Liopleurodon

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Liopleurodon
Lebendrekonstruktion von Liopleurodon ferox

Lebendrekonstruktion von Liopleurodon ferox

Zeitliches Auftreten
Mitteljura (Callovium)[1]
166,1 bis 163,5 Mio. Jahre
Fundorte
Systematik
Reptilien (Reptilia)
Sauropterygia
Plesiosaurier (Plesiosauria)
Pliosaurier (Pliosauroidea)
Pliosauridae
Liopleurodon
Wissenschaftlicher Name
Liopleurodon
Sauvage, 1873

Liopleurodon (Gr.: leios = glatt, pleuron = Seite, odon = Zahn) ist eine Gattung der Pliosaurier (ausgestorbene, diapside Reptilien),[3] aus dem Mitteljura von Europa,[1] die durch gute Fossilienfunde bekannt ist.[4]

Merkmale[Bearbeiten]

Schädel und Zähne[Bearbeiten]

L. ferox Schädel

Liopleurodon hatte einen keilförmigen und abgeflachten Schädel.[5] Auf jedem Unterkieferast hatte Liopleurodon 25 bis 28 Zähne.[4] Ein Merkmal von L. ferox ist eine Symphyse im vorderen Teil des Schädels, welche in der Regel kürzer ist als die von Pliosaurus. In diesem Teil des Schädels (vor der Symphyse) befinden sich 6-7 längere Fangzähne, die rund im Querschnitt sind. Die Zähne im hinterem Teil des Schädels sind eher dreieckig im Querschnitt.[6] Die Zähne sind scharf, an einer Seite gesägt und an der anderen glatt.[7] Sie haben eine tiefe Wurzel, vergleichbar mit heutigen Schwertwalen, beziehungsweise Leistenkrokodilen.[8]

Größe[Bearbeiten]

L. ferox Skelett, ausgestellt in Tübingen

Liopleurodon erreichte eine Durchschnittslänge von 5 bis 7 m.[9] Das Exemplar „Peterborough“ wird auf 6,39 m geschätzt, wobei die Schädellänge 1,26 Meter betrug. Diese Längenrechnung basiert auf der Annahme eines Schädel:Körper-Verhältnisses von 1:5,19, basierend auf den Proportionen des Individuums GPIT1754/2. Dieses hat eine Schädellänge von 0,94 m und eine Gesamtlänge von 4,88 m.[10]

Der größte Schädel, der Liopleurodon zugeordnet werden kann, ist 154 Zentimeter lang.[1] Die Länge des gesamten Tieres wurde auf etwas mehr als 10 m geschätzt, basierend auf der Annahme, dass der Schädel 1/7 der Gesamtlänge ausmacht.[11] Die für diese Schätzung verwendeten Proportionen sind jedoch vermutlich falsch. Stattdessen wurde ein Verhältnis von 1:4 oder 1:5 angenommen.[9] Exemplare dieser Größenordnung werden auf ein Gewicht von 2,5 bis 5 Tonnen geschätzt, wobei durchschnittliche Exemplare auf etwa 500 bis 750 kg kamen.[9] Andere Modelle zur Schätzung des Gewichts gehen jedoch davon aus, dass bereits ein ungefähr 4,8 Meter langes Individuum knapp eine Tonne wiegen könnte, während, laut diesem Model, ein 5,7 Meter langes Exemplar auf 1,7 Tonnen Gewicht käme.[12]

Pliosaurus macromerus, mit einem fast 3 m langen Unterkiefer, wurde ebenfalls Liopleurodon zugeordnet,[13] was jedoch nicht haltbar ist.[10] In Tübingen ist ein 4,5 m langes Exemplar ausgestellt.[4]

Entdeckungsgeschichte[Bearbeiten]

Liopleurodon wurde erstmals im Jahr 1873 von Henri-Émile Sauvage anhand drei Zähnen beschrieben. Einer wurde in der Nähe von Boulogne-sur-Mer in Nordfrankreich gefunden wurde und Liopleurodon ferox (ferox = wild) zugeordnet. Der Zahn ist 75 mm lang. Die anderen wurden im Département Cher und dem Département Calvados gefunden. Der Zahn aus Cher ist 70 mm lang und wurde L. grossouvrei zugeordnet. Sauvage beschrieb den aus Calvados als L. bucklandi. Nur die Zähne, die L. ferox und L. grossouvrei zugeordnet wurden von Sauvage beschrieben. Sauvage untersuchte nicht die Verwandtschaftsverhältnisse von Liopleurodon.[14] Später (1909) wurde der Zahn mit Skelettmaterial eines erwachsenen Tieres aus dem Callovium (Clay Formation) bei Peterborough in England in Verbindung gebracht und eine Verwandtschaft mit Pliosaurus festgestellt.[11] Bevor dieses Material gefunden wurde, war die Gültigkeit des Taxons umstritten.[5]

