Mein Hut, der hat drei Ecken

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Mein Hut, der hat drei Ecken ist ein Volkslied, das auf eine neapolitanische Melodie zurückgeht.

Ursprung[Bearbeiten]

Das Lied wird auf die Melodie von Oh cara mama mia gesungen, das auf eine neapolitanische Canzonetta zurückgeht[1] und auch in den Bänkelsang Eingang fand. Es handelt sich um ein „bemerkenswertes Beispiel einer ‚wandernden Melodie‘“ durch verschiedenste musikalische Werke.[2] Reinhard Keiser soll die Melodie in seinem Singspiel Der angenehme Betrug oder Der Carneval von Venedig (1707) zitiert haben, das so erfolgreich war, dass Gassenjungen auf der Straße immer wieder neue Texte dazu erfanden.[3] Allerdings ist die Partitur dieses Singspiels verschollen,[4] so dass diese Angabe nicht überprüft werden kann. Rodolphe Kreutzer verwendete die Melodie 1816 in der Musik für das Ballett Le Carnaval de Venise des Choreographen Louis Milon.[5] Niccolò Paganini spielte in seinen Konzerten Variationen über diese Melodie und zwar unter dem Titel Carnevale di Venezia op. 10 (1829).[6][7][8] Unter dem Titel Souvenirs de Paganini komponierte Frédéric Chopin sein Rondo Nr. 1 ebenfalls als Variationswerk über diese Melodie. Weitere Variationen über das Thema schufen u.a. Francisco Tárrega für Gitarre und Jean-Baptiste Arban für Kornett bzw. Trompete.[9]

Der Text Mein Hut, der hat drei Ecken, der den damals noch verbreiteten Dreispitz beschreibt, ist erstmals im Saarland 1886 belegt,[10] dort allerdings noch auf die Melodie des Volkslieds Wer lieben will, muss leiden.[11][12] Auch aus Westpreußen ist der Text überliefert.[13] Der Anfang des Textes erscheint auch in einem Spottvers aus der Pfalz, der um 1920 aufgezeichnet wurde, aber bis in die napoleonische Zeit zurückreichen soll:

Mein Hut, der hat drei Ecke,
Drei Ecke hat mein Hut,
Napoleon soll verrecke,
Mit seiner blech’ne Schnut.[14]

Auf die Melodie der Canzonetta wird auch das Lied Ein Mops kam in die Küche und das erotische Frauenlied Ich lieg im Bett und schwitze gesungen.[15][16][17]

Liedtext[Bearbeiten]

Mein Hut, der hat drei Ecken,
drei Ecken hat mein Hut.
Und hätt er nicht drei Ecken,
so wär’s auch nicht mein Hut.

Ausführung als bewegtes Singspiel[Bearbeiten]

Das Lied kann als bewegtes Singspiel ausgeführt werden, bei dem nach Art eines Lückentextliedes mit jeder Strophe ein weiteres Schlüsselwort ausgelassen und nur noch gestisch dargestellt wird. Wer versehentlich in eine Lücke hinein singt, muss in der Regel ausscheiden oder ein Pfand abgeben.

Der Inhalt des Liedes wird bei dieser Ausführung durch folgende Gesten untermalt:

  • mein - mit dem Zeigefinger auf sich selbst zeigen
  • Hut - sich an den Kopf oder die imaginäre Hutkrempe fassen
  • drei - drei Finger ausstrecken
  • Ecken - den Ellenbogen mit der Hand berühren
  • nicht - Kopfschütteln

Verbreitung[Bearbeiten]

Folklore[Bearbeiten]

Es existieren Varianten des Liedes in Schwedisch, Englisch, Niederländisch, Spanisch, Portugiesisch, aber auch in Hebräisch. In der jüdischen Kultur wird das Lied oft mit Kindern in Verbindung mit dem Purimfest gesungen. Der persische Wesir Haman, der die Vernichtung der Juden beabsichtigte, soll einen dreieckigen Hut getragen haben. Nach der Lehre einiger hebräischer Schulen verweisen auch die Hamantaschen, eine Süßigkeit, die traditionell zum Purimfest gebacken wird, auf die dreieckige Hutform Hamans. Allerdings wird das hebräische Lied „La kova sheli Shalosh“ auf eine andre Melodie gesungen als das deutsche Pendant.

