Negative Einkommensteuer

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Die Negative Einkommensteuer ist eine Variante des bedingungslosen Grundeinkommens. Die Grundidee wurde zuerst in den 1940er Jahren von Juliet Rhys-Williams entwickelt. Der Schwerpunkt des Konzepts liegt auf der ökonomischen Analyse der Anreizwirkungen auf die Bezieher niedriger Einkommen und den Modalitäten der Finanzierung des Grundeinkommens.

Jeder Bürger, unabhängig von Einkommen und Bedürftigkeit erhält in diesem Modell eine staatliche Transferleistung, die das Existenzminimum abdeckt. Diese Transferleistung ersetzt alle bisherigen bedarfsorientierten Transfers und Sozialversicherungen. Dadurch entfällt eine Bedarfsprüfung bei Transferzahlungen, was (so die Erwartung) zu sinkenden Verwaltungskosten führt. Durch die Zahlung des Grundeinkommens entfällt auch die Notwendigkeit eines Steuerfreibetrags, so dass der Einkommensteuertarif auch bei kleinen Einkommen sofort greift.

Bedarfsorientierte Transfers werden häufig komplett auf zusätzlich erzieltes Einkommen angerechnet, was faktisch einem Steuersatz von 100 % entspricht. Die negative Einkommensteuer senkt den Steuersatz und bietet daher einen Anreiz, auch in kleinerem Umfang erwerbstätig zu werden.[1][2]

Beispiel[Bearbeiten]

Ein Rechenbeispiel[Bearbeiten]

Die meisten Modelle negativer Einkommensteuer gehen von einem konstanten Steuersatz (Flat Tax) aus. Der Tarifverlauf wird dann vollständig durch die beiden Parameter Steuersatz und Grundeinkommen definiert. In der Abbildung ist der Tarifverlauf für ein (monatliches) Grundeinkommen von 1.000€ und einen Steuersatz von 50 % dargestellt und exemplarisch an vier Punkten erläutert:

Grundeinkommen Markteinkommen Einkommensteuer Steuerschuld Gesamteinkommen
1000 0 0 -1000 1000
1000 1000 500 -500 1500
1000 2000 1000 0 2000
1000 3000 1500 500 2500

Plausible Parameter[Bearbeiten]

Rechenbeispiel

In den 1970er Jahren schlugen der Ökonom Milton Friedman und der Präsidentschaftskandidat George McGovern jeweils andere Parameter vor,[3] die aber wachstums- und inflationsbedingt heute irrelevant sind.

Die Armutsgefährdungsgrenze lag in Deutschland 2012 bei 980€, so dass die u.a. auch von Götz Werner geforderten "1000€ für alle"[4] ein für dieses Konzept plausibler Wert sind.

Der hier gewählte Steuersatz von 50 % hat zur Folge, dass alle Personen mit einem Einkommen von unter 2.000€ einen Nettotransfer erhalten. Das mediane monatliche Einkommen betrug 2012 1.633€ (siehe Armutsgefährdungsgrenze). Das bedeutet, dass bei dieser Parameterwahl mehr als die Hälfte der Personen einen Nettotransfer erhalten würden. Der Steuersatz, bei dem das Medianeinkommen einen saldierten Nettotransfern von genau Null erhalten würde, beträgt  \frac {1000 \euro}{1633 \euro} =61 %. Bei diesem Steuersatz gäbe es genau 50 % Nettotransferempfänger.

Experimente[Bearbeiten]

In den 1970er Jahren wurden in den USA eine Reihe von Experimenten mit der negativen Einkommensteuer durchgeführt.[5]

  • New Jersey, 1968-1974 mit 1.357 Haushalten
  • Iowa, 1969-1973 mit 809 Haushalten
  • Gary, Indiana, 1971-1974 mit 1.780 Haushalten
  • Seattle und Denver, 1971-1982 mit 4.800 Haushalten

Eines der durchgängigen Ergebnisse der Studien war, dass die Haushalte ihr Arbeitsangebot mehr oder minder stark reduzierten. Der Reduktionseffekt war bei alleinerziehenden Müttern und Jugendlichen am größten und lag bei über 10 %.[6]

Ein weiteres Experiment fand in Dauphin, Kanada statt. (siehe Mincome)

Umsetzungsversuche (Auswahl)[Bearbeiten]

Der 1973 in den USA eingeführte Earned Income Tax Credit ähnelt dem Modell der negativen Einkommensteuer, setzt aber Erwerbstätigkeit voraus.

