Maren Lorenz

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Maren Lorenz bei einer Tagung im März 2015 in Düsseldorf.

Maren Lorenz (* 1965) ist eine deutsche Historikerin mit dem Schwerpunkt Frühe Neuzeit. Lorenz lehrt seit Dezember 2014 als Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit und Geschlechtergeschichte an der Ruhr-Universität Bochum.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Maren Lorenz studierte von Wintersemester 1987/88 bis Wintersemester 1992/93 Geschichte, Politikwissenschaften und Psychologie an den Universitäten Heidelberg, Wien und Hamburg. Im April 1993 folgte der Magister in Hamburg mit einer körper- und kulturhistorischen Arbeit zu Kindsmord im Spiegel der Gerichtsmedizin des 18. Jahrhunderts. Von 1994 bis 1996 war Lorenz Stipendiatin der Landesgraduiertenförderung des Saarlandes. Von Dezember 1996 bis Dezember 1998 war sie Stipendiatin im Arbeitsbereich „Theorie und Geschichte der Gewalt“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Im Februar 1998 wurde sie bei Richard van Dülmen an der Universität des Saarlandes promoviert. Von September 1998 bis Mai 2007 war Lorenz wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.

Im Januar 2006 erfolgte ihre Habilitation an der Universität Hamburg mit einer Arbeit über militärische und kriegerische Gewalt im halben Jahrhundert nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges. Im Wintersemester 2009/10 hatte sie die Käthe Leichter-Gastprofessur an der Universität Wien inne. Im Wintersemester 2011/12 übernahm sie eine Lehrstuhlvertretung an der Universität Basel. Von Mai 2012 bis 2014 war sie Visiting Associate Professor (außerplanmäßige Gastprofessorin) für Deutsche Kulturwissenschaften und Geschichte an der University of Toronto. Von Mai 2012 bis 2014 war sie außerdem Leiterin des kanadischen Information Centre (IC) des DAAD in Toronto. Im Jahr 2014 hat Lorenz einen Ruf an die Ruhr-Universität Bochum auf eine W3-Professur für Geschichte der Frühen Neuzeit und Geschlechtergeschichte zum 1. Dezember 2014 angenommen. Zugleich lehnte sie einen Ruf an die Freie Universität Berlin auf eine W2- Professur für Geschichte der Frühen Neuzeit ab.

