Konsum-, Bau- und Sparverein „Produktion“

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1. Verkaufsstelle der „Produktion“ am Großneumarkt um 1900
Lieferwagen der „Produktion“, vermutlich vor 1914
Betriebsanlagen der „Produktion“ in Hamburg-Hamm, um 1910
PRO-Schlachterei in Hamburg-Hamm (1916)
Belegschaft des PRO-Schlachthofs in Hamburg-Hamm (1916)
Kinder-Erholungsheim der "Produktion" in Haffkrug 1919 Besuch von Reichspräsident Friedrich Ebert (zweiter von links)
Wandbild in Hamburg-Ottensen – Gründer des Konsum-, Bau- und Sparvereins Produktion 1899: Helma Steinbach, Adolph von Elm und Raphael Ernst May. Finanziert von der Heinrich Stegemann-Kunststiftung.
Ehemalige PRO-Bäckerei am Mittelkanal in Hamburg-Hamm, heute für Büros und Einzelhandel genutzt
Ehemalige PRO-Wohnanlage in Hamburg-Hamm, benannt nach Henry Everling, heute im Besitz der Baugenossenschaft freier Gewerkschafter (BGfG)

Die Konsum-, Bau- und Sparverein „Produktion“ eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht, Sitz Hamburg, wurde 1899 gegründet. Sie war im Wesentlichen eine Konsumgenossenschaft. Sie zählte zu den sozialistischen Konsumgenossenschaften der Hamburger Richtung.

Gründung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die "Produktion" war ein Kind des Arbeitskampfes. Die Idee zur Gründung entstand während des Hamburger Hafenarbeiterstreiks von 1896/1897, der 11 Wochen dauerte und bis zu 17.000 Streikende umfasste. Die Organisation der Hafenarbeiter und Seeleute war schlecht, Streikfonds gab es praktisch nicht. Das Geld zur Unterstützung musste gesammelt werden. Die Gründerversammlung vom 28. Juli 1898 in der Hamburger Lessinghalle am Gänsemarkt 35 wählte einen provisorischen Vorstand und Aufsichtsrat. Die konstituierende Generalversammlung fand am 24. Januar 1899 in Schwaffs Hamburger Ballhaus statt. Anwesend waren 700 Personen, die schriftlich ihren Beitritt zu der zu gründenden Genossenschaft erklärt hatten. Die Eintragung des Konsum-, Bau- und Sparvereins „Produktion“ erfolgte am 3. Februar. Damit waren über zwei Jahre sich erstreckende Vorarbeiten erfolgreich abgeschlossen. Die erste Generalversammlung fand am 5. Mai 1899 im Hamburger Ballhaus statt. Anwesend waren 520 Mitglieder. Bis zum 1. Mai hatte die neue Genossenschaft 1580 Mitglieder. Das Betriebskapital bestand aus etwa 15.000 Mark. Eine Besonderheit der Pro waren ihre Notfonds zur Finanzierung von Wohnungen und Unterstützung bei Streiks. Die erste Verkaufsstelle wurde am 17. Juli 1899 am Groß-Neumarkt eröffnet.

Am 3. Dezember 1901 wurde das Richtfest des ersten eigenen Speichers gefeiert. In die Schwelle wurde eine Urkunde eingemauert. Unterzeichnet war sie vom Vorstand Reinhold Postelt, Ferdinand Wolff und Josef Rieger, vom Aufsichtsratsvorsitzenden Friedrich Lesche und seinem Stellvertreter Adolph von Elm, vom Schriftführer des Aufsichtsrats Max Mendel, und den übrigen Mitgliedern Paul Frenzel, Ernst Kretschmer, Gustav Lehne, Joseph Berkowitz Kohn, Helma Steinbach, Gustav Segnitz und Heinrich Stühmer.

Am 17. März 1902 wurden das Gebäude und die Einrichtungen in Betrieb genommen. Dazu gehörte auch eine eigene Kaffeerösterei.

