Noctes Atticae

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Frontispiz einer lateinischen Ausgabe von 1706

Die Noctes Atticae (lateinisch „Attische Nächte“) wurden um 170 von dem römischen Schriftsteller und Richter Aulus Gellius verfasst.

Entstehung[Bearbeiten]

Der Titel des Werkes erklärt sich daraus, dass Gellius mit der Abfassung während der langen Winternächte begann, die er in Attika verbrachte,

quoniam longinquis per hiemem noctibus in agro … terrae Atticae commentationes hasce ludere ac facere exorsi sumus, idcirco eas inscripsimus noctium esse Atticarum[1]

fertiggestellt wurde das Werk jedoch erst später in Rom.

Das Werk ist ebenfalls ein Spiegelbild der Atmosphäre des literarischen Salons des 2. Jahrhunderts, einer zweisprachigen Literaturepoche.

Inhalte[Bearbeiten]

In bunter Abfolge arbeitete er seine Notizen über allerhand Wissenswertes, Pikantes oder Kurioses zu kleinen Essays aus. Während die einzelnen Kapitel in sich meist klar gegliedert und souverän formuliert sind, gibt es keine systematische Gesamtordnung. Stilistisch ist das Werk meist im anspruchsvollen Plauderton der gebildeten Oberschicht gehalten. So sind die Noctes Atticae für einen breiten Leserkreis angelegt, daneben aber auch als Lehr- und Unterhaltungsbuch für Gellius’ Kinder geschrieben worden. Sie zählen dadurch auch zu den Erziehungsbüchern ad filios.

Das in zwanzig Bücher gegliederte Sammelwerk – von Buch VIII sind nur die ausführlichen Inhaltsangaben erhalten – zählt zur Gattung der Buntschriftstellerei und spiegelt die Bildung und das Wissen der Kaiserzeit des 2. Jahrhunderts n. Chr. wider. In seinen Texten setzt sich Gellius mit den verschiedensten Problemen auseinander; dazu sammelte er für sein Buch Auszüge aus Werken von circa 275 Autoren aus zahlreichen Wissensgebieten wie Philosophie, Grammatik, Etymologie, Literatur, Textkritik, Geschichte, Rechtswissenschaften, Sakrallehre, aber auch Beschreibungen fabelhafter Wesen wie der sogenannten Arimaspen (Zyklopen) und Pygmäen.

Wiederkehrende Elemente des Werks sind

  • Konflikte in Bezug auf das Erfüllen von Pflichten
  • Probleme unterschiedlicher Generationen
  • Juristische Themen
  • Themen der Sprache und Literatur
  • Wissenschaftliche / technische Themen
  • Vergleich der römischen und griechischen Kultur (insbesondere poetische Vergleiche (Mimesis))

Quellen[Bearbeiten]

Einige der zitierten Autoren kennt Gellius wohl nur über Zwischenquellen. Seine Angaben entstammen jedoch nicht nur Nachschlagewerken, sondern auch Originaltexten. Zitate gibt er exakt wieder, betreibt eine frühe Form der Textkritik und vergleicht Handschriftenzeugen. Die vielen griechischen Textstücke der Noctes Atticae beweisen die Zweisprachigkeit seiner Zeit und entsprechendes Interesse des Publikums. Beispiele sind hier v. a. poetologische Vergleiche zwischen z. B. Caecilius Statius und Menander oder Homer, Theokrit und Vergil.

Zu den Autoren, von denen Gellius Textauszüge sammelte und verarbeitete, zählten auch Cato, Cicero und Varro, die am häufigsten von ihm zitiert werden.

Gellius verwendet auch Zitate von Schriftstellern, deren Schriften im Laufe der Zeit verloren gegangen sind (wie zum Beispiel von Marcus Valerius Probus Berytius). Dies macht ihn zu einem wichtigen Textzeugen der Editionsphilologie.

