Marinus Schöberl

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Marinus Schöberl (* 4. September 1985 in Wolfen, heute zu Bitterfeld-Wolfen;[1][2]13. Juli 2002 in Oberuckersee-Potzlow) wurde bekannt als Mordopfer rechtsextremer Jugendlicher in Potzlow.

Tathergang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die alte Schweinemastanlage in Potzlow

Am 12. Juli 2002 wurde der 16-jährige Marinus Schöberl aus Gerswalde von drei Jugendlichen mit rechtsextremem Hintergrund in einer ehemaligen LPG-Schweinemastanlage von Potzlow ermordet. Das Opfer war an diesem Abend zuvor mit den Brüdern Marco und Marcel S. sowie Sebastian F. unterwegs gewesen, wobei sie gewaltsam in das Haus dreier Dorfbewohner eingedrungen waren, um dort etwas trinken zu können. Die Bewohner leisteten dagegen keinen Widerstand, sondern gingen auf die Veranda.[3] Nach dem Konsum reichhaltiger Mengen Alkohol fing Marco S. an zu behaupten, dass Schöberl, wegen seiner blondierten Haare und Baggy Pants, „wie ein Jude“ aussehe[4] und forderte ihn auf zu sagen, dass er einer sei.[3] Weil Schöberl das nicht tat, wurde er geschlagen, bis er blutete. Eine 42-jährige Frau, welche dies mitbekommen hatte, sagte zu Schöberl, dass er die Frage bejahen solle, damit sie aufhören.[3] Als er das tat, wurde er jedoch noch mehr gequält, indem sie ihn weiter schlugen, ihm eine Mischung aus Bier und Schnaps einflössten und auf ihn urinierten. Der Staatsanwalt stellte daher ausdrücklich fest, dass die Täter ihr Opfer vorher lange und grausam gequält hatten. In der Schweinemastanlage imitierten sie schließlich mit ihm eine Szene aus dem US-Film American History X (1998), in welchem eine Person durch einen sogenannten „Bordstein-Kick“ getötet wird.[5] Danach warfen sie ihn in die dortige ausgetrocknete Jauchegrube.[4] Ob er zu diesem Zeitpunkt noch lebte, ist unbekannt.[4] Das Verbrechen wurde aufgeklärt, weil ein Täter ein halbes Jahr später gegenüber Gleichaltrigen von der Tat berichtete.

Urteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vom Landgericht Neuruppin erhielt am 23. Oktober 2003 ein zur Tatzeit minderjähriger Täter zwei Jahre Jugendstrafe und wurde aus der Untersuchungshaft entlassen. Der Haupttäter erhielt acht Jahre und sechs Monate Jugendstrafe. Sein erwachsener Bruder, bei dem die Reststrafe aus einem früheren Überfall auf einen Afrikaner hinzugezogen wurde, erhielt 15 Jahre Freiheitsstrafe wegen versuchten Mordes. Für beide Verurteilten wirkten sich ihre Alkoholisierung und ein niedriger Intelligenzquotient von etwa 55 strafmildernd aus.[6] In der Presse wurde zudem berichtet, dass Marco S., wie sein Opfer, einen Sprachfehler hat, bereits im Kindergarten gemobbt worden sei, nur über den Abschluss der siebten Sonderschulklasse verfügt und sein Opfer deshalb ausgewählt haben könnte, da er Schöberl als noch schwächer als sich selbst ansah.[4]

Im August 2004 revidierte der Bundesgerichtshof in Leipzig das Urteil.[7] Eine andere Kammer des Landgerichts Neuruppin verhängte deshalb über den nach dem ersten Urteil Entlassenen drei Jahre Jugendstrafe.[8] Im Oktober 2010 wurde der Haupttäter Marcel S. nach acht Jahren Haft entlassen und die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt.[9]

Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenkstein für Marinus Schöberl vor der Potzlower Kirche

Die Geschehnisse dieses Tages wurden 2005 von Andres Veiel in einem Theaterstück des Berliner Maxim-Gorki-Theaters in einer Koproduktion mit dem Theater Basel szenisch dargestellt. Das Stück Der Kick wurde auch filmisch adaptiert; der gleichnamige Film kam im September 2006 in die Kinos. Eine Filmdokumentation von Jörg Jeshel und Brigitte Kramer über die Entstehung des Stücks und die Hintergründe der Tat wurde unter dem Titel „Potzlow –Geschichte X“ auf 3sat ausgestrahlt. Der Titel spielt auf den Film an, der die Täter „inspirierte“. 2007 erweiterte Veiel sein Dokumentar-Theaterstück zu dem Buch Der Kick. Ein Lehrstück über Gewalt.[10]

Der in Berlin lebende Südtiroler Autor Toni Bernhart thematisierte den Fall ebenfalls künstlerisch. Sein Theaterstück Martinisommer wurde 2006 im Rahmen des dritten Tiroler Dramatikerfestivals im Westbahntheater, Innsbruck, in Kooperation mit dem Theater in der Altstadt, Meran, uraufgeführt (Regie: Torsten Schilling) und vom ORF (Ö1) als Hörspiel produziert (Regie: Harald Krewer). Diese Hörspielproduktion lief 2006 auch als Live-Hörspiel im Wiener Burgtheater (Kasino). Toni Bernhart hatte Martinisommer während der Werkstatttage 2003 am Wiener Burgtheater entwickelt.

Die Gemeinde stellte auf Initiative des Pfarrers Johannes Reimer vor der Kirche von Potzlow einen Gedenkstein für Marinus Schöberl auf, der von Berliner Bürgern gespendet worden war.

2012 erschien der Dokumentarfilm Nach Wriezen von Regisseur Daniel Abma, der u. a. den Haupttäter Marcel S. nach seiner Entlassung aus der Justizvollzugsanstalt Wriezen drei Jahre lang begleitet.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hörspiel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gesine Schmidt, Andres Veiel: Der Kick. RBB/SWR 2005

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. hoehnepresse.de
  2. „Der Kick“ auf dtver.de mit Leseprobe (interner Link - PDF)
  3. a b c Gisela Friedrichsen: „Sag, dass du Jude bist!“, Spiegel Online, 7. Juni 2003.
  4. a b c d Michael Mielke: "Die Kinder waren immer sauber und ordentlich gekleidet", Welt.de, 26. Mai 2003.
  5. Sprachlosigkeit, Demütigung und Gewalt. – Interview mit Andres Veiel zu Der Kick
  6. Der Tagesspiegel vom 25. Oktober 2003 (Memento vom 19. Februar 2009 im Internet Archive)
  7. BGH Pressemitteilung vom 19. August 2004
  8. Strafe im Mordfall Potzlow verschärft. In: Die Welt, 22. Dezember 2004
  9. Der Tagesspiegel vom 16. Dezember 2010
  10. Das verschüttete Gedächtnis. In: Berliner Zeitung, 31. Juli 2007; Rezension