Martin Dibobe

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Martin Dibobe mit Kollegen der Berliner Hochbahn (wahrscheinlich am U-Bahnhof Bülowstraße), 1902

Benjamin Martin Dibobe, ursprünglich Quane a Dibobe (* 31. Oktober 1876 in Bonapriso, Kamerun[1][2]; † nach 1922 vermutlich in Liberia) war ein Zugführer kamerunischer Herkunft und Bürgerrechtler zur Kaiserzeit in Berlin.

Als Kontraktarbeiter aus Kamerun angeworben, wurde er als Ausstellungsobjekt in einer „Völkerschau“ bei der Berliner Gewerbeausstellung 1896 benutzt. Anschließend entschied er sich in Berlin zu bleiben. Nach einer Schlosserlehre und der Mithilfe beim Bau der Berliner Hochbahn begann er eine Lehre als Zugführer. Nach seiner Anstellung stieg er bald zum Zugführer 1. Classe auf. Politisch engagierte sich Dibobe für die Rechte von Schwarz-Afrikanern. Vermehrte Bekanntheit schaffte die daraufhin entstandene Dibobe-Petition. Aufgrund diesen Engagements verlor er seine Stelle als Zugführer, woraufhin er 1922 zurück nach Kamerun reiste. Da ihm dort die Einreise verwehrt wurde, fuhr er weiter nach Liberia, wo sich seine Spur verliert.

Seit 2016 wird mit einer Berliner Gedenktafel am Haus Kuglerstraße 44 geehrt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frühe Jahre in Kamerun[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Er wurde mit ursprünglichem Namen Quane a Dibobe als Sohn des Ortsvorstehers Kwane Dibobe und dessen Ehefrau Ollo geb. Mudumbu als Angehöriger der Volksgruppe der Duala geboren.[1] Später tauften ihn deutsche Missionare auf den Namen Martin Dibobe. Sein Vater war 1884 beim Abschluss des ersten Schutzvertrags Kameruns beteiligt, welcher die formale deutsche Kolonialherrschaft über Kamerun einleitete.[3] Schon in Kamerun absolvierte Martin eine vierjährige Schulbildung in einer Gemeindeschule, anschließend von 1894 bis 1896 verrichtete er seinen Militärdienst bei der Marine.

In Berlin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausstellungsobjekt bei einer Völkerschau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Martin Dibobe kam im Alter von 20 Jahren, also 1896, nach Berlin, da er sich mit 95 Afrikanern unter anderem mit der Erwartung auf weitere Bildungschancen anwerben lassen hatte. Als Vertreter Kameruns für die Kolonialausstellung der Berliner Gewerbeausstellung 1896 im Treptower Park wurde er daraufhin sechs Monate lang, ab April 1896, zusammen mit anderen Afrikanern als Ausstellungsstück vorgezeigt. Im Rahmen einer solchen Völkerschau mussten sie leicht bekleidet afrikanisches Alltagsleben in dafür aufgebauten afrikanischen Dörfern darstellen. Als die Völkerschau startete, war es sehr kalt in Berlin. Da fast alle nur spärlich bekleidet waren, litten sie unter der Kälte und erkrankten auch teilweise.[4]

Neben der Völkerschau musste er auch mehrere Untersuchungen über sich ergehen lassen. So führte unter anderem die Charité Vermessungen für die Rassentheorie durch. Ein darauffolgender Untersuchungsbericht über die gemachten Vermessungen vermerkte, Martin Dibobe sei "groß, kräftig, gut genährt", sein Haar "glänzend braunschwarz, fast ganz in kleine enge Spiralen geordnet" und die Unterlippe sei "etwas rötlich".[5] Das Seminar für Orientalische Sprachen analysierte seine Sprache. Der Ethnologe Felix von Luschan kam in einer anderen Untersuchung zu der Beurteilung, dass Dibobe ein „richtiger Hosen-nigger“ sei, dessen psychische Eigenschaften vollkommen dem Bild entsprächen, die man sich nach seiner „schlechten Stirne und seinen mächtig entwickelten Fresswerkzeugen“ von ihm machen könne.[6]

Anfang Oktober 1896, als die Gewerbeausstellung beendet war, entschloss sich Dibobe, in Berlin zu bleiben und eine Schlosserlehre bei der Firma Conrad Schultz in Strausberg zu machen.[7]

Anfang 1900 verlobte er sich mit Helene Noster, der Tochter seines Vermieters, dem Nähmaschinen-Fabrikanten Franz Noster[8]. Nach mehreren Komplikationen heirateten sie am 12. Januar 1901, nachdem seine Identität durch seinen Taufpfaffen der Basler Mission in Kamerun bestätigt worden war.[1][9]

