Nadryw

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Nadryw (russisch надрыв) ist die russische Vokabel für emotionale Spannung schlechthin. Sie ist ein Schlüsselbegriff zum Werk des russischen Schriftstellers Fjodor Michailowitsch Dostojewski.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grammatik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Substantiv Nadryw (надрыв) ist von dem Verb nadrywat abgeleitet, ein Kompositum des Verbs rwat (рвать, dt. reißen) und der Vorsilbe nad (над, dt. an). Ursprünglich bezeichnet der Begriff die Veränderung einer materiellen Struktur unter Einwirkung einer mechanischen Kraft. Die Vorsilbe nad wird im Russischen dann verwendet, wenn es um einen Prozess im Anfangsstadium geht. So wird es z.B. in der russischen Alltagssprache im kosmetischen Bereich für den Moment des „Hautaufreißens“ verwendet, wenn man einen „Pickel“ ausdrückt.

Neben diesem physischen „reißen“ kann rwat auch eine starke psychische Spannung bezeichnen. Es ist dann mit deutschen Redewendungen vergleichbar: So kann die Geduld oder der Geduldsfaden reißen oder etwas zerrt an unseren Nerven – was nicht passiert, wenn man Nerven wie Drahtseile hat.[1] Nadryw ist dann in etwa mit „Überspanntheit“ zu übersetzen.[2]

Veränderung der Konnotation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese zweite Konnotation – die einer spezifischen, extremen Seelenverfassung – wird dem Begriff seit Dostojewski zugesprochen. In dieser Bedeutung wird es meistens pejorativ, also abwertend gebraucht. So beschreibt der russische Schriftsteller Andrei Bely „die Angst vor dem Nadryw“, die seinen Freund Alexander Blok erfasst hatte, und dass dieser „dem Thema Nadryw“ aus diesem Grunde gerne auswich. Und A.W. Lunatscharski, der erste Volkskommissar für Kultur (vgl. Volkskommissariat für Bildungswesen), beschreibt in seinem Artikel „Über die Vielstimmigkeit Dostojewskis“ (1929) „jenen unerträglichen Nadryw“ als unangenehmen Seelenzustand, „der bei den Menschen dieser Klasse als Folge des Zusammenbruchs alter Prinzipien auftritt, als Folge äußerster Ungewissheit der Zukunft und der lastenden Schwere der Gegenwart“.[3] Wobei seit Lunatscharski Nadryw zunehmend als ein Synonym für „Psychose“ erscheint.

Unübersetzbarkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Begriff Nadryw lässt sich Wittgensteins Aussage veranschaulichen, dass sich die Bedeutung eines Wortes durch seinen Gebrauch in der Sprache ergibt.[4] Unter Literaturwissenschaftlern gilt dieses Wort als unübersetzbar und wurde im Zusammenhang mit der Neuübersetzung von Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow durch Swetlana Geier als Beispiel dafür angeführt, dass es nicht immer möglich ist, literarische Bedeutungen von einem Kulturkreis in den anderen zu übertragen.[5] Geier lässt Nadryw in der deutschen Version unübersetzt, was sie damit begründet, dass die deutsche Sprache kein Äquivalent für den russischen Ausdruck biete. Dies stützt sie mit Auszügen aus dem Briefwechsel der beiden renommierten Literaturwissenschaftler Dmitrij Tschischewskij und Fjodor Stepun:

Tschischewski schrieb auf russisch (15. Juni 1949):

Lieber Fjodor Agustowitsch! […] Wie geben Sie folgende Worte wieder, was Sie bei Ihren Vorträgen gewiß getan haben, die für die russische Geistesgeschichte absolut unverzichtbar und keineswegs leicht wiederzugeben sind wie:

1.) Oproschtschenije
2.) Choschdenije w narod
3.) Nadryw

Das ist alles.

