Nordbahnviertel

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Blick über die Krakauer Straße
Nordbahnviertel mit
Rudolf-Bednar-Park
Bereich Rabensburger Straße (Oktober 2011)
Bereich Vorgartenstraße
Nördlichster Punkt des Areals: ehemaliges Material-Depôt d. K.F.N.B., Innstraße 20 (heute ohne Gleisanschluss)

Das Nordbahnviertel (auch Nordbahnhofviertel) ist ein im Entstehen begriffenes Stadtviertel im 2. Wiener Gemeindebezirk, der Leopoldstadt. Dabei handelt es sich um ein von den Österreichischen Bundesbahnen für den Bahnbetrieb nicht mehr benötigtes, etwa 75 Hektar großes Frachtenbahnhofsgelände des ehemaligen Nordbahnhofs (Stadtentwicklungsgebiet Nordbahnhof oder Nordbahnhofgelände), auf dem seit den 1990er Jahren sukzessive ein neuer Stadtteil entsteht. Die Fertigstellung der Bebauung wird für 2025 erwartet.

Der Name ist älter als das Viertel und war jahrzehntelang die Bezeichnung für das an die Nordbahnstraße unmittelbar westlich angrenzende Stadtviertel bis zur Heinestraße beim Praterstern.[1] Im heutigen Verständnis wird diese Gegend nördlich der Straße Am Tabor als Alliiertenviertel (nach der Alliiertenstraße) und südlich davon als Volkertviertel (nach dem Volkertmarkt) bezeichnet. Der Name Nordbahnviertel für das Gelände des ehemaligen Frachtenbahnhofs ist seit etwa 2010 in Gebrauch.[2]

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das neue Nordbahnviertel wird etwa wie folgt begrenzt bzw. eingerahmt:

Im Nahbereich des neuen Nordbahnviertels befinden sich der Praterstern, einer der größten Verkehrsknotenpunkte Wiens, die Reichsbrücke, die prominenteste Donaubrücke Wiens, das Naherholungsgebiet Donauinsel und Neue Donau sowie der Wiener Prater.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Nordbahnhofgelände um 1925

Noch 1856 war dieses Gebiet laut Stadtplan Teil der Donauauen mit dem Fahnenstangenwasser und dem Kaiserwasser und anderen Armen des unregulierten Flusses und regelmäßig von Hochwasser überschwemmten Inseln mit Wiesen und Auwäldern (Fischerhaufen). Die heutige Lassallestraße hieß bis 1875 Schwimmschulallee, weil sich hier eine Militärschwimmschule befand, und wurde dann, passend zur neuen Donaubrücke, in Kronprinz-Rudolf-Straße umbenannt.

Nach der 1875 abgeschlossenen Donauregulierung, die die Hochwassergefahr beseitigte, wurden die Altgewässer hier zugeschüttet. Auf dem Areal wurde der ausgedehnte Frachtenbahnhof des Nordbahnhofs angelegt; der Bahnhof war in Personen- und Güterverkehr bis 1918 der wichtigste Wiens. Die einstige Kaiser-Ferdinands-Nordbahn (K.F.N.B.), die erste Dampfeisenbahn Altösterreichs, verlor aber auf ihren Verbindungen nach Mähren, Schlesien und Galizien insbesondere nach 1945, in der Zeit des Eisernen Vorhangs, viel Verkehr; die Nutzung des Geländes, das sich 1945–1955 im sowjetischen Sektor Wiens befand, ließ zu wünschen übrig. Der Güterumschlag wurde daher von den ÖBB in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in die Terminals Wien Inzersdorf an der Donauländebahn und Wien Freudenau an der Donauuferbahn verlegt, damit das Nordbahnhofgelände zu anderen, mit der Wiener Stadtverwaltung vereinbarten Nutzungen verkauft werden konnte.

Ein Baurest des Nordbahnhofs ist der unter Denkmalschutz stehende Wasserturm.