1906 wurde der PRO-Wohnblock (Baustil "Hamburger Burg") mit über 200 Wohnungen, Läden und Gastwirtschaft in der Schleidenstraße in Barmbek fertiggestellt. Später eine Hochburg der Arbeitbewegungskultur[1] In dem Wohnblock entstanden der Barmbeker Volkschor, Barmbeker Fortbildungsverein. Hier ist der Ursprung der Elternräte, der Kinderschutzkommission, der Arbeiterwohlfahrt und vieler anderer Organisationen.[2]

Der Gründer der Produktion, Adolph von Elm, wollte den Kapitalismus durch Genossenschaften überwinden. "Nur durch den Zusammenschluss aller derer, die unter dem Joche des Kapitalismus leiden, in einer einheitlichen Konsumentenorganisation kann das Ziel erreicht werden!. Nicht ruhen noch rasten darf, wer den Kapitalismus wirtschaftlich bekämpfen will; das Wüten der Scharfmacher in Hamburg gegen die Produktion beweist, dass sie auf dem rechten Wege ist, Die Produktion hat der Arbeiterschaft Hamburgs mehr gegeben, als Worte zu sagen vermögen: den Glauben an ihre Kraft![3]

Ihr gehörten 1913 73 000 Mitglieder an. Die PRO hatte über 100 Verkaufsstellen und rund 1.500 Mitarbeiter. Sie erzielte einen Umsatz von 20 Millionen Mark.[4] Im Dezember 1923 war die Mitgliederzahl auf 134.541 gestiegen.[5]

Aus den Gewinnen der Kriegproduktion des Fleischereibetriebes der Genossenschaft wurde ein Kinder- und Erholungsheim der PRO in Haffkrug an der Ostsee 1916/1917 finanziert. Im Juli 1919 besuchte Reichspräsident Friedrich Ebert und Reichswehrminister Gustav Noske mit Mitgliedern des Vorstandes des Genossenschaft "Produktion" das Kinder- und Erholungsheim und würdigten die vorbildliche soziale Einrichtung. Seit 1948 Henry-Everling-Haus der PRO Stiftung und seit 1974 Seniorenerholungseinrichtung.

Entwicklung der Anzahl der Verkaufsstellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ladentyp Anzahl 1924 Anzahl 1930 +
Kolonialwarenverteilungsstelle 142 253 111
Brotladen 55 92 37
Schlachterladen 61 118 57
Spezialladen 10 18 8
Gesamt 268 481 213

Eigenproduktion 1930[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Produktion unterhielt 1930 folgende 15 Eigenbetriebe

Die chemisch-technische Fabrik wurde im Sommer 1930 stillgelegt und die Produktion auf die Fabrik der GEG auf der Peute, Hamburg, übertragen. Das Landgut wurde 1930 verkauft, da die Konsumgenossenschaft mit der Bewirtschaftung fachlich überfordert war.

Gleichschaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 1933 wurden die Unternehmen und Betriebe der Konsumgenossenschaftsbewegung gleichgeschaltet: zuerst die Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine mbH (GEG), Hamburg am 4. Mai 1933. Am 17. Mai 1933 wurde für die Produktion ein Staatskommissar ernannt, der Kreisleiter der NSDAP für Süd-Hamm, Otto Becker. Er erschien in großer Uniform mit Adjutant.

