Mauermuseum

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Altbau des Mauermuseums, 2004

Das Mauermuseum – Museum Haus am Checkpoint Charlie ist ein privates Museum in der Nähe des ehemaligen Checkpoint Charlie in Berlin, das die Berliner Mauer thematisiert. Das von Rainer Hildebrandt gegründete Museum befindet sich seit dem 19. Oktober 1963 in der Friedrichstraße in Kreuzberg. Direktorin des Museums ist Alexandra Hildebrandt.

Blick auf den Neubau des Mauermuseums, ca. 2006

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Mauerbau und der Einrichtung des Checkpoint Charlie im August 1961 rief Rainer Hildebrandt die Arbeitsgemeinschaft 13. August ins Leben, die Menschen aus der DDR bei der Flucht half und DDR-Oppositionellen eine Anlaufstelle bot.[1] Ab dem 19. Oktober 1962 zeigte die Arbeitsgemeinschaft unter Hildebrandt in einer Drei-Zimmer-Wohnung an der Bernauer Straße die Ausstellung „Es geschah an der Mauer“, was nachträglich zum Eröffnungsdatum des Museums ernannt wurde. Wenige Monate später, am 14. Juni 1963, eröffnete Hildebrandt das Museum mit dem Namen „Haus am Checkpoint Charlie“ in den ehemaligen Räumen des Café Kölln[2] am heutigen Ort.[1][3] Im Museum setzte die Arbeitsgemeinschaft 13. August ihre politische Arbeit fort: Durch ein kleines Fenster im Altbau aus dem 19. Jahrhundert konnten Fluchthelfer alle Bewegungen am Grenzübergang beobachten und Flüchtlingen wurde vor Ort im Haus geholfen.[4]

Da der Checkpoint Charlie für ausländische Reisende den wesentlichen Grenzübergang nach Ost-Berlin darstellte, erlangte der Kontrollpunkt und mit ihm das Museum schnell internationale Bekanntheit.[5] In seiner Anfangszeit war das Mauermuseum nach Einschätzung von Sybille Frank für sein „chaotisches Sammelsurium von Alltagsgegenständen, Reliquien aller Art, Fluchtobjekten ‚zum Anfassen‘ und künstlerischen Werken umstrittener Qualität ebenso berühmt wie berüchtigt.“[6] Gleichwohl entwickelte es sich innerhalb kürzester Zeit zu einem der meistbesuchten Museen West-Berlins. Zwischen 1985 und 1986 erbaute der amerikanische Architekt Peter Eisenman im Zuge der IBA 1987 das anschließende Gebäude im dekonstruktivistischen Stil, das vom Mauermuseum genutzt wird.[7][8][9]

Nach dem Mauerfall 1989 wurden der Checkpoint Charlie und die Ost-Berliner Grenzanlage stillgelegt. Dem Mauermuseum sollte im Zuge einer Neubebauung der so entstandenen Brache 1992 vom Bezirksamt der Nutzungsvertrag gekündigt werden[10], doch die Investorengesellschaft Central European Development Corporation ging 2003 insolvent, so dass nur drei der fünf geplanten Gebäude gebaut werden konnten.[5] Stattdessen stellte das Mauermuseum 1996 einen Entwurf für ein Freiluftmuseum im Innenhof der Neubauten vor, der aber nicht umgesetzt wurde.[11] Trotz anhaltend hoher Besuchszahlen wurden dem Museum nach der Wiedervereinigung die meisten Zuschüsse gestrichen, was das Museum in finanzielle Not brachte.[3] Grund für die Streichungen waren unter anderem interne Finanzstreitigkeiten.[12] Im Jahr 2000 stiftete das Mauermuseum eine Replik der amerikanische Kontrollbaracke, die 1990 demontiert worden und ins Alliiertenmuseum verbracht worden war, um sie zusammen mit der Kopie eines „You are leaving the American Sector“-Schildes am historischen Ort aufzustellen.[5][13]