Bedeutende Passagen sind unter anderem durch den Einfluss von folgenden Autoren entstanden:

Absicht[Bearbeiten]

In der Vorrede macht Gellius seine Absicht klar:

„Andere anziehende Schriften wird man finden; allein der Zweck, den ich bei der Abfassung dieses Werkes verfolgte, war kein anderer, als dass meine Kinder in den Freistunden, wenn sie von ihren Arbeiten geistig ausruhen können, auch sofort eine angemessene Lektüre vorfinden sollen.“

Dabei ist zu erkennen, dass er sich auf geschichtliche Anekdoten und Personen aus der Zeit der Könige und der Republik (753–31 v. Chr.) beschränkte; in seinem Sammelwerk finden sich dagegen kaum Episoden aus der Kaiserzeit. Der Grund dafür war wohl, dass Gellius seinen Kindern zeigen wollte, aufgrund welchen Verhaltens, welcher Werte und welcher Normen Rom zu dem geworden war, was es Mitte des 2. Jahrhunderts repräsentierte. Deswegen nahm er viele Texte in seine Sammlung auf, die bereits 400 Jahre zuvor verfasst worden waren – manche gab er wörtlich, manche in seinen eigenen Worten wieder.

Form und Stil[Bearbeiten]

Häufig verwendet Gellius nicht nur lateinische, sondern auch griechische Zitate von historischen Persönlichkeiten dieser Zeit, sodass die typische Zweisprachigkeit dieser Epoche vermittelt wird.

Er fügt streitende Grammatiker oder Philosophen und exakte Zitate in seine Texte ein, anstatt sich mit dem Thema bzw. mit dem Problem näher auseinanderzusetzen und dieses zu erörtern. Er nutzt direkte und indirekte Rede, um Lebhaftigkeit zu erreichen.

Der Leser der Bücher erhält Orientierungshilfen wie eine Vorrede, Überschriften, ein Inhaltsverzeichnis oder Personenbeschreibungen, die vor allem durch Gellius’ Verwendung nach und nach verbreitet wurden.

Die Textform, auf die sich der Autor meist beruft, ist mit einem Essay oder einer Anekdote zu vergleichen. Die Sammlung dieser Kurz-Essays kann als Miszellanwerk bezeichnet werden. Somit handelt es sich nicht um eine Enzyklopädie. Er ist in der Lage, kompakte Texte durch eine Vorrede, die Erläuterung des Sachverhaltes und eine abschließende Moral zu einer stimmigen Gesamtheit zu formulieren.

Für diese Textart typisch, sind die Noctes Atticae geprägt durch eine präzise Sprache. Diese wird unter anderem durch Archaismen unterstrichen, die Gellius’ Schreibweise näher charakterisieren.

Nachwirkung und Bedeutung[Bearbeiten]

Gellius ist einer der Schriftsteller, der die Rechtswissenschaft, Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft, Philosophie und Geschichte der Zeit vor und während der Kaiserzeit der Nachwelt sehr präzise übermittelt hat. Die Noctes Atticae haben eine zentrale Bedeutung für die Rezeption des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts, da sie die besondere Form der Miszellanschrift besitzen. Sie vermitteln ein lebendiges Bild der Lese- und Bildungskultur. Dabei wird nicht nur vom Inhalt ausgegangen, sondern auch von der narrativen Einkleidung der Werks, das geistige und kulturelle Interessen des kaiserzeitlichen Bildungsbürgertums widerspiegelt.

Das achte Buch ist gänzlich verloren, und es existieren nur noch die Inhaltsangaben in der praefatio und als Überschriften. Der Beginn der praefatio und das Ende des letzten Buches sind verloren, ebenso die Überschriften des 19. Buches. Die von Gellius angekündigte Fortsetzung der Noctes Atticae ist wohl nicht mehr begonnen worden.

Während einige Autoren – wie zum Beispiel Nonius Marcellus, Macrobius – seine Texte bearbeiten, ohne seinen Namen zu nennen, arbeiten auch andere Autoren mit dem Werk von Aulus Gellius. Laktanz übernahm einige Gedanken von Gellius in seine Schriften. So kam es, dass Augustin, der Gellius’ Schriften über die Affektenlehre der Stoa übernahm, Gellius als vir elegantissimi eloquii (civ. 9,4) bezeichnete. Auch Marcellinus und Macrobius übernahmen Themen, Gedanken und Gliederungen von Gellius.