Ernährung[Bearbeiten]

Liopleurodon war vermutlich ein Spitzenprädator mit starken Kiefern, die gut an kräftiges Zubeißen angepasst waren.[9]

Bissspuren von Liopleurodon wurden auf Knochen des Plesiosauriers Cryptocleidus gefunden.[9] Generell wird Liopleurodon, wegen der gesägten und scharfen Zähne, als Jäger von fleischiger Beute gesehen.[7] Abgenutzte Zähne deuten auf das Jagen von großen Beutetieren.[15]

Pliosaurier werden als Schwimmer angesehen, die ein Vier-Flossen-Prinzip nutzen und in der Tiefsee auf Kopffüßer, Reptilien und Fische Jagd machen.[16][13]

Außerdem werden Pliosaurier als prähistorisches Äquivalent zu Zahnwalen gesehen.[17]

Systematik[Bearbeiten]

Phylogenetische Position von L. ferox innerhalb der Gruppe Pliosauroidea, nach einer Analyse aus dem Jahr 2013.[18]

Äußere Systematik[Bearbeiten]

Liopleurodon ist ein Vertreter der Familie Pliosauridae, eine Gruppe innerhalb der Pliosaurier, die aus dem Jura (möglicherweise auch aus der Kreide) von Europa und Nordamerika bekannt ist.[19]

Liopleurodon gehörte innerhalb der Gruppe zu den basalen Vertretern aus dem Mitteljura. Diese unterscheiden sich von ihren Verwandten aus dem Oberjura unter anderem durch Anzahl der Zahnfächern und geringere Schädel-, beziehungsweise Körperlänge. Gelegentlich werden Pliosaurus Arten aus der späten Jura, die eine ähnliche Anzahl von Zahnfächern haben (z.B. P. rossicus), Liopleurodon zugeordnet. Diese Zuordnung ist jedoch nicht haltbar, da diese Arten die beschriebenen Autapomorphien von Pliosaurus, aber Liopleurodon nicht. Stattdessen vermutet man eine konvergente Entwicklung der kurzen Symphysen bei Liopleurodon und manchen Pliosaurus Arten.[20]

Eine Studie aus dem Jahr 2013 fasst Liopleurodon, Simolestes, Peloneustes, Pliosaurus und Brachaucheininae als Thalassophonea zusammen.[21]

Innere Systematik[Bearbeiten]

Momentan gibt es zwei Arten, die der Gattung Liopleurodon zugeordnet werden können:

  • Liopleurodon ferox (Typusart; England und Frankreich)
  • Liopleurodon pachydeirus (England)

Unterscheidet sich von L. ferox durch Merkmale in Zähnen und Halswirbel.[4]

  • Undefinierte Art (Deutschland, Nordrhein-Westfalen)[2]

Popularität[Bearbeiten]

In der BBC Fernsehreihe „Dinosaurier – Im Reich der Giganten“ wurde ein Liopleurodon mit einer Länge von 25 Metern und einem Gewicht von 150 Tonnen gezeigt, basierend auf der Annahme eines 18 Meter langen Liopleurodon, der für juvenil gehalten wurde.[22] Diese Größe wird jedoch kritisiert, da dieses Exemplar mit großer Wahrscheinlichkeit kein Liopleurodon war, sondern ein unbeschriebenes Taxon genannt "Monster von Aramberri".[9] Zudem wird vermutet, dass das Tier kleiner war als angenommen (15 Meter) und wahrscheinlich ausgewachsen.[23][24]

Literatur[Bearbeiten]