Stepun antwortete auf deutsch (30. Juni 1949):

Was nun die Frage der Übersetzung anbetrifft, so kann ich kaum eine feste Terminologie vorschlagen, die den drei von Ihnen aufgeschriebenen Worten entspräche. (…) Nadryw ist am schwersten auch durch die Umschreibung wiederzugeben: Ich habe oft von 'Schmerzekstase', ab und zu von einem „vehementen Aufschrei der Seele“ gesprochen. Ich glaube nicht, daß die Worte sich ein für alle Male eindeutig übersetzen oder terminologisch fixieren lassen, es sei denn, daß man sich über solche Begriffskristalle einigt. Mir ist in drei Tagen, in denen ich darüber nachdenke, noch nichts Vernünftiges eingefallen.[6]

Übersetzungsversuche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Tat können deutsche Lösungen wie „Schmerzekstase“, „wunde Stelle“, „Überspanntheit“ oder „Übersteigerung“ nur als Versuche zur Übersetzung bezeichnet werden. So schreibt Ilma Rakusa: „Swetlana Geier hat in ihrer jüngsten Übertragung den Begriff als terminus technicus übernommen, mit der Begründung, er sei unübersetzbar. In der Tat sind deutsche Lösungen wie ‚Schmerzekstase‘ (Fjodor Stepun), ‚wunde Stelle‘ (E.K.Rahsin), ‚Übersteigerung‘ (Werner Creutziger) nur Annäherungen. Ein Pendant steht nicht zur Verfügung, als wäre die Sache selbst unbekannt.“[7]

Nadryw im Internet[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Indem Geier Nadryw unübersetzt lässt, macht sie den Begriff zu einem deutschen Wort, das deutsche Leser aus dem Kontext erschließen müssen. Dies führt nun im Weiteren dazu, dass er auch im Deutschen verwendet wird. Man könnte meinen, dass dies nur in Texten der Fall ist, die sich mit Dostojewski beschäftigen, wie zum Beispiel Buchbesprechungen.[8] Es lassen sich jedoch inzwischen Versuche von Personen finden, die bestimmte emotionale Zustände – seien es die eigenen oder die anderer Personen oder fiktiven Figuren – als Nadryw bezeichnen. Im Folgenden einige Beispiele aus dem Internet als aktuellem Kommunikationsmedium.

Zunächst zeigt sich die Verunsicherung, die dieser Begriff auslöst, auch im Internet. So bleiben zwei Antworten in einem Forum, in dem man seine Fragen zur russischen Sprache loswerden kann, unbefriedigend:

Antwort 1: das ist einfach keine schöne sprache.[9]
Antwort 2: weiss nicht wie ichs sagen soll … ich finde die sprache ist mit humor nicht zu verbinden.[10]

Der Blick ins Internet zeigt jedoch auch, dass man beginnt, den Begriff auch auf eigene persönlichen Gefühle anzuwenden: Eine junge, literaturinteressierte schwangere Frau fühlt sich heute in einem „labilen, selbstquälerischen Zustand“ und nennt dies in ihrem persönlichen Blog Nadryw.[11]

Und in einem Suizid-Forum, in dem Trauernde sich gegenseitig in ihrem Liebeskummer auf ihrem Weg in den Tod begleiten können, beschreibt eine Frau die Tatsache, dass sie selbst an ihrem Zustand mit schuld ist, als Nadryw.[12]

Der deutschsprachige Schriftsteller ErikRoderickAndara hat in einem Literaturforum den Roman wohin der wind uns trägt veröffentlicht. Der Ich-Erzähler erlebt dort einen waschechten Nadryw und benennt ihn auch so:

Wenn Sophie „Nein“ sagt, meint sie dann in Wirklichkeit „Ja, aber sicher nicht so einfach?“. Deutungssache, diese Liebesdinge, schlichte Deutungssache, man muß nur wissen, was man will.

Dieses „Nein“ war wohl doch eher eine Ansage, die das zu bedeuten hatte, nach dem sie klang, nämlich „Nein“, punktum. Aber so leicht wirst du mich nicht los. Ich werde dich lieben, egal ob es dir nun paßt oder nicht. Ich werde dich verehren, wie eine Göttin auf Händen tragen. Meine Gefühle werden stark und echt sein und schlußendlich wirst du gar nicht anders können, als sie zu erwidern.

