Nieder-Ingelheim

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Wappen von Nieder-Ingelheim
Wappen von Ingelheim am Rhein
Nieder-Ingelheim
Stadtteil von Ingelheim am Rhein
Lage von Nieder-Ingelheim
Koordinaten 49° 58′ 46″ N, 8° 4′ 18″ OKoordinaten: 49° 58′ 46″ N, 8° 4′ 18″ O
Einwohner 9540
Eingemeindung 1. Apr. 1939
Postleitzahl 55218
Vorwahl 06132
Website www.ingelheim.de
Verkehrsanbindung
Bus 611, 620
Nieder-Ingelheim von Osten aus

Nieder-Ingelheim ist ein Stadtteil von Ingelheim am Rhein im Landkreis Mainz-Bingen. Die einst selbstständige Gemeinde entwickelte sich aus der Kaiserpfalz Karls des Großen, die dort im 8. Jahrhundert erbaut worden war. Die Industrialisierung am Anfang des 19. Jahrhunderts ließ Nieder-Ingelheim zum heute größten Stadtteil anwachsen.

Geografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Stadtteil liegt unmittelbar am Fuße des Mainzer Bergs, von da an zieht sich die Gemarkung nördlich bis zum Rhein. Die Höhe des Siedlungsgebiets über NN beträgt 90–150 Meter. Das Boehringer-Werksgelände stellt die westliche Grenze dar.

An den Stadtteil grenzen nördlich, getrennt durch den Rhein, Oestrich-Winkel und Eltville am Rhein, östlich Heidesheim am Rhein sowie Wackernheim. Innerstädtisch grenzt Nieder-Ingelheim nordwestlich an Frei-Weinheim, südlich an Ober-Ingelheim und westlich an Ingelheim-West.

Geologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Südosten der Gemarkung ist der Untergrund der Hochfläche des Mainzer Berges ist mit Lößschichten und Tertiärkalk versehen die im Hochmittelalter Bewaldet waren. Heute dienen diese Flächen dem Obst und Spargelbau, die Hänge des Mainzer Berges dienen dem Weinbau. Im Norden liegt das Flussufer des Rheins das geprägt ist durch Auenlandschaften mit Wäldern und Weiden. Ebenso sind Flugsandzonen vorhanden in der Rheinebene die heute ebenfalls für die Landwirtschaft benutzt werden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon zur römischen Zeit war das Gebiet im Bereich Mainzer Straße und François Lachenal-Platz besiedelt, es befanden sich dort mehrere Villae rusticae. Streufunde und Weihsteine[1] deuten auch auf Vicus und Villa urbana hin. Am heutigen Ortskern verlief auch die römische Fernstraße Mainz-Bingen/Trier vorbei.

Nieder-Ingelheim in der Cosmographia von 1550

Nieder-Ingelheim eine fränkische Siedlung im 6. Jahrhundert gegründet, war schon vor Karls Ingelheimer Kaiserpfalz Standort eines merowingischen Königshofs. Große Bedeutung erfuhr das Dorf schließlich mit dem Bau der Kaiserpfalz Karls des Großen im 8. Jahrhundert. Von dort aus wurde das Ingelheimer Reich später Ingelheimer Grund, regiert. Der erste Besuch Karls des Großen datiert vom Jahr 774 in loco, qui dicitur Ingilinhaim[2]. Karl der Große hielt hier eine Heeresversammlung 788 ab in der Bayernherzog Tassilo[3] verurteilt wurde. Des Weiteren hielt er in Nieder-Ingelheim mehrere Hoftage ab. Nach seinem Tod übernahm sein Sohn Ludwig der Fromme die Pfalz, der auf einer Rheininsel bei Nieder-Ingelheim verstarb. Unter Ludwig wurde die Pfalz repräsentativer Schauplatz für Reichsversammlungen, Hoftagen und Gesandtschafts empfangungen. In der Herrschaft der Ottonen wurden in der Pfalz in den Jahren 948, 958 und 972 Reichssynoden[4] abgehalten. Letztes Großereignis war die Hochzeit zwischen König Heinrich III. und Agnes, der Tochter von Wilhelm IV. von Aquitanien. Unter Barbarossa wurde die Kaiserpfalz sowie das Dorf Nieder-Ingelheim 1160 zu einer Festung ausgebaut, wohl zum Druckmittel gegen Mainz das er gezwungen hatte seine Stadtmauer niederzulegen[5]. Der Mainzer Erzbischof Siegfried III. nahm persönlich[6] an einer Belagerung der Festung Nieder-Ingelheim teil. 1190 verfügte Werner II. von Bolanden über eine Vogtei, allerdings wird die Zollstation Bolandens im Jahre 1254 vom Rheinischen Städtebund zerstört.

