Winterswijk

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Gemeinde Winterswijk
Flagge der Gemeinde Winterswijk
Flagge
Wappen der Gemeinde Winterswijk
Wappen
Provinz Gelderland Gelderland
Bürgermeister Joris Bengevoord (GroenLinks)
Sitz der Gemeinde Winterswijk
Fläche
 – Land
 – Wasser
138,82 km2
137,96 km2
0,86 km2
CBS-Code 0294
Einwohner 28.927 (31. Jan. 2019[1])
Bevölkerungsdichte 208 Einwohner/km2
Koordinaten 51° 58′ N, 6° 43′ OKoordinaten: 51° 58′ N, 6° 43′ O
Bedeutender Verkehrsweg N312 N318 N319 N820
Vorwahl 0543
Postleitzahlen 7101–7109, 7113, 7115, 7119
Website Homepage von Winterswijk
LocatieWinterswijk.png
Vorlage:Infobox Ort in den Niederlanden/Wartung/Karte
Rathaus von Winterswijk
Rathaus von WinterswijkVorlage:Infobox Ort in den Niederlanden/Wartung/Bild1
Kirche und Markt von Winterswijk
Villa Mondriaan
Mondriaanmonument
Bahnhof von Winterswijk

Winterswijk (Audio-Datei / Hörbeispiel anhören?/i; deutsch Winterswick) ist eine niederländische, im Achterhoek gelegene Gemeinde der Provinz Gelderland und hatte am 31. Januar 2019 nach Angaben des CBS 28.927 Einwohner.

Geografie und Bahnverkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Gemeinde gehören auch viele kleine Bauerschaften, sogenannte „buurtschappen“. Davon ist Meddo mit etwa 1400 Einwohnern die größte.

Winterswijk ist die östlichste Gemeinde Gelderlands. Sie grenzt auf drei Seiten an deutsche Gemeinden: Vreden, Südlohn, Borken, Rhede und Bocholt.

Lokalzüge fahren vom Bahnhof Winterswijk nach Zutphen und über Doetinchem nach Arnheim. Die Bahnstrecke nach Borken (Westf) ist wie die Bahnverbindung nach Bocholt stillgelegt und abgebaut. 1989 überließen die Nederlandse Spoorwegen das Gelände der Bahntrasse der Stiftung Het Geldersch Landschap zum Zwecke des Landschaftsschutzes. So entstand das Naturschutzgebiet Borkense Baan (Borkener Bahn).[2]

Aus Deutschland ist Winterswijk mit dem Bus von Vreden sowie mit einigen Fahrten des Bürgerbusses ab Südlohn-Oeding zu erreichen; hinzu kommt die Taxibus-Verbindung mit Bocholt-Barlo. Als 1987 die erste Bürgerbus-Strecke nach Deutschland eingerichtet wurde, war dies die weltweit erste grenzüberschreitende Bürgerbus-Verbindung.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Winterswijk wurde das um das Jahr 1000 erstmals als Kirchspiel urkundlich erwähnt. Im niederdeutschen Sprachraum steht die Endung -wik für „Zaun“ im Sinne eines umzäunten Gebietes. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit waren die Herren auf Burg Bredevoort – dies waren seit 1326 die Grafen von Geldern – die Lehnsherren der Bauern von Winterswijk. Bis ins frühe 19. Jahrhundert war Winterswijk ein ruhiges Bauerndorf mit etwas Textilhandwerk im Verlagssystem.

