Nadryw

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Nadrýw (russisch надрыв) ist eine von Fjodor Dostojewski erstmals im Roman Die Dämonen verwendete russische Vokabel für emotionale Spannung. In Übersetzungen des Romans Die Brüder Karamasow wurde sie verschieden wiedergegeben: ‚Schmerzekstase‘ (Fedor Stepun), ‚wunde Stelle‘ (E. K. Rahsin), ‚Übersteigerung‘ (Werner Creutziger). Swetlana Geier ließ das Wort unübersetzt und machte es in Deutschland bekannt.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grammatik und Semantik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nadryw ist ein Neologismus Dostojewskis. Er ist gebildet als Substantivierung des schon vorher gebräuchlichen Reflexivverbs 'nadrywatsja'/'nadorwatsja'. In Pawlowskis russisch-deutschem Wörterbuch (Riga 1911) wird nadrywatsja mit "sich Schaden tun", "sich verheben", "sich aus allen Kräften anstrengen" wiedergegeben. Das Nachschlagewerk Slovar' russkogo jazyka (Wörterbuch der russischen Sprache, Moskau 1983) definiert nadryw als "übermäßige Anstrengung" (чрезмерное усилие) und "übermäßige krankhafte Schärfe im Ausdruck" (чрезмерная, болезненная резкость в проявлении, выражении чего-л.).[1]

Das Verb nadrywat ist ein Kompositum des Verbs rwat (рвать, dt. reißen) und der Vorsilbe nad (над, dt. an). Ursprünglich bezeichnet der Begriff die Veränderung einer materiellen Struktur unter Einwirkung einer mechanischen Kraft. Die Vorsilbe nad wird im Russischen dann verwendet, wenn es um einen Prozess im Anfangsstadium geht.

Neben diesem physischen „reißen“ kann rwat auch eine starke psychische Spannung bezeichnen. Es ist dann mit deutschen Redewendungen vergleichbar: So kann die Geduld oder der Geduldsfaden reißen oder etwas zerrt an unseren Nerven – was nicht passiert, wenn man Nerven wie Drahtseile hat.[2] Nadryw ist dann in etwa mit „Überspanntheit“ zu übersetzen.[3]

Konnotationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Bedeutung einer spezifischen, extremen Seelenverfassung ist der Begriff seit Dostojewski in die russische Sprache eingegangen. In dieser Bedeutung wird es meistens abwertend gebraucht. So beschreibt der Schriftsteller Andrei Bely „die Angst vor dem Nadryw“, die seinen Freund Alexander Blok erfasst hätte, und dass dieser „dem Thema Nadryw“ aus diesem Grunde ausgewichen sei. A.W. Lunatscharski, erster Volkskommissar für Kultur (vgl. Volkskommissariat für Bildungswesen), beschreibt in seinem Artikel Über die Vielstimmigkeit Dostojewskis (1929) „jenen unerträglichen Nadryw“ als unangenehmen Seelenzustand, „der bei den Menschen dieser Klasse als Folge des Zusammenbruchs alter Prinzipien auftritt, als Folge äußerster Ungewissheit der Zukunft und der lastenden Schwere der Gegenwart“.[4]

Übersetzungsvarianten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Formulierungen wie „Schmerzekstase“, „wunde Stelle“, „Überspanntheit“ oder „Übersteigerung“ wurden in bisherigen Dostojewski-Übersetzungen verwendet. So schreibt Ilma Rakusa: „Swetlana Geier hat in ihrer jüngsten Übertragung den Begriff als terminus technicus übernommen, mit der Begründung, er sei unübersetzbar. In der Tat sind deutsche Lösungen wie ‚Schmerzekstase‘ (Fjodor Stepun), ‚wunde Stelle‘ (E.K.Rahsin), ‚Übersteigerung‘ (Werner Creutziger) nur Annäherungen. Ein Pendant steht nicht zur Verfügung, als wäre die Sache selbst unbekannt.“[5] Der englische Übersetzer David McDuff kommentiert seine Übersetzung 'crack up' mit den Assoziationen 'cracks', 'ruptures', 'hysterias' und dem Französischen 'déchirement'.[6]