Bei der Hochbahn, 1902

Anstellung bei der Hochbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seiner Lehre fand Dibobe eine Anstellung als Vorarbeiter bei den Siemenswerken für die Herstellung der Gitter der Berliner Hochbahn (heute U1). Begeistert von der modernen Bahn, begann er später eine Ausbildung zum Zugführer. Nach erfolgreichem Abschluss stellte ihn die Betriebsleitung am 20. April 1902 bei der Berliner Hochbahn an.[10] Zunächst als Zugbegleiter und Schaffner tätig, wurde er schon bald zum Zugführer 1. Klasse und erlangte einen Beamtenstatus.[11][12][13] Später notierte er sich: „Durch Fleiß und einwandfreies Betragen habe ich mir eine Vertrauensstellung erworben und bin seit dem Jahr 1902 in ungekündigter Stellung als Zugführer 1. Classe thätig“.[14]

Politisches Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1906/1907 wurde Martin Dibobe von der Reichsregierung nach Kamerun geschickt, um als Berater beim Bau der dortigen Eisenbahn zu helfen und als Friedensstifter zu fungieren. Er reiste vom Hamburger Hafen am 13. September 1906 mit dem Dampfschiff Frieda Woermann in seine Heimatstadt Douala.[15] Dort beschwerten sich mehrere Stammeshäuptlinge über die grausame Behandlung durch die Kolonialbehörden und führten zahlreiche Fälle von Misshandlungen, Zwangsarbeit und Enteignung in einem Schreiben an den Reichstag auf. Martin Dibobe zeigte Verständnis und er wies sie, von den Sozialdemokraten und ihrer kolonialkritischen Politik beeinflusst, auf die Vorzüge des Sozialismus hin.[6]

Seine Ehefrau Noster verstarb am 2. April 1910 mit 37 Jahren in der Privatklinik im Haus Unger in der Derfflingerstraße 21.[16] Drei Jahre später heiratete Dibobe am 8. September 1913 die Privatière Rosalie Amalie Adelheid Auguste Bennewitz, Tochter des Fischermeister Michael Bennewitz.[2]

Durch seinen Einsatz bei den Berliner Bahnen wurde Martin Dibobe schnell eine lokale Berühmtheit. Nach dem Ersten Weltkrieg trat er für die Wiedererlangung der afrikanischen Kolonien Deutschlands ein. Dibobe sympathisierte offen und engagierte sich mit den deutschen Sozialdemokraten und in der Liga für Menschenrechte für die Gleichberechtigung der Afrikaner.

Am 27. Juni 1919 forderte er in einer Petition Bürgerrechte für alle Menschen aus den deutschen Kolonien. Die Petition wird in der Forschung als Dibobe-Petition oder 32-Punkte-Programm bezeichnet. Darin forderten sie unter anderem die Gleichberechtigung und Freiheit ihrer Landsleute, Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches und Abschaffung der Sondergesetze, Zulassung von Afrikanern an Universitäten, Anerkennung von Ehen zwischen Weißen und Schwarzen, Abschaffung der Prügelstrafe und Zwangsarbeit, Freiheit des Handels und schließlich das Einstellen der Enteignungen. Zu diesem Zwecke sollte ein ständiger Repräsentant im Reichstag oder in der Nationalversammlung zugelassen sein. Die Reichsregierung ließ diese Forderungen unbeantwortet. Zu der Petition, die an das Reichskolonialamt gerichtet war, gehörte ein Schreiben an die Weimarer Nationalversammlung, welches von siebzehn weiteren Afrodeutschen unterschrieben war.[9]

Als Dibobe 1919 um ein Darlehen bat, um mit seiner Familie, er hatte inzwischen zwei Kinder, in seine Heimat zu reisen, wurde dieses vermutlich aufgrund seiner politischen Tätigkeiten abgelehnt. Zudem verlor er seine Stelle bei der Hochbahn als Zugführer.[6]

Am 6. Januar 1920 ließ sich Dibobe von seiner Ehefrau geb. Bennewitz scheiden[2] und heiratete am 20. März 1920 Frau Alma Hedwig Helene Rodmann geb. Finger.[17]

Rückreise nach Afrika[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1922[Anm. 1] beschloss er nun, auf eigene Kosten mit seiner Familie nach Afrika zurückzukehren. Sie reisten per Schiff nach Douala in Kamerun, um dort u.a einige Grundstücksangelegenheiten zu regeln. Die Einreise nach Kamerun wurde ihnen jedoch von der französisch-Britischen Mandatsregierung verwehrt, da diese anscheinend eine pro-deutschen Erhebung befürchtete. Notgedrungen reiste die Familie deshalb zu Martin Dibobes Cousin in Liberia. In dessen Hauptstadt, Monrovia, verliert sich die Spur der Dibobes. Vermutlich verstarb Martin in Liberia.[18][6]