Wie hatte Dostojewski diesen Zustand so treffend genannt? Nadryw, glaube ich, was soviel heiß wie „die Nerven anreißend“. das ist es, was ich hier erlebe: Nadryw auf der Parkbank.[13]

Die letzten beiden sind freilich zwei Fälle, in denen eindeutig auf Dostojewski verwiesen wird, ohne den dem Autor der Begriff nicht verstehbar scheint. Noch muss der Begriff also weitestgehend erläutert werden. Der deutsche Leser ist allein auf den Kontext angewiesen. Wenn man also seine Bedeutung beschreiben möchte, muss man den Begriff in seiner Verwendung verfolgen und ihn sich so erschließen.

Nadryw in Dostojewskis Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dostojewski, der als Spezialist in Sachen extreme Seelenlagen gilt, bezeichnet mit nadryw eine Art der Überspanntheit und Exaltation, die zum Krankhaft-Destruktiven neigt.

In Böse Geister taucht Nadryw gleichsam als terminus technicus auf: Mit Nadryw wird hier ein Gemütszustand bezeichnet, der eine Person – in diesem Fall die Figur Stawrogin – zu einer überstürzten Heirat führt: „Es waren die Nerven, ein Nadryw“, was bedeutet, dass die Person etwas verrückt ist („die Herausforderung an den gesunden Menschenverstand“), aber auch masochistisch veranlagt, denn der, der einen Nadryw hat, setzt sich leidenschaftlich gerne dem negativen Zustand aus, unter dem er eigentlich leidet: „Sie heiraten aus Leidenschaft für Qual, aus Leidenschaft für Gewissensbisse, aus seelischer Lüsternheit“. Dies bedeutet, dass ein Nadryw mitnichten ein lang anhaltender beständig quälender Zustand ist, sondern anfallartig und stürmisch.

Den großen Romanen Dostojewskis ist der kleine Roman Aufzeichnungen aus dem Kellerloch vorausgegangen. Hier befindet sich der namenlose fiktive Autor die ganze Zeit in diesem exaltierten Zustand. Der Kellerlochbewohner versucht aggressiv die „Einzigartigkeit des Selbst im Zusammenstoß mit dem Dasein“ durchzusetzen. Dies heißt, dass er in einer Welt, die ihn als „normal“ ansieht, eine Individualität gegen die Gesetze der Natur und der Logik zu behaupten versucht. Er möchte ein Leben entgegen dem führen, was gemeinhin als sinnvoll gilt. Dabei bietet sich ihm kein anderer Ausweg als der des absurden Verhaltens, also ein bewusster Verstoß gegen den vernunftgesteuerten Selbsterhaltungstrieb. Er versucht die Grenzen des gegebenen Seins zu zerstören. Diese aggressive, stets überspannte Haltung, in der der Schreibende sein „Ich“ präsentiert, was ständig in Zerstörung und Chaos abzurutschen droht, kann man ebenfalls als Nadryw bezeichnen.

In Dostojewskis letztem Werk, Die Brüder Karamasow spielt Nadryw eine beherrschende Rolle: Hier wird Nadryw eindeutig gegen den Begriff des „hysterischen Anfalls“ oder „Hysterie“ abgegrenzt. In dem aus zwölf „Büchern“ bestehende Roman (inklusive Vorwort und Epilog) wird in dem „Nadrywy“ betitelten vierten Buch der Begriff von der exaltierten Mme. Chochlakowa eingeführt und von diesem Moment an häufig wiederholt. Drei aufeinanderfolgende Kapitelüberschriften benennen mit „Nadryw“ die anfallartige, verwirrte Qual verschiedener Personen.

