Max Mendel

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Im Juli 1919 besuchte Friedrich Ebert (Reichspräsident) (dritter von rechts) und Reichswehrminister Gustav Noske (rechts außen) mit Mitgliedern des Vorstandes des Genossenschaft "Produktion" das Kinder- und Erholungsheim der PRO in Haffkrug. Dritter von links: Max Mendel.

Max Mendel (* 19. Mai 1872 in Hamburg; † 10. August 1942 im KZ Theresienstadt) war ein Kaufmann und Konsumgenossenschafter und Senator (SPD) in Hamburg.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Max Mendel entstammte einer Kaufmannsfamilie. Er besuchte das Realgymnasium des Johanneums in Hamburg, das er wegen einer Hüftgelenkerkrankung 1886 vorzeitig verlassen musste. Von der Krankheit war er nach anderthalb Jahren genesen. Er widmete sich dann geschichtlichen und nationalökonomischen (volkswirtschaftlichen) Studien. 1889 trat er ins väterliche Geschäft als Kaufmann ein. Er war Mitglied im sozialdemokratischen Zentralverband der Handlungsgehilfen.

Die volkswirtschaftlichen Studien setzte er in den folgenden Jahren fort. 1897, kurz nach dem großen Hafenarbeiterstreik, traf er mit Adolph von Elm zusammen. Von ihm erhielt er Anregungen über die Bedeutung des Genossenschaftswesens in der Volkswirtschaft. Er nahm an den Vorarbeiten zur Gründung der Konsum-, Bau- und Sparverein „Produktion“ eGmbH, Hamburg, teil und wurde zum Schriftführer gewählt. 1900 wurde er in den Aufsichtsrat der im Vorjahr gegründeten Genossenschaft gewählt, in dem er bis 1909 wirkte.[1] Seine Tätigkeiten im Privatgeschäft setzte er in dieser Zeit fort. 1909 wurde er in den Vorstand der Produktion gewählt.[2] Er galt als Finanzexperte und war Vorsitzender des vierköpfigen Vorstandes von 1920 bis 1928. Innerhalb der Genossenschaft unterlag er 1928 einem Richtungsstreit mit Ferdinand Vieth, bei dem auch antisemitische Tendenzen eine Rolle spielten.[3][4] Sachlich ging es um Investitionsentscheidungen über eine Konzentration der Betriebsstellen, um die Aufgabe einer eigenen Schiffsproviantgesellschaft und der Beteiligung an einer Brauerei.[5] Mendel arbeitete als Vorstand lange Jahre mit Henry Everling zusammen, dessen Rolle in der beruflichen und politischen Isolierung Mendels noch ungeklärt erscheint.

1913 wurde er zudem in den Aufsichtsrat der Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine mbH gewählt. Am 2. November 1920 hat er das GBI Großhamburger Bestattungsinstitut mitgegründet.

Am 16. Juli 1919 besuchte Reichspräsident Friedrich Ebert und Reichswehrminister Gustav Noske mit Mitgliedern des Vorstandes des Genossenschaft "Produktion" das Kinder-Erholungsheim der PRO in Haffkrug an der Ostsee. Das Heim war aus Gewinnen der Kriegsproduktion der Genossenschaft finanziert worden und sollte als vorbildliche soziale Einrichtung gewürdigt werden

Von 1920 bis 1930 gehörte Mendel auch dem Aufsichtsrat der Versicherung Volksfürsorge an.

Da Mendel als kriegsuntauglich gemustert wurde, blieb er auch während des Ersten Weltkriegs auf seinen Posten. Vom 18. März 1925 bis zum 20. Juni 1929 war er Senator für die SPD im Hamburger Senat, er wirkte vor allem in der Finanzdeputation. Gesundheitliche Gründe für sein Ausscheiden aus dem Senat gelten als vorgeschoben.[6] Möglicherweise gab seine jüdische Herkunft auch beim Rückzug aus dem Senat den Ausschlag. Die Deutschnationale Volkspartei diffamierte in ihrer Wahlpropaganda 1927 und 1928 ausdrücklich die große Konsumgenossenschaft Produktion als jüdisch gelenkten Moloch.[7] Mit ihm und Senator Carl Cohn von der DDP schieden schon vier Jahre vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten die beiden letzten jüdischen Politiker aus dem Hamburger Senat aus.[3]

Gleich nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten im Januar 1933 wurde am 17. Mai 1933 der Kreisleiter der NSDAP des Stadtteils Hamm-Süd, Otto Becker, zum Staatskommissar für den „Konsum-, Bau- und Sparverein Produktion“ ernannt. Max Mendel wurde sofort wegen angeblicher Veruntreuung angeklagt, der Prozess vor dem Landgericht Hamburg endete aber mit einem Freispruch.[8]

Max Mendel wurden schrittweise alle Pensionen gekürzt und schließlich gestrichen. Ihm blieb nur die Rente aus der Pensionskasse des Zentralverbands deutscher Konsumvereine.

