Marienkirche (Rendsburg)

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Rendsburg St.-Marien-Kirche von SO

Die Marienkirche ist eine spätgotische Backsteinhallenkirche und damit die älteste Kirche in Rendsburg.

Bau und Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rendsburger Marienkirche auf einem alten Stich (vor 1579)

Bis Mitte des 13. Jahrhunderts gehörten die Einwohner der Reinoldsburg zum Kirchspiel Jevenstedt, das schon vor 1190 über eine eigene Kirche verfügte. Eine erste Kirche in Rendsburg in der Altstadt auf der Eiderinsel ist bereits 1236/46 bezeugt, die dem Domkapitel von Hamburg angehört. Diese erste Kirche, deren Aussehen nicht überliefert ist, brannte bei dem Stadtbrand 1286 nieder. 1287 wurde mit dem Bau der heutigen Kirche auf der höchsten Stelle der Eiderinsel begonnen. Der 5/8-polygonale Chor wurde um 1300 fertiggestellt, um 1330 die dreischiffige, vierjochige Halle aus Backstein. Der niedrige Turm zwischen zwei älteren Kapellen vom Anfang des 15. Jahrhunderts stammt von 1454. Das Gewölbe wurde kurz nach seiner Fertigstellung ausgemalt. Davon haben sich die Darstellung des Auferstandenen, Engel, Drachenköpfe und Christophorus erhalten. Ranken und Ornamente an den Rippen und Bögen stammen aus dem 15. Jahrhundert.

Die Einführung der Reformation in Rendsburg begann 1528, als Herzog Friedrich I., der das Kirchenpatronat innehatte, den lutherischen Prediger Dr. Peter Mellitius als Pleban einsetzte. Da die bisherigen Priester im Amt blieben, wurden über zehn Jahre lang nebeneinander evangelische und katholische Gottesdienste gehalten. Erst unter Johan Meier, der von 1532 ab dreißig Jahre lang Pastor der Marienkirche war, setzte sich die Reformation langsam und friedlich durch.

1579 erhielt der Turm seine Spitze. Gleichzeitig wurde der Dachreiter aufgesetzt. Beide wurden mehrmals renoviert. Nach der Beschädigung während der Schleswig-Holsteinischen Erhebung von 1848/49 wurden Kirchenschiff und Turm vom Regierungsbaumeister Johann Friedrich Holm im Stil der Neugotik restauriert. Dabei wurden die ursprünglichen Eingänge an der Nord- und Südseite des Kirchenschiffs durch das neugeschaffene Westportal und Durchgänge zum Turmraum ersetzt. Der Lettner von 1663 wurde dabei beseitigt und stattdessen Emporen eingezogen. 1922 wurde die 1850 vergrößerte Orgelempore erneut umgebaut. Dabei wurden die Reliefs aus dem abgerissenen Emporengestühl der Familie Gude von 1603, die Szenen aus dem Alten Testament und der Passion Christi zeigen, sowie Gedenktafeln zweier Familien von 1674 und 1682 eingefügt.[1] Die freigebliebenen Flächen wurden mit weiteren Szenen ausgemalt.

Blick zum Altar

Die Marienkirche gehört zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. Zur Gemeinde gehört außerdem die 1959 eingeweihte Bugenhagenkirche im Stadtteil Schleife.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kanzel (1621)
Altar des Bildschnitzers Claussen (1648)

Das älteste Inventar ist das bronzene Taufbecken aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Die Fünte steht auf drei Figuren und zeigt zwischen vier Darstellungen des thronenden Christus den heiligen Georg mit dem Drachen, den heiligen Martin von Tours, den Sündenfall und das Wappen des Stifters. Die lateinische Umschrift steht auf dem Kopf. Der um 1600 entstandene Taufdeckel befindet sich heute in der nördlichen Turmkapelle.

Das zweitälteste Stück ist eine Kreuzigungsgruppe von 1510.

