M-Pesa

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Werbeplakat zur Einführung von M-Pesa in Tansania

M-Pesa ist ein von der kenianischen Mobilfunkfirma Safaricom in Kooperation mit dem Kommunikationsunternehmen Vodafone entwickeltes und Anfang 2007 in Kenia eingeführtes System für die Abwicklung von grundlegenden Funktionen des Geldtransfers und des bargeldlosen Zahlungsverkehrs über Mobiltelefone ohne die Notwendigkeit eines regulären Bankkontos. Es ermöglicht den Nutzern über als M-Pesa-Agents bezeichnete Händler die Ein- und Auszahlung von Bargeld auf ein elektronisch geführtes Guthaben. Auf dieser Basis können dann direkte bargeldlose Übertragungen vom eigenen M-Pesa-Guthaben an andere M-Pesa-Nutzer und Übertragungen von Geld an Personen ohne eigenes M-Pesa-Guthaben durch Abwicklung über einen M-Pesa-Agent durchgeführt werden.[1][2]

Bezeichnung und Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bezeichnung „M-Pesa“ setzt sich zusammen aus dem Kürzel „M“ für mobile und dem aus dem Swahili stammenden Wort „Pesa“ für Bargeld. Seit Februar 2008 wird von Vodafone und der Mobilfunkfirma Roshan unter der Bezeichnung M-Paisa in Afghanistan ein vergleichbarer Dienst angeboten. M-Pesa ist darüber hinaus seit April 2008 in Tansania, seit 2010 und auf Fidschi, seit 2012 in der Demokratischen Republik Kongo, seit 2013 in Indien, Mosambik, Lesotho sowie unter der Bezeichnung Vodafone Cash in Ägypten, seit 2014 in Rumänien und seit Mai 2015 in Albanien verfügbar. In Südafrika war der Dienst seit 2010 verfügbar, wurde jedoch 2017 aufgrund niedriger Teilnehmerzahlen wieder eingestellt.[3]

Funktionsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

M-Pesa-Agent in Tansania

Als Agents fungieren bei M-Pesa beispielsweise die Niederlassungen der kooperierenden Mobilfunkgesellschaften oder die Inhaber von Tankstellen, Supermärkten, Straßenkiosken, Internetcafés und Handyläden. Neben der bargeldlosen Übertragung zwischen M-Pesa-Agents und M-Pesa-Kunden sowie zwischen verschiedenen M-Pesa-Kunden besteht für M-Pesa-Kunden auch die Möglichkeit, ein als Airtime bezeichnetes Prepaid-Gesprächsguthaben zu kaufen, das durch eine direkte Übertragung an andere Safaricom-Kunden als Ersatzwährung fungieren kann. Eine weitere verbreitete und vom Anbieter nicht vorhergesehene Anwendung ist die Nutzung des M-Pesa-Guthabens als elektronische Geldbörse durch Ein- und spätere Auszahlung von größeren Geldbeträgen zum sicheren Transfer während einer Reise.

M-Pesa fungiert damit in zunehmendem Umfang als Alternative zu einem regulären Bankkonto beziehungsweise einer Kreditkarte sowie anderen Formen des Geldtransfers und des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Deren Nutzbarkeit ist in vielen Ländern insbesondere im ländlichen Bereich durch die geringe Vor-Ort-Verfügbarkeit von Bankfilialen und Geldautomaten stark eingeschränkt. Auch für Kunden, für die aufgrund ihres geringen Einkommens ein Bankkonto oder eine Kreditkarte nicht erhältlich oder nicht wirtschaftlich ist, stellt M-Pesa eine Ersatzlösung dar. Durch spätere Erweiterungen um Spareinlage-, Termingeld- und Kreditfunktionen, die unter der Bezeichnung M-Shwari seit November 2012 vermarktet werden, näherte sich die Funktionalität von M-Pesa den Angeboten von Banken weiter an.

