Leidensdruck

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Leidensdruck wird das subjektive Erleben eines Leids bezeichnet, das beim Betroffenen einen erheblichen Einfluss auf die Lebensqualität ausübt. Ein hinreichend großer Leidensdruck stellt eine wichtige Triebfeder für Veränderungen dar und kann den Betroffenen veranlassen, Hilfe zu suchen oder angebotene Hilfe anzunehmen.[1]

Höhere Lebensqualität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einige Lehrmeinungen verkünden, dass ein höherer Leidensdruck nicht zwangsläufig zu positiven Veränderungen führt. Vielmehr müsse der Betroffene erst durch unterstützende Maßnahmen in einen Zustand höherer Lebensqualität versetzt werden, um aus dieser gestärkten Position heraus eigene Aktivitäten zur Besserung seines Zustands entwickeln zu können. Der Begriff ist kein Synonym für Schmerzempfindung, da die Erwartung drohender Nachteile für das Ausmaß des Leidensdrucks häufig eine größere Rolle spielt als das akute Leid. Allerdings ist der subjektiv geäußerte Leidensdruck als synonym anzusehen für die etwa einem Arzt vorgetragenen Klagen oder Beschwerden, von denen sich der Begriff Ätiologie ableitet.[2] In diesem Sinne der Klage oder Anklage kann auch der Wunsch nach Besserstellung sowohl in medizinischem als auch juristischem Sinne verstanden werden.

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ein Beispiel dafür ist der Alkoholismus, bei der die Betroffenen oft erst nach Arbeitsplatz- oder Beziehungsverlust oder gravierenden Gesundheitsschäden einen Leidensdruck („Persönlicher Tiefpunkt“) empfinden, der sie veranlasst, sich Hilfe zu suchen und sich für den Weg der Genesung zu entscheiden. (Alkoholismus ist eine unheilbare Krankheit, von der die Betroffenen durch fortschreitende Alkoholabstinenz („Trockenheit“) zwar genesen, jedoch nie ganz geheilt werden können.)[3]
  • In Theorien der Managementberatung spielt der Begriff des Leidensdrucks als taktisches Moment der Mitarbeiterführung, insbesondere auf dem Gebiet der Verhaltensmodifikation, eine bedeutende Rolle. Hierbei wird davon ausgegangen, dass rationale Einsicht bei Menschen in der Praxis keine Handlungskonsequenzen auslöst. Das abendländische Vorhaben der Aufklärung sei in diesem Sinn letzten Endes gescheitert, wie zuletzt die vergeblichen politischen Ansätze der Studentenbewegung gezeigt hätten; Appelle an die Vernunft verhallten angeblich folgenlos. Moderne Menschenführung sei stattdessen nur über eine Kombination der gezielten Erzeugung von Leidensdruck und des gleichzeitigen Weckens von Hoffnungserwartungen zu realisieren (Prinzip Zuckerbrot und Peitsche), um, aus der Sicht des Managements, Widerstände gegen Veränderungen zu beseitigen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • J. Margraf, S. Schneider (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie. 2. Auflage. Springer, Stuttgart 2000, ISBN 3-540-66439-4.
  • M. Berger (Hrsg.): Psychische Erkrankungen. 2. Auflage. Urban & Fischer, München 2004, ISBN 3-437-22480-8.
  • Walther H. Lechler (Hrsg.): Nicht die Droge ist’s, sondern der Mensch. Santiago-Verlag, Goch 2009, ISBN 978-3-937212-34-0.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. J. Margraf, S. Schneider: Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Band 1, 2. Auflage. Springer, 2000, S. 257.
  2. Gustav Eduard Benseler u. a.: Griechisch-Deutsches Schulwörterbuch. 13. Auflage. B.G. Teubner, Leipzig 1911, S. 24 zu Lemmata αίτἐω und αίτια = fordern, bitten, Schuld haben, beschuldigt werden (auch im Sinne der Klage oder der Anklage).
  3. Walther H. Lechler (Hrsg.): Nicht die Droge ist’s, sondern der Mensch. Santiago-Verlag, Goch 2009, ISBN 978-3-937212-34-0.