Nadeschda Jakowlewna Mandelstam

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Nadeschda Jakowlewna Mandelstam, 1925

Nadeschda Jakowlewna Mandelstam (russisch Надежда Яковлевна Мандельштам; wiss. Transliteration Nadežda Jakovlevna Mandel'štam; * 18. Oktoberjul./ 30. Oktober 1899greg. in Saratow; † 29. Dezember 1980 in Moskau), geborene Chasina (russisch Хазина), war eine russische Autorin und die Frau des Dichters Ossip Mandelstam.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Sie wurde in Saratow in eine jüdische Familie aus dem Mittelstand geboren. Ihre frühen Jahre verbrachte sie in Kiew. Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte sie Kunst.

1919 lernte sie Ossip Mandelstam kennen. Nach ihrer Heirat 1921 (oder 1922) lebten Nadeschda und Ossip Mandelstam in der Ukraine, in Petrograd, Moskau und Georgien. Ossip wurde 1934 für sein Stalin-Epigramm verhaftet und mit Nadeschda nach Tscherdyn, Region Perm, und später nach Woronesch in die Verbannung geschickt.

Nach Ossip Mandelstams zweiter Verhaftung und seinem darauffolgenden Tod im Durchgangslager Wtoraja Retschka nahe Wladiwostok im Jahre 1938 führte Nadeschda Mandelstam ein nomadisches Leben. Mit Anna Achmatowa, mit der sie 1925 eine enge Freundschaft verband, verbrachte sie die Kriegsjahre in Taschkent. Aus Furcht, verhaftet zu werden, wechselte sie häufig den Aufenthaltsort und arbeitete als Englischdozentin in verschiedenen Städten der Sowjetunionn. Mindestens ein Mal, in Kalinin, klingelten Beamten des NKWD nur einen Tag nach ihrer Flucht an ihrer Wohnungstür.

Sie machte es sich zur Lebensaufgabe, das dichterische Erbe ihres Mannes zu bewahren, um es vor der Vernichtung zu bewahren, indem sie seine Texte auswendig lernte, aufzeichnete und bei den wenigen zuverlässigen Freunden hinterlegte. Nach Stalins Tod schloss Nadeschda Mandelstam ihre Dissertation ab (1956), und sie erhielt die Erlaubnis, nach Moskau zurückzukehren (1958).

Ende der fünfziger Jahre begann sie mit der Niederschrift ihrer Memoiren, die sie weltberühmt machten. Sie wurden zum ersten Mal im Samisdat veröffentlicht. Anfang der 1970er Jahre erschienen sie in Westeuropa unter den Titeln Hope Against Hope und Hope Abandoned, auf Deutsch Das Jahrhundert der Wölfe und Generation ohne Tränen. Darin gibt sie eine Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen sie und ihr Mann in der jungen Sowjetrepublik gelebt hatten. Insbesondere berichtet sie von einer folgenschweren moralischen und kulturellen Degeneration während der zwanziger Jahre, die in einer Entwertung des Individuums und einem allgemeinen Fatalismus bestanden habe: „Schließlich zerstörten die Menschen der zwanziger Jahre die bis dahin gültigen Werte und erfanden die Parolen, ohne die auch heute [1971] unser junger Staat sein einmaliges Experiment nicht durchführen könnte - beim Hobeln fallen Späne.“[1] „Die zwanziger Jahre wurden deshalb so verhängnisvoll, weil die Leute nicht nur ihre eigene Hilflosigkeit erkannten, sondern weil sie sie auch noch priesen und jeden intellektuellen, moralischen und geistigen Widerstand für veraltet, lächerlich und unsinnig hielten. […] und wenn sich einer einmal sträubte, bezichtigte man ihn des Anarchismus, des erbärmlichen Individualismus und der Dummheit, die ihn dabei behinderten, die Gesetze der historischen Entwicklung zu erkennen.“[2] Die englischen Titel der Memoiren sind Wortspiele: Nadeschda bedeutet im Russischen „Hoffnung“ (engl. hope). Die russische Ausgabe heißt einfach Erinnerungen (russisch Воспоминания; Buch 1 bis 3).

Ein drittes Buch blieb unvollendet. Ihm sind die Erinnerungen an Anna Achmatowa entnommen, die 40 Jahre als verloren galten. Sie wurden 2011 vom Suhrkamp Verlag in deutscher Übersetzung herausgegeben.[3][4]

1979 übergab Nadeschda Mandelstam ihre Archive der Princeton University. 1980 starb sie in Moskau im Alter von 81 Jahren.

Werkausgaben[Bearbeiten]

  • Hope Against Hope. A Memoir. New York Atheneum 1970
  • Hope Abandoned. A Memoir. Translated from the Russian by Max Hayward. New York Atheneum 1974
  • Das Jahrhundert der Wölfe. Eine Autobiographie. Aus dem Russischen von Elisabeth Mahler. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1971, ISBN 3-10-047702-2
  • Generation ohne Tränen. Erinnerungen. Aus dem Russischen von Godehard Schramm. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1975, ISBN 3-10-047703-0
  • Erinnerungen an Anna Achmatowa. Aus dem Russischen von Christiane Körner. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2011, ISBN 978-3-518-22465-6

Literatur[Bearbeiten]

  • Ralph Dutli: Meine Zeit, mein Tier. Ossip Mandelstam - eine Biographie. Zürich: Ammann 2003 (Leseprobe)
  • Beth Holmgren: Women's works in Stalin's time: on Lidiia Chukovskaia and Nadezhda Mandelstam. Bloomington [u.a.]: Indiana Univ. Press 1993

Namensvarianten[Bearbeiten]

Nadezhda Yakovlevna Mandelstam, Nadežda Ja. Mandel'štam, Nadeschda J. Mandelstam, Nadeschda Mandelstam, Nadežda Jakovlevna Mandel'štam, Nadežda Mandel'štam, Nadesha Mandelstam;

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. N. Mandelstam: Das Jahrhundert der Wölfe. S. 195.
  2. N. Mandelstam: Generation ohne Tränen. S. 140 f.
  3. Nadeschda Mandelstams anrührende «Erinnerungen an Anna Achmatowa» Freundschaft in Zeiten des Terrors. Rezension von Felix Philipp Ingold, Neue Zürcher Zeitung, 3. Januar 2012
  4. Eine Freundschaft im Jahrhundert der Wölfe Nadeschda Mandelstams „Erinnerungen an Anna Achmatowa“. Rezension von Daniel Henseler, literaturkritik.de