Museumsausgang mit Grenzpfahl und Mauerrest, 2008

Im Jahr 2001 verzichtete der Trägerverein auf seine Gemeinnützigkeit.[14][15] Rainer und Alexandra Hildebrandt wurde im Zuge dessen von ehemaligen Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft 13. August vorgeworfen, sich an den Einnahmen des Museums persönlich zu bereichern und zu diesem Zweck die Dr. Rainer Hildebrandt Stiftung in der Schweiz gegründet zu haben.[12][16] Nach dem Tod Rainer Hildebrandts übernahm 2004 seine Witwe die Museumsleitung, die bereits seit 1997 Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft 13. August war.[13] Unter ihr wandelte sich das Museum in ein privates Unternehmen. Alexandra Hildebrandt habe, so Sybille Frank, das „ehemalige politische Zentrum als Erlebnisort neu erfunden“.[6] Seit 2018 betreibt die 2019 gemeinnützig gewordene Das Mauermuseum-Betriebs gGmbH das Museum; geschäftsführender Vorstand ist Alexandra Hildebrandt.[17]

Ausstellungen und Inhalte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Mauermuseum dokumentiert in seiner Dauerausstellung die Geschichte der Berliner Mauer sowie zahlreiche Fluchtschicksale, mit einem Schwerpunkt auf dem „Beistand der Schutzmächte“. Gezeigt werden neben Fotos und Dokumentationen geglückter Fluchtversuche auch die Fluchtmittel: Heißluftballons, Fluchtautos, Sessellifte und ein Mini-U-Boot. In seiner Sammlung finden sich darüber hinaus diverse Dinge wie beispielsweise die Totenmaske von Andrej Sacharow.[3]

Fassade des Mauermuseums mit politischem Plakat, 2015

Daneben setzte sich das Museum immer wieder in öffentlichkeitswirksamen Aktionen mit der naheliegenden Grenzanlage auseinander. So rief es 1984 in einem Wettbewerb zu Ideen für die (fiktive, weil unerlaubte) Bemalung der westlichen Mauerseite auf, „um die Mauer ins Gedächtnis zu rufen, sich mit ihr zu beschäftigen“.[18] 1991 lud das Museum zum umstrittenen Dialog zwischen Tätern und Opfern des DDR-Regimes ein.[19] 2004 mietete das Museum die angrenzende Brache für eine temporäre Kunstaktion und errichtete dort das sogenannte Freiheitsmahnmal, um dessen Erhalt bzw. Räumung öffentlich gerungen wurde.

Mit rund 850.000 Besuchern jährlich war es 2012 eines der sechs meistbesuchten Museen Berlins.[20]

Arbeitsgemeinschaft 13. August[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 16. Juli 1963 gründete Rainer Hildebrandt zusammen mit weiteren Personen den Verein Arbeitsgemeinschaft 13. August, benannt nach dem 13. August 1961, dem Beginn des Mauerbaus.[21] Ziel des Vereins war, Flüchtenden aus der DDR zu helfen. Bis 2018 war der Verein zudem Träger des Mauermuseums.