Konsumgenossenschaft Produktion nach 1945 bis 1989[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Produktion als Konsumgenossenschaft Produktion neu errichtet. Am 3. Juli 1946 wurde die Genehmigung der Wiedergründung durch die Britische Militärregierung erteilt. Die durch Luftangriffe 1943 zerstörten 160 Läden, die Zentrale, Lager, Fleischwarenfabrik und Wohnhäuser mussten wieder aufgebaut werden. 1948 wurde der Geschäftsanteil für Genossen auf DM 50 festgelegt und blieb in dieser Höhe unverändert bis zur Umwandlung in eine AG 1974. 1949 wurde der erste Selbstbedienungsladen der „Produktion“ in Hamburg eröffnet. 1954 wurde die von der Militärregierung ausgesetzte Beschränkung der Rückvergütung auf 3 % wieder eingeführt. An der Straße Beim Strohhause beim Berliner Tor gab es ein mehrstöckiges Kaufhaus mit Selbstbedienungsrestaurant und der Verwaltung der PRO. Ab den späten 1960er Jahren wurden die Selbstbedienungsläden als „PRO-Markt“ geführt.

Mit dem Vordringen der Discounter und der großen Einzelhandelsfilialisten änderte sich das Klima für die Konsumgenossenschaften grundsätzlich. Immer mehr Genossenschaften kamen in wirtschaftliche Bedrängnis. Der Produktivitätsvorsprung wurde eingeholt und überholt. Es begann eine große Reformdebatte, die in den 60er Jahren mit der Einführung der Marke "co op" zu einer optischen Modernisierung führte.

Mit der Einrichtung der ersten plaza-Märkte (in Hamburg beim Strohhause, heute real) wurde auf das Vordringen der Großflächenangebote geantwortet. Gleichzeitig fand eine Diskussion um die Frage der richtigen Rechtsform statt, die damit endete, dass von vielen führenden Konsumgenossenschaftlern die Aktiengesellschaft für die bessere Rechtsform als die Genossenschaft gehalten wurde.

Als erste Konsumgenossenschaft wandelte sich die saarländische Asko 1972 in eine AG, später folgte die Hamburger PRO. 1973 zerschlugen sich die Hoffnungen der PRO auf Änderungen des Genossenschafts- und auch des Steuerrechts, die Umsatzrendite war auf unter ein Prozent gesunken und die Rückvergütung musste aus den Reserven finanziert werden. Es wurde befürchtet, wenn keine Rückvergütung mehr gezahlt wird, wären Mitgliederaustritte und Kapitalabfluss die Folge. Am 31. Oktober 1974 beschloss eine außerordentliche Vertreterversammlung den Übergang von der Rückvergütung zum Rabatt, und zugleich befürwortete sie die Umwandlung in eine Verbraucher-Aktiengesellschaft. Als die Umwandlung zum Jahresende 1974 wirksam wurde zählte die PRO 246.495 Mitglieder, die am neuen Grundkapital von 17 Mio DM nach ihrem Guthaben per 31. Dezember 1973 beteiligt wurden. Mitarbeiter 1973 vor Umwandlung: 4.935 (vor Verpachtung an co op) (1981: 3.782), 1973: PRO-Läden 240 (1981: 138 PRO-Filialen, 68 Diskountfilialen), 1973: 1 Verbrauchermarkt, 1973: 3 Warenhäuser (1981: 4 Plaza-Warenhäuser), 1973: 1 Einrichtungshaus (1981: 3 Baumärkte), 9 Restaurants und 1 Autohaus wurden nach 1973 aufgegeben. Verkaufsfläche 1973: 93.000 m² (1981: 140.000). Der Umsatz betrug 1973: 675 Mio. (1981: 1,05 Mrd.) DM. Im Jahr 1975 begann die Konzentration auf die Vertriebslinien PRO, Comet, basar und plaza.