Neue Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bürogebäude an der Lassallestraße 1, hinter dem links beim 2019 benannten Anitta-Müller-Cohen-Platz die 2018 benannte Straße der Wiener Wirtschaft vom Praterstern abzweigt; vorne Abgang zur U1; an der rechten Gebäudekante verläuft die Joseph-Roth-Gasse

Die Stadt Wien hat hier von den ÖBB große Grundflächen angekauft und die Planungsabteilungen des Magistrats beauftragt, das Areal zu entwickeln. 1994 hat der Gemeinderat das Leitbild Nordbahnhof beschlossen.[3]

Der Geländeteil an der Lassallestraße ist bereits seit den 1990er Jahren verbaut; hier sind fast ausschließlich Bürogebäude entstanden. Parallel zu diesen Blöcken soll ein weiterer Gebietsstreifen verbaut werden, sukzessive soll diese bebaute Zone dann nach Norden erweitert werden.

Der auf dem östlichen Geländeteil nahe Vorgartenstraße und Haussteinstraße gelegene, 31.000 Quadratmeter große Rudolf-Bednar-Park, benannt nach dem Bezirksvorsteher 1977–1984, wurde 2008 eröffnet. 2010 wurde an der Ernst-Melchior-Gasse unweit des Parks der Campus Gertrude Fröhlich-Sandner (Kindergarten und Volksschule für bis zu 670 Kinder) fertiggestellt.[4]

An der Bruno-Marek-Allee wurde von der Signa Holding bis 2018 zwischen Jakov-Lind-Gasse / Rothschildplatz und Walcherstraße nach Plänen von Boris Podrecca (er ging aus einem zweistufigen Wettbewerb als Sieger hervor) der Austria Campus errichtet, von dem die Hälfte von der Unicredit Bank Austria für ihre neue Zentrale gemietet wurde.[5] Die Bruttogeschoßfläche der Bauten (fünf bis sechs Stockwerke hohe Bürogebäude für 9.000 Arbeitsplätze, Hotel mit etwa 200 Zimmern, Betriebsrestaurants und -kindergarten, Geschäftslokale und Kunstsammlung) wurde mit 200.000 Quadratmeter angegeben, die Investition mit 490 Millionen Euro.[6][7][8]

2011 wurde bekanntgegeben, dass sich folgende Annahmen des städtebaulichen Wettbewerbs 1994 verändert haben:

  • Die Gleistrasse der Nordbahn wurde verschmälert, es wurden drei Unterführungen eingeplant, um Taborstraße, Schweidlgasse und die Straße Am Tabor auf das Gelände verlängern zu können.
  • Das Verbindungsgleis von der Nordbahn zur Donauuferbahn, das im Norden durch das Gelände führte, entfällt.
  • Mittlerweile wurde auch für den nordwestlich benachbarten ehemaligen Nordwestbahnhof, der ebenfalls einen großen Frachtenbahnhof aufwies, ein städtebauliches Leitbild erstellt. Weiters werden neue Anforderungen an die soziale Infrastruktur gestellt.

Wiener Stadtplanung und ÖBB planten daher einen städtebaulichen Ideenwettbewerb zur Optimierung der bisherigen Planung.[9]

Der alte Wasserturm
Die alte Eisenbahnbrücke
Die ab Dezember 2019 abgerissene Nordbahnhalle (Zustand vom Mai 2019)

2014 wurde ein neues städtebauliches Leitbild für den zentralen Bereich beim alten Wasserturm entwickelt, wo nunmehr eine größere Freifläche vorgesehen ist. Diese Freie Mitte soll eine Grünfläche im nordwestlichen Teil des Gebiets werden, die allerdings als „Stadtwildnis“ konzipiert ist: das seit dem Auflassen des Frachtenbahnhofs entstandene Biotop soll unverändert erhalten bleiben und nur durch Neubauten begrenzt werden[10] – im Gegensatz zum gärtnerisch gestalteten Rudolf-Bednar-Park, der anderen großen Grünfläche im Viertel. Auch soll eine Eisenbahnbrücke als Fußgängerbrücke erhalten bleiben. Es handelt sich hiebei um eine der ältesten Eisenbahnbrücken Österreichs – das heute grün gestrichene Stahlgerüst wurde 1876 als Teil des Verbindungsgleises zur Donauuferbahn errichtet,[11] die Brückenpfeiler stammen aus dem Jahr 1838.[12] In dieser Stadtwildnis befinden sich auch zwei Teiche, die als Biotope für die Wechselkröten angelegt wurden, die Entdeckung ihres Vorkommens auf dem Gelände hatte 2016 die Bauprojekte verzögert.[13]