Die Noctes Atticae wurden im hohen Mittelalter sowie in der frühen Neuzeit sehr geschätzt, und so war auch Johannes von Salisbury einer seiner Leser, denn derzeit entsprach er mit seiner Vermittlung der Allgemeinbildung und seinen moralischen Abhandlungen der Wissbegierde der gebildeten Schicht. Die Noctes Atticae bilden bis heute eine wichtige Quelle für historische und sprachliche Einzelheiten sowie zahlreiche Fragmente aus verlorenen Werken antiker Autoren. Sie sind zudem höchst wertvoll für das Verständnis der römischen und griechischen Gesellschaft in der Zeit des Kaisers Mark Aurel, in der sich die Gebildeten wie Gellius gerne in einer ‚klassizistischen‘ Tendenz der ruhmreichen Vergangenheit zuwandten.

Als sein Nachfolger gilt der Buntschriftsteller Poliziano. Gellius wird auch bei anderen Autoren gerühmt. So erwähnt Hartmann Schedel ihn in seiner Weltchronik (1493). Auch der Essayschreiber Michel de Montaigne war ein Leser seines Werkes und setzt sich mit Gellius’ Gedanken auseinander. Montaigne übernahm auch den typischen Dreischnitt bestehend aus Vorrede, Erzählung und Moral und verbreitete ihn. Anhand eines durch Gellius überlieferten Zitats Veritas Temporis filia (Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit) setzt Francis Bacon den Gedanken fort, Menschen seien durch Autoritäten gehemmt gewesen, die Welt selbst zu erkunden.

Am 1. Dezember 1641 wurde in Leipzig das sonntägliche Collegium Gellianum gegründet. Es fand nach den Gottesdiensten statt und beschäftigte sich mit philologischen Fragestellungen und Problemen.

Ausgaben[Bearbeiten]

Lateinischer Originaltext:

  • Carl Hosius (Hrsg.): A. Gellii Noctium Atticarum libri XX. 2 Bände, Leipzig 1903 (online: Band 1, Band2). Nachdruck 1981.
  • Peter K. Marshall (Hrsg.): A. Gelli noctes atticae. 2 Bände, Oxford 1968, korr. Nachdruck 1990 (SCBO)

Deutsche Übersetzungen:

  • Georg Fritz Weiß (Hrsg.): Die attischen Nächte. 2 Bände, 1875–1876, Nachdruck WBG, Darmstadt 1981 (einzige deutsche Gesamtübersetzung; Digitalisat)
  • Heinz Berthold (Hrsg.): Attische Nächte. Aus einem Lesebuch der Zeit des Kaisers Marc Aurel. Insel Verlag, Leipzig 1987 (neue Auswahlübersetzung)

Bearbeitungen für den Schulgebrauch:

  • Noctes atticae. Accesserunt eruditissimi viri Petri Mosellani in easdem perdoctae adnotationes, Köln, Martin Gymnich. 1549. Von Petrus Mosellanus bearbeitete Neuausgabe der "Attischen Nächte"
  • Michael Dronia (Hrsg.): Transfer 1. Geschichten aus dem alten Rom. Aus Gellius, Noctes Atticae. (Lernmaterialien). Auszüge mit Lernmaterialien, Buchner Verl., Januar 2003, ISBN 3-766-15161-4
  • Josef Feix (Hrsg.): Noctes Atticae. Schöningh Verlag im Schulbuchverl. Westermann, 1978, ISBN 3-140-10714-5

Literatur[Bearbeiten]

  • Julia Fischell: Der Schriftsteller Aulus Gellius und die Themen seiner Noctes Atticae. Dissertation Universität Hamburg, 2008 (online; nicht ausgewertet).
  • Christine Heusch: Die Macht der memoria. Die "Noctes Atticae" des Aulus Gellius im Licht der Erinnerungskultur des 2. Jahrhunderts n. Chr. De Gruyter, Berlin 2011.
  • Leofranc Holford-Strevens: The worlds of Aulus Gellius. Oxford Univ. Press, Oxford 2004.
  • Wytse H. Keulen: Gellius the satirist. Roman cultural authority in "Attic nights". Brill, Leiden 2009.
  • Jens-Olaf Lindermann: Aulus Gellius, Noctes Atticae, Buch 9: Kommentar. Weißensee Verlag, Berlin 2006, ISBN 978-3-89998-097-4.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Aus der praefatio Abschnitt 4 der noctes atticae