Nikolai Iwanowitsch Lobatschewski

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Nikolai Lobatschewski
Lobatschewski von Lev Kryukov, vor 1843

Nikolai Iwanowitsch Lobatschewski (russisch Николай Иванович Лобачевский, wiss. Transliteration Nikolaj Ivanovič Lobačevskij; * 20. Novemberjul./ 1. Dezember 1792greg. in Nischni Nowgorod; † 12.jul./ 24. Februar 1856greg. in Kasan) war ein russischer Mathematiker. Er publizierte als erster eine Arbeit über eine nichteuklidische Geometrie.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nikolai Lobatschewskis Grab auf dem Friedhof Arskoe in Kasan

Lobatschewski begann 1807 ein Studium der Chemie und der Pharmakologie an der Universität von Kasan, wechselte 1808 jedoch zur Mathematik, Astronomie und Physik und lernte bei dem deutschen Mathematiker Johann Christian Martin Bartels (1769–1833), dem Lehrer und späteren Freund von Carl Friedrich Gauß.[1] 1811 beendete er das Studium.

Er wurde 1816 zum Professor an der Kasaner Universität ernannt, war von 1823 bis 1824 Dekan der Physiko-Mathematischen Fakultät, danach von 1825 bis 1835 Direktor der Universitätsbibliothek und von 1827 bis zu seiner Emeritierung 1846 Rektor. 1837 wurde er in den erblichen Adelsstand erhoben.

Lobatschewski arbeitete noch bis 1855 als stellvertretender Kurator des Kasaner Schulbezirks, erblindete schließlich und starb ein Jahr nach seiner Versetzung in den endgültigen Ruhestand.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch den Punkt M verlaufen zwei Geraden, die parallel zur Geraden D sind

Lobatschewski beschäftigte sich schon um 1814 mit dem Parallelenaxiom der Geometrie, wie unabhängig von ihm der österreichisch-ungarische Mathematiker János Bolyai etwa ab 1820. Vor ihm versuchten viele Mathematiker, Euklids fünftes Axiom von den anderen Axiomen abzuleiten. Lobatschewski jedoch entwickelte eine Geometrie, in der das Parallelenaxiom nicht gilt, was zur nichteuklidischen hyperbolischen Geometrie führt, die man heute auch Lobatschewskische Geometrie nennt. Seine Idee wurde zuerst am 23. Februar 1826 berichtet und abgedruckt in dem Bulletin der Kasaner Universität (Вестник Казанского университета, 1829–1830).

Weitere wichtige mathematische Errungenschaften Lobatschewskis erwähnt sein Lehrbuch der höheren Algebra (1834), in dem eine unabhängig von Germinal Pierre Dandelin 1823 und Karl Heinrich Gräffe 1837 entwickelte Methode zur näherungsweisen Bestimmung der Nullstellen von Polynomen n-ten Grades (heute als Dandelin-Gräffe-Verfahren bekannt) sowie ein 1862 von Betti erneut entdecktes Lösungsverfahren für homogene lineare diophantische Gleichungen beschrieben wurde. Auch vertrat Lobatschewski einen sehr modernen Funktionenbegriff und fasste eine Funktion als eine Zuordnung zwischen zwei Mengen reeller Zahlen auf, wie Peter Gustav Lejeune Dirichlet unabhängig von ihm kurze Zeit später.

So sehr sein nichtwissenschaftliches Wirken, sein pädagogisches Geschick und sein organisatorisches Engagement ihm hohe Wertschätzungen und zahlreiche Ehrungen einbrachten, so wenig Anerkennung fand sein wissenschaftliches Werk zu seinen Lebzeiten. Seine mathematischen Gedanken galten eher als Schrullen eines sonst verdienten Mannes. Allein Carl Friedrich Gauß zollte ihm Anerkennung und erwirkte 1842 seine Ernennung zum korrespondierenden Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften.

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Liedermacher Tom Lehrer hat das Lied „Lobachevsky“ über den Namen Lobatschewskys verfasst, in dem es um Wissenschaftsplagiate geht, allerdings gibt es wohl keinen Bezug auf die historische Person. Tom Lehrer selbst sagt, er habe diesen Namen aus lautmalerischen Gründen verwendet.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gesammelte Werke, Herausgeber Weniamin Fjodorowitsch Kagan, 4 Bände, Moskau, Leningrad 1946 bis 1951 (Russisch)
  • Zwei geometrische Abhandlungen aus dem Russischen übersetzt, mit Anmerkungen und mit einer Biographie des Verfassers, von Friedrich Engel, Teubner, 1898, (die Abhandlungen Über die Anfangsgründe der Geometrie, Kasaner Bote 1829, Neue Anfangsgründe der Geometrie mit einer vollständigen Theorie der Parallellinien, Kasaner Gelehrte Schriften 1835, 1836) Archive
  • Pangeometrie, Übersetzt und herausgegeben von Heinrich Liebmann, Leipzig: W. Engelmann 1902 (Ostwalds Klassiker), Archive
  • Geometrical researches on the theory of parallels, 1891, La Salle: Open Court 1914 (Übersetzer George Bruce Halstead), Archive, Nachdruck in Bonola, Non-euclidean geometry, 1912, Dover 1955
  • Pangeometry, Übersetzer und Herausgeber: A. Papadopoulos, Heritage of European Mathematics Series, Band 4, European Mathematical Society 2010.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Boris Abramowitsch Rosenfeld: Artikel Lobachevsky in Dictionary of Scientific Biography
  • D. A. Gudkov: N. I. Lobachevskii, Nischni Nowgorod 1992 (russisch)
  • Weniamin Fjodorowitsch Kagan: N.Lobatschewski, Moskau, Leningrad 1948 (russisch, französische Übersetzung Moskau 1974)
  • A. V. Vasilev: Nikolai Ivanovich Lobachevskii : 1792-1856, Moskau: Nauka 1992 (russisch)
  • G. Kasdorf: Lobachevskii, in H. Wussing, W. Arnold, Biographien bedeutender Mathematiker, Berlin, 1983
  • Alexander Petrowitsch Norden, A. P. Shirokov: The legacy of N I Lobachevskii and the activity of Kazan geometers, Russian Math. Surveys, Band 48, 1993, S. 47–74.
  • A. Vucinich: Nicolai Ivanovich Lobachevskii: The Man Behind the First Non-Euclidean Geometry, Isis, Band 53, 1962, S. 465–481.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Nikolai Lobachevsky – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wie Boris Lukitsch Laptew zeigte, hörte er bei Bartels Vorlesungen über Mathematikgeschichte nach dem Lehrbuch von Montucla, in dem auch auf das Parallelenaxiom und seine Beweisversuche eingegangen wird.