Frage der Übersetzbarkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zusammenhang mit der Neuübersetzung von Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow führte Swetlana Geier das Wort als Beispiel dafür an, dass es nicht immer möglich sei, literarische Bedeutungen von einem Kulturkreis in den anderen zu übertragen.[7] Geier lässt Nadryw in der deutschen Version unübersetzt, was sie damit begründet, dass die deutsche Sprache kein Äquivalent für den russischen Ausdruck biete. Dies stützt sie mit Auszügen aus dem Briefwechsel der Literaturwissenschaftler Dmitrij Tschischewskij und Fjodor Stepun:

Tschischewski schrieb auf russisch (15. Juni 1949):

Lieber Fjodor Agustowitsch! […] Wie geben Sie folgende Worte wieder, was Sie bei Ihren Vorträgen gewiß getan haben, die für die russische Geistesgeschichte absolut unverzichtbar und keineswegs leicht wiederzugeben sind wie:

1.) Oproschtschenije
2.) Choschdenije w narod
3.) Nadryw

Das ist alles.

Stepun antwortete auf deutsch (30. Juni 1949):

Was nun die Frage der Übersetzung anbetrifft, so kann ich kaum eine feste Terminologie vorschlagen, die den drei von Ihnen aufgeschriebenen Worten entspräche. (…) Nadryw ist am schwersten auch durch die Umschreibung wiederzugeben: Ich habe oft von 'Schmerzekstase', ab und zu von einem „vehementen Aufschrei der Seele“ gesprochen. Ich glaube nicht, daß die Worte sich ein für alle Male eindeutig übersetzen oder terminologisch fixieren lassen, es sei denn, daß man sich über solche Begriffskristalle einigt. Mir ist in drei Tagen, in denen ich darüber nachdenke, noch nichts Vernünftiges eingefallen.[8]

Nadryw in Dostojewskis Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Roman Die Dämonen (1870–1871) taucht das Wort nadryw erstmals auf. Damit wird hier ein Gemütszustand bezeichnet, der die Hauptfigur Stawrogin zu einer überstürzten Heirat führt: „Es waren die Nerven, ein Nadryw“. Die Figur der Maria Timofejewna Lebjadkina erklärt Stawrogins Handeln an dieser Stelle mit einer Art Masochismus: „Sie heiraten aus Leidenschaft für Qual, aus Leidenschaft für Gewissensbisse, aus seelischer Lüsternheit“. Im Roman Der Jüngling (1875) fällt das Wort zweimal.

In Dostojewskis letztem Roman Die Brüder Karamasow (1878–1880) spielt nadryw eine beherrschende Rolle. Hier wird nadryw eindeutig gegen den Begriff des „hysterischen Anfalls“ oder „Hysterie“ abgegrenzt. In dem aus zwölf „Büchern“ bestehende Roman (inklusive Vorwort und Epilog) wird in dem „Nadrywy“ betitelten vierten Buch der Begriff von der exaltierten Mme. Chochlakowa eingeführt und von diesem Moment an häufig wiederholt. Drei aufeinanderfolgende Kapitelüberschriften benennen mit „Nadryw“ die anfallartige, verwirrte Qual verschiedener Personen.

Der Slawist Wolf Schmid hat das Konzept in verschiedenen Arbeiten erläutert. Seine Definition lautet:

Nadryv (von den Wörterbüchern erläutert als die „Verhebung“, die Überanstrengung, der an Hysterie grenzende, überreizte Ausdruck eines Gefühls) ist eine psycho-ethische Grundsituation in der Welt Dostoevskijs, eine überspannte sittliche Haltung, die einer eigentlichen Neigung widerspricht, eine Form pseudo-idealistischer Selbstverleugnung. An den meisten Stellen ist nadryv am besten mit Selbstvergewaltigung wiederzugeben.[1]

