Der Gevatter Tod

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Dieser Artikel behandelt das Märchen; zum gleichnamigen Roman von Terry Pratchett siehe Gevatter Tod.

Der Gevatter Tod ist ein Märchen (ATU 332). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 44 (KHM 44). Ludwig Bechstein übernahm es in sein Deutsches Märchenbuch als Gevatter Tod (1845 Nr. 20, 1853 Nr. 12).

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein armer, verzweifelter Mann sucht für sein dreizehntes Kind einen Gevatter (Taufpaten). Den lieben Gott weist er ab („du gibst den Reichen und lässt den Armen hungern“), ebenso den Teufel („du betrügst und verführst die Menschen“) und akzeptiert erst den Tod, „der alle gleich macht“. Als der Patensohn herangewachsen ist, zeigt der Tod ihm ein Kraut, womit er Kranke heilen darf, wenn er den Tod bei ihrem Kopf, nicht aber bei ihren Füßen sieht. Er warnt ihn gleichzeitig, das Kraut nicht gegen den Willen des Todes zu benutzen. Bald gilt er als Arzt, der für seine Klarsichtigkeit und seine Erfolge berühmt ist, und er wird reich. Als der König und danach die Königstochter schwer erkranken und er zu Hilfe geholt wird, wird ihm die Tochter des Königs als Frau versprochen. Da der Tod bei den Füßen der Königstochter steht, trickst der Mann den Tod aus, indem er sie im Bett in die andere Richtung dreht. Der Tod wird zornig, sieht ihm den Betrug aber einmal nach. Beim zweiten Mal holt er sich den Mann und zeigt ihm in einer Höhle die Lebenslichter der Menschen. Seines ist am Verlöschen. Der Mann bittet um Gnade und um Verlängerung seines Lebens. Zum Schein geht der Tod auf seine Bitte ein, lässt aber aus Rache das Restchen seines Lebenslichts fallen, und der Arzt stirbt.

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der ersten Ausgabe von 1812 fehlt der Satz „So sprach der Mann, weil er nicht wusste, wie weislich Gott Reichtum und Armut verteilt“. Der Teufel kommt nicht vor. Statt am Kraut lässt der Doktor die Kranken an einem Fläschchen riechen und salbt ihnen damit die Füße. Sein Gevatter Tod bringt ihn am Schluss nicht um, sondern zeigt ihm nur sein schwaches Licht unter den übrigen und sagt: „Das ist dein Leben, hüt’ dich!“ Heinz Rölleke erklärt solche Änderungen als Reaktion der Brüder Grimm auf Kritik an ihren Märchen, hier vor allem den Vorwurf der Areligiösität.[1] In einem Schlussfragment aus Grimms Nachlass erbittet der Arzt ein letztes Vaterunser und legt den Tod herein, indem er es nicht zu Ende betet (vgl. KHM 81).[2]

Grimms Anmerkung notiert „Aus Hessen“ (von Marie Elisabeth Wild), wo der Arzt aber nur gewarnt wird, vorliegender Schluss stamme aus Schillings Abendgenossen 3, 145-286. Das Alter des Märchens beweise auch ein Meistergesang von Hans Sachs, 1553, in einem weiteren von Heinrich Wolf weise erst der Teufel, dann der Tod den Bauern ab. In Jakob Ayrers Fastnachtspiel vom „Baur mit seim Gevatter Tod“ weist er Jesus und den Teufel ab, der schickt ihm den Tod, der Gevatter steht. Sie nennen noch Praetorius' Glückstopf „S. 147–149“, Pröhles Kindermärchen Nr. 13, Wolfs Hausmärchen „S. 365“. Sie bemerken, wie die Vorstellung der Lebenslichter auch in der Redensart „das Lebenslicht ausblasen“ anklingt, auch im griechischen Mythos sei das Leben an ein brennendes Scheit gebunden. Jacob Grimm untersuchte diese Vorstellung auch in Bezug auf das Märchen in seiner Deutschen Mythologie und verwendet es später in der Vorrede zum Deutschen Wörterbuch: „meine Tage, nach dem gemeinen menschlichen losz, sind nahe verschlissen, und das mir vom lebenslicht noch übrige endchen kann unversehens umstürzen“. Die Brüder Grimm gaben 1815 gemeinsam Hartmann von Aues Der arme Heinrich heraus, wo es heißt:

Dirre werlte veste,
ir staete und ir beste
und ir groeste mankraft,
diu stât âne meisterschaft.
des muge wir an der kerzen stehen
ein wârez bilde geschehen,
daz sî zeiner aschen wirt
iemitten daz sî lieht birt.

Auch die Wendung „da war für ihn kein Kraut mehr gewachsen“ ist verbreitet, so auch in Hans Sachs' Gedicht Gevatter Tod (1547):

Darumb ist das als sprichwort war:
Kain krawt sei für den dot gewachsen,
Wirt auch verschonen nit Hans Sachsen.

