Kombinat der Sonderheime für Psychodiagnostik und pädagogisch-psychologische Therapie

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Das Kombinat der Sonderheime für Psychodiagnostik und pädagogisch-psychologische Therapie war eine geschlossene Einrichtung der Jugendhilfe in der DDR. In ihr wurden verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter zur Heimerziehung eingewiesen. Der Sitz des Kombinats befand sich in Ost-Berlin.

Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die 1964 im Zuge der Umstrukturierung der Kinderheime der DDR in Normal- und Spezialheime auf Initiative von Reiner Werner, der bereits seit 1959 in Werftpfuhl ein Spezialheim für psychisch geschädigte Kinder im Berliner Umland gründete, geschaffene Einrichtung zur Betreuung stark verhaltensgestörter Kinder und Jugendlicher bestand aus:

Die bis 1971 von Werner geleiteten Heime unterhielten eigene nicht öffentliche Schulen, in denen die Insassen in den Klassenstufen 1–4 und 5–8 der POS oder in der Hilfsschule unterrichtet wurden. Das Kombinat Sonderheime unterstand dem Ministerium für Volksbildung direkt.[1]

Es handelte sich aus heutiger Sicht um geschlossene Einrichtungen, auch wenn sie seinerzeit nicht so bezeichnet wurden.

Zielsetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zielstellung des Kombinates waren Diagnostik, Begutachtung und Therapie verhaltensauffälliger Kinder und Jugendlicher. Dies setzte eine Definition der Verhaltsstörung und ihre Abgrenzung zur Schwereziehbarkeit voraus. Die DDR-Politik bestritt generelle Milieu- und Armutseinflüsse sowie Hospitalierung in der Heimerziehung als Ursachen für abweichendes Verhalten, so dass als vermeintliche Ursachen nur familiäre oder organische Defizite blieben. Dabei hielt man an veralteten Diagnosen fest (Minimale cerebale Dysfunktion (MCD))[2] Die ideologisch beeinflussten Rahmenbedingungen schufen schon in der Theorie eine schwierige Ausgangsposition für die Arbeit des Kombinates.

Scheitern des Konzeptes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dem Ansatz, die Minderjährigen in den Heimen zu beobachten, zu begutachten und zu therapieren, wurden die Einrichtungen nicht gerecht. Die heilpädagogische Betreuung beschränkte sich im Großen und Ganzen auf eine Ruhigstellung durch Verabreichung von Psychopharmaka. Durchgängig alle Heime des Kombinates beschäftigen Psychologen, wobei sich deren Arbeit auf gutachterliche Tätigkeiten konzentrierte, eine Therapie kam hierbei zu kurz. Die Erziehung erfolgte anfänglich im Wesentlichen durch Drill und Strafmaßnahmen; in der Mitte der 1970er Jahre wurden diese Bedingungen etwas gelockert. Unter anderem wurden dabei die bis dahin übliche Marschbewegung während der Hofpausen und die gruppenweise Bewegung im Gänsemarsch abgeschafft. Eine besondere Ausbildung der Erzieher und Lehrer erfolgte nicht. Wegen der Unattraktivität der Heimstandorte und der viel zu langen Arbeitszeiten wurden oft Absolventen ohne Berufserfahrung eingestellt.[3] Das führte dazu, dass mit den besonderen Gegebenheiten überforderte Pädagogen, darunter auch einer der Adoptivsöhne Reiner Werners, sich durch Gewalttätigkeit und Strafregime Respekt verschafften oder auch gezielt als gewalttätig bekannte Pädagogen in das Kombinat umgesetzt wurden.

Die allgemeinen Lebensbedingungen in den Heimen waren teilweise sehr schlecht, was seinen Niederschlag in mangelhafter Ernährung (auch mengenmaßig) oder Ungezieferbefall fand.[4] Jegliche Abwesenheit vom Heim, wie auch Besuche Angehöriger und Briefkontakte wurden streng reglementiert.

Eine Entlassung der Minderjährigen aus der Heimerziehung vor Beendigung der Schulzeit erfolgte nur in wenigen Fällen bei positiver Beurteilung durch Lehrer, Erzieher und Psychologen. Zumeist schloss sich nach Beendigung der 8. Klasse eine Überweisung zur Ausbildung in einen Jugendwerkhof an. Bei guten schulischen Leistungen bestand die Möglichkeit einer weiteren Schulbildung im Spezialkinderheim Hohenleuben, das als einziges Spezialheim der DDR die Klassenstufen 9–10 der POS unterrichtete. Die Entlassung in ein Spezialkinderheim oder einen Jugendwerkhof zeigte jedoch, dass der pädagogische Erfolg der Erziehung im Sonderheim zweifelhaft war.

Niedergang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kombinat Sonderheime wurde ab 3. November 1988 durch das "Pädagogisch-medizinische Zentrum" (PMZ) abgelöst. Dieses hatte seinen Sitz ebenfalls in Berlin, kooperierte ebenso mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie, setzte neben der stationären Betreuung im Heim jedoch auch auf ambulante Betreuungsformen. Unmittelbar vor der Wiedervereinigung wurde das PMZ am 15. September 1989 aufgelöst. In der Folgezeit wurden die Heime in private Trägerschaft überführt und bestehen - mit veränderten pädagogischen Konzepten - zum Teil bis heute (2016, u. a. Bollersdorf, Größ-Köris). [5]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eberhard Mannschatz: 10 Jahre Kombinat der Sonderheime der Jugendhilfe in: Jugendhilfe Heft 10/1974
  • Andreas Methner: Das Kombinat der Sonderheime für Psychodiagnostik und pädagogisch-psychologische Therapie. Versuch einer historischen Rekonstruktion, Leipzig 2009.
  • Laura Hottenrott: "Roter Stern - wir folgen deiner Spur. Umerziehung im Kombinat der Sonderheime für Psychodiagnostik und pädagogisch-psychologische Therapie (1964–1987). Schriftenreihe der Gedenkstätte GJWH Torgau, Bd. 2, Hrsg.: Initiativgruppe GJWH Torgau, Torgau 2013.
  • Andreas Methner: "Diagnose: verhaltensgestört", Metropol-Verlag, Berlin 2015

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sachse, Christian: "Der letzte Schliff", Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (Hrsg.), Schwerin 2010, S. 65
  2. Methner, Andreas: "Diagnose: verhaltensgestört", Metropol-Verlag, Berlin 2015, S. 123 f. zur MCD; dabei ist anzumerken, dass die Diagnose MCD ein in den 1980er Jahren verbreitetes neurologisches Konstrukt war.
  3. Methner, Andreas: "Diagnose: verhaltensgestört", Metropol-Verlag, Berlin 2015, S. 185 f. zu den Arbeitszeiten
  4. Methner, Andreas: "Diagnose: verhaltensgestört", Metropol-Verlag, Berlin 2015, S. 97 u. 103
  5. Methner, Andreas: "Diagnose: verhaltensgestört", Metropol-Verlag, Berlin 2015, S. 211 ff.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]