Die Bezahlung der Nutzung von M-Pesa erfolgt pro Transaktion, so dass keine Kosten für den Bestand des Guthabens entstehen. Die Gebühren liegen dabei in Kenia, abhängig vom Empfänger und vom Betrag der Transaktion, bei bis zu 66 Prozent für einen Transfer zu einem nicht registrierten Benutzer sowie zwischen 0,16 Prozent und 30 Prozent für einen Transfer zu einem registrierten Benutzer.[4][5] Das Geldabheben bei einem M-Pesa-Agent kostet zwischen 0,47 Prozent und 20 Prozent des Betrags. Die Transaktionen werden durch die Übertragung von SMS-Nachrichten zwischen den Kunden beziehungsweise zwischen den Kunden und den Agents abgewickelt. Technisch basiert M-Pesa auf der Ergänzung der Funktionen der SIM-Karte des Telefons durch sogenannte SIM-Toolkit-Erweiterungen, die jeweils spezifisch für M-Pesa-Kunden und für M-Pesa-Agents sind. Es ist damit ohne weitere technische Voraussetzungen mit nahezu jedem Mobiltelefon nutzbar.

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach einer ab Oktober 2005 laufenden Testphase mit acht Agents und 500 Kunden, die mit kostenlosen Telefonen ausgestattet wurden, besteht das System in Kenia seit März 2007 als regulärer Dienst. Bereits einen Monat nach Einführung hatten sich 20.000 Kunden registriert. Rund ein Jahr nach dem Start hatte M-Pesa in Kenia bereits rund 1,6 Millionen Nutzer, was zu diesem Zeitpunkt etwa einem Drittel aller Safaricom-Kunden und fast fünf Prozent der kenianischen Bevölkerung entsprach. Auch in den Folgejahren stieg die Zahl der Kunden weiter, im ersten Halbjahresbericht 2011 gab Safaricom die Zahl der M-Pesa-Nutzer mit 14,9 Millionen an. Damit nutzten rund 80 Prozent der Mobilfunkkunden den Service.[6] Nach Angaben von Anja Bengelstorf vom Deutschen Akademischen Austauschdienst, basierend auf Daten der Kenianischen Zentralbank, betrug das Volumen der über M-Pesa im Jahr 2014 bewegten Beträge rund eine Milliarde Schweizer Franken. Die M-Pesa-Muttergesellschaft erwirtschaftete dabei einen Gewinn von etwa 268 Millionen Schweizer Franken, was rund 27 Prozent der bewegten Summe entspricht.[7]

Im Februar 2008 begann Vodafone zusammen mit der Mobilfunkfirma Roshan mit der Einführung eines vergleichbaren Dienstes in Afghanistan, der beispielsweise auch von Firmen zur Auszahlung von Gehältern an ihre Mitarbeiter genutzt werden kann. Im Rahmen dieses M-Paisa genannten Projekts erproben Vodafone und Roshan aufgrund der geringen Alphabetisierungsrate in Afghanistan darüber hinaus die Nutzung einiger der angebotenen Funktionen mittels Spracherkennung. Seit Ende April 2008 bietet die Firma Vodacom M-Pesa auch in Tansania an, seit August 2010 kooperierte Vodafone diesbezüglich mit der Bankengruppe Nedbank in Südafrika. In der Folgezeit wurde M-Pesa in weiteren Ländern eingeführt, so im Juni 2010 mit dem Namen M-Paisa auf Fidschi, im November 2012 in der Demokratischen Republik Kongo und 2013 in Indien, Mosambik, Lesotho sowie unter der Bezeichnung Vodafone Cash in Ägypten.[8]

Seit März 2014 wird M-Pesa in Rumänien und somit erstmals in einem europäischen Land angeboten.[8] In Albanien ist der Service seit Mai 2015 verfügbar.[9]

Finanzielle Inklusion und Armutsbekämpfung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