Rezeption in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das russische Wort nadryw hat in Deutschland aufgrund der Verbreitung der Dostojewski-Übersetzungen von Swetlana Geier seit den 1990er Jahren besondere Popularität erfahren. Im Rahmen von Frank Castorfs Theateradaption von Die Brüder Karamasow an der Berliner Volksbühne ließ Bühnenbildner Bert Neumann 2015 ein Banner mit dem Wort in kyrillischen Buchstaben an der Fassade des Theaters aufhängen.[9] Im Spielfilm Axolotl Overkill, der Filmadaption von Helene Hegemanns Buch Axolotl Roadkill, trägt die Hauptfigur ein T-Shirt mit der Aufschrift.[10] 2017 erschien ein Film über das Ende von Frank Castorfs Volksbühnen-Intendanz mit dem Titel NADRYW – Die Volksbühne als letzte Realität.[11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolf Schmid: "Die Brüder Karamazov als religiöser 'nadryv' ihres Autors", in: Wiener Slawistischer Almanach, Sonderband 41 (1996), S. 25–50.
  • Irina Lewontina: "Dostoevskij nadryv", in: Wiener Slawistischer Almanach 40 (1997), S. 191–203.
  • Ilma Rakusa: Rand oder Mitte, ist nicht die Frage. Vom Übersetzen aus slawischen Sprachen. In: Centrel Yurop Driims – Wo liegt Europa? Kulturmagazin Passagen der Pro Helvetia, No. 36, Frühjahr 2004, S. 30–33. (Online) (PDF-Datei, 624 kB)
  • Ruth Ewertowski: „Artistin der Sprache“. Fjodor Dostojewski: „Die Brüder Karamasow“, übersetzt von Swetlana Geier. Buchbesprechung in: Die Drei, Heft 5, 04, S. 80–81. (Online) (PDF-Datei, 116 kB)
  • Brigitte Espenlaub: „Im Strudel der Gefühle“. Fjodor Dostojewskij: „Ein grüner Junge“. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Buchbesprechung in: Die Drei. Heft 4, 08., S. 89–90. (Online) (PDF-Datei, 176 kB)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Wolf Schmid: "Die Brüder Karamazov als religiöser 'nadryv' ihres Autors", in: Wiener Slawistischer Almanach, Sonderband 41 (1996), S. 25–50, S. 26.
  2. Wiktionary deutsche Redewendungen
  3. Das russisch-deutsche Wörterbuch gibt zwei Bedeutungen des Begriffes надрыв an. Hier bedeutet er 1.(leichter) Riß m 1a (-ss-) 2. Überspanntheit f, Exaltiertheit f.
  4. Andrej Belyj und A.W. Lunatscharski zitiert nach: Fjodor Dostojewski: Die Brüder Karamasow, Aus dem Russischen von Swetlana Geier, Frankfurt/M. 2007 (2), S. 1252.
  5. Vgl. Ilma Rakusa: Rand oder Mitte, ist nicht die Frage. Vom Übersetzen aus slawischen Sprachen. In: Kulturmagazin Passagen (Memento des Originals vom 13. April 2014 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.prohelvetia.ch (PDF; 639 kB).
  6. Fyodor Dostoevsky: The Brothers Karamazov (Penguin Classics), 1993, transl. by David McDuff, S. 903.
  7. „Dabei weiß jeder, der es selbst einmal versucht hat, wie schwer es ist, aus einem anderen Kulturkreis »über zu setzen«. Dass das zuweilen auch gar nicht geht, dokumentiert sich bei Swetlana Geier darin, dass sie gelegentlich auch Worte unübersetzt lässt wie etwa die Dostojewskische Schlüsselvokabel »Nadryw«, die eine extreme seelische Spannung bezeichnet, die sich nur aus der Vielfalt der Kontexte erfassen lässt.“ Ruth Ewertowski: „Artistin der Sprache“. Fjodor Dostojewski: „Die Brüder Karamasow“, übersetzt von Swetlana Geier. Buchbesprechung in: Die Drei, Heft 5, 04, S. 80–81.
  8. Beide Auszüge zitiert nach: Fjodor Dostojewski: Die Brüder Karamasow, Aus dem Russischen von Swetlana Geier, Frankfurt/M. 2007 (2), S. 1254f.
  9. Carl Hegemann: Zum Tod von Bert Neumann: Der Souverän der Volksbühne. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 12. November 2019]).
  10. "Männliche Ideen sind im Kino überpräsent". Abgerufen am 12. November 2019.
  11. NADRYW - Die Volksbühne als letzte Realität (Kurze Fassung). Abgerufen am 12. November 2019 (deutsch).