Der Arzt benutzt das Lebenskraut trotzdem und hofft, der Tod drücke „wohl ein Auge zu“, der droht ihm „Du hast mich hinter das Licht geführt“ (vgl. KHM 7, 61), „so geht dir's an den Kragen“ (ab 6. Aufl.; vgl. KHM 27, 29, 171, 199), der aber „alle Gedanken in den Wind schlug“, da heißt es „es ist aus mit dir und die Reihe kommt nun an dich“, und er war nun selbst „in die Hand des Todes geraten“ (vgl. KHM 60, 71, 85).[3]

Hans-Jörg Uther zufolge war eine maßgebliche Vorlage Jakob Ayrers Fastnachtspiel Der Baur mit seim Gevatter Tod, das Jacob Grimm kannte, im Schlussteil auch eine Erzählung in Friedrich Gustav Schillings Abendgenossen. Vgl. KHM 27a Der Tod und der Gänshirt. Der Märchentext sei in die Nähe des Exempels zu stellen und ähnele vielen allegorischen Geschichten aus Spätmittelalter und Früher Neuzeit.[4]

Interpretation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Überraschend erscheint, dass der Tod bei den Füßen eine tödliche Krankheit darstellt und beim Kopf eine harmlose. In einigen Erzählungen ist es umgekehrt.[5] Damit wird vielleicht angedeutet, dass der Tod die Menschen ja nicht vernichtet, sondern ihnen nur die physische Erdhaftung nimmt. Geht man weiterhin von einer Interpretation des Königs und seiner Tochter als Geist und Seele aus, handelt der Arzt vielleicht weise trotz seiner Vermessenheit, den Tod zu manipulieren, da er die geistige und seelische Gesundheit bewahrt. Hedwig von Beit deutet es so, dass am Kopf das Bewusstsein herrscht, zu Füßen die Unterwelt, doch ist der Tod daran nicht gebunden. Er sei hier als geistiger Vater zu verstehen und vereint in sich Licht und Dunkelheit. In einer isländischen Variante lehrt er den Helden.[6] Vgl. KHM 42 Der Herr Gevatter, zum Patengeschenk auch KHM 126 Ferenand getrü und Ferenand ungetrü. Vgl. Die drei dummen Teufel in Ludwig Bechsteins Deutsches Märchenbuch.

Das Unglück des 13. Kindes treibt den armen Vater zum kopflosen Hilferuf an den Paten, von dem wie vom Arzt übernormale Fähigkeiten erwartet werden. Gott und Teufel lehnt er ab wegen Ungerechtigkeit bzw. moralische Zweideutigkeit. Die Direktheit des Todes (der unabhängig von jeglicher Religion handelt) spricht ihn an. Sein Sohn erbt ihn als Lebensthema. Der Tod als Gleichmacher (in „gleich“ steckt ‚leich‘, also ‚denselben Körper habend‘) ist Gleichnis für die Paradoxien im Leben. Der Todeswunsch des verzweifelten Vaters wandelt sich im Sohn, das entspricht auch der Bedeutung der Taufe (Römer 6,3 ff.). Der Tod führt ihn zum Kraut im Walde, d. h. zur Heilkraft im Unbewussten (vgl. Die drei Schlangenblätter, Gilgamesch). Der Arzt ist stets nur Heilgehilfe der Natur oder der Seele. Dabei sind Nahtoderfahrungen bzw. Synchronizitätsereignisse besonders eindrucksvoll. Auch im griechischen Mythos ist die Welt zwischen Zeus, Poseidon und Hades aufgeteilt. Hades ist auch unsichtbar, der Eingang zu seiner Unterwelt liegt auch in Höhlen. Als Pluto verfügt er über Heilpflanzen und Reichtum. Herakles will ihn überlisten. Asklepios, der berühmteste Arzt der antiken Welt, lernte beim heilkundigen Chiron, dem Bruder des Totenfährmanns Charon, fand auch ein Heilkraut und wurde von Zeus’ Blitz erschlagen. Die Methode seiner Nachfolger umfasste einen Heilschlaf, wobei der Gott im Traum das Heilmittel verkündete (der Schlaf galt als des Todes Bruder). Nach Paracelsus basiert Heilkunde auf Erkenntnis vom „Licht der Natur“ (Philosophie), auf dem Wissen um die „Zeitigung“ des Todes (Astronomie), an die man sich halten muss, und auf Kenntnis der Heilmittel (Alchemie). Man kann Größenphantasien bei einem so erfolgreichen jungen Arzt vermuten. Erstmals überwirft er sich als Trickster mit einer seiner Vatergestalten, um eine schon kranke Herrschaft künstlich zu verlängern, obwohl er nur sagen sollte „ob Genesung möglich wäre“. Die zweite Wunderheilung ist durch die Liebe motiviert, die durch schwierige Elternhäuser erschwert ist. Die Jenseitsfahrt in die Höhle mit Lichtern, tiefenpsychologisch eine Fahrt ins Unbewusste mit Tod und Wiedergeburt des Ich, entspricht einer Schamanenweihe oder der Geburt in psychedelischen Erfahrungen. Die göttliche Strafe, wie bei Prometheus’ Feuerraub oder der Vertreibung aus dem Paradies, ist typisch abendländisch.[7]