Die Industrialisierung erreichte Winterswijk seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. 1861 ließ die Kaufmannsfamilie Willink in Winterswijk eine „Dampfweberei“ bauen: eine Weberei, deren Webstühle von einer Dampfmaschine angetrieben wurden. Sie war später, nach einer Fusion, unter den Namen Blijdenstein-Willink bekannt.[4] Aus ihr ging 1888, eine Generation später, die Tricotfabriek genannte Textilfabrik von Gerrit Jan Willink hervor sowie die Textilfabrik De Batavier.[5] Binnen weniger Jahrzehnte entstanden weitere Textilfabriken, darunter die für ihre Baumwollstoffe bekannte Weberei Meijerink & Zonen,[6] De Hazewind (nach ihren Besitzern auch Poppers & Weidemann genannt) und schließlich die Textilfabrik De Tuunte. Anfang des 20. Jahrhunderts war Winterswijk zu einem Zentrum der niederländischen Textilindustrie geworden. Tausende von Arbeitern und ihre Familien zogen nach Winterswijk. 1878 wurde die Bahnstrecke Zutphen–Winterswijk eröffnet, 1880 wurde das Bahnhofsgebäude und der Güterbahnhof fertiggestellt.[7]

Für den Bau der Fabriken und der Arbeiterwohnungen wurden auch örtliche Steinbrüche genutzt. Winterswijk liegt am Rande eines Kalksteinplateaus. In einem der Steinbrüche (Steengroeve genannt, in der Bauerschaft Ratum, nahe der deutschen Grenze) wird in der Trias entstandener Kalkstein gewonnen. Sammler finden dort Fossilien aus dem Muschelkalk. Im Sommer veranstaltet ein örtlicher Verein für Geologie dort samstags Führungen. Winterswijk ist der einzige Ort in den Niederlanden, wo dies möglich ist.

Zur Textilindustrie und zur Baustoffindustrie, die sich aus den Steinbrüchen entwickelte, kam als dritter Industriezweig in Winterswijk der Fahrzeugbau. Der bedeutendste Betrieb war der Karosseriebauer Hoekstra, der Lastwagen und Busse baute.[8] Der Carrosseriebedrijf Hoekstra schloss nach 112 Jahren Ende 2011.

Nach 1933 war Winterswijk der erste Zufluchtsort für viele Flüchtlinge aus Deutschland, vor allem Juden, die sich über den weniger streng kontrollierten Grenzübergang Oeding – Kotten in die Niederlande retteten.[9] Am 10. Mai 1940, dem ersten Tag des deutschen Überfalls auf die Niederlande, wurde Winterswijk von Truppen der Wehrmacht besetzt. Am 10. Januar 1941 mussten alle 287 damals noch in Winterswijk lebenden Juden, die älter als 8 Jahre waren, darunter 42 Deutsche, sich registrieren lassen. Ab Oktober 1941 wurden sie verhaftet. Die meisten von ihnen wurden in das Durchgangslager Westerbork verbracht und später in den Vernichtungslagern Auschwitz-Birkenau und Sobibór ermordet.[10] Als Antwort auf die deutsche Besatzung bildeten sich in Winterswijk mehrere Zellen des verzet, der niederländichen Widerstandsbewegung. Am 31. März 1945 wurde Winterswijk von der 53rd (Welsh) Infantry Division der British Army befreit.[11]

In den späten 1950er und vor allem in den 1960er Jahren kamen – zumal an den Samstagen und an Feiertagen in Deutschland – Abertausende von Deutschen in das Grenznahe, vom Ruhrgebiet gut zu erreichende Winterswijk, um dort vor allem Lebensmittel und Kleidung einzukaufen. Winterswijk galt damals als der „Supermarkt des Ruhrgebiets“. Die Kaufleute in Winterswijk bauten ihre Geschäfte aus, öffneten samstags schon um 7 Uhr und warben mit Plakaten wie „1940: Kanonen statt Butter – heute: Butter statt Kanonen“ (eine Anspielung auf den deutschen Überfall 1940) um die deutsche Kundschaft.[12]

In den 1970er Jahren geriet die Textilindustrie in Winterswijk – nicht anders als wenig später auch auf der anderen Seite der Grenze, im Westmünsterland – in eine schwere Krise. Meijerink wurde von einem Konkurrenten übernommen, die Fabrik Hazewind Kleding schloss 1973, die Tricotfabriek 1978 und die Textilfabrik De Batavier 1980.[13]

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ehemals bedeutende Textilindustrie wird heutzutage durch andere, kleine Betriebe vieler Art ersetzt. Angesichts der vielen Radwege in der an kleinen Waldstücken reichen Umgebung mit diversen alten Mühlen und Bauernhöfen ist auch der Tourismus von Bedeutung.