Kanzel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kanzel von dem Rendsburger Schnitzer Hans Peper im Stil der Spätrenaissance stammt von 1597 und war eine Stiftung des Bürgermeisters Peter Gude. Nach dem Einsturz eines Pfeiler 1619 aufgrund der Eröffnung der Gudeschen Gruft in der Nähe des mittleren Südpfeilers am damaligen Standort der Kanzel wurde sie 1621 erneut in Auftrag gegeben und von Hans Peper nach den alten Entwürfen hergestellt.[2] Auf dem Schalldeckel sind die Evangelisten und das Wappen der Stifterfamilie Gude dargestellt, der Kanzelkorb zeigt Reliefs mit der Erschaffung Evas, Verkündigung, Weihnachten, Kreuzigung, Auferstehung und Jüngstes Gericht.

Altar[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Altar wurde von Elisabeth Beling gestiftet.[3] Der Altar ist ein Werk des Dithmarscher Holzschnitzers Henning Claussen[4] aus Neuenkirchen von 1649 und Hauptwerk des volkstümlichen Stils des späten Manierismus. In seinen von reichen Ornamenten gerahmten Reliefs und freistehenden Figuren bietet er ein die lutherische Lehre verdeutlichendes Bildprogramm. Die Bildtafeln der Predella, als einzige Teile des Altars nicht aus Holz, sondern aus Alabaster gefertigt, zeigen neben dem Abendmahl Jesu zwei Speisungswunder aus der Wüstenwanderung des Volkes Israel. Im Hauptgeschoss ist die Kreuzigung Christi zwischen Mose als dem Repräsentanten des Gesetzes und Johannes dem Täufer als Hinweis auf die Erlösung durch Gnade dargestellt, darüber freistehende Apostel- und Evangelistenfiguren mit Bibeln in den Händen als Hinweis auf die Grundlage des Glaubens. Darüber ist die Auferstehung verbildlicht, darüber ein Medaillon, in dem 1 Kor 16,22 EU umgeben von Engeln mit Marterwerkzeugen vor dem Jüngsten Gericht warnt: "So jemand den Herrn Jesus Christus nicht liebhat, der sei Anathema maharam motha." Die beiden letzten Wörter sind wohl eine Verschreibung von Maranatha. Gekrönt wird der Aufbau durch eine Petrus-Figur, ebenfalls mit Bibel in der Hand. In den Flügeln sind die Opferung Isaaks und die Taufe Christi dargestellt. Die ursprüngliche Bemalung wurde 1969 wieder freigelegt.

Ein Lutherbild von 1817 stammt von dem italienischen Maler Pellicia, der Gut Emkendorf ausmalte.

Die Rendsburger St. Marienkirche erhielt reichhaltige Stiftungen Rendsburger Bürger. Im 16. und 17. Jahrhundert ließen ansässige adlige Familien und Rendsburger Bürgermeister - z.T. noch zu Lebzeiten - prächtige Epitaphien aufhängen.

Die Glasfenster im Chor zeigen Kreuzigung und Auferstehung und wurden 1899 gestiftet. Die Ostfenster im Kirchenschiff, die vier Evangelisten, gestaltete die Künstlerin Käte Lassen. Sie befinden sich seit 1948 an ihrem Platz. Das Fenster über dem Westeingang ist eine Stiftung zum 700-jährigen Jubiläum 1987 und wurde von Dorothee Wallner geschaffen.

Die Kirche hat zusätzlich zu der Hauptorgel eine 1988 gestiftete Chororgel.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blick zur Orgel
Orgelempore mit Reliefs

Die Orgel wurde 1972 von der Orgelbaufirma Walcker (Ludwigsburg) erbaut. 1995 wurde das Instrument von der Orgelbaufirma Paschen technisch überarbeitet und neu intoniert. Es hat 44 Register auf drei Manualwerken und Pedal (die nachfolgende Bezifferung ist die am Spieltisch).[5]