Forschungsschwerpunkte von Lorenz sind u.a die Neuere Kulturgeschichte, die Wissenschafts- und Ideengeschichte, die Kriminalitätsgeschichte und Gewaltforschung, die Körpergeschichte, Gender Studies sowie das Verhältnis der Geschichtswissenschaft zu den neuen Medien. In ihrer kulturhistorischen Dissertation will Lorenz „Einblick in die Aneignung und den Gebrauch von Körperbildern, Denkstrukturen und Wahrnehmungskategorien frühneuzeitlicher Menschen“ gewinnen.[1] Grundlage dazu bilden rund 1800 Fälle aus deutschsprachigen Gutachtensammlungen, die zwischen 1730 und 1804 veröffentlicht wurden. Ihre Habilitation versteht Lorenz als „Beitrag zur Kulturgeschichte der Gewalt“ und erweitert die Perspektive auf mentalitäts- und kulturgeschichtliche Fragestellungen.[2] Zugleich distanziert sie sich von herkömmlichen Perspektiven der Militär- und Politikgeschichte. Der Schwerpunkt der Studie liegt auf den gewaltsamen Konflikten zwischen Militär und Zivilbevölkerung in den schwedisch beherrschten Reichsterritorien Bremen-Verden und Schwedisch-Pommern. Erstmals wurden dabei von Lorenz die vollständig erhaltenen Akten der schwedischen Militärgerichtsbarkeit in deutschen und schwedischen Archiven ausgewertet.[3] Insgesamt wurden 14 Archive konsultiert. Die Grundannahme ihrer Untersuchung ist, dass „fortgesetztes (kollektives) gewaltsames Handeln eine grundlegende Wirkung auf Motivation und Handeln der Betroffenen (Handlungssubjekte, -objekte und Zeugen) hat“.[4] Methodisch untersucht Lorenz Gewalthandeln auf Basis des Habitus-Konzeptes vom französischen Soziologen Pierre Bourdieu.[5] Als entscheidend für die Gewalteskalation sieht Lorenz neben den Erfordernissen der militärischen Versorgung und dem Kampf um alltägliche materielle Lebensressourcen, verursacht durch zu geringe Soldzahlungen, die Ehrverletzungen an. Nach Lorenz waren es vor allem die älteren Soldaten, die zur Gewalt neigten, während sich die jüngeren Soldaten oft respektvoll gegenüber der Zivilbevölkerung verhielten.[6] Gewalt gegen die Zivilbevölkerung wurde von der Militärjustiz kaum verfolgt und nur in seltenen Fällen wurden Strafen verhängt. Auf zahlreiche Vergehen wurde statt der Todesstrafe eine Begnadigung zum mehrfachen Gassenlaufen angeordnet. Mit diesen Maßnahmen wollte man keineswegs einen „kaltblütigen Kämpfertypus“ heranziehen,[7] sondern die Einsatzfähigkeit des Soldaten aufrechterhalten. Militärjustiz und Militärordnungen hatten nur eine „Alibi- und Appellfunktion“.[8] Dagegen wurde bei innermilitärischen Machtkämpfen nicht nur genau ermittelt, sondern auch drakonische Strafen verhängt. Der Rezensent der Zeitschrift für Historische Forschung urteilte, sie habe eine „in vieler Hinsicht richtungsweisende Pionierarbeit“ vorgelegt.[9] Lorenz legte mit ihrer Arbeit erstmals Ergebnisse zur historischen Kriminalitätsforschung für den Bereich der Militärjustiz im 17. Jahrhundert vor.[10] Nach der Besprechung von Hans Medick in der Historischen Zeitschrift legte Lorenz mit ihrer Studie „einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Formen, Praktiken und Wahrnehmungen militärischer Gewalt in einer besonderen halbkolonialen Situation und einer wichtigen Periode der Frühen Neuzeit“ vor. Allerdings können nicht alle Perspektiven der Studie „vollständig überzeugen“.[11] Nach der Besprechung von Frank Göse in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft ist das von Lorenz gezeichnete Bild nahezu unveränderter Verhältnisse nach Abschluss des Westfälischen Friedens problematisch. Auch bei den Militärs sind nach Göses Ansicht Pietismus, Aufklärung und Verrechtlichungsprozesse eingezogen.[12]

In ihrer 2000 veröffentlichten Darstellung Leibhaftige Vergangenheit. Einführung in die Körpergeschichte hat Lorenz die zahlreichen internationalen und deutschsprachigen körperhistorischen Studien zum ersten Mal systematisch aufgearbeitet und damit die erste deutschsprachige Einführung zur Körpergeschichte vorgelegt. Unter Körpergeschichte versteht Lorenz die „Historisierung [...] der pluralen Körper in der Geschichte der Menschheit“.[13] Dabei spielen für Lorenz nur solche Arbeiten eine Rolle, „die mittels Fragen nach überlieferten Körpervorstellungen und -praktiken versuchen, Antworten auf Gesellschaftskonstituierung zu finden.“[14] Die Darstellung wurde von Katja Patzel-Mattern als Pionierarbeit gewürdigt.[15] Im Jahr 2009 legte Lorenz eine Geschichte über den Vandalismus in Deutschland vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart vor.