Berliner Gedenktafel am Haus Kuglerstraße 44, in Berlin-Prenzlauer Berg
Gedenktafel Dibobe-Petition in der Wilhelmstraße 62

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Im Treppenhaus-Rondell des Berliner U-Bahnhof Hallesches Tor ist ein Foto von Martin Dibobe zu sehen, das neben anderen historischen Fotos hängt.
  • Eine Berliner Gedenktafel erinnert seit dem 31. Oktober 2016, seinem 140. Geburtstag, an Dibobes Wohnhaus in der Kuglerstraße 44 in Prenzlauer Berg. Es ist die erste Berliner Gedenktafel für eine Person afrikanischer Herkunft.
  • Die Bezirksverordnetenversammlung Mitte beriet im Jahre 2016 über mehrere Straßenumbenennungen im Afrikanischen Viertel. Darunter befand sich auch die Umbenennung der Lüderitzstraße in Martin-Dibobe-Straße.[19]

Anmerkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nach Der Friedrichshainer Quane a (Martin) Dibobe. In: Friedrichshainer Geschichtsverein Hans Kohlhase e.V. (Hrsg.): mont klamott. Band 5, Nr. 48, Januar 2009, S. 1–20. im Jahre 1920

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Friedrichshainer Quane a (Martin) Dibobe. In: Friedrichshainer Geschichtsverein Hans Kohlhase e.V. (Hrsg.): mont klamott. Band 5, Nr. 48, Januar 2009, S. 1–20.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Martin Dibobe – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Standesamt Berlin IX: Heiratsurkunde Dibobe, Noster. Nr. 25/1901.
  2. a b c Standesamt Berlin VIII: Heiratsurkunde Dibobe, Bennewitz. Nr. 777/1913.
  3. Michael Bienert: Im Menschenzoo - Koloniale Vergangenheit: Das Museum Treptow erinnert an Berlins erste Völkerschau und kämpft gegen Rassismus. In: Der Tagesspiegel. Berlin 31. Juli 2020, S. 19.
  4. Laudatio von Frau Oguntoye zur Einweihung der Gedenktafel für Martin Dibobe auf YouTube
  5. Martin Dibobe. In: spd-helmholtzplatz.de. 2015, abgerufen am 21. Juni 2021.
  6. a b c d Andreas von Klewitz: Ein Kollege aus Kamerun. In: Märkische Oderzeitung Erkner. 30. Dezember 2016, S. 10.
  7. Eine kleine Feierlichkeit. In: Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 1896, abgerufen am 21. Juni 2021.
  8. Noster, Franz. In: Adreßbuch für Berlin und seine Vororte, 1901, I, S. 1160 (Nähmaschinen versch. Systeme, Neue Schönhauser Straße (Fabrik)).
  9. a b Stefan Gerbing: Afrodeutscher Aktivismus. Interventionen von Kolonisierten am Wendepunkt der Dekolonisation Deutschlands 1919. Peter Lang, Frankfurt am Main 2010, S. 49.
  10. Ein schwarzer Landsmann bei der Hochbahn. In: Volkszeitung. 22. April 1902, abgerufen am 21. Juni 2021 (linke Spalte, erster Artikel).
  11. Schwarzer Landsmann als Zugführer und Zugbegleiter eingestellt. In: Vossische Zeitung, Abendausgabe. 22. April 1902, abgerufen am 21. Juni 2021 (rechte Spalte, fünfter Artikel, unten).
  12. Dibobe, Martin; Beamt. In: Berliner Adreßbuch, 1903, I, S. 285 (Wohnhaft Warschauer Straße 55II).
  13. Dibobe, Martin, Zugf. In: Berliner Adreßbuch, 1919, I, S. 448 (Wohnadresse Kuglerstraße 20 (!!)).
  14. Philipp Wurm: Black Power im Kaiserreich – Martin Dibobe, preußischer Afro-Sozi. In: Spiegel Online. Der Spiegel, 6. Februar 2017, abgerufen am 21. Juni 2021.
  15. Hamburger Passagierlisten, 1850-1934. 373-7 I, VIII A 1 Band 182, S. 2137 (Mikrofilmnummer: K_1796).
  16. Standesamt Berlin III: Sterbeurkunde Helene Noster. Nr. 314/1910.
  17. Standesamt Berlin X c: Heiratsurkunde Dibobe, Rodmann. Nr. 287/1920.
  18. Der Friedrichshainer Quane a (Martin) Dibobe. In: Friedrichshainer Geschichtsverein Hans Kohlhase e.V. (Hrsg.): mont klamott. Band 5, Nr. 48, Januar 2009, S. 20.
  19. 54 Sklavenhändler statt Kolonialbeamte? – Umstrittene Straßenumbenennung im Afrikanischen Viertel. In: Ecke – Zeitung für das "Aktive Zentrum" Müllerstraße. 2017, abgerufen am 21. Juni 2021.