Martin Stöhr

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Martin Stöhr (* 30. August 1932 in Singhofen) ist ein deutscher evangelischer Theologe, Hochschullehrer, Akademiedirektor und Vorsitzender von Institutionen des christlich-jüdischen Dialogs.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stöhr ist ein Sohn eines Pfarrerehepaars und absolvierte das Abitur in Bad Ems. Er studierte 1951 bis 1956 Evangelische Theologie und Soziologie in Mainz, Bonn und Basel. Aus der Studienzeit in Bonn stammte auch die persönliche Freundschaft mit dem Theologen Helmut Gollwitzer, der ihn stark prägte. Vikariate machte er in Rüsselsheim und in Ost-Berlin, dann wurde er ordinierter Pfarrer in Wiesbaden-Amöneburg. 1961 bis 1969 war er Studentenpfarrer an der Technischen Universität von Darmstadt. Von 1968 bis 1985 war Mitglied der Landessynode der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau. Von 1969 bis 1986 übte er das Amt des Direktors der Evangelischen Akademie von Arnoldshain aus. Von 1986 bis 1997 lehrte er als Professor an der Universität-Gesamthochschule Siegen theologische Fächer wie Ökumene und interreligiöser Dialog.

Früh schon galt sein Interesse den jüdischen Wurzeln der christlichen Theologie, und er trat deshalb zeit seines Lebens für den christlich-jüdischen Dialog und Versöhnung ein. Bereits 1964 reiste er ein erstes Mal nach Israel, 1985 auf Einladung des damaligen Staatspräsidenten Chaim Herzog. Von 1965 bis 1984 war er der evangelische Vorsitzende des "Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit" (DKR), Pater Willehad Paul Eckert und Landesrabbiner Nathan Peter Levinson waren seine Kollegen im Vorsitz. Unter seinem Vorsitz sprach sich der Rat bereits 1971 grundsätzlich für den Verzicht der Kirchen auf die sogenannte Judenmission aus, und er war an der Überarbeitung von Schulmaterial zum Judentum beteiligt. Dabei unterzog er auch solche sonst von ihm geschätzten Persönlichkeiten wie den Widerstandskämpfer der Bekennenden Kirche, Martin Niemöller, einer Kritik wegen dessen Verhaftetsein in antisemitischen Denkmustern.

Stöhr gehörte auch der Studienkommission Juden und Christen der Evangelischen Kirche in Deutschland an, die bereits 1975 und auch 1991 Denkschriften zur Aussöhnung veröffentlichten. Er war zudem Vorstandssprecher der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. 1978 war er Mitbegründer des Programms Studium in Israel, an dem über 500 Theologiestudierende aus Deutschland, Tschechien, Österreich und der Schweiz an der Hebräischen Universität in Jerusalem ein Jahr studieren konnten. Von 1990 bis 1998 war er Präsident des „International Council of Christians and Jews“ (ICCJ) und ist heute deren Ehrenpräsident.[1]

Stöhr war seit 1961 Mitglied der Christlichen Friedenskonferenz und nahm an den ersten beiden Allchristlichen Friedensversammlungen 1961 und 1964 in Prag teil. 1964 wurde er in ihren Beratenden Ausschuss gewählt. Stöhr war auch aktiv in der bundesdeutschen Friedensbewegung gegen Atomwaffen beteiligt. In den 1990er Jahren übernahm er den Vorsitz in der Martin-Niemöller-Stiftung. In dieser Eigenschaft trat er auch als Redner bei Kundgebungen zum Antikriegstag auf.[2]

Er lebt in Bad Vilbel.[3]