Eugen Drewermann zeigt, wie die Ablehnung herrschender Zwangsdogmen, nach denen Ablehnung des „lieben Gottes“ zur Verführung durch den Teufel (Mt 4,1–11 EU) hätte führen müssen, bei der Lebenserfahrung des armen Mannes keine psychologische, sondern eine moralische Frage ist. Dieser praktische Atheismus und Pragmatismus passt zur modernen Medizin. Durch das Wagnis der Liebe wird der Arzt wieder Mensch und der Tod sein Feind (vgl. Inanna, Isis, Alkestis, Orpheus). Wie mit der Verzweiflung umgegangen werden soll, bleibt offen.[8] Homöopathen verglichen das Märchen mit den Arzneimittelbildern von Causticum Hahnemanni[9] und Plumbum.[10]

Vgl. auch Des Teufels Pate in Ludwig Bechsteins Deutsches Märchenbuch von 1845, oder das bretonische Märchen Der gerechte Mann, in dem allerdings der Vater des Knabens als Freund des Todes in den Mittelpunkt tritt. B. Travens Novelle Macario (1950) (auch unter dem Titel: Der dritte Gast), die 1953 durch die New York Times zur besten Kurzgeschichte des Jahres gewählt wurde, ist die leicht variierte Übertragung des Märchens Der Gevatter Tod in ein mexikanisches Umfeld.

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hörspiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Jahren 1951 und 1954 entstanden beim NWDR Hamburg und bei Radio Bremen zwei Hörspiele in niederdeutscher Sprache unter dem Titel Krut gegen den Dood (Kraut gegen den Tod) auf Grundlage des Märchens, welches von dem niederdeutschen Dichter Hans Heitmann neu gestaltet wurde und mit einem veränderten Schluss, in dem der Herrgott in das Geschehen eingreift und die jungen Leute frei gibt, versehen hat.

Angaben zu den Produktionen:

Abspieldauer: 45'50 Minuten. Das Tondokument ist noch erhalten.

Abspieldauer: 84'57 Minuten. Das Tondokument ist noch erhalten.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Vollständige Ausgabe. Mit 184 Illustrationen zeitgenössischer Künstler und einem Nachwort von Heinz Rölleke. 19. Auflage. Artemis & Winkler Verlag, Patmos Verlag, Düsseldorf / Zürich 1999, ISBN 3-538-06943-3, S. 247–250.
  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe. Reclam-Verlag, Stuttgart 1994, ISBN 3-15-003193-1, S. 81–83, 461.
  • Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 105–108.
  • Lothar Bluhm und Heinz Rölleke: „Redensarten des Volks, auf die ich immer horche“. Märchen - Sprichwort - Redensart. Zur volkspoetischen Ausgestaltung der Kinder- und Hausmärchen durch die Brüder Grimm. Neue Ausgabe. S. Hirzel Verlag, Stuttgart/Leipzig 1997, ISBN 3-7776-0733-9, S. 75–80.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Der Gevatter Tod – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Heinz Rölleke. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Vollständige Ausgabe. Mit 184 Illustrationen zeitgenössischer Künstler und einem Nachwort von Heinz Rölleke. 19. Auflage. Artemis & Winkler Verlag, Patmos Verlag, Düsseldorf / Zürich 1999, ISBN 3-538-06943-3, S. 865–866.
  2. Heinz Rölleke (Hrsg.): Märchen aus dem Nachlass der Brüder Grimm. 5. verbesserte und ergänzte Auflage. WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier, Trier 2001, ISBN 3-88476-471-3, S. 42, 108.
  3. Lothar Bluhm und Heinz Rölleke: „Redensarten des Volks, auf die ich immer horche“. Märchen - Sprichwort - Redensart. Zur volkspoetischen Ausgestaltung der Kinder- und Hausmärchen durch die Brüder Grimm. Neue Ausgabe. S. Hirzel Verlag, Stuttgart/Leipzig 1997, ISBN 3-7776-0733-9, S. 75–80.
  4. Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 105–108.
  5. So z. B. bei B. Traven, Macario, Mexiko 1961, S. 64: „(...) denn wenn ich zu Häupten des Kranken stehe, wird er sterben, ganz gleich, ob du etwas tust oder nicht“.
  6. Hedwig von Beit: Symbolik des Märchens. Versuch einer Deutung. 4. Auflage. Francke, Bern und München 1971, S. 112–114.
  7. Helmut Hark: Der Gevatter Tod. Ein Pate fürs Leben. 2. Auflage, Kreuz Verlag, Zürich 1991, ISBN 3-268-00025-8.
  8. Eugen Drewermann: Rapunzel, Rapunzel, laß dein Haar herunter. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. 8. Auflage. dtv, München 2004, ISBN 3-423-35056-3, S. 283–315.
  9. Martin Bomhardt: Symbolische Materia medica. 3. Auflage. Verlag Homöopathie + Symbol, Berlin 1999, ISBN 3-9804662-3-X, S. 416.
  10. Jane Cicchetti: Träume, Symbole und Homöopathie. Archetypische Dimensionen des Heilens. Homöopathie + Symbol, Berlin 2010, ISBN 978-3-937095-16-5, S. 244.