wenceslaus Straussfeld gegründete Kollegschule ihren Betrieb aufnehmen und, abgesehen von einer kriegsbedingten Unterbrechung, bis 1979 fortführen. Das Lehrangebot richtete sich in erster Linie an männliche Schüler aus Deutschland; in den Jahren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg war das Kolleg als Deutsche Schule im Ausland von den deutschen Schulbehörden anerkannt und von durchschnittlich 200 Schülern frequentiert. Insgesamt besuchten 1909–1940 und 1951–1977 etwa 3007 Schüler die Schule.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ordensbruder Quintilian Borren entwarf als Architekt den monumentalen neugotischen Backsteinbau mit Mittelrisaliten und Ecktürmen. Der Haupteingang lag in der Mitte der Südost-Front und wurde durch einen polygonalen Turm hervorgehoben. Er diente zugleich als Portal der auf der Mittelachse liegenden Klosterkirche. Der gesamte, streng symmetrisch aufgebaute Komplex teilte sich in einen Kloster- und Kollegsbereich sowie einen rückseitigen, flacheren Wirtschaftsteil. Die für den Franziskanerorden ungewöhnliche Größe des ursprünglichen Gebäudes lässt sich an der Tatsache ermessen, dass es zu seiner Blütezeit per Schmalspurbahn einen eigenen Eisenbahnanschluss an den Eisernen Rhein besaß. Über diesen Anschluss wurden beispielsweise jährlich bis zu 300 Tonnen Koks transportiert, die für die Beheizung des Gebäudes notwendig waren. Die Dachfläche des Kolleggebäudes betrug 17000 m². Die Anlage zählte in Limburg „zu den wenigen erhaltenen bedeutenden, denkmalwürdigen Monumenten kirchlichen Bauens aus dem 20. Jahrhundert in den Nachwirkungen des preußischen Kulturkampfes“ und markiert für diese Zeit zugleich einen „bedeutenden Wendepunkt in der deutschen Kirchengeschichte“.[2]

Verkauf, Verfall und Abriss[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Südwestansicht mit Wohncontainern (2008)

Nach Beendigung des Schulbetriebes wurden Grundstück und Gebäude 1979 für 19,5 Millionen Gulden an den niederländischen Staat verkauft, der zunächst die Einrichtung einer Polizeischule beabsichtigte. 1984 wurde die Immobilie für 1,9 Millionen Gulden an die Stichting Maharishi European Research University, MERU, eine Organisation der Transzendentalen Meditation, weiterveräußert.[3] Auf dem eingezäunten Gelände befindet sich das ehemalige Wohnhaus Maharishi Mahesh Yogis, des Begründers der Bewegung, der im Februar 2008 hier verstarb, sowie villenartige Gebäude, die den Mitarbeitern der Organisation als Wohn- und Verwaltungssitz dienen.

Auf dem Gelände richtete die MERU ihre internationale Verwaltung ein. 1998 wurde der Abriss der alten Gebäude beantragt. Als Begründung für den Abrisswunsch wurde die fehlende Ost-Ausrichtung des Gebäudes genannt: eine der Bauregeln des altindischen Sthapathya-Veda, auf den sich die MERU bezieht.

Gutachten hatten außerdem ergeben, dass eine Sanierung des früheren Franziskanerklosters Kosten in Höhe von 67 und 100 Millionen Euro verursacht hätten.[4]

Für den Fall eines Abrissverbots hatte die MERU-Stiftung einen Umzug nach Indien, Mexiko oder Österreich angedroht. In der Zweiten Kammer des niederländischen Parlaments hatten sich die christdemokratische CDA und die rechtsliberale VVD Fraktion für den Abriss ausgesprochen. Sie befürchteten finanzielle Nachteile für die Provinz Limburg.[5][6]

Bauschutt des Kollegs St. Ludwig

Am 22. September 1998 genehmigte der Magistrat von Roerdalen den Abriss des Klosters. Gegen diese Entscheidung legten verschiedene öffentliche und private Institutionen und Vereinigungen Einspruch ein.[7] Das Verwaltungsgericht Roermond wies die Klage am 4. September 2014 ab[8], wogegen die Bürgerinitiative noch einmal Einspruch erhob. Am 19. Dezember 2014 wurde der Einspruch vom Staatsrat, eine der höchsten Gerichtsinstanzen der Niederlande, abgewiesen.[4] Die letztmögliche Instanz – den Europäischen Gerichtshof – wollte die Bürgerinitiative nicht mehr anrufen.[4]

Am 16. April 2015 wurden die Abrissarbeiten abgeschlossen.[9] An das Gebäude erinnert nur noch die übriggebliebene Kirchturmspitze.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem Friedhof des Klosters liegen verstorbene Lehrer, Schüler, ein im Zweiten Weltkrieg abgeschossener norwegischer Kampfpilot und der Gründer des Klosters, Wenceslaus Straussfeld, begraben. In der Nähe des Grenzübergangs steht eine Schautafel zur Geschichte des Kollegs.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gisela Fleckenstein: Die Franziskaner im Rheinland 1875-1918. Werl 1992 (zur Gründung des Kollegs)
  • Rita Müllejans-Dickmann: Ein „grenzübergreifendes“ Baudenkmal. Zur Baugeschichte des ehemaligen Franziskaner-Kollegs St. Ludwig in Vlodrop (NL). In: Arbeitsgemeinschaft Grenzland Kreis Heinsberg -Limburg: Nachbarschaft im Grenzraum. Nr. 3 (1997). S. 1–5.
  • Ulrich Willmes: Die Bauten von Br. Quintilian Borren unter besonderer Berücksichtigung des Kollegs St. Ludwig in Vlodrop. In: Bettelorden und Stadt. Bettelorden und städtisches Leben im Mittelalter und in der Neuzeit. Werl 1992. ISBN 3-87163-188-4
  • Kolleg St. Ludwig: Alte und neue Musik für Bläser und Schlagzeug, Volkslieder, Texte drum und dran. 1977 (Langspielplatte mit Textbeilage)
  • Josef Dahmen: Kloster und Kolleg St. Ludwig bei Dalheim In: Heimatkalender der Erkelenzer Lande für das Jahr 1962. Erkelenz 1962. S. 163–165.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Meditieren aus Ruinen (Memento vom 22. Mai 2008 im Internet Archive) Zeitung für Aachen, 29. Mai 2007
  2. Rita Müllejans a.a.O. S.5
  3. Aachener Nachrichten online, 24. April 2008
  4. a b c Kloster St. Ludwig vor dem Abriss – Bürgerinitiative gibt auf Rheinische Post online, 24. Dezember 2014
  5. Zieht die Meru-Stiftung aus? Rheinische Post online, 12. August 2008
  6. Wird St. Ludwig doch abgerissen, weil Geld fehlt? Aachener Zeitung online, 13. August 2008
  7. Streit um Kloster St. Ludwig vor Gericht Rheinische Post online, 22. März 2013
  8. Rechter gaat akkoord met sloopvergunning St. Ludwig Dagblad De Limburger / Limburgs Dagblad, 4. September 2014
  9. Das Ende des alten Klosters St. Ludwig RPonline, 17. April 2015

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kolleg St. Ludwig – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 51° 9′ N, 6° 9′ O