2017 gab die Arbeitsgemeinschaft die Zahl der an der Mauer und innerdeutschen Grenze bis 1989 getöteten Menschen mit 1899 an. Darin sind auch Opfer bei der Flucht über die Ostsee, deutsche Todesopfer an außerdeutschen Grenzen, getötete DDR-Soldaten und sowjetische Fahnenflüchtige, Suizide von Angehörigen der Grenztruppen, sowie von Stasi und KGB nach erfolgreicher Flucht entführte und ums Leben gekommene Personen eingerechnet.[22] Die Zahlen wurden von Wissenschaftlern als zu hoch kritisiert.[23]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Mauermuseum – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Christine Richter: Gründer des Mauer-Museums Rainer Hildebrandt ist tot / Senat würdigt Einsatz für Demokratie: Der Freiheitskämpfer. In: Berliner Zeitung. 10. Januar 2004, abgerufen am 21. Dezember 2020 (deutsch).
  2. Uwe Siemon-Netto: I Was There When They Built The Wall. In: RadioFreeEurope – RadioLiberty. 13. August 2011, abgerufen am 23. Dezember 2020 (englisch).
  3. a b c Kordula Doerfler: „Ich habe noch so viel vor“. In: Die Tageszeitung. 16. August 1993, ISSN 0931-9085, S. 20 (taz.de [abgerufen am 21. Dezember 2020]).
  4. Luise Schulz: Berliner Mauermuseum: Im Autotank über die Grenze. In: FAZ.NET. 3. September 2018, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 21. Dezember 2020]).
  5. a b c Sybille Frank: Der Mauer um die Wette gedenken. In: APuZ. Bundeszentrale für politische Bildung, 26. Juli 2011, abgerufen am 21. Dezember 2020.
  6. a b Sybille Frank: Der Mauer um die Wette gedenken: Die Formation einer Heritage-Industrie am Berliner Checkpoint Charlie. Frankfurt am Main/New York 2009, S. 225.
  7. Wohn- und Geschäftshaus am Checkpoint Charlie. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, abgerufen am 21. Dezember 2020 (deutsch).
  8. Wohn- und Geschäftshaus Friedrichstr., Rudi-Dutschke-Str. In: Forschungsinitiative IBA 87. 2012, abgerufen am 21. Dezember 2020 (deutsch).
  9. Thomas Loy und Irina Serdyuk: Hinterm eisernen Vorhang. In: Der Tagesspiegel. 28. August 2012, abgerufen am 21. Dezember 2020.
  10. Esch: Mauer-Museum soll Investoren weichen. In: Die Tageszeitung. 7. Dezember 1991, ISSN 0931-9085, S. 31 (taz.de [abgerufen am 21. Dezember 2020]).
  11. Ute Scheub: Tiefenpsychologie der Mauer. In: Die Tageszeitung. 20. April 1996, ISSN 0931-9085, S. 44 (taz.de [abgerufen am 21. Dezember 2020]).
  12. a b Peter Wensierski und Sandra Wiest: Goldener Lebensabend. In: DER SPIEGEL 7/2002. 9. Februar 2002, abgerufen am 23. Dezember 2020.
  13. a b Geschichte. In: Mauermuseum – Haus am Checkpoint Charlie. Abgerufen am 21. Dezember 2020.
  14. Philipp Gessler: Haus am Scheckpoint Charlie. In: Die Tageszeitung. 7. Januar 2005, ISSN 0931-9085, S. 24 (taz.de [abgerufen am 21. Dezember 2020]).
  15. Rückspiegel: Zitate. In: Der Spiegel 8/2002. 18. Februar 2002, abgerufen am 23. Dezember 2020.
  16. Werner van Bebber und Thomas Loy: Berlin sorgt sich um das Erbe des Mauermuseums. In: Tagesspiegel. 14. Dezember 2004, abgerufen am 7. Januar 2021.
  17. Das Mauermuseum-Betriebs gGmbH, Berlin. In: northdata.de. Abgerufen am 21. Dezember 2020.
  18. Ideenwettbewerb im „Haus am Checkpoint Charlie“: „Die Kraft des Organischen“. In: Südost Express: Die Kreuzberger Lokalzeitung von Bürgern aus SO 36. Nr. 10. Berlin Oktober 1984 (Digitalisat [PDF]).
  19. aku: Ist die Sprache der Stasi immer „falsch“? In: Die Tageszeitung. 4. Oktober 1991, ISSN 0931-9085, S. 23 (taz.de [abgerufen am 21. Dezember 2020]).
  20. Top 10: Zahl der Besuche in den Berliner Museen und Gedenkstätten auch in 2012 gestiegen. Pressemitteilung der Senatsverwaltung für Kultur vom 19. Dezember 2013. In: www.berlin.de. Abgerufen am 11. Juni 2020.
  21. Amtsblatt für Berlin. Kultur-Buch-Verlag, 1963 (google.de [abgerufen am 7. Januar 2021]).
  22. Mauermuseum gibt Einblick in unveröffentlichte Stasi-Akten: 58 weitere Opfer des DDR-Grenzregimes, www.bild.de, 10. August 2017.
  23. Peter Leusch: 30 Jahre Mauerfall – Die Toten am Eisernen Vorhang. In: Deutschlandfunk. 7. November 2019, abgerufen am 21. Dezember 2020 (deutsch).

Koordinaten: 52° 30′ 28″ N, 13° 23′ 26″ O