I Hauptwerk C–g3
28. Quintadena 16′
29. Prästant 8′
30. Rohrflöte 8′
31. Oktave 4′
32. Spitzflöte 4′
33. Nasard 22/3
34. Waldflöte 2′
35. Rauschpfeife II
36. Mixtur V
37. Trompete 8′
38. Tremolo
II Schwellwerk C–g3
12. Lieblich Gedackt 16′
13. Prinzipal 8′
14. Gamba 8′
15. Schwebung 8′
16. Koppelflöte 8′
17. Oktave 4′
18. Blockflöte 4′
19. Gemshorn 2′
20. Sesquialtera II
21. Oktave 1′
22. Kornett
23. Mixtur VI
24. Bärpfeife 16′
25. Oboe 8′
26. Tremolo
III Positiv C–g3
1. Gedackt 8‘
2. Prinzipal 4‘
3. Rohrflöte 4‘
4. Singend Oktav 2‘
5. Terzflöte 13/5
6. Sifflöte 11/3
7. Scharffzimbel IV-V
8. Dulzian 16‘
9. Holzkrummhorn 8‘
10. Tremolo
11. Zimbelstern
Pedalwerk C–f1
41. Prästant 16′
42. Subbaß 16′
43. Quinte 102/3
44. Oktave 8′
45. Gedacktbaß 8′
46. Choralflöte 4′
47. Nachthorn 2′
48. Hintersatz V
49. Posaune 16′
50. Trompete 8′
51. Clarine 4′
  • Koppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P (Nr. 39, 40, 27, 52, 53, 54)

Die Chororgel wurde von der Orgelbaufirma Hillebrand erbaut. Es handelt sich um den Nachbau einer Renaissanceorgel. Das rein mechanische Instrument hat 7 Register auf zwei Manualwerken (Hauptwerk: Gedackt 8‘, Prinzipal 4‘, Oktave 2‘, Quinte1/3‘, Oktävlein 1‘; Unterwerk: Regal 8‘, Rohrflöte 4’), einen Zimbelstern und einen Tremulanten. Neben einer Manualkoppel lassen sich beide Manualwerke an das Pedal koppeln, das keine eigenen Register hat.

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von den fünf Glocken im Turm stammt die älteste mit dem Schlagton fis' vermutlich aus der Zeit der Erbauung der Kirche. Eine Zweite mit dem Schlagton e' stammt aus dem Jahr 1437. Sie wiegt 1.325 kg und trägt die Darstellung der Verkündigung und die Inschrift: „Sei gegrüßt Maria, voller Gnaden, der Herr ist mit dir.“ Die tiefste Glocke - mit Schlagton h° und einem Gewicht von etwa 2.750 kg - wurde 1753 von Johann Annowitz in Lübeck gegossen. Eine Inschrift gibt die Namen von drei Konsuln und sechs Senatoren der Stadt Rendsburg wieder. Die übrigen - eis' und gis' - wurden 1961 gegossen.

Im Dachreiter befinden sich zwei weitere Glocken, eine Stundenglocke von 1535 und eine Viertelstundenglocke von 1682.

Gutenbergbibel aus Rendsburg im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum Schloss Gottorf (Schleswig)

Gudesche Bibliothek[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Philologe Marquard Gude, Sohn des Bürgermeisters Peter Gude, vermachte bereits zu Lebzeiten Dubletten seiner reichhaltigen Bibliothek der Marienkirche. Dort sollten die Bücher oberhalb des Familienerbbegräbnisses aufbewahrt werden. Über die Jahrhunderte unbeachtet, gelangte die Sammlung ins Rendsburger Archiv, wo 1989 Fragmente einer Gutenbergbibel gefunden wurden, die heute auf Schloss Gottorf ausgestellt wird.[6]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Restaurierung der Schnitzreliefs an der Orgelempore der Rendsburger Marienkirche (pdf abgerufen am 5. Mai 2013; 4,4 MB)
  2. Inga Hehnen: Zwei Kanzeln und ein Todesfall (sh:z vom 11. Mai 2012)
  3. Zusätzlich stiftete die wohlhabende Witwe Elisabeth Beling ein Legat zur Besoldung eines zweiten Predigers.
  4. wirksam 1605–1656, siehe AKL, Bd. 19, S. 459.
  5. Informationen zur Orgel
  6. Gudesche Bibliothek im Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland, Band 1, S. 159

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Koordinaten: 54° 18′ 19″ N, 9° 39′ 55″ O