Im Oktober 2015 verkauften die ÖBB den noch in ihrem Besitz befindlichen Teil des Areals an ein Immobilienkonsortium, bestehend aus der der Stadtverwaltung nahestehenden Wiener Städtischen Versicherung, der auf dem Nordbahnhofareal domizilierenden Raiffeisen Evolution Project Development GmbH, mehrheitlich im Eigentum von Firmen des österreichischen Raiffeisen-Konzerns, und der ÖVW, Tochter der Ersten Bank der oesterreichischen Sparkassen AG. Der ORF berichtete dazu von der Kritik daran, dass das Areal ohne Umweltverträglichkeitsprüfung entwickelt werde. Die Stadtverwaltung vertrat dazu die Meinung, dass kein Gesamtprojekt vorliegt, sondern einzelne Baufelder verkauft werden und dass daher eine UVP nicht erforderlich sei.[14]

Im Bereich Bruno-Marek-Allee / Taborstraße / Leystraße wurde 2020 der Christine-Nöstlinger-Bildungscampus eröffnet.

Sechs Hochhäuser mit Höhen zwischen 60 und 95 Meter sind geplant, im April 2019 standen die Siegerprojekte fest.[15]

Wasserturm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der letzte bauliche Rest des alten Nordbahnhofs, der Wasserturm, steht unter Denkmalschutz. Eine Nachnutzung steht im Raum, allerdings müsste der Turm baulich adaptiert werden, was durch die dicken Wände und die fehlenden Zwischengeschoße erschwert wird. Eine Erneuerung des Dachstuhls fand 2012 statt.

Nordbahnhalle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 2017 bis 2019 wurde die ehemalige Lagerhalle der Firma IMGRO im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsprojektes „Mischung: Nordbahnhof“ unter der Leitung der Technischen Universität Wien als Impulslabor Nordbahnhalle zwischengenutzt.[16] Unter anderem wurden Co-Working-Plätze, Werkstätten, Bildungsräume, Veranstaltungsräume und eine Kantine errichtet.[17] Das Impulslabor wurde für die vielfältigen Aktivitäten der Projekt- und Kooperationspartner und auch für zahlreiche kulturelle Veranstaltungen und Events verwendet.[18][19] Die Wiener Stadtplanung etablierte in der Halle den sogenannten Stadtraum als Informationszentrum über die aktuelle Stadtteilentwicklung im Nord- und Nordwestbahnhof.[20] Das Ende der Zwischennutzung wurde kontrovers diskutiert, es bildeten sich Initiativen gegen die Abtragung der Halle.[21] Nach dem Teilabriss im September 2019 brach im November 2019 im verbliebenen Teil der Nordbahn-Halle ein Großbrand aus.[22] Das Übergreifen auf den denkmalgeschützten Wasserturm konnte verhindert werden. Im Dezember 2019 wurde mit der kompletten Abtragung der durch den Brand schwer beschädigten Nordbahnhalle begonnen. Die Fläche soll in weiterer Folge Teil der „Freien Mitte“, werden.[23]

Rumänisch-Orthodoxe Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im September 2017 wurde der Grundstein zur rumänisch-orthodoxen Kirche „Zur Heiligen Auferstehung“ in der Bruno-Marek-Allee gelegt. Außenerscheinung und Ausgestaltung lehnen sich an die Bukowina-Klöster an, insbesondere (was das Freskenprogramm betrifft) an die Klosterkirche Voroneț,[24] allerdings ist die Grundform mehr aufs Wesentliche reduziert.[25] Das für den Schutz der Fresken erforderliche vorkragende Dach wird transparent ausgeführt.

Neues Straßennetz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2009–2013 hat der Wiener Gemeinderat auf dem Nordbahnhofgelände damals großteils noch nicht gebaute Verkehrsflächen benannt:

Folgende bestehenden Verkehrsflächen wurden zur Verlängerung auf das Nordbahnhofgelände vorgesehen:

2016 wurde die Kreuzung Bruno-Marek-Allee / Jakov-Lind-Straße Rothschildplatz benannt.

2018 wurde der direkt an den Praterstern anschließende Teil der Walcherstraße nach dem 2019 dort fertiggestellten Gebäude der Wiener Wirtschaftskammer Straße der Wiener Wirtschaft benannt. Die Abzweigung vom Praterstern selbst wurde 2019 Anitta-Müller-Cohen-Platz benannt.

