Markus Sittikus von Hohenems (Salzburg)

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Gemälde im Schloss Hellbrunn

Graf Markus Sittikus von Hohenems, auch Marcus Sitticus von Hohenems (* 24. Juni 1574 in Hohenems; † 9. Oktober 1619 in Salzburg) war von 1612 bis 1619 Fürsterzbischof des Fürsterzbistums Salzburg.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Graf Marcus Sitticus IV. von Hohenems entstammte dem Geschlecht der Herren von Ems. Er war das vierte Kind von Jakob Hannibal I. von Hohenems (1530–1587) und Hortensia Borromeo (1551–1578), die 1565 in Rom geheiratet hatten. Gegenüber seinem älteren Bruder Kaspar fühlte er sich übervorteilt, wiewohl seine Verwandten ihn stetig förderten. Als 13-Jähriger erhielt er von Marco Sittico Altemps im Bistum Konstanz das Kanonikat, welches sein Cousin Wolf Dietrich von Raitenau wegen seiner Wahl zum Salzburger Erzbischof aufgegeben hatte, 1589 Wolf Dietrichs Kanonikat im Salzburger Domkapitel, 1605 ein weiteres im Domstift Augsburg.[1]

Der Cousin Wolf Dietrich von Raitenaus, seines Vorgängers als Fürsterzbischof, wurde während der bayerischen Besatzung vom Domkapitel gewählt. Die eigentliche Wahl fand am 18. März 1612 statt, wobei von den 16 abgegebenen Stimmen zwölf auf ihn fielen. An der Wahl nahm auch der päpstliche Sondernuntius Antonio Diaz teil, der bereits am 12. Jänner mit einer Schar Schneeschaufler von Rom aus nach Salzburg aufgebrochen war, wo er am 14. Februar eintraf.[2] Aufgabe des Sondernuntius in Salzburg war, zuerst den in bayrischer Gefangenschaft befindlichen Landesfürsten Wolf Dietrich zur Resignation zu bewegen und ihn damit einhergehend zum Gefangen Papst Paul V. zu machen. Wolf Dietrich war von den Domherren überdies die Freilassung in Aussicht gestellt worden, ein Ansinnen, gegen das der Herzog von Bayern, Maximilian I., später heftigst protestierte. Am 7. März 1612 resignierte Wolf Dietrich schließlich und ermöglichte somit die Wahl eines Nachfolgers.[3] Die Bischofsweihe spendete ihm am 7. Oktober 1612 der Bischof von Chiemsee, Ehrenfried von Kuenburg. Erst wenige Tage zuvor war Markus Sittikus zum Priester geweiht worden. Seinen Cousin Wolf Dietrich hielt er bis zu dessen Lebensende auf der Festung Hohensalzburg gefangen, aus Angst, dieser könne Unruhen auslösen. Trotz der Umstände seines Herrschaftsantritts war er keine Marionette von Maximilian von Bayern, sondern führte die Politik Wolf Dietrichs fort. Er trat ebenfalls nicht der Katholischen Liga bei, was der bayerischen Politik entschieden zuwiderlief. Dadurch konnte aber Salzburg aus dem Dreißigjährigen Krieg herausgehalten werden.

