Spezialheim

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Die Spezialheime bildeten eine eigene Organisationsstruktur innerhalb des Heimsystems der Jugendhilfe in der DDR. Aufgabe der Spezialheime war die Umerziehung von Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 6 und 18 Jahren, die als schwererziehbar eingestuft worden waren. Zum System der Spezialheime gehörten ein Aufnahme- und Beobachtungsheim (Eilenburg), ca. 30 Spezialkinderheime, ca. 30 Jugendwerkhöfe sowie vier Sonderheime mit einem zusätzlichen Aufnahmeheim.[1]

Der Bericht an die Bundesregierung Aufarbeitung der Heimerziehung in der DDR vom 26. März 2012 kam zu folgender Bewertung: „Insbesondere in den Spezialheimen der Jugendhilfe war der Alltag von Freiheitsbeschränkung, Menschenrechtsverletzungen, Fremdbestimmung, entwürdigenden Strafen, Verweigerung von Bildungs- und Entwicklungschancen sowie erzwungener Arbeit geprägt.“[2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Typ des Spezialheimes entstand mit der ersten Strukturreform des Heimsystems im Jahr 1952. Er umfasste zunächst Aufnahme- und Beobachtungsheime (A/B-Heime), Spezialkinderheime und Jugendwerkhöfe. Die regionalen A/B-Heime (u. a. Festung Königstein, Brandenburg/Havel) wurden bereits Anfang der 1950er Jahre wieder aufgelöst und durch ein zentrales A/B-Heim in Eilenburg (Sachsen) ersetzt. Im Jahr 1965 erhielten die Spezialheime eine eigene Organisationsstruktur innerhalb der Jugendhilfe. Das System bestand bis 1990 fast unverändert fort. In den letzten Jahren der DDR verschlechterten sich die Bildungsmöglichkeiten in den Spezialkinderheimen drastisch, während sie sich in den Jugendwerkhöfen leicht verbesserten.[3]

Schätzungen zufolge durchliefen zwischen 1949 und 1989 etwa 135.000 Minderjährige die Spezialheime. Insgesamt existierte jeweils ein Bestand von ca. 60 Heimen. Wegen Umwidmungen, Schließungen und Neueröffnungen sind die Listen der Spezialheime wesentlich umfangreicher (vgl. Liste der Jugendwerkhöfe der DDR, von den Spezialkinderheimen existierte im August 2012 noch keine derartige Liste). Die Gesamtzahl der Minderjährigen, die Sonderheime und A/B-Heime durchlaufen hat, ist unbekannt.[4]

Teile dieses Abschnitts scheinen seit Juni 2013 nicht mehr aktuell zu sein.
Bitte hilf mit, die fehlenden Informationen zu recherchieren und einzufügen.

Im Jahr 2010 wurden im Auftrag der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern erstmals die Spezialheime der Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg untersucht. Das Ergebnis wurde in Buchform veröffentlicht.[5] 2011 folgte ein analoges Forschungsprojekt der Landesbeauftragten von Brandenburg für die Bezirke Potsdam, Frankfurt/Oder und Cottbus, dessen Ergebnis im August 2012 noch nicht veröffentlicht war. Im Auftrag der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau begann im Sommer eine Untersuchung der Bezirke Dresden, Leipzig und Karl-Marx-Stadt, deren Ergebnis im Frühjahr 2013 veröffentlicht werden soll.

Struktur und Besonderheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie alle Heime der Jugendhilfe unterstanden die Spezialheime der Hauptabteilung Jugendhilfe/Heimerziehung im Ministerium für Volksbildung der DDR. Während die Normalheime von den Räten der Kreise oder Kommunen verwaltet wurden, waren die Spezialkinderheime und Jugendwerkhöfe den Räten der Bezirke unterstellt. Damit sollte eine strenge Kontrolle und politisch korrekte Führung dieser Heime sichergestellt werden. Die Sonderheime und der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau unterstanden wegen der besonderen politischen Bedeutung dem Ministerium für Volksbildung direkt.

Spezialheime unterschieden sich von Normalheimen durch ein pädagogisches Regime, das jede Widersetzlichkeit strengstens ahndete, und eine fast vollständige Isolation der Insassen von ihrer Umwelt. Frühere soziale Kontakte (Freundschaften, Familie) wurden kontrolliert oder ganz unterbunden. Ein- und ausgehende Post wurde zensiert. Schulischer Unterricht fand in eigenen Heimschulen statt. Unerlaubte Entfernung aus dem Heim wurde als Entweichen mit strengen Strafen belegt. Obwohl eine Reihe von Spezialheimen nicht den äußeren Anschein erweckten, sind sie damit als geschlossene Einrichtungen zu betrachten.