Am 19. Juli 1942 wurde er mit seiner zweiten Frau Ida Mendel geb. Lobatz und weiteren Angehörigen in das KZ Theresienstadt deportiert, in dem er 22 Tage später starb. Er war der einzige ehemalige Senator, den die Nazis ermordet hatten.[9]

Die musischen Seiten von Max Mendel beschrieb sein Neffe Arie Goral-Sternheim: Onkel Max konnte alles. Er konnte ganze Wagner-Opern mit seinem vollen Bassbariton singen und sich dazu auf dem Klavier begleiten. Er konnte Gorch Fock und Rudolf Kinau so originalgetreu platt vortragen, dass in jenen Augenblicken so etwas aufkam wie eine plattdeutsch-jüdische Symbiose.[10]

Die Familie Mendel wohnte viele Jahre in Hamburg-Hamm. Sein Enkel ist der Kulturhistoriker und Volkskundler Prof. Dr. Ulrich Bauche.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stolperstein vor dem Hamburger Rathaus
  • Seit 1964 ist die Mendelstraße in Hamburg-Lohbrügge nach ihm benannt.[11]
  • Am 29. März 2005 wurde der 1000. Stolperstein vor dem Hamburger Rathaus als Erinnerung an Max Mendel eingesetzt.[12] Auch in Hamburg-Hamm wurde vor dem im Krieg zerstörten Wohnhaus der Familie Mendel in der Hammer Landstraße 59 ein Stolperstein verlegt.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heinrich Kaufmann: Die Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine m. b. H. GEG. Zum 25jährigen Bestehen 1894–1919. Hamburg 1919.
  • Josef Rieger, Max Mendel; Walter Postelt: Die Hamburger Konsumgenossenschaft „Produktion“. 1899–1949. Geschichte einer genossenschaftlichen Verbrauchervereinigung von der Gründung bis zum fünfzigsten Geschäftsabschluss und ihrer Vorläufer. Hamburg 1949.
  • Holger Martens: Max Mendel. In: SPD Landesorganisation Hamburg: Für Freiheit und Demokratie: Hamburger Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in Verfolgung und Widerstand 1933–1945, Biografische Skizzen. S. 106 f, Hamburg 2003, ISBN 3-8330-0637-4.[2] Abruf 9. April 2008.
  • Institut für die Geschichte der Deutschen Juden (Hrsg.): Das jüdische Hamburg. Ein historisches Nachschlagewerk. Göttingen 2006, ISBN 3-8353-0004-0.
  • Ulrich Bauche: Max Mendel (1872–1942). In: Peter Freimark, Arno Hertzig (Hrg.): Die Hamburger Juden in der Emanzipationsphase (1780–1870). Hamburg 1989, ISBN 3-7672-1085-1.
  • Ulrich Bauche: Der Genossenschaftskaufmann Max Mendel. S. 86 in 2006 Hamburg: „Miteinander geht es besser“. Genossenschaftliche Traditionen und Perspektiven. Norderstedt 2011, ISBN 978-3-8423-4957-5.
  • Ulrich Bauche: Hoher Besuch im Gruppenbild vor dem Kinder-Erholungsheim „Produktion“ in Haffkrug/Ostsee Ende Juli 1919. Fragen zu diesem Fotodokument. In: 125 Jahre Genossenschaftsgesetz. 100 Jahre Erster Weltkrieg. Norderstedt 2015, ISBN 978-3-7392-2219-6, S. 79–88.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Josef Rieger, Max Mendel; Walter Postelt: Die Hamburger Konsumgenossenschaft „Produktion“. 1899–1949. Geschichte einer genossenschaftlichen Verbrauchervereinigung von der Gründung bis zum fünfzigsten Geschäftsabschluss und ihrer Vorläufer. Hamburg 1949, S. 256.
  2. Heinrich Kaufmann: Die Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine m. b. H. GEG. Zum 25jährigen Bestehen 1894 - 1919. Hamburg 1919, S. 241 f.
  3. a b Holger Martens: Max Mendel. In: SPD Landesorganisation Hamburg: Für Freiheit und Demokratie: Hamburger Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in Verfolgung und Widerstand 1933–1945, Biografische Skizzen. Hamburg 2003, ISBN 3-8330-0637-4, S. 106 f.
  4. Ferdinand Vieth 1869–1946, herausgegeben von der Heinrich-Kaufmann-Stiftung, Norderstedt 2018, S. 120 Anmerkung, S. 196–201 Kommentierung von Hartmut Bockelmann, ISBN 978-3-7460-5925-9
  5. Josef Rieger, Max Mendel; Walter Postelt: Die Hamburger Konsumgenossenschaft „Produktion“. 1899–1949. Geschichte einer genossenschaftlichen Verbrauchervereinigung von der Gründung bis zum fünfzigsten Geschäftsabschluss und ihrer Vorläufer. Hamburg 1949, S. 166 f.
  6. Universität Hamburg, Inst. f Volkskunde/Kulturanthropologie. (Memento des Originals vom 2. September 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.kultur.uni-hamburg.de Abruf 9. April 2008
  7. Ulrich Bauche - Genau hinsehen, Beiträge zur Gesellschaftsgeschichte Hamburgs, Hrsg. von Jürgen Bönig, Rolf Bornholdt und Wolfgang Wiedey, VSA-Verlag, Hamburg 2019, S. 127 ISBN 978-3-96488-019-2
  8. Eine Rezension von Bernhard Nette und Stefan Romey zu Ulrich Bauches Buch: Genau hinsehen. Beiträge zur Gesellschaftsgeschichte Hamburgs [1]
  9. Kersten Artus: Magda Langhans - Biografisches
  10. Arie Goral-Sternheim in seinen Jugenderinnerungen Jeckepotz
  11. Mendelstraße@1@2Vorlage:Toter Link/www.hamburgwiki.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. Abruf 9. April 2008
  12. taz Hamburg vom 29. März 2005, S. 22, Artikel von Markus Jox
  13. Stadtteilarchiv Hamm, Wir zogen in die Hammer Landstraße - Leben und Sterben einer jüdischen Familie, Hamburg 2001, S. 9. ISBN 3-9807953-0-6