Markus Sittikus als Erzbischof[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Markus Sittikus nahm die unter seinem Vorgänger erschlaffte gegenreformatorische Linie wieder auf. Gleich nach seinem Amtsantritt setzte er Kommissionen ein, die das gesamte Erzstift zu visitieren hatten.[4] Im Ergebnis dieser Generalvisitation wurde unter anderem festgestellt, dass die Mehrzahl der Landpfarrer im Konkubinat lebte und Kinder hatte, woraufhin er eine scharfe Disziplinierungsphase folgen ließ.[5] Danach konnte zwar durch die Bekehrung der „sektischen Untertanen“ die Einheit des Glaubens wieder hergestellt werden, später wurde aber festgestellt, dass diese bloß eine äußerliche geblieben wäre.[6]
Besonders am Herzen lag Markus Sittikus die Installierung von Bruderschaften, insbesondere der Fraternität zum „Corpus Christi“,[7] wegen ihrer roten Gewänder auch Rote Bruderschaft genannt, für die er 1618 die Salvatorkirche errichten ließ.
Markus Sittikus, der besser Italienisch als Deutsch sprach, nahm sich dabei italienische und spanische Bruderschaften mit ihrer Uniformierung zum Vorbild. Mit roten Bruderschaftskutten, auf denen symbolisch eine Monstranz aufgenäht oder aufgestickt war, vollzogen nun die Mitglieder der Corpus-Christi Bruderschaft monatlich einen Umgang durch die Stadt. Die Verwendung der Kutten und insbesondere der dazugehörigen Kapuzen erregten bei den Salzburgern Befremden, weswegen der Fürst und die Fraternitätsfunktionäre vorerst mit entblößtem Gesicht und Haupt erschienen, später einigte man sich auf das Tragen von roten Hüten.[8] Im Sinne der Rekatholisierung Salzburgs hegte Markus Sittikus mit den pompös gestalteten Bruderschaftsumzügen eine propagandistische Intention, und kam damit einer Forderung des Trienter Konzils nach, nämlich der einer sinnfälligen Anbetung des Herrn im Sakrament. Nach dieser sollte die siegreiche Wahrheit einen solchen Triumph über Lüge und Häresie feiern, daß ihre Gegner, in dem Anblick eines so großen Glanzes und in eine so große Freude der gesamten Kirche versetzt, entweder entkräftet und gebrochen dahinschwinden oder von Scham erfüllt und verwirrt irgendwann einmal wieder zur Einsicht kommen.[9]

Bautätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch als Bauherr führte er das Konzept seines Vorgängers weiter, allerdings in bescheidenerer Form. Zur Planung des Domneubaus wurde Santino Solari engagiert, der den Plan seines Vorgängers Vincenzo Scamozzi um zwei Drittel verkleinerte. 1614 fand die Grundsteinlegung dieses Neubaus statt, fertiggestellt wurde er allerdings erst unter seinem Nachfolger Paris Lodron 1628. Die beiden von Markus Sittikus erbauten Kirchen, die Markuskirche beim Spital der Barmherzigen Brüder in der Gstättengasse (zerstört beim Felssturz 1669) sowie die Corpus-Christi-Kirche (die Erzbischof Colloredo profanieren ließ) bestehen heute nicht mehr.

Als seinen Landsitz ließ er – ebenfalls von Santino Solari – das Schloss Hellbrunn samt dem weitläufigen Schlosspark mit den weltberühmten Salzburger Wasserspielen im Süden der Stadt errichten, eine damals hochmoderne villa rustica im italienischen Stil. Dass im Steintheater im Schlosspark des Schlosses 1617 die erste Opernaufführung nördlich der Alpen stattgefunden hätte, ist lediglich eine hartnäckige Behauptung: Tatsächlich wurde L’Orfeo von Claudio Monteverdi im Fasching 1614 im Hoftheater aufgeführt.[10]
Er hat sich wie sein Vorgänger Verdienste nicht nur um die Barockisierung seiner Stadt, sondern auch um die Verbreitung dieses Stils nördlich der Alpen erworben.