Drei Brüder und ihr nadryw[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Interpretation von InKulturA[14] vertreten die drei Brüder Karamasow jeweils verschiedene weltanschauliche Positionen: Der Roman zieht seine intellektuelle Spannung daraus, dass die Intellektualität des Skeptikers Iwan gegen die unbeherrschte Emotionalität Dmitrijs und die exaltierte Frömmigkeit Aljoschas ausgespielt wird. Alle drei Typen jedoch leiden – jeder auf seine Art – unter nadryw, der selbstzerstörerischen Qual. Doch zu ihnen dreien gehört jeweils ihr persönliches Nadryw identitätsbildend dazu.[15]

Dmitrijs Nadryw[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dmitrij Fjodorowitsch leidet unter einem Zwiespalt: So ist er einerseits ein äußerst unbeherrschter Mensch, brutal und grob. Durch sein unmittelbares, jähzorniges Handeln bringt er sich selbst, aber auch seine Familie oder andere Personen öfters in schwierige Situationen. (Als Beispiel sei hier die Episode um den Kapitän Nikolai Iljitsch Snegirjow und seinen Sohn Iljuscha genannt.) Gleichzeitig klagt er sich genau dafür an, denn er möchte durchaus ein integrer und frommer Mensch sein. Er selbst quält sich mit diesem hohen moralischen Anspruch, dem er nicht gerecht werden kann. Diese Qual gehört zu seinem Charakter dazu. Er zieht einen psychisch-libidinösen Gewinn daraus, denn er geht davon aus, dass er durch seine Qual ein besserer Mensch wird. Demütig nimmt er das Leiden auf sich, da er als guter Christ davon ausgeht, dass diese Selbstqual ihm Seelenheil bringt. Er büßt mit dieser Selbstqual dafür, dass er sonst – seinen eigenen Worten nach – „ein Schuft“[16] ist. Für seine Wildheit, seinen Übermut büßt er damit, dass er sich selbst dafür quält. Seinen Höhepunkt findet diese selbstquälerische Buße darin, dass er lange Zeit bereit ist, unschuldig nach Sibirien zu gehen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ilma Rakusa: Rand oder Mitte, ist nicht die Frage. Vom Übersetzen aus slawischen Sprachen. In: Centrel Yurop Driims – Wo liegt Europa? Kulturmagazin Passagen der Pro Helvetia, No. 36, Frühjahr 2004, S. 30–33. (Online) (PDF-Datei, 624 KB)
  • Ruth Ewertowski: „Artistin der Sprache“. Fjodor Dostojewski: „Die Brüder Karamasow“, übersetzt von Swetlana Geier. Buchbesprechung in: Die Drei, Heft 5, 04, S. 80–81. (Online) (PDF-Datei, 116 KB)
  • Brigitte Espenlaub: „Im Strudel der Gefühle“. Fjodor Dostojewskij: „Ein grüner Junge“. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Buchbesprechung in: Die Drei. Heft 4, 08., S. 89–90. (Online) (PDF-Datei, 176 KB)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wiktionary deutsche Redewendungen
  2. Das russisch-deutsche Wörterbuch gibt zwei Bedeutungen des Begriffes надрыв an. Hier bedeutet er 1.(leichter) Riß m 1a (-ss-) 2. Überspanntheit f, Exaltiertheit f.
  3. Andrej Belyj und A.W. Lunatscharski zitiert nach: Fjodor Dostojewski: Die Brüder Karamasow, Aus dem Russischen von Swetlana Geier, Frankfurt/M. 2007 (2), S. 1252.
  4. „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ (Wittgenstein: PU 43)