  • Henri-Emile Sauvage: Notes sur les Reptiles fossiles. In: Bulletin de la Société Géologique de France. 3ème Série, Tome 1, 1875/1873, ISSN 0037-9409, S. 365–385, Digitalisat.
  • Colin Richard McHenry: ‚Devourer of Gods‘. The palaeoecology of the Cretaceous pliosaur Kronosaurus queenslandicus. University of Newcastle, Newcastle 2009, S. 1–460, Kapitel 1–6, (Newcastle, University of Newcastle, Dissertation, 2009), online (PDF; 12,49 MB).
  • Roger B. J. Benson, Mark Evans, Adam S. Smith, Judyth Sassoon, Scott Moore-Faye, Hilary F. Ketchum, Richard Forrest: A Giant Pliosaurid Skull from the Late Jurassic of England. In: PLoS ONE. Bd. 5, Nr. 1, 2013, e65989, doi:10.1371/journal.pone.0065989.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Liopleurodon – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Benson et al. 2013, S. 29
  2. a b The Paleobiology Database Liopleurodon
  3. Hilary F. Ketchum, Roger B. J. Benson: A new pliosaurid (Sauropterygia, Plesiosauria) from the Oxford Clay Formation (Middle Jurassic, Callovian) of England: evidence for a gracile, longirostrine grade of Early-Middle Jurassic pliosaurids. In: Special Papers in Palaeontology. Bd. 86, 2011, ISSN 0038-6804, S. 109–129, online.
  4. a b c d Liopleurodon Sauvage, 1873. auf: plesiosauria.com
  5. a b McHenry 2009, S. 18
  6. McHenry 2009, S. 19–21
  7. a b Judy A. Massare: Tooth Morphology and Prey Preference of Mesozoic Marine Reptiles. In: Journal of Vertebrate Paleontology. Bd. 7, Nr. 2, 1987, ISSN 0272-4634, S. 121–137, doi:10.1080/02724634.1987.10011647, online.
  8. McHenry 2009, S. 23
  9. a b c d e f Richard Forrest: Liopleurodon. auf: plesiosaur.com 20. November 2007.
  10. a b Leslie F. Noé, Jeff Liston, Mark Evans: The first relatively complete exoccipitalopisthotic from the braincase of the Callovian pliosaur, Liopleurodon. In: Geological Magazine. Bd. 140, Nr. 4, 2003, ISSN 0016-7568, S. 479–486, doi:10.1017/S0016756803007829, online.
  11. a b Lambert Beverly Tarlo: A review of Upper Jurassic pliosaurs. In: Bulletin of the British Museum (Natural History). Geology Series. Bd. 4, Nr. 5, 1960, ISSN 0007-1471, S. 145–189, Digitalisat.
  12. McHenry 2009, S. 415
  13. a b Lambert B. Halstead: Plesiosaur locomotion. In: Journal of the Geological Society. Bd. 146, Nr. 1, 1989, ISSN 0016-7649, S. 37–40, doi:10.1144/gsjgs.146.1.0037.
  14. Sauvage 1873, S. 381–385
  15. McHenry 2009, S. 34
  16. Michael A. Taylor, Arthur R. I. Cruickshank: Cranial Anatomy and Functional Morphology of Pliosaurus brachyspondylus (Reptilia: Plesiosauria) from the Upper Jurassic of Westbury, Wiltshire. In: The Royal Society. Philosophical Transactions. Series B: Biological Sciences. Bd. 341, Nr. 1298, 1993, ISSN 0080-4622, S. 399–418, doi:10.1098/rstb.1993.0124.
  17. McHenry 2009, S. 33
  18. Benson et al. 2013, S. 30
  19. McHenry 2009, S. 451
  20. Benson et al. 2013, S. 32
  21. Roger B. J. Benson, Patrick S. Druckenmiller: Faunal turnover of marine tetrapods during the Jurassic–Cretaceous transition. In: Biological Reviews. Bd. 89, Nr. 1, 2014, ISSN 1464-7931, S. 1–23, doi:10.1111/brv.12038.
  22. Liopleurodon (LI-PLOO-ro-don). auf: bbc.co.uk/science
  23. Marie-Céline Buchy, Eberhard Frey, Wolfgang Stinnesbeck, José Guadalupe López-Oliva: First occurrence of a gigantic pliosaurid plesiosaur in the late Jurassic (Kimmeridgian) of Mexico. In: Bulletin de la Societe Geologique de France. Bd. 174, Nr. 3, 2003, ISSN 0037-9409, S. 271–278, Digitalisat (PDF; 3,41 MB).
  24. Mine’s bigger than yours! The Monster of Aramberri, Predator X, and other monster pliosaurs in the media.