Markus Sittikus als Gastgeber im Juli 1619[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Dienstag den 16. Juli 1619 empfing Markus Sittikus Ferdinand (König der Ungarn und Böhmen, Erzherzog von Österreich, Herzog zu Burgund, Steyr, Kärnten, Krain etc.),[11] der auf der Reise nach Frankfurt am Main war, wo er dann am Augustustag (28. August) zum Kaiser gewählt, und am 9. September 1619 im Kaiserdom gekrönt wurde. Markus Sittikus fuhr ihm schon in der Früh mit einem riesigen Troß nach Hallein entgegen: acht Kutschen mit den Domkapitularen und Hofherren, 500 Männern der Burgschaft, deren Musketiere teils rote, teils blaue „Schützenröckl“ mit gelben Burgunderkreuzen trugen. Dann noch viele andere Personen mit ihren livrierten Angestellten: Adelige, Pröbste, Pfleger, Landrichter, Carabiner, Lanzierer, Edelknaben, Hofjungfern, hochfürstliche Räte usw., davon 200 als Reiter. Der Einzug in die Stadt Salzburg erfolgte Mittags, wobei Salve geschossen wurde, zuerst auf der Festung mit den 60 großen Kanonen, dann in einer gestellten Schlachtordnung dreimal aufeinander mit kleinen Waffen. Als Markus Sittikus sich an der Mittagstafel gegenüber Ferdinand setzen wollte, wurde er von diesem an seine Seite gezogen und aufgefordert, doch neben ihm zu sitzen, wo sie sich ganz fröhlich und lustig verhielten. Später erschien noch D. Jacobus Hay (James Hay),[12] der Abgesandte des Englischen Königs Jakob des I., der schon tags zuvor mit acht Kutschen, vier Rüstwägen, 80 Pferden, an die hundert vierzig Personen und sechs Tromptern, die zierlich und wohl geblasen haben, angekommen war. Am Nachmittag zeigte der Landesfürst seinem Gast noch Hellbrunn, wo der sonderbare Belustigung eingenommen, und im Park drei Stück Wild geschossen hatte. Nach einem gemeinsamen Nachtimbiß wurde zu Ehren Ferdinands noch der Orfeo aufgeführt. Am Mittwoch den 17. Juli wohnten sie um 9 Uhr gemeinsam der hl. Messe im persönlichen Oratorium Markus Sittikus‘ bei, danach brach Ferdinand zur Kaiserwahl nach Frankfurt am Main auf, wobei Markus Sittikus noch in dessen Kutsche, ihm gegenübersitzend, ein Stück mitfuhr. Der Landesfürst hatte dem zukünftigen Kaiser einen Credit Brief über fünfzigtausend Gulden übergeben, ohne Zustimmung des Domkapitels. Diese wurde erst widerwillig nachträglich gewährt, wobei der Domprobst und Hofkammerpräsident Paris Lodron feststellte, dass das Erzstift nicht mit Schulden überlastet werden dürfe.
James Hay, der sich zwischen 12. und 14. Juli in Wasserburg einquartiert hatte und seit 15. Juli in Salzburg anwesend war, besuchte nach der Abfahrt Ferdinands auch noch Hellbrunn und reiste erst am Donnerstag den 18. Juli ab.[13]