Öffentlicher Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Rand bzw. in der Nähe des Viertels liegen die U-Bahn-Stationen Praterstern und Vorgartenstraße. Am 3. Oktober 2020 wurde die Straßenbahnlinie O in das Neubauareal verlängert. Sie biegt an der Nordbahnstraße rechts ab, unterquert auf einem Rasengleis die Nordbahn und verkehrt auf der Bruno-Marek-Allee bis zur Endschleife zwischen Wasserturm und Christine-Nöstlinger-Campus. Außerdem verkehrt in der Gegend die Buslinie 82A, die beim Bildungscampus Gertrude Fröhlich-Sandner eine Station hat.

Weiters ist eine Tangentiallinie 12 geplant, die das Viertel über das Nordwestbahnviertel mit dem Franz-Josefs-Bahnhof verbinden soll.[26]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Nordbahnviertel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nordbahnviertel im Wien Geschichte Wiki der Stadt Wien
  2. Stadtteilmangement Nordbahnviertel
  3. Leitbild Nordbahnhof 1994 auf der Website der Wiener Stadtverwaltung (Memento des Originals vom 7. Februar 2012 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.wien.gv.at
  4. Campus Gertrude Fröhlich-Sandner auf der Website der Wiener Stadtverwaltung, Stand 9. März 2012
  5. Wiener Nordbahnhof: Bank Austria baut neue Zentrale. In: Der Standard. 3. März 2011. (Computergrafik in der Druckausgabe vom 4. März 2011, S. 13)
  6. Doris Lippitsch: »Ich habe Charaktere gesucht, nichts Lauwarmes, keine Bricolage...«, in: Quer. Wiener Seiten für Architektur und Urbanes, Ausgabe Nr. 1 / 2012, März–Mai, Wien 2012, Beilage zur Tageszeitung Der Standard, S. 8
  7. Arbeiten in Bestlage, in: Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien (Hrsg.), wien.at, Postwurfzeitung an alle Wiener Haushalte, Heft 3 / 2012, März 2012, S. 11
  8. „Austria Campus“: Bauarbeiten im Gang. In: derstandard.at, 10. Juli 2015, abgerufen am 17. Oktober 2017.
  9. Neue Rahmenbedingungen, Stand 2011, bekanntgegeben von Wiener Stadtplanung und ÖBB (Memento des Originals vom 13. August 2011 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.wien.gv.at (PDF; 926 kB)
  10. https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/projekte/nordbahnhof/projekte/freie-mitte-vielseitiger-rand.html
  11. Wien III. (…) Abzweigung vom Nordbahnhof (…). In: Amtsblatt des k(aiserlich) k(öniglichen) Eisenbahnministeriums für den Dienstbereich der Staatseisenbahnverwaltung, XXXIV. Stück/1907, 4. Juli 1907, S. 280. (Online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/bah.
  12. https://wien.orf.at/news/stories/2939871/
  13. https://wien.orf.at/news/stories/2907945/
  14. orf.at - ÖBB verkauften Nordbahnhofgelände. Artikel vom 1. November 2015, abgerufen am 1. November 2015.
  15. https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/projekte/nordwestbahnhof/pdf/newsletter-bahnareale-04-19.pdf
  16. Smart-Cities-Projekt "Mischung: Nordbahnhof". Abgerufen am 16. Dezember 2019.
  17. Die Halle. In: Nordbahn-Halle. Abgerufen am 16. Dezember 2019 (deutsch).
  18. https://wien.orf.at/v2/news/stories/2848672/
  19. Aktivitäten im Impulslab Nordbahn-Halle. In: Nordbahn-Halle. Abgerufen am 16. Dezember 2019 (deutsch).
  20. ktv_gtischberger: STADTRAUM Nordbahn-Halle - Ausstellung zum Nordbahnhof und Nordwestbahnhof. Abgerufen am 16. Dezember 2019.
  21. https://wien.orf.at/stories/3012054/
  22. https://wien.orf.at/stories/3021043/
  23. https://wien.orf.at/stories/3025306/
  24. https://www.erzdioezese-wien.at/site/home/nachrichten/article/59563.html
  25. https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/projekte/nordbahnhof/projekte/rumaenisch-orthodoxe-kirche.html
  26. https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/projekte/verkehrsplanung/strassenbahn/strassenbahn-projekte.html


Koordinaten: 48° 13′ 37″ N, 16° 23′ 38,8″ O