Das in den 1990er Jahren von der FDP vertretene Modell des Bürgergeld ist keine negative Einkommensteuer, da eine Bedürftigkeitsprüfung vorgenommen werden soll.

Einige Landesverbände von Bündnis 90/Die Grünen in Baden-Württemberg schlugen 2007 die Einführung einer negativen Einkommensteuer vor.[7][8] Ende November 2007 lehnte eine Bundesdelegiertenkonferenz dieses Konzept jedoch mit knapper Mehrheit ab.

Diskussion[Bearbeiten]

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Milton Friedman vertrat die These: Freie Märkte befördern eine freiheitlich orientierte Gesellschaft. Im Modell Friedmans ist eine bedingungslose Grundsicherung als Verhandlungsbasis über Arbeitsinhalte und Arbeitsbedingungen integriert – als Voraussetzung für eine freiheitlich orientierte Gesellschaft.

Als Vorteil wird angeführt, dass durch Lohnsubvention zwar ein Niedriglohnsektor entstehen kann, Menschen mit geringem Einkommen jedoch staatliche Zuschüsse erhielten. Insofern könnte die negative Einkommensteuer sowohl für den Bürger als auch für die Wirtschaft Vorteile bringen.

Befürworter dieser Steuer halten sie für gerecht, da sie als Instrument zur Umverteilung Geringverdiener entlastet. Es findet eine Umverteilung von Reich nach Arm statt. Die zugrundeliegende Formel zur Berechnung der Steuerhöhe wirkt hierbei als eine Art „Wippe“, die den abnehmenden Grenznutzen von steigendem Einkommen ausgleicht, da ein Euro für einen Geringverdiener einen größeren gefühlten Wert hat als für einen Spitzenverdiener.

Literatur[Bearbeiten]

  • van Almsick, Josef: Die negative Einkommensteuer: Finanztheoretische Struktur, Arbeitsangebotswirkungen und sozialpolitische Konzeption, Duncker & Humblot, 1981, ISBN 3428048318
  • Boskin, Michael J. "The Negative Income Tax and the Supply of Work Effort". National Tax Journal (1967).
  • Burtless, Gary, und Jerry A Hausman. "The Effect of Taxation on Labor Supply: Evaluating the Gary Negative Income Tax Experiment". Journal of Political Economy (1978): 1103-1130.
  • Creedy, John. "Negative Income Taxes and Income Redistribution". Oxford Bulletin of Economics and Statistics (1978): 363-369.
  • Hackenberg, Helga, und Stefan Sell. "Die 'negative Einkommensteuer' als beschäftigungspolitisches Instrument". Sozialer Fortschritt (1997): 86-89.
  • Killingsworth, Mark R. "Must a Negative Income Tax Reduce Labor Supply? A Study of the Family's Allocation of time". Journal of Human Ressources (1976): 354-365.
  • Krause-Junk, Gerold. "Bürgergeld - The Negative Income Tax". Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik (1997): 549-560.
  • Hans-Georg Petersen: Pros and cons of a negative income tax. (= Finanzwissenschaftliche Diskussionsbeiträge; 2). Universität Potsdam 1995 (Volltext)
  • Robins, Philip K. "A comparison of the labor supply findings from the four negative income tax experiments". Journal of Human Resources (1985): 567-582.
  • Scherf, Wolfgang. "Die negative Einkommensteuer: Ein problematisches Konzept der Steuer- und Sozialpolitik". Wirtschaftsdienst (1994): 114-118.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. van Almsick (1980)
  2. Killingsworth (1976)
  3. Die negative Einkommensteuer von Dr. Josef van Almsick (1980), S. 70-73
  4. Werner, G.; Goehler, A: 1000 € für jeden. Freiheit, Gleichheit, Grundeinkommen. Econ, Berlin 2010, ISBN 978-3-430-20108-7.
  5. Robins: "A comparison..." 1985, S.569.
  6. Robins: "A comparison..." 1985, S.569.
  7. Beschluss der 22. Landesdelegiertenkonferenz von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Baden-Württemberg vom 12-14.10.2007 in Heidelberg: Armut bekämpfen, Bildung verbessern, Chancen eröffnen; Der Weg zu einem grünen Grundeinkommen – eine solidarische und freiheitliche Zukunft gestalten. BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Baden-Württemberg. 12. Abgerufen am 24. Februar 2015.
  8. Das GRÜNE Grundeinkommen: Individuell, Existenz sichernd, bedingungslos. Für einen neuen sozialen Zusammenhalt