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sitzverteilung im Gemeinderat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kommunalwahlen 2018[14]
 %
30
20
10
0
28,6
22,4
18,7
9,9
9,8
7,7
2,9
n. k.
n. k.
Gewinne und Verluste
im Vergleich zu 2014
 %p
 10
   8
   6
   4
   2
   0
  -2
  -4
  -6
  -8
-10
-12
-14
+8,3
-5,0
+0,9
+9,9
-4,2
+1,0
+2,9
-12,6
-1,2

Der Gemeinderat wird seit 2006 folgendermaßen gebildet:

Partei Sitze[15]
2006 2010 2014 2018
CDA 3 4 4 7
Winterswijks Belang 8 5 6 5
VVD 2 5 4 4
GroenLinks 2
PvdA 6 4 3 2
D66 1 1
Kansrijk Winterswijk 0
SP 2 3
Lijst-Tolsma 0
Progressief Winterswijk 2 1
Gesamt 21 21 21 21

Kollegium von Bürgermeister und Beigeordneten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Folgende Personen gehören zum Kollegium[16]:

Bürgermeister
Beigeordnete
  • Ilse Saris (CDA)
  • Wim Aalderink (Winterswijks Belang)
  • Wim Elferdink (CDA)
Gemeindesekretär
  • Alwin Oortgiesen

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 2006 wurde ein Denkmal für den Maler Piet Mondrian errichtet, der in Winterswijk einen Teil seiner Jugend von 1880 bis 1892 verbrachte. Sein Vater war Lehrer an einer Schule im Nebenhaus. Das Werk wurde von den niederländischen Künstlern Dedden & Keizer (Albert Dedden und Paul Keizer) aus Deventer entworfen.[17]

Seit Mai 2013 beherbergt das einstige Wohnhaus unter dem Namen „Villa Mondriaan“ ein Museum für Mondrians „Winterswijker Zeit“. Die Zeichnungen und Gemälde Mondrians zeigen die Einflüsse zum Beispiel der zeitgenössischen Haager Schule. Zu sehen sind auch Werke von Verwandten Mondrians, und von modernen Künstlern, die sich mit Mondrian auseinandergesetzt haben.[18]

Es gibt ein Heimatmuseum (Frerikshuis) an der Straße Richtung Groenlo.

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Winterswijk ist der Geburtsort der Autorin Johanna Reiss (geb. de Leeuw), die in ihren autobiographischen Büchern Und im Fenster der Himmel und Wie wird es morgen sein? als Jüdin ihre Erlebnisse zur Zeit des nationalsozialistischen Besetzung und der Nachkriegszeit in Winterswijk und einem Dorf nahe Enschede (Usselo) beschreibt.[19] Und im Fenster der Himmel gilt in Deutschland – neben dem Tagebuch der Anne Frank – als die populärste/eindrucksvollste Schilderung der Judenverfolgung für Heranwachsende. Johanna Reiss setzt sich in ihren autobiographischen Schilderungen, besonders in Wie wird es morgen sein? sehr kritisch mit der ortsansässigen Bevölkerung auseinander. In den Niederlanden/Winterswijk sind die Werke von Johanna Reiss (weitgehend) unbekannt.

In Winterswijk wurde auch die Widerstandskämpferin Helena Kuipers-Rietberg geboren. Sie baute ab Mai 1940 in der Region Winterswijk/Aalten und Bocholt/Borken eine grenzübergreifende Widerstandsbewegung auf, wurde 1944 im Zuge eines Verrates vom deutschen SD verhaftet und in das KZ Ravensbrück überstellt, wo sie Ende 1944 ums Leben kam. Im Mai 1954 enthüllte Königin Wilhelmina ein Denkmal für Helena Kuipers-Rietberg neben dem Rathaus von Winterswijk. In den Niederlanden/Winterswijk ist sie als „Tante Riek“ bekannt.