Belletristik[Bearbeiten]

In Primo Levis Buch Die Atempause,[18] das der Holocaust-Literatur zuzurechnen ist, bildet die Vorführung des Singspiels „Mein Hut, der hat drei Ecken“ durch eine Theatergruppe ein zentrales Motiv: „Im Gestischen der Pantomime und im Kreisgang eines sinnlosen Kinderreims artikuliert sich sprachlos die Essenz des Daseins der Überlebenden.“[19]

Popmusik[Bearbeiten]

Das Lied befindet sich auch auf der Kinderlieder-CD Unser Apfelhaus von Nena. Dort wurde es um eine zweite Strophe mit dem Text „Mein Schuh, der hat drei Löcher“ ergänzt.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Theo Mang, Sunhilt Mang (Hrsg.): Der Liederquell. Noetzel, Wilhelmshaven 2007, ISBN 978-3-7959-0850-8, S. 564–565.
  2. Johann Lewalter: Deutsches Kinderlied und Kinderspiel. In Kassel aus Kindermund in Wort und Weise gesammelt. Abhandlung und Anmerkungen von Georg Schläger. Vietor, Kassel 1911, S. 308–309.
  3. Bruno Aulich: Mondscheinsonate, Katzenfuge und andere merkwürdige Titel und Geschichten über berühmte Musikwerke aus drei Jahrhunderten. Heimeran, München 1966, ISBN 3-7765-0002-6, S. 175.
  4. Birgit Kiupel, Cornelia Geissler: Hamburger Dienstmädchen – Trintje, Gesche und die „verkehrte Welt“. Musik und Gender im Internet, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, abgerufen am 14. Februar 2015
  5. Pasquale Scialò, Francesca Seller: Passatempi musicali: Guillaume Cottrau e la canzone napoletana di primo '800. Guida Editori, 2013, ISBN 9788866662013, S. 135 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6. Il carnevale di Venezia, Op. 10 (Paganini, Niccolò): Noten und Audiodateien im International Music Score Library Project.
  7. Vittore Castiglioni: Paganini. Biografia. La Pilotta, 1982, S. 210 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  8. International Musicological Society. Congress, Band 3. Bärenreiter, Kassel 1990, S. 1842 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  9. vgl. Carnival of Venice (song) in der englischsprachigen Wikipedia
  10. Carl Köhler, John Meier: Volkslieder von Mosel und Saar. 1. Band. Niemeyer, Halle 1896, S. 359, Anm. S. 457 (Digitalisat).
  11. Johann Lewalter: Deutsche Volkslieder: in Niederhessen aus dem Munde des Volkes gesammelt. Heft 5. G. Fritzsche, Hamburg 1890-1894, S. 21 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  12. Ludwig Erk, Franz Magnus Böhme (Hrsg.): Deutscher Liederhort. Band 2. Breitkopf und Härtel, Leipzig 1893, S. 432–434 (Digitalisat).
  13. Alexander Treichel: Volkslieder und Volksreime aus Westpreussen. Theodor Bertling, Danzig 1895, S. 124 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  14. Walther Klein: Der Napoleonkult in der Pfalz (= Münchener Historische Abhandlungen. Heft 5). C.H. Beck, München 1934, zugleich Diss. Univ. München 1932, S. 89 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche). Der Text stammt aus einer Fragebogenaktion zum Thema „Wie lebt die Erinnerung an Napoleon Bonaparte in Ihrer Gemeinde fort?“, die die Pfälzer Wörterbuchkanzlei Kaiserslautern durchgeführt hatte. Die Fragebogenerhebung erfolgte um 1920, vgl. Roger Dufraisse: Die Deutschen und Napoleon im 20. Jahrhundert (= Schriften des Historischen Kollegs: Vorträge 21). Stiftung Historisches Kolleg, München 1991, S. 8 (Digitalisat; PDF; 1,5 MB).
  15. Liedtext: Ein Hund kam in die Küche, volksliederarchiv.de
  16. Liedtext: Ich lieg im Bett und schwitze, volksliederarchiv.de
  17. Eva Kimminich: Erlebte Lieder. Eine Analyse handschriftlicher Liederaufzeichnungen des 19. Jahrhunderts. Narr, Tübingen 1990, ISBN 3-8233-4237-1, S. 30 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  18. Primo Levi: Die Atempause. dtv, München 1994, ISBN 3-423-11779-6.
  19. Holger Gehle: Atempause – Atemwende. Die Literatur der Überlebenden. In: Auschwitz: Geschichte, Rezeption und Wirkung (= Jahrbuch 1996 zur Geschichte und Wirkung des Holocaust). Fritz Bauer Institut, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-593-35441-1, S. 161–188, hier S. 170 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)