Um 1314 wurde Nieder-Ingelheim mit dem Rest des Ingelheimer Grundes an das Mainzer Erzstift verpfändet, das bereit 1375 nochmals verpfändet wird an die Kurpfalz und damit die Reichsunmittelbarkeit beendete. Durch die Gründung des Augustinerchorherrenstiftes in der Aula Regia der Pfalz 1354 durch Karl IV. führte er das Ende der Kaiserpfalz herbei. 1381 erhielt das Dorf Nieder-Ingelheim Marktrechte. Ab dem 14. Jahrhundert setzte sie Besiedlung auf dem Gebiet Saal der Kaiserpfalz ein, dazu wurden auch Steine der Kaiserpfalz benutzt. 1460 während der Pfalzgräflich-kurmainzischen Fehde und 1504 wurde das Dorf niedergebrannt. 1488 wurde der bekannteste Ingelheimer Sohn, Sebastian Münster, in Nieder-Ingelheim geboren.

Der dreißigjährige Krieg 1618 bis 1648 und die Pest 1666 ließ die Einwohnerentwicklung stagnieren. Schon vor der Industrialisierung war der Wohlstand in Nieder-Ingelheim durch Weinbau und Weinhandel hoch. Die Möglichkeit in die Landwirtschaft zu investieren und die gute Verkehrsanbindung bewog auch einige Vermögende Anfang des 19. Jahrhunderts[7] ihren Wohnsitz hier zu errichten.

Mit dem Bau der Eisenbahn die 1859 in Betrieb genommen wurde erhielt Nieder-Ingelheim eine Bahnstation im Westen der Gemarkung die allerdings damals schon nur Ingelheim hieß. Mit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke hielt in Nieder-Ingelheim die Industrielle Revolution einzug und fand in einer Reihe neugegründeter Fabriken Ausdruck. Ein Zeugnis dieser Zeit ist das 1885 gegründete Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim. Die Industrialisierung ließ die Einwohnerzahl nach oben schnellen und lößte einen Bauboom in Nieder-Ingelheim aus. Die Bebauung weitete sich bis zum Ersten Weltkrieg von Grundstraße bis weiter richtung Westen zum Bahnhof aus.

In den 1920er Jahren gab es erste Überlegungen zu einer Zusammenlegung mit Ober-Ingelheim die allerdings zu dieser Zeit noch scheiterten. 1939 wurde Nieder-Ingelheim zusammen mit Frei-Weinheim, Ober-Ingelheim und dem Weiler Sporkenheim Teil der neuen Stadt Ingelheim am Rhein. In den 1960er Jahren entstand auf ehemaliger Nieder-Ingelheimer Gemarkung der Stadtteil Ingelheim-West. 1982 wurde das Neue Rathaus an der Ecke Gartenfeldstraße und Binger Straße auf Nieder-Ingelheimer Gemarkung eingeweiht.

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während in der Zeit des dreißigjährigen Krieges 1618 bis 1648 und der Pest 1666 stagnierte die Einwohnerzahl erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert gab es einen Boom der Einwohnerzahl die in den 1920ern gar zu Wohnungsnot führte. Auch heute ist die Einwohnerzahl weiter steigend.

Einwohnerentwicklung
Jahr Einwohner
1577 158
1806 1335
1834 2130
1905 3435
2008 9540

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor der Stadtwerdung Ingelheims 1939 war Nieder-Ingelheim ein eigenständiger Ort.

Bürgermeister vor der Stadtwerdung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bauwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die katholische Pfarrkirche St. Remigius reicht in ihren Anfängen bis in das 8. Jahrhundert zurück. Sie wurde im Jahre 741/43 das erste Mal urkundlich erwähnt. Dabei handelt es sich um einen barocken einschiffigen Saalbau mit einem romanischen Glockenturm, der den ältesten erhaltenen Teil der Kirche darstellt. Die Kirche wurde zur Blütezeit der benachbarten Kaiserpfalz als Palastkapelle verwendet. Im Juni 948 tagte in ecclesia beati Remigii die Universalsynode von Ingelheim unter Vorsitz des päpstlichen Kardinallegaten Marinus von Bomarzo, an der auch König Otto und Ludwig von Frankreich teilnahmen.[8]

Die Saalkirche (evangelisch), 997 in Nieder-Ingelheim als Kapelle St. Peter der Kaiserpfalz errichtet. Ihr heutiges Aussehen stammt aus dem 12. Jahrhundert. Nach dem Niedergang der Kaiserpfalz blieb sie wie die übrigen Gebäude der Pfalz erstmal erhalten. In der Reformation wurde das Stift aufgehoben und die Kirche verfiel zusehends. In einem Bericht aus dem Jahre 1638 heißt es, dass die Kirche bis auf den Chor und die Mauern des Querschiffs eingestürzt ist. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts konnte mit einer Renovierung begonnen werden. Die Rekonstruktion des Langhauses wurde erst 1965 abgeschlossen.