Weitere in Winterswijk geborene Persönlichkeiten:

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Kurzgeschichte von Şener Saltürk trägt den Namen der Gemeinde als Titel.

Winterswijk ist der Austragungsort des jährlichen Ukulele-Hotspots, eines dreitägigen Treffens der europäischen Ukulelenspieler, die am Samstag des Treffens öffentliche Konzerte in der Fußgängerzone geben.[20]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Arnold Arentsen, Henk Krosenbrink, Arjan Ligtenberg, Wim Scholtz, Willem Wilterdink (Red.): Winterswijk. Wat was en wat bleeft. De Boekelier – Meneer Kees, Winterswijk 1991, ISBN 90-9004369-1.
  • Hans Kooger: Het oude volk. Kroniek van joods leven in de Achterhoek, Liemers en het grensgebied. Staring Instituut / Mr. H.J. Steenbergenstichting, Doetinchem 2001, ISBN 90-73667-44-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Winterswijk – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bevolkingsontwikkeling; regio per maand. In: StatLine. Centraal Bureau voor de Statistiek (niederländisch)
  2. Arnold Arentsen und andere (Red.): Winterswijk. Wat was en wat bleeft. De Boekelier – Meneer Kees, Winterswijk 1991, S. 63.
  3. Arnold Arentsen und andere (Red.): Winterswijk. Wat was en wat bleeft. De Boekelier – Meneer Kees, Winterswijk 1991, S. 185.
  4. Arnold Arentsen und andere (Red.): Winterswijk. Wat was en wat bleeft. De Boekelier – Meneer Kees, Winterswijk 1991, S. 76.
  5. Arnold Arentsen und andere (Red.): Winterswijk. Wat was en wat bleeft. De Boekelier – Meneer Kees, Winterswijk 1991, S. 81–82.
  6. Arnold Arentsen und andere (Red.): Winterswijk. Wat was en wat bleeft. De Boekelier – Meneer Kees, Winterswijk 1991, S. 76 und 84.
  7. Arnold Arentsen und andere (Red.): Winterswijk. Wat was en wat bleeft. De Boekelier – Meneer Kees, Winterswijk 1991, S. 184.
  8. Arnold Arentsen und andere (Red.): Winterswijk. Wat was en wat bleeft. De Boekelier – Meneer Kees, Winterswijk 1991, S. 61.
  9. Manfred Gans: Life gave me a chance. Lulu Press, Raleigh 2010, ISBN 978-0-557-20305-5, S. 315.
  10. Hans Kooger: Het oude volk. Kroniek van joods leven in de Achterhoek, Liemers en het grensgebied. Staring Instituut / Mr. H.J. Steenbergenstichting, Doetinchem 2001.
  11. Winterswijk bevrijd. In: Vrije Stemmen. Dagblad voor Zeeland, 10. April 1945, S. 3 (niederländisch).
  12. Jan Denkers: Winterswijk was eens de supermarkt van de Roergebied. In: Arnold Arentsen und andere (Red.): Winterswijk. Wat was en wat bleeft. De Boekelier – Meneer Kees, Winterswijk 1991, S. 167–168.
  13. Arnold Arentsen und andere (Red.): Winterswijk. Wat was en wat bleeft. De Boekelier – Meneer Kees, Winterswijk 1991, S. 91.
  14. Ergebnis der Kommunalwahlen: 2014 2018, abgerufen am 24. Juli 2018 (niederländisch)
  15. Sitzverteilung im Gemeinderat: 2006 2010 2014 2018, abgerufen am 24. Juli 2018 (niederländisch)
  16. Samenstelling college Gemeente Winterswijk, abgerufen am 24. Juli 2018 (niederländisch)
  17. Mondriaanmonument, vanderkrogt.net, abgerufen am 11. April 2013
  18. Villa Mondriaan, villamondriaan.nl, abgerufen am 3. November 2013
  19. Kulturachse (Kreis Borken): „Mein einziges Verbrechen war es, in eine jüdische Familie geboren worden zu sein“
  20. ukulelentreff