Zuckerbrot und Peitsche

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Zuckerbrot und Peitsche ist eine Redewendung, die eine Einflussnahme auf andere Personen umschreibt, die mit Belohnung und Strafe zugleich arbeitet.

Begriffsverwendungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die sprachliche Zwillingsformel ist nicht vor dem 19. Jahrhundert belegt; Wanders Deutsches Sprichwörter-Lexikon führt erste Belege für „Zuckerbrot und Peitsche“ aus dem Jahr 1873 und nur für „Zuckerbrot“ 1872 im Sinn einer auf Verhaltensänderung gerichteten Belohnung in schlesischen Zeitungen auf. Zudem benutzte sie demnach der Abgeordnete Graf Bethusy-Huc in einer Sitzung des Preußischen Abgeordnetenhauses vom 9. Februar 1877.[1]

Die Rede von „Zuckerbrot und Peitsche“ benutzte, wie Franz Mehring Ende des 19. Jahrhunderts überlieferte, die sozialdemokratische Publizistik gegen die Sozialgesetzgebung des Reichskanzlers Otto von Bismarck mit Flugblättern wie: „Sein Zuckerbrot verachten wir, seine Peitsche zerbrechen wir.“[2] Politische Funktion dieses „Zuckerbrots“ war es demnach, die Arbeiterschaft an den monarchisch-autoritären Obrigkeitsstaat zu binden und zugleich die sozialdemokratische Bewegung durch die „Peitsche“ der Sozialistengesetze zu unterdrücken. Laut Manfred G. Schmidt hatte Bismarck diese Formel selbst bereits 1878 benutzt.[3] Diese Charakterisierung der Bismarckschen Sozialgesetzgebung wurde vielfach, auch von Historikern, aufgegriffen und ist bis heute verbreitet.[4]

1930 verfasste Kurt Tucholsky unter seinem Pseudonym Theobald Tiger ein Gedicht mit diesem Titel in Die Weltbühne, in dem er die Ausweglosigkeit des bürgerlichen Weltflucht thematisiert.[5]

Verwandte Konzepte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Konzept, mit Belohnung und Strafe zugleich zu arbeiten, ist auch in ähnlichen Wortverbindungen anderer Sprachen verbreitet. Im antiken Latein findet sich die Gegenüberstellung von Stein und Brot. So spricht in der Komödie Aulularia des Plautus der misstrauische Euclio, der einen Schatz gefunden hat und vom selbst reichen Megadorus daraufhin um die Hand seiner Tochter gebeten wird: „Altera manu fert lapidem, panem ostentat altera.“ („In der einen Hand hält er einen Stein, und Brot zeigt er mit der anderen.“) Darauf bezog sich der Kirchenvater Hieronymus, der einem Briefadressaten schrieb, er wolle ihm gegenüber nicht „in der einen Hand einen Stein halten und mit der anderen Brot anbieten“.[6]

In einer langen Tradition der Erziehung mit Lohn und Strafe steht auch das Brauchtum um Nikolaus von Myra, der demnach jedes Jahr am 6. Dezember Kinder besucht und entweder belohnt oder bestraft, oft in Begleitung des strafenden Knecht Ruprecht. So hat etwa die Historikerin Silke Lesemann 1995 Nikolaus als „janusköpfige Figur“ bezeichnet, die eine „Verbindung von Zuckerbrot und Peitsche“ darstelle;[7] der Erziehungswissenschaftler Manfred Hofer sah 1985 die „Dualität von Lohn und Strafe in der Erziehung“ 1985 „in der Figur des Nikolaus symbolisiert“.[8] Als frühneuhochdeutsches Äquivalent der Wendung gilt „rute und apfel“,[9] was Martin Luther 1537 in seiner Auslegung des Epheserbriefes 6,1–4 EU, in dem es um den kindlichen Gehorsam geht (siehe Haustafel), ähnlich fasste: Man solle „die Kinder und Schüler also strafen, daß allewege der Apfel neben der Ruten ist.“[10]

Häufig wird die Auffassung vertreten, das sozialpolitische Prinzip Fördern und Fordern sei nur eine euphemististische Umschreibung desselben Sachverhalts.[11]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Band 5. Leipzig 1880, Sp. 615 (E-Text). Es gibt allerdings frühere Nennungen, siehe etwa Das Liebhaber-Theater. In: Abend-Zeitung. Leipzig, Sonnabend, 18. Januar 1823, S. 61.
  2. Nils Freytag: Zum Stand der Bismarckforschung. In: ders., Dominik Petzold (Hrsg.): Das „lange“ 19. Jahrhundert. Alte Fragen und neue Perspektiven (= Münchner Kontaktstudium Geschichte. Band 10). Herbert Utz, München 2007, S. 145–164, hier S. 153.
  3. Manfred G. Schmidt: Sozialpolitik in Deutschland. Historische Entwicklung und internationaler Vergleich. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. VS, Wiesbaden 2005, S. 28.
  4. Florian Tennstedt: „Bismarcks Arbeiterversicherung“ zwischen Absicherung der Arbeiterexistenz und Abwehr der Arbeiterbewegung. Anmerkung zu den Voraussetzungen ihrer Entstehung. In: Ulrich Lappenkühler (Hrsg.): Otto von Bismarck und das „lange 19. Jahrhundert“. Lebendige Vergangenheit im Spiegel der „Friedrichsruher Beiträge“ 1996–2016. Schöningh, Paderborn 2017, S. 353–375, hier S. 373.
  5. Die Weltbühne, 9. Dezember 1930, Nr. 50, S. 872, wieder abgedruckt in: Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 10. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1975, E-Text.
  6. Annette Pohlke, Reinhard Pohlke: Alle Wege führen nach Rom. Deutsche Redewendungen aus dem Lateinischen. Artemis & Winkler, Zürich 2001, S. 174.
  7. Heinrich Kaak: Diskussionsbericht. In: Jan Peters (Hrsg.): Gutsherrschaftsgesellschaften im europäischen Vergleich. Akademie, Berlin 1997, S. 485–541, hier S. 499. Siehe auch Dieter E. Zimmer: Ein Sack voller Mißverständnisse. In: Die Zeit, 24. Dezember 1993; Christian Freitag: Erwartung und Sanktion im Kinderreim unter besonderer Berücksichtigung der Verhaltenssteuerung durch Strafe und Strafandrohung. Dissertation, Universität Marburg, 1974, insbesondere S. 74.
  8. Manfred Hofer: Zu den Wirkungen von Lob und Tadel. In: Bildung und Erziehung. Band 38, 1985, S. 415–427, hier S. 416, urn:nbn:de:0111-opus-3833.
  9. Oskar Reichmann (Bearb.): apfel, der. In: Robert R. Anderson, Ulrich Goebel, Oskar Reichmann (Hrsg.): Frühneuhochdeutsches Wörterbuch. Band 1. Walter de Gruyter, Berlin, New York 1989, Sp. 1628. Dort wird auch eine weitere Stelle bei Luther von 1536 angegeben, in der von „Rut und apfel“ die Rede ist.
  10. Martin Luther: D. Martin Luthers Epistel-Auslegung. Band 3: Die Briefe an die Epheser, Philipper und Kolosser. Hrsg. von Eduard Ellwein. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1973, S. 117 f., Zitat S. 118.
  11. Siehe etwa Kai Schöneberg: Zuckerbrot & Peitsche im Knast. In: Die Tageszeitung, 3. Juli 2004; Reinhard Kowalewsky: Streit über Integrationspapier der CDU: Mit Zuckerbrot und Peitsche. In: Rheinische Post, 14. Februar 2016.