Krankheiten und Ableben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anscheinend litt der Erzbischof zeitlebens an Hämorrhoiden bzw. Rektumprolaps, ähnlich wie sein Bruder Kaspar von Hohenems, was auf ein Familienleiden hindeutet. Um das Übel zu heilen wurde der Arzt Dr. Carlo Moneta aus Gallarate, Lombardei, geholt, der Bäder verordnete. Markus Sittikus‘ Leibarzt Vincenzo Crosina aus Trient, den er 1616 nach Salzburg berufen hatte, meinte hingegen, dass diese Krankheit inwendig geheilt werden müsse.[14]
Ab 24. September 1619 hatte Markus Sittikus Fieber, am 6. Oktober bestand für ihn bereits Todesgefahr. Der Erzbischof grämte sich in dieser Zeit insbesondere darüber, dass die Ankunft des gerade gekrönten Kaisers Ferdinand II. in Salzburg unmittelbar bevorstand und er ihn nicht gebührend würde persönlich empfangen können.
Markus Sittikus starb am 8. Oktober 1619 um 2:00 Uhr früh[15] nach ganz kurzer Krankheit, deren Charakter nirgends angegeben ist.[16] Sein Bruder Kaspar von Hohenems machte 1619 Andeutungen, dass die Salzburger Domkapitulare (gravierende) Reformen vorhatten, deren Auswirkungen für den Erzbischof „unverdaulich“ gewesen wären. Und, wenn man das Naturell Markus Sittikus‘ in Betracht zöge, diese Vorhaben den Tod für ihn bedeutet hätten.[17] Gemeint war sein schwermütiges, melancholisches Gemüt, das, laut Auskunft seiner Ärzte, diesen laӱdigen Todesfall begünstigt habe.[18]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Marcus Sitticus of Hohenems (archbishop) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Werner Rainer: Marcus Sitticus. Die Regierung des Fürsterzbischofs nach der Chronik von Johannes Stainhauser, Salzburg 2012, S. 397.
  2. Werner Rainer: Marcus Sitticus. Die Regierung des Fürsterzbischofs nach der Chronik von Johannes Stainhauser, Salzburg 2012, S. 19, Anmerkung 11.
  3. Dieter Albrecht: Maximilian I. von Bayern 1573–1651. Oldenbourg, München 1998, ISBN 3-486-56334-3, S. 460f.
  4. AES: Visitationsprotokoll 1613.
  5. Franz Ortner: Reformation und Gegenreformation. In: Geschichte Salzburgs. Stadt und Land, hg. von Heinz Dopsch, Bd. II / 1. Teil, Salzburg 1983 (2. verbesserte Auflage), S. 146.
  6. Valentin Hatheyer: Die protestantische Bewegung im Lungau und das Kapuzinerkloster in Tamsweg. In: Jahresbericht des f.e. Gymnasiums am Collegium Borromäum, hg. vom f.e. Kollegium Borromäum, 53. Jg. (1902), S. 13.
  7. Rupert Klieber: Von der Hochherzigkeit des Fundators und der ersten Salzburger Bruderschaftskirche St. Salvator. In: Bruderschaften und Liebesbünde nach Trient. Ihr Totendienst, Zuspruch und Stellenwert im kirchlichen und gesellschaftlichen Leben am Beispiel Salzburg (1600–1950), Frankfurt a.M. 1999, S. 82.
  8. AES: 11/100 Protokollbuch Corporis Christi, Eintragungen für den 19. Juli 1613 und die Karwoche 1615. Zitiert nach: Klieber: Bruderschaften und Liebesbünde nach Trient, S. 82f.
  9. Konzil von Trient: Dekret über das Sakrament der Eucharistie. Zitiert nach: Heinrich Denzinger: Kompendium der Glaubensbekenntnisse in kirchlichen Lehrentscheidungen, Nr. 1644, verbessert hrsg. von Peter Hünermann, 1991 (37. Auflage), S. 531. Zitiert nach: Klieber: Bruderschaften und Liebesbünde nach Trient, S. 82.
  10. Reinhard Rudolf Heinisch: Salzburg und Europa – Das politische und geistige Umfeld in der Barockzeit. In: Barocker Geist und Raum. Die Salzburger Benediktineruniversität. Beiträge des Internationalen Symposions in Salzburg 2001, hg. von Christian Rohr, zugleich: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde, Band 143 (2003), S. 26.
  11. Herr Ferdinandus erwählter König zu Hungern und Beheimb, Erzherzog zu Österreich, Herzog von Burgund, Steyr, Kärnten, Krain etc.; Johannes Stainhauser: Was sich in Regierung des hochwürdigsten Fürsten Marx Sittichen Denkwürdiges zugetragen […]. Zitiert nach: Werner Rainer: Marcus Sitticus. Die Regierung des Fürsterzbischofs nach der Chronik von Johannes Stainhauser, Salzburg 2012, S. 347.
  12. James Hay, 1st Viscount Doncaster (später: Earl of Carlisle), (sp. 1580–1636); Gary M. Bell: A Handlist of British Dimplomatic Representatives 1509–1688. Royal Historical Society, Guides and Handbooks Nr. 16, London 1990, ISBN 0 86193 123 8, S. 60.
  13. Johannes Stainhauser: Ihr königlich Majestät, Herr Ferdinandus, zu Hungern und Behaimb König, Erzherzog zu Österreich etc. sein zu Salzburg ankommen. In: Werner Rainer: Marcus Sitticus. Die Regierung des Fürsterzbischofs nach der Chronik von Johannes Stainhauser, Salzburg 2012, S. 347f.
  14. Ein entlassener Kammerdiener hatte berichtet, dass der Leibdarm beim Stuhlgang ausgetreten war und manuell wieder in das Körperinnere zurückgeschoben hat werden müssen; darumb darf er nit viel essen. Zitiert nach: Christoph Brandhuber / Edith Tutsch-Bauer: Kräuterkunst & Knochensäge, Salzburg / Wien 2015, S. 47f. und Anmerkungen S. 301.
  15. Christoph Brandhuber / Edith Tutsch-Bauer: Kräuterkunst & Knochensäge, Salzburg / Wien 2015, S. 49.
  16. Alois Proschko: Die Todeskrankheiten der Erzbischöfe von Salzburg. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde, Nr. 86/87, Jahrgang 1946/47, S. 95f.
  17. Brief von Kaspar von Hohenems an Thomas Perger (→ Perger von Emslieb) vom 18. Oktober 1619. Zitiert nach: Johann Riedl: Marcus Sitticus, Erzbischof von Salzburg und sein Neffe Jakob Hanibal Graf von Hohenems. In: MGSLK Nr. 4, Jahrgang 1864, S. 286. [1], aufgerufen am 4. Juni 2016.
  18. Christoph Brandhuber / Edith Tutsch-Bauer: Kräuterkunst & Knochensäge, Salzburg / Wien 2015, S. 49 und Anmerkung S. 301.
Vorgänger Amt Nachfolger
Wolf Dietrich von Raitenau Erzbischof von Salzburg
1612–1619
Paris von Lodron