Vergleichszahlen zur Geschäftsentwicklung der PRO[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vergleichszahlen der PRO 1960 1973 1981
Verkaufsstellen (PRO-Läden) 242 240 138
Verbrauchermärkte (Warenhäuser) - 1 (3) 68 (4)
Brot-/Schlachterläden 161 - -
Wohnungen (1930=2.015,1945=500) 866 k.A k.A
Verkaufsfläche m2 k.A 93.000 140.000
Umsatz Mio. DM k.A 675 1.05 Mrd.
Mitarbeiter 5.429 4.935 3.782
Mitglieder 168.996 238.495 78.856

Da die Umwandlung nicht gut vorbereitet war, verkauften 1975 78.300 Aktionäre ihre Aktie. Innerhalb eines Jahres sank die Zahl der PRO-Aktionäre um 43 % auf 102.090. 1981 sank die Aktionärszahl auf 78.856. Die Aktie wurde nicht an der Börse gehandelt, der An- und Verkauf wurde von der PRO organisiert.[6]

Es zeigte sich jedoch, dass der Rechtsformwechsel aus kranken Genossenschaften keine gesunden AG machte, so dass eine immer schnellere Fusionsbewegung einsetzte, die schließlich dazu führte, dass der weitaus größte Teil des ehemals konsumgenossenschaftlichen Handels schließlich in der Frankfurter co op AG versammelt war. Mit den alten genossenschaftlichen Grundsätzen hatte diese co op AG nichts mehr zu tun. Sie geriet immer mehr in wirtschaftliche Bedrängnis, auch bedingt durch kriminelle Machenschaften um den Vorstandsvorsitzenden Bernd Otto. Um den Konkurs abzuwenden, wurde 1989 ein Vergleich mit den 143 Gläubigerbanken geschlossen, der faktisch das Ende der co op AG bedeutet. Ihre Reste gingen als Deutsche SB-Kauf AG an den Metro-Konzern.[7]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Josef Rieger, Max Mendel, Walther Postelt: Die Konsumgenossenschaft „Produktion“, 1899–1949, Geschichte einer genossenschaftlichen Verbrauchervereinigung von der Gründung bis zum fünfzigsten Geschäftsabschluß und ihrer Vorläufer, Hamburg 1949.
  • Wilhelm Fischer: 60 Jahre geg. 60 Jahre Dienst am Verbraucher. 1894–1954. Festschrift Hamburg 1954. 362 Seiten.
  • Korf, Jan-Frederik: Von der Konsumgenossenschaftsbewegung zum Gemeinschaftswerk der Deutschen Arbeitsfront,Zwischen Gleichschaltung, Widerstand und Anpassung an die Diktatur, Norderstedt 2008, ISBN 978-3-8334-7304-3
  • Ulrich Bauche: Hoher Besuch im Gruppenbild vor dem Kinder-Erholungsheim „Produktion“ in Haffkrug/Ostsee Ende Juli 1919. Fragen zu diesem Fotodokument. In: 125 Jahre Genossenschaftsgesetz. 100 Jahre Erster Weltkrieg. Norderstedt 2015, ISBN 978-3-7392-2219-6, S. 79–88.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vom PRO-Block zum Schleidenhof - Geschichte(n) eines außergewöhnlichen Wohnblocks, Dokumentation einer Ausstellung der Geschichtswerkstatt Barmbek, Oktober 2018
  2. Johannes Schult: Geschichte der Hamburger Arbeiter 1890–1919, Hannover 1967, S. 183–189
  3. Wertevolle soziale Arbeit, Vortrag von A. von Elm, gehalten am 20. Oktober 1919 im Gewerkschaftshaus Hamburg, in: Die soziale Seite der Genossenschaften, Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften e.V. Hamburg 2005.
  4. Dr. Franklin Kopitzsch: Von der Aufhebung des Sozialistengesetzes bis zum Beginn der Weimarer Republik in Vom Hamburger Parteitag, Herausgeber: SPD Hamburg 1988.
  5. Jahresbericht der PRO von 1921, Bericht des Vorstandes, S. 6
  6. Reinhold Bengelsdorf: Die PRO als Aktiengesellschaft bis Ende 1982, S. 49–53, S. 85, in Werden und Wirken der PRO-Stiftung Hamburg, Autor R. Bengelsdorf, Hamburg 1990.
  7. Burchard Bösche: Kurze Geschichte der Konsumgenossenschaften, Herausgeber: Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften e.V.,ohne Datum.