M-Pesa gilt als ein Musterbeispiel dafür, wie man mit innovativer Finanztechnologie die Menschen in das formelle Finanzsystem integrieren, dabei Gewinne erzielen und gleichzeitig die Armut bekämpfen kann.[10] Tavneet Suri vom Massachusetts Institute of Technology und William Jack von der Georgetown University haben in einer Serie von wissenschaftlichen Studien seit 2011 die positiven Wirkungen von M-Pesa für die Armutsbekämpfung dargelegt. Insbesondere ihr 2016 in "Science" veröffentlichter Aufsatz, demzufolge durch die Verbreitung von M-Pesa 194.000 Haushalte oder 2 % der kenianischen Bevölkerung aus Armut befreit wurden, war in der Entwicklungshilfe-Community sehr einflussreich. Entwicklungsinstitutionen führen dieses Ergebnis zu M-Pesa regelmäßig als Beleg an, wenn sie über das Potential von innovativer Finanztechnologie für Armutsbekämpfung und Entwicklung publizieren. So heißt es in einem UN-Bericht zu "Finanzierung für Entwicklung", die Digitalisierung von Finanzdienstleistungen eröffne neue Möglichkeiten für finanzielle Inklusion im Einklang mit der 2030-Agenda für nachhaltige Entwicklung und der Umsetzung der Ziele für soziale Entwicklung. In Kenia habe die Verbreitung von mobilem Geld zwei Prozent der Haushalte über die Armutsgrenze gehoben.[11]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es wird kritisiert, dass Safaricom seine monopolähnliche Stellung ausnutze, um überhöhte Preise von seinen oft sehr armen Kunden zu verlangen. Die Bill and Melinda Gates Foundation warnte 2013, dass Mangel an Konkurrenz bei mobilen Bezahldiensten zu überhöhten Preisen führen könne. Als Negativbeispiel führte sie M-Pesa in Kenia an, denn dort koste es umgerechnet 0,30 Dollar, einen Betrag von 1,50 Dollar zu transferieren. Im Nachbarland Tansania, wo mehr Konkurrenz herrsche, verlange der gleiche Anbieter nur ein Zehntel so viel für eine derartige Überweisung.[12] Eine von der US-Entwicklungshilfeorganisation USAID finanzierte Studie kam zu dem Ergebnis, dass arme, ungebildete und oft durch Sehstörungen behinderte Kunden von M-Pesa Ziel von unfairen Vertriebspraktiken waren. Dazu gehörten intransparente Angebote für teure Abonnements von Klingeltönen, die mit einem Klick abzuschließen, aber für diese Klientel ohne Hilfe nur sehr schwer wieder zu kündigen waren. Die Autorinnen schlussfolgerten, dass die marginalisierten Menschen in Kenia nicht von M-Pesa profitierten, wohl aber Safaricom.[13] Auch der Entwicklungsökonom Alan Gibson kam in einer Studie, welche der an der Entwicklung und Verbreitung von M-Pesa beteiligte Financial Sector Development Trust Kenya aus Anlass seines 10-jährigen Jubiläums in Auftrag gegeben hatte, zu einem ähnlichen Resümee. Er beklagte, dass die Kreditvergabe an Unternehmen sich durch M-Pesa nicht verbessert habe, und dass die Kreditverfügbarkeit für den wichtigen Agrarsektor sich sogar verschlechtert habe, und resümierte, dass der Finanzsektor stark von M-Pesa profitiert habe, während sich die Lebensbedingungen der Bevölkerung nicht verbessert hätten.[14]

Milford Bateman u. a. kommen in einer kritischen Besprechung des einflussreichen Beitrags von Suri und Jack in "Science" sogar zu dem Schluss, dass die Verbreitung von M-Pesa zulasten kostenloser Bargeld-Transaktionen die wirtschaftliche Entwicklung Kenias behindert habe. Sie diagnostizieren schwere methodische Mängel der Studie von Suri und Jack, die positive Effekte von M-Pesa bei der Bekämpfung der Armut festgestellt hatte. Als Gegenstück zu den durch M-Pesa begünstigten Gründungen von Mikro-Unternehmen und kleinen Handelsaktivitäten durch M-Pesa-Kundinnen hätten aus ihrer Sicht unbedingt die Verdrängung schon bestehender Kleinstunternehmen in der Region und nach kurzer Zeit gescheiterte Gründungen berücksichtigte werden müssen.Bateman u. a. bezeichnen M-Pesa als ein extraktives Geschäftsmodell. Es generiere durch Bepreisung unzähliger kleiner Transaktionen hohe Gewinne, die zu einem großen Teil an Anteilseigner von Safaricom im Ausland transferiert würden. Das bedeute einen Entzug von regionaler Kaufkraft, der es den regionalen Unternehmen erschwere, genug Nachfrage zu finden.[15]

