Mesolithischer Bestattungsplatz von Groß Fredenwalde

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Der mesolithische Bestattungsplatz von Groß Fredenwalde ist ein Gräberfeld auf dem Weinberg bei Groß Fredenwalde in Brandenburg. Mit seinen mesolithischen Beisetzungen zwischen 6400 und 4900 v. Chr. gilt er als der älteste Friedhof Deutschlands und auch Mitteleuropas. Die Bestatteten werden den letzten Jägern und Sammlern zu Beginn der neolithischen Revolution im heutigen Norddeutschland zugerechnet.

Entdeckung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufstieg zum Weinberg in Groß Fredenwalde

Der Bestattungsplatz wurde 1962 beim Ausheben einer Baugrube für einen Signalmast auf dem Gipfel des Weinbergs entdeckt. Dabei traten Skelettreste von sechs Personen zu Tage, die notdürftig geborgen wurden. Sie waren durch den kalkhaltigen Boden am Fundort gut erhalten. Es handelte sich um zwei Männer im Alter von 30–39 bzw. 40–49 Jahren mit einer Körpergröße von etwa 161 Zentimetern. Eine Frau von 40–49 Jahren war 152 Zentimeter groß. Drei Kinder waren im Alter von 3–4 Jahren, 4–5 Jahren und 7–8 Jahren. Die Bestatteten waren mit rotem Ocker bestreut und mit zahlreichen Grabbeigaben ausgestattet worden. Dazu zählten Knochenpfrieme, Feuersteinklingen und Feuersteinabschläge. Eine Beigabe war vermutlich ein Kopfschmuck aus durchbohrten Tierzähnen, die offensichtlich auf einem Band aufgefädelt waren. Bei zwei Bestattungen waren je ein Erwachsener mit jeweils einem Kind niedergelegt worden.

Ausgrabungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In jüngerer Zeit fanden Nachuntersuchungen des Bestattungsplatzes durch Ausgrabungen in den Jahren 2012, 2014 sowie 2019 statt. Seit 1962 wurden bisher (2019) insgesamt 10 Bestattungen, darunter fünf Kinder und vier Erwachsene, gefunden.

Bei den Ausgrabungen 2014 wurden die Reste von drei Individuen gefunden, von denen zwei Bestattungen außergewöhnlich waren. Dazu zählt eine 2014 entdeckte Beisetzung eines etwa 25-jährigen Mannes mit einer Körpergröße von rund 156 Zentimetern. Er wurde um 5000 v. Chr. aufrecht stehend in eine offen gelassene Grube eingebracht. Nachdem der Körper zerfallen war, wurde die Grube zugeschüttet und ein Feuer darüber entzündet. Feuerstein-Artefakte und zwei Knochenwerkzeuge als Beigaben deuten bei ihm auf einen Handwerker hin.[1]

Ebenfalls im Jahr 2014 wurde die Bestattung eines Kleinkindes aus der Zeit um 6400 v. Chr. entdeckt. Das etwa ein halbes bis ein Jahr alte Kind war rituell mit Ocker bestreut worden. Die Bestattungsart spiegelt die Wertschätzung von Kleinkindern in der mittelsteinzeitlichen Gemeinschaft wider. Das Grab wurde als Blockbergung gesichert und zu weiteren Untersuchungen in die Werkstätten des Studiengangs Grabungstechnik und Feldarchäologie der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin gebracht. Anthropologischen Untersuchungen zufolge starb das Kind vermutlich an Unterernährung. Es ist die früheste bisher bekannte Kinderbestattung in Mitteleuropa.

2019 wurde ein weiteres Grab durch eine Blockbergung gesichert.[2] Es wird in der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin untersucht. Bisher ist über den Grabinhalt nichts Weiteres bekannt.[3] Die Untersuchungen von 2019 führten zum Ergebnis, dass die Bestatteten nicht nur Jäger und Sammler, sondern auch Fischer waren und an einem nahen See lebten.[4]

Forschungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Datierung der 1962 entdeckten Fundstücke erfolgte 1992 mittels der Radiokarbonmethode, die sie in die Zeit um etwa 6000 v. Chr. wiesen. Erst 2012 kam es zu anthropologischen Untersuchungen der Individuen.[5]

Die 2012 begonnenen Nachgrabungen am Bestattungsplatz auf dem Weinberg initiierte der Archäologe Thomas Terberger von der Universität Göttingen, der auf Alt- und Mittelsteinzeit spezialisiert ist. Fachlich begleitet wurden sie von der Anthropologin Bettina Jungklaus. Erst durch diese Untersuchungen wurde die große Bedeutung des Fundplatzes deutlich.[6] Die Datierungen der Bestattungen sprechen für einen Nutzungszeitraum des Bestattungsplatzes über rund 1500 Jahre. 2014 wurde die Entdeckung der Öffentlichkeit bekannt gegeben.

Seit 2018 werden die Untersuchungen im Rahmen eines zweijährigen Forschungsprojektes unter Leitung von Thomas Terberger fortgeführt.[7] Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Projekt.[8] Es dient der Erforschung des Übergangs von der Mittelsteinzeit mit ihren nicht sesshaften Kulturen zur Jungsteinzeit mit Ackerbau und Viehzucht. Beteiligt sind die Universität Kiel, die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege und das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie.

Einige der Funde, auch das Kleinkind, sollen später im Archäologischen Landesmuseum in Brandenburg an der Havel ausgestellt werden.

Bewertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem bisherigen Kenntnisstand stellen die Bestattungen die bisher ältesten Belege menschlicher Kultur in der Uckermark dar. Die Forscher versprechen sich von den Untersuchungen Erkenntnisse über die Neolithisierung in Mitteleuropa. Mit genetischen Analysen durch das Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena wollen sie klären, ob es zu Vermischungen der späten Jäger und Sammler mit den ersten Bauern der Linienbandkeramik kam.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thomas Terberger: Standing upright to all eternity – The Mesolithic burial site at Groß Fredenwalde, Brandenburg (NE Germany) in: Quartär 62, 2015 S. 133–153 (Online)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege: Steinzeit-Mann verweste aufrecht im Grab. In: scinexx.de. 17. Februar 2016, abgerufen am 11. August 2019.
  2. Mittelsteinzeitliches Grab geborgen. Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, 7. Juni 2019, abgerufen am 11. August 2019.
  3. Komplettes mittelsteinzeitliches Grab geborgen. In: Antenne Brandenburg. 7. Juni 2019, abgerufen am 11. August 2019.
  4. Sabine Tzitschke: Uckermärker Steinzeitmenschen waren Fischer bei rbb vom 30. August 2019
  5. Bettina Jungklaus: Groß Fredenwalde, mesolithisches Gräberfeld. In: anthropologie-jungklaus.de. Abgerufen am 11. August 2019.
  6. Deutschlands ältester Friedhof wird näher erforscht. In: RBB-Kulturradio. 2. November 2018, abgerufen am 11. August 2019.
  7. Thomas Richter: Verbundprojekt unter Leitung der Universität Göttingen erforscht Deutschlands ältesten Friedhof. In: Informationsdienst Wissenschaft. 2. November 2018, abgerufen am 11. August 2019.
  8. Projekt „Der mesolithische Bestattungsplatz von Groß Fredenwalde (Brandenburg) – späte Jäger-Sammler in einer sich wandelnden Welt“. Deutsche Forschungsgemeinschaft, abgerufen am 11. August 2019.

Koordinaten: 53° 7′ 26,3″ N, 13° 47′ 48,2″ O