Lehre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Stöhr ist das Neue Testament genau genommen ein Midrasch, eine weiterführende Auslegung zum Alten Testament, der jüdischen Bibel. Als Christ verstehe er die jüdische Bibel als eigenständige und gleichberechtigte Stimme neben dem Neuen Testament, die nicht abgewertet oder vereinnahmt werden dürfe. Sie ist für ihn nicht nur Verheißung, Gesetz, Vorgeschichte oder Antithese, die oft als vorläufig und unvollständig verstanden wurden, sondern Erzählung von Gottes Geschichte mit dem Volk Israel. Die überhebliche Annektierung der unwiderruflichen Erwählung Israels durch die christliche Kirche müsse beendet, bereut und aufgearbeit werden; zudem seien Begriffe wie Volk, Land und Staat Israel klar zu unterscheiden. Für Christen sei zudem die Tat der Christusnachfolge mehr zu beachten als die Lehre der Christologie, die uns von den Juden trenne.[4]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Auf einem Weg ins Lehrhaus, Frankfurt, M. : Lembeck, 2009
  • Dreinreden, Wuppertal : Foedus, 1997
  • "Wer diese meine Rede hört und tut sie ...", Wuppertal : Foedus, 1997
  • Beiträge zum Katharina-Luther-Haus in Torgau, Torgau : Torgauer Geschichtsverein, 1997
  • Juden, Christen und die Ökumene, Frankfurt/M. : Spener, 1994, 1. Aufl.
  • Das Gedächtnis nicht verlieren, Paderborn : Univ., 1993
  • Lernen in Jerusalem, Lernen mit Israel, Berlin : Inst. Kirche und Judentum, 1993
  • Schuld bekennen – Schuld vermeiden? Schmitten : Evang. Akad. Arnoldshain, [1988]
  • Die erste Reformation, Frankfurt am Main : Haag und Herchen, 1987
  • Was wirkt in der Kirche? Schmitten : Evang. Akad. Arnoldshain, [1986]
  • Vergrabene Gifte, Schmitten : Evang. Akad. Arnoldshain, [1986]
  • Von der Verführbarkeit der Naturwissenschaft, Frankfurt am Main : Haag und Herchen, 1986
  • Ziviler Ungehorsam und rechtsstaatliche Demokratie, Frankfurt am Main : Haag und Herchen, 1986
  • Zur biblischen Begründung sozialethischen Handelns, Frankfurt am Main : Haag und Herchen, 1985
  • Das Erbe der Bekennenden Kirche, Frankfurt (Main) : Haag und Herchen, 1983
  • Abrahams Kinder, Frankfurt am Main : Haag und Herchen, 1983
  • Leben – Zusammenleben – Überleben, Frankfurt am Main : Haag und Herchen, 1983
  • Judentum im christlichen Religionsunterricht, Frankfurt am Main : Haag und Herchen, 1983
  • Theologische Ansätze im religiösen Sozialismus, Frankfurt am Main : Haag und Herchen, 1983
  • Jüdische Existenz und die Erneuerung der christlichen Theologie – Versuch der Bilanz des christlich-jüdischen Dialogs für die Systematische Theologie, Band 11 von Abhandlungen zum christlich-jüdischen Dialog, München : Kaiser, 1981 (mit Clemens Thoma)
  • Zionismus, München : Kaiser, 1980
  • Leben und Glauben nach dem Holocaust, Stuttgart : Radius-Verlag, 1980
  • Erinnern, nicht vergessen, München : Kaiser, 1979
  • Bedingungen des Lebens, Arnoldshain/Taunus : Evang. Akad. Arnoldshain, 1975, Als Ms. gedr.
  • Disputation zwischen Christen und Marxisten, München : Ch. Kaiser, 1966
  • Dimensionen des Friedens, Hamburg-Bergstedt : Reich, 1961

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.compass-infodienst.de/Martin_Stoehr__Die_Geschichte_christlicher_Gewalt.2062.0.html
  2. http://www.friedenskooperative.de/themen/akt02-48.htm
  3. Stephan Krebs: Martin Stöhr zum Geburtstag gewürdigt: Der große Versöhner zwischen Juden und Christen wird 80, in: Evangelische Kirche Hessen und Nassau (EKHN), 29. August 2012, abgerufen 28. April 2018
  4. Ansgar Gilster: Interview mit Prof. Dr. Martin Stöhr, Interviewprojekt zur Geschichte der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag
  5. Martin Stöhr mit Niemöller-Medaille geehrt, in: Unsere Kirche – evangelische Wochenzeitung, 25. November 2016, abgerufen am 28. November 2016.
  6. Martin Stöhr aus Bad Vilbel mit Niemöller-Medaille ausgezeichnet, in: Evangelische Kirche Hessen und Nassau, 25. November 2016, abgerufen am 27. April 2018
  7. Theologe Martin Stöhr wird 85, in: Evangelischer Pressedienst Deutschlands, abgerufen am 27. April 2018.