In Sachen Datenschutz wird kritisiert, dass es in Kenia bisher kein Datenschutzgesetz gibt, was dazu führt, dass Safaricom sensible Daten seiner Nutzer recht freizügig nutzen und weitergeben kann. Zu einem größeren Datenskandal kam es zuletzt im Mai 2019, als Daten von 11,5 Millionen M-Pesa-Nutzern, die das System für Glückspiel genutzt hatten, auf dem Schwarzmarkt angeboten wurden.[16]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Horand Knaup: Kenia erlebt ein Handy-Wirtschaftswunder Bericht von Spiegel Online vom 10. Januar 2010
  2. Anna Sleegers: Grün wie die Hoffnung Bericht der Frankfurter Rundschau vom 29. Dezember 2010
  3. Lynsey Chutel: MTN gibt Mobiles Geld in Südafrika auf Bericht vom 16. September 2016
  4. New MPESA tariffs released, 2013-02.
  5. M-PESA statistics, 2013–11.
  6. Safaricom Limited Announces Unaudited Results for the First Half Ended 30th September 2011 (Memento vom 26. Mai 2012 im Internet Archive)
  7. Anja Bengelstorff: A Global Success from Kenya (Memento vom 7. September 2015 im Internet Archive) Veröffentlicht von der Credit Suisse am 6. August 2015.
  8. a b What is M-Pesa? In: Vodafone Group. Abgerufen am 17. Mai 2015 (englisch).
  9. Vodafone M-Pesa - mobile money service that has transformed the lives of millions of people launched in Albania. Medienmitteilung. (Nicht mehr online verfügbar.) In: Vodafone Albania. 5. Mai 2015, archiviert vom Original am 18. Mai 2015; abgerufen am 17. Mai 2015 (englisch). i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.vodafone.al
  10. Bill and Melinda Gates Foundation (2013). "Fighting Poverty Profitably. Transforming the Economics of Payments to Build Sustainable, Inclusive Financial Systems"
  11. United Nations. 2018. Financing for Development: Progress and Prospects 2018 – Report of the Inter-Agency Task Force on Financing for Development. New York: United Nations.
  12. Bill and Melinda Gates Foundation (2013). "Fighting Poverty Profitably. Transforming the Economics of Payments to Build Sustainable, Inclusive Financial Systems"
  13. Susan Wyche, Nightingale Simiyu, and Martha Othieno (May 2016). "Mobile Phones as Amplifiers of Social Inequality Among Rural Kenyan Woman" ACM Trans.-Comput.-Human.-Interact., Vol. 23, Nr. 3, Art. 14
  14. Alan Gibson: Ten Years of a Market Systems Approach in the Kenyan Financial Market. FSD Kenya, August 2016.
  15. Milford Bateman, Maren Duvendack & Nicholas Loubere: "Is fin-tech the new panacea for poverty alleviation and local development? Contesting Suri and Jack’s M-Pesa findings published in Science." Review of African Political Economy. June 2019.[1] bzw. in frei zugänglicher Kurzform: Bateman, Duvendack, Loubere: "Another False Messiah: The Rise and Rise of Fin-tech in Africa." Review of African Political Economy Blog.
  16. Maximilian Henning: Kenia: Daten von 11,5 Millionen Kunden eines Providers landen auf dem Schwarzmarkt. In: Netzpolitik.org. 2. Juli 2019, abgerufen am 2. Juli 2019 (deutsch).