Die bedeutende Ingelheimer Kaiserpfalz stammt aus dem 8. Jahrhundert und diente den Kaisern und Königen bis ins 11. Jahrhundert als Aufenthalts- und Regierungsort. Der Pfalzkomplex befindet sich im heutigen Nieder-Ingelheim. Von der einstigen Kaiserpfalz sind nur noch Reste erhalten. Der größere Teil der Anlage liegt als Fundament unter der Erde. Die Pfalz erfuhr in ihrer Geschichte mehrere Umbauten, bis sie nach dem Niedergang Nieder-Ingelheims aufgrund ihrer Bedeutungslosigkeit nach und nach abgebrochen wurde. Vom Abbruch nicht betroffen war die einstige Pfalzkapelle, die heutige Saalkirche. Heute wird das Gebiet der einstigen Pfalz restauriert und steht unter Denkmalschutz. Auch finden dort noch Ausgrabungen statt.[9][10]

Das Heidesheimer Tor war östlichster Aus- und Eingang der Kaiserpfalz in der karolingischen Zeit. Vom einstigen Tor mit zwei Türmen links und rechts vom Torbogen ist allerdings nichts mehr zu sehen, da das Tor im 13. Jahrhundert im Zuge des Umbaus zur mittelalterlichen Wehrarchitektur zugemauert und die Türme abgetragen wurden.

Sport und Vereine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Turngemeinde 1847 Nieder-Ingelheim bietet neben Basketball und Tischtennis weitere Kurse an. Wie zum Beispiel Showtanz, Leichtathletik, Taekwondo, Badminton, Turnen und Volleyball.

Regelmäßige Veranstaltungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Immer am zweiten Augustwochenende richtet der Narrenclub Ingelheim auf dem Vorplatz der Saalkirche das Altstadtfest aus. Die Ökumenische Kerb in Nieder-Ingelheim findet am zweiten Septemberwochenende in der Nähe der St. Remigiuskirche statt. Zudem richtet Boehringer Ingelheim von April bis Mitte Juni, das Kulturfestival Internationale Tage im Alten Rathaus aus. Höhepunkt dieser sind die Nacht der Kunst im Mai, bei der auch das Saalgebiet mit Führungen und Illumination der Kaiserpfalz eingebunden wird.

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ansässige Unternehmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden in dem ehemals landwirtschaftlich geprägten Weindorf Nieder-Ingelheim mehrere industrielle Betriebe. Der einzige Betrieb, der bis heute besteht, ist das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim, das bis heute das Bild der gesamten Stadt prägt. Das als Phenomic Game Development gegründete Unternehmen ist ein Entwicklungsstudio für Computerspiele. Es wurde 2006 von dem US-amerikanischen Publisher Electronic Arts übernommen und nennt sich seitdem EA Phenomic.

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nördlich des Stadtgebiets verläuft die A 60, die weiter östlich mit der Anschlussstelle Ingelheim-Ost mit dem Stadtteil verbunden ist. Durch den Stadtteil verlaufen die L 419, die am Anfang des 19. Jahrhunderts als Route de Charlemagne angelegtwurde aus der Innenstadt nach Wackernheim und die L 422 nach Heidesheim. Mit der Stadtbuslinie 611 kommt man über den Bahnhof führend nach Frei-Weinheim. Mit der Linie 612 nach Sporkenheim und Ober-Ingelheim.

Auf ehemaliger Nieder-Ingelheimer Gemarkung befindet sich auch der Ingelheimer Bahnhof mit Anbindungen nach Mainz und Bingen.

Öffentliche Einrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2010 befindet sich die Polizeiinspektion Ingelheim auf dem ehemaligen Gelände der Maehler & Kaege. Die Hauptwache der Feuerwehr befindet sich gegenüber dem Friedhof Nieder-Ingelheims, die aber auch in nächste Zeit ans Gelände der Maehler & Kaege umzieht. Das städtische Krankenhaus befindet sich in der Nähe des alten Rathauses.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Denkmaltopographie:Kulturdenkmäler in Rheinlandpfalz Kreis Mainz-Bingen 18.1 S. 359
  2. Denkmaltopographie:Kulturdenkmäler in Rheinlandpfalz Kreis Mainz-Bingen 18.1 S. 359
  3. Denkmaltopographie:Kulturdenkmäler in Rheinlandpfalz Kreis Mainz-Bingen 18.1 S. 360
  4. Denkmaltopographie:Kulturdenkmäler in Rheinlandpfalz Kreis Mainz-Bingen 18.1 S. 360
  5. Historischer Verein: Ingelheim S. 65
  6. Historischer Verein: Ingelheim S. 66
  7. Denkmaltopographie:Kulturdenkmäler in Rheinlandpfalz Kreis Mainz-Bingen 18.1 S. 361
  8. [1]
  9. Ausgrabungen bei der Kaiserpfalz
  10. Die Ausgrabungen in der Königspfalz Ingelheim, 1909–1914 aus dem Jahre 1976 Autoren: Christian Rauch, Hans Jörg Jacobi, Historischer Verein Ingelheim auf 87 Seiten