Über die Einweisung in ein Spezialheim entschied die Zentralstelle für Spezialheime auf Antrag der örtlichen Ausschüsse für Jugendhilfe. Ein Teil der Minderjährigen wurde zuvor in das Aufnahme- und Beobachtungsheim in Eilenburg überwiesen. Das A/B-Heim empfahl nach einer gewissen Beobachtungszeit eine Überstellung in ein Sonderheim, Spezialkinderheim oder einen Jugendwerkhof. In wenigen Fällen wurde auch die Einweisung in ein Normalheim oder die Rückkehr in die Familie empfohlen. Die Zentralstelle verfügte auch die Einweisungen in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau.[3]

Eine Besonderheit im System der Spezialheime der DDR war das Kombinat der Sonderheime für Psychodiagnostik und pädagogisch-psychologische Therapie mit seinem Aufnahmeheim in Berlin-Oberspree und den Heimen in Bollersdorf, Borgsdorf, Groß Köris und Werftpfuhl.

Begriffsherkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Herkunft des Begriffes Spezialheim ist bisher nicht geklärt. Obwohl der Begriff an Wortschöpfungen aus der NS-Zeit (Spezialbehandlung) erinnert, dürfte sein Ursprung in der Sowjetunion zu suchen sein, in der der Begriff spezial im politischen Sinne mit Strafaktionen (Speziallager) verbunden war. Allerdings sind sowohl Lebensumstände als auch Einweisungsbedingungen in beiden Einrichtungen nicht vergleichbar.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Aufarbeitung der Heimerziehung in der DDR. Bericht. (PDF,988 kB) (Hrsg.) Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer, Berlin, 26. März 2012, abgerufen am 29. Juli 2015.
  • Karsten Laudien: Umerziehung und Menschenbild in der DDR-Heimpädagogik. In: Trauma und Gewalt, Jahrgang 7, Heft 2, Mai 2013, S. 134–142. ISSN 1863-7167.
  • Karsten Laudien: Erziehen und Beeinflussen. Die Erziehungskonzeption der DDR-Jugendhilfe. In: Repression durch Jugendhilfe. Wissenschaftliche Perspektiven auf ein Phänomen in Ost und West, Hg. J. Richter u. a., München 2014, S. 97–112. ISBN 3-937461-94-9.
  • Aufarbeitung der Heimerziehung in der DDR. Expertisen (pdf, 5 MB). Hrsg.: Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer, Berlin März 2012. Enthält:
    • Friedrike Wapler: Rechtsfragen der Heimerziehung in der DDR (S. 5–124).
    • Karsten Laudien, Christian Sachse: Erziehungsvorstellungen in der Heimerziehung der DDR (S. 125–298).
    • Martin Sack, Ruth Ebbinghaus: Was hilft ehemaligen Heimkindern der DDR bei der Bewältigung ihrer komplexen Traumatisierung? (S. 299–397).
  • Christian Sachse: Der letzte Schliff. Jugendhilfe der DDR im Dienst der Disziplinierung von Kindern und Jugendlichen (1949–1989). Hrsg.: Die Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Schwerin 2011, ISBN 978-3-933255-35-8.
  • Christian Sachse: Ziel Umerziehung. Spezialheime der DDR-Jugendhilfe 1945-1989 in Sachsen. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2013; ISBN 978-3-86583-787-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Anordnung über die Spezialheime der Jugendhilfe vom 22. April 1965. In: GBl. der DDR II Nr. 53 vom 17. Mai 1965, S. 368
  2. Aufarbeitung der Heimerziehung in der DDR. Bericht. Hrsg.: Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer., Berlin 26. März 2012, S. 4.
  3. a b Christian Sachse: Der letzte Schliff. Jugendhilfe der DDR im Dienst der Disziplinierung von Kindern und Jugendlichen (1949–1989). Hrsg.: Die Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Schwerin 2011, S. 35 ff.
  4. Karsten Laudien, Christian Sachse: Erziehungsvorstellungen in der Heimerziehung der DDR. In: Aufarbeitung der Heimerziehung in der DDR. Expertisen. Hrsg.: Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer, Berlin März 2012, S. 280 ff.
  5. Christian Sachse: Der letzte Schliff. Jugendhilfe der DDR im Dienst der Disziplinierung von Kindern und Jugendlichen (1949–1989). Hrsg.: Die Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Schwerin 2011.