Lorenz hat zahlreiche Studien über die Online-Enzyklopädie Wikipedia verfasst.[16] Die Entwicklung von Wikipedia im Bereich der Geschichtswissenschaft beurteilt Lorenz kritisch. Im Jahr 2011 bestritt sie eine grundsätzliche Zitierbarkeit der Artikelinformationen aus Wikipedia. Sie kritisierte u.a. die Qualität der Artikel und die unklare Autorschaft. Es gebe kein Qualitätsmanagement durch Fachlektoren und kein klar definiertes Kontrollsystem. Die biografischen Artikel würden überwiegend auf gemeinfreien Artikeln älterer Lexika basieren.[17]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kriminelle Körper - gestörte Gemüter. Die Normierung des Individuums in Gerichtsmedizin und Psychiatrie der Aufklärung. Hamburger Edition, Hamburg 1999, ISBN 3-930908-44-1 (= Zugleich: Saarbrücken, Universität, Dissertation, 1998).
  • Leibhaftige Vergangenheit. Einführung in die Körpergeschichte (= Historische Einführungen. Band 4). Edition diskord, Tübingen 2000, ISBN 3-89295-696-0.
  • Das Rad der Gewalt. Militär und Zivilbevölkerung in Norddeutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg (1650–1700). Böhlau, Köln u.a. 2007, ISBN 978-3-412-11606-4 (Zugleich: Hamburg, Universität, Habilitations-Schrift).
  • Vandalismus als Alltagsphänomen. Hamburger Edition, Hamburg 2009, ISBN 978-3-86854-204-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Maren Lorenz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Maren Lorenz: Kriminelle Körper - gestörte Gemüter. Die Normierung des Individuums in Gerichtsmedizin und Psychiatrie der Aufklärung. Hamburg 1999, S. 14. Vgl. die Besprechung von Hans-Ludwig Kröber in: Zeitschrift für Sexualforschung Jahrgang 13 (2000), S. 165–168.
  2. Maren Lorenz: Das Rad der Gewalt. Militär und Zivilbevölkerung in Norddeutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg (1650–1700). Köln u.a 2007, S. 11.
  3. Besprechung von Hans Medick in: Historische Zeitschrift 289 (2009), S. 466–468, hier: S. 467.
  4. Maren Lorenz: Das Rad der Gewalt. Militär und Zivilbevölkerung in Norddeutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg (1650–1700). Köln u.a 2007, S. 1.
  5. Maren Lorenz: Das Rad der Gewalt. Militär und Zivilbevölkerung in Norddeutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg (1650–1700). Köln u.a 2007, S. 25ff.
  6. Vgl. dazu die Besprechung von Martin Meier in: Militärgeschichtliche Zeitschrift 68 (2009), S. 163–165, hier: S. 164.
  7. Maren Lorenz: Das Rad der Gewalt. Militär und Zivilbevölkerung in Norddeutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg (1650–1700). Köln u.a 2007, S. 331.
  8. Maren Lorenz: Das Rad der Gewalt. Militär und Zivilbevölkerung in Norddeutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg (1650–1700). Köln u.a 2007, S. 330.
  9. Besprechung Sascha Möbius in: Zeitschrift für Historische Forschung 36 (2009), S. 360–362.
  10. Jutta Nowosadtko in: Historische Anthropologie 16 (2008), S. 312–314, hier: S. 313.
  11. Besprechung von Hans Medick in: Historische Zeitschrift 289 (2009), S. 466–468, hier: S. 468.
  12. Besprechung von Frank Göse in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 56 (2008), S. 667–669.
  13. Maren Lorenz: Leibhaftige Vergangenheit. Einführung in die Körpergeschichte. Tübingen 2000, S. 10.
  14. Maren Lorenz: Leibhaftige Vergangenheit. Einführung in die Körpergeschichte. Tübingen 2000, S. 13.
  15. Katja Patzel-Mattern: Rezension zu: Lorenz, Maren: Leibhaftige Vergangenheit. Einführung in die Körpergeschichte. Tübingen 2000, in: H-Soz-u-Kult, 17. September 2001, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-823>.
  16. Maren Lorenz: Repräsentation von Geschichte in Wikipedia oder: Die Sehnsucht nach Beständigkeit im Unbeständigen. In: Barbara Korte, Sylvia Paletschek (Hrsg.): History goes Pop. Zur Repräsentation von Geschichte in populären Medien und Genres. Bielefeld 2009, S. 289–312; Maren Lorenz: Wikipedia als Wissensspeicher der Menschheit - genial, gefährlich oder banal? In: Erik Meyer (Hrsg.): Erinnerungskultur 2.0: Kommemorative Kommunikation in digitalen Medien. Frankfurt am Main 2009, S. 207–236; Maren Lorenz: Wikipedia - ein Modell für die Zukunft? Zur Gefahr des Verschwindens der Grenzen zwischen Information und Infotainment. In: Marco Jorio, Cindy Eggs (Hrsg.): „Am Anfang ist das Wort.“ Lexika in der Schweiz. (Begleitpublikation zur Ausstellung: „Der Raum des Wissens - Lexika und Enzyklopädien in der Schweiz,“ 7. November 2008 bis 29. März 2009). Baden/CH 2008, S. 91–109; Maren Lorenz: Wikipedia. Zum Verhältnis von Struktur und Wirkungsmacht eines heimlichen Leitmediums. In: WerkstattGeschichte. 43 (2006), S. 84–95 (online)
  17. Maren Lorenz: Der Trend zum Wikipedia-Beleg. Warum Wikipedia wissenschaftlich nicht zitierfähig ist. In: Forschung & Lehre, Band 18 (2011), 2, S. 120–122 (online)