  5. „Dabei weiß jeder, der es selbst einmal versucht hat, wie schwer es ist, aus einem anderen Kulturkreis »über zu setzen«. Dass das zuweilen auch gar nicht geht, dokumentiert sich bei Swetlana Geier darin, dass sie gelegentlich auch Worte unübersetzt lässt wie etwa die Dostojewskische Schlüsselvokabel »Nadryw«, die eine extreme seelische Spannung bezeichnet, die sich nur aus der Vielfalt der Kontexte erfassen lässt.“ Ruth Ewertowski: „Artistin der Sprache“. Fjodor Dostojewski: „Die Brüder Karamasow“, übersetzt von Swetlana Geier. Buchbesprechung in: Die Drei, Heft 5, 04, S. 80–81.
  6. Beide Auszüge zitiert nach: Fjodor Dostojewski: Die Brüder Karamasow, Aus dem Russischen von Swetlana Geier, Frankfurt/M. 2007 (2), S. 1254f.
  7. Vgl. Ilma Rakusa: Rand oder Mitte, ist nicht die Frage. Vom Übersetzen aus slawischen Sprachen. In: Kulturmagazin Passagen (PDF; 639 kB).
  8. „Die Bedrohung durch die Dokumente und die Verliebtheit von Vater und Sohn in dieselbe Frau kulminieren in einem Strudel der Gefühle, in einem »nadryw«. Ein Wort, das Swetlana Geier in »Die Brüder Karamasow« nicht übersetzt, sondern ausführlich kommentiert. Hier eskalieren die Gefühle, Interessen und Absichten und enden mit einem verfehlten Schuss und einem Verletzten. Der Schluss endet offen, und hier wirft Dostojewskij seinen Anker am weitesten in die Zukunft, in unsere Zeit. Die an dem nadryw Beteiligten ziehen an die Peripherie, verlassen Petersburg und übrig bleiben der Ich-Erzähler und seine »Zufallsfamilie«.“ Brigitte Espenlaub: „Im Strudel der Gefühle“. Fjodor Dostojewskij: „Ein grüner Junge“. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Buchbesprechung in: Die Drei. Heft 4, 08., S. 89–90.
  9. http://www.swisstalk.ch/forum/edit_post.asp?id=&M=Q&PID=3076795&TPN=1
  10. http://www.swisstalk.ch/forum/edit_post.asp?id=&M=Q&PID=3077078&TPN=1
  11. [Alltag: Samstag, Juni 11, 2005 http://saruta.blogspot.com/2005_06_01_archive.html]
  12. Dem Verstand sind sie nah, dem Herzen aber so fern. Denn nie wird es wohl damit abschließen können, zu oft schon erfolglos versucht, vergeblich gekämpft, doch immer wieder der einzigen großen Sehnsucht unterlegen, die mein Dasein bestimmt. Auf ewig unbegreiflich, wie er seine Gefühle dergestalt unterdrücken und die vermeintliche Rationalität sein Denken leiten lassen kann … Wenngleich ich auch nicht leugnen kann, dass diese Entwicklungen einzig ich verschuldet habe. Ebenso liegt die Tatsache, dass ich nicht loslassen kann, in meiner elendigen Person begraben. Ein Nadryw, um mit Dostojewskij zu sprechen.
  13. „wohin der wind uns trägt“ von erikroderickandara
  14. InKulturA Biografie (Memento vom 19. Februar 2009 im Internet Archive)
  15. Dostojewskijs letzter Roman Die Brüder Karamasow stellt eine Quintessenz des Gesamtwerks dar, und auch hier ersetzt ein komplexes Netz von Handlungen und Intrigen die stringente Handlung. Auf der untersten Ebene ist das Buch als Kriminalgeschichte eines Vatermordes lesbar. Seine intellektuelle Spannung bezieht es jedoch aus der Konfrontation der Brüder Karamasow, die jeweils verschiedene weltanschauliche Positionen vertreten: Die Intellektualität des Skeptikers Iwan wird im Roman gegen die Emotionalität Dmitrijs und die Frömmigkeit Aljoschas ausgespielt. Alle drei Typen aber illustrieren gemeinsam einmal mehr Dostojewskijs Figurenkonzeption unter dem Aspekt der selbstzerstörerischen Qual (nadryw) des Individuums. In ihnen sind die existentiellen Antinomien Dostojewskijs (Machthunger versus Unterwerfung, Freiheit versus Zwang, Sünde versus Ethik, Körper versus Seele) neuerlich umrissen.
  16. Kap.: „Ich bin ein Schuft …“