Nosologie

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Nosologie (auch Krankheitslehre) ist die Lehre von der medizinischen Einteilung der Erkrankungen, z. B. in Form von Symptomen versus Klassifikation einer Krankheit. Die Nosologie war zeitweise ein Teilgebiet der Pathologie. Der Begriff leitet sich ab von altgriechisch νόσος [nosos] = „Krankheit“ und -λογος [-logos, -logie] = „Wort, Lehre“. Das Adjektiv zu Nosologie lautet nosologisch = die Nosologie betreffend; Krankheiten systematisch beschreibend.

Eine systematisch vorgehende Nosologie umfasst möglichst alle Methoden der Erforschung und Erkennung (Diagnose) von Krankheitsprozessen, um damit zur detaillierten wissenschaftlichen Beschreibung von Krankheitseinheiten beizutragen.[1]

Kriterien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dabei erfolgt die Einteilung, Benennung und Erkennung (Diagnose) einer Krankheit nach folgenden Kriterien:

Die Vereinigung von abstrakter Kategorisierung und konkreter nosographischer Detailgenauigkeit ist ein in sich gegensätzliches Verfahren und wird daher als Fiktion betrachtet. Die Abgrenzung und Nomenklatur unterschiedlicher Krankheitseinheiten im Verlauf der Medizingeschichte entspricht jedoch auf rein sprachlicher Ebene dem Vorgang der Begriffsbildung, siehe Semiologie, Etymologie und Erkenntnistheorie.[1][2]

Medizingeschichtliche Problematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Krankheiten wurden erstmals im 18. Jahrhundert nach dem Vorbild der botanischen Namensgebung[3] durch den Arzt und Botaniker Sauvages in Montpellier[4] klassifiziert. Diesen traditionellen medizinischen Anschauungen sind jedoch diejenigen der Psychopathologie gegenüberzustellen, wie sie auch von der Psychosomatik vertreten werden. In diesen Teilgebieten werden unterschiedliche Theorien der Krankheitsentstehung vertreten, die sich praktisch in ihrer Methodik voneinander unterscheiden und auf das von der Philosophie behandelte Leib-Seele-Problem zurückgehen. Sowohl in der Pathologie als auch in der Psychopathologie wird jedoch bei der Entstehung von Krankheiten von mangelnder Anpassung oder Adaptation auf Anforderungen und Belastungen gesprochen (Noxen, Stressoren, Traumata).

Verschiedene Klassifikationssysteme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verschiedene Klassifikationsmöglichkeiten einzelner Erscheinungsformen werden gleichzeitig miteinander bzw. parallel angewandt.

Das verbreitetste Klassifikationssystem ist die ICD der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die von der WHO vertretene Definition von Gesundheit als „Zustand völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens“[5] ist für die Definition des Krankheitsbegriffs als Störung von Gesundheit zu beachten. Diese Definition nennt sich auch kurz das bio-psycho-soziale Krankheitsmodell, wobei die Hierarchie dieser Stufenleiter zu berücksichtigen ist, vgl. Situationskreis. Das Instrument der WHO ist in seiner ureigenen Intention bei der Abhandlung psychiatrischer Sachverhalte eher deskriptiv-pragmatisch (symptomatologisch) ausgerichtet und weist daher gewisse notwendige Nachteile bei der Berücksichtigung anderer nosologischer Gesichtspunkte auf. Als Modell einer Klassifikation nach ätiologischen Gesichtspunkten sei das psychiatriegeschichtlich relevante triadische System der klassischen deutschen Psychiatrie genannt. Im Unterschied zu einer symptomorientierten Klassifikation (Querschnittsaspekt) ist die verlaufsorientierte Klassifikation (Längsschnittaspekt) als eine am Krankheitsverlauf orientierte Einteilung aufzufassen, so beispielsweise die Unterscheidung der Dementia praecox von anderen Demenzen bzw. von den Paraphrenien, vgl. auch die unterschiedlichen Schizophreniekonzepte.

In der Schweizer Armee wird die sogenannte Nosologia Militaris verwendet.

Zur Kritik an den Diagnostischen Inventaren der WHO[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei operationalisierten Vorgehensweisen, wie dies die Inventare der WHO zu Recht nahelegen, ist immer auch a) die Wandelbarkeit der Theorie und b) der Zeitfaktor der Krankheitsentwicklung zu beachten. Vor allem dieser Zeitfaktor ist es, der ein prinzipielles Problem für sogenannte Querschnittsdiagnosen darstellt. Nach dem operationalisierten Vorgehen werden zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt erhobene Befunde mehr oder weniger „automatisch“ zu einer Diagnose zusammengefasst. Diese kann – zumindest in Krankenunterlagen – fälschlich einen jeweils „bleibenden Charakter“ vortäuschen. Gerade wenn es um subjektabhängige diagnostische Beurteilungen geht, stellen operationalisierende Vorgehensweisen eine gewisse Gefahr dar, indem sie die Beobachtung sogenannte Längsschnitte bzw. Entwicklungen nicht genügend berücksichtigen. Dies spielt namentlich in der Psychiatrie eine große Rolle. Siehe dazu insbesondere die Diskussion um die scheinbare Relativierung des Neurosebegriffs zugunsten allzu pragmatischer Vorgehensweisen sowie den psychosomatischen Einwand des Maschinenparadigmas. Die allzu starke Ausrichtung auf eine allein deskriptiv-symptomatologisch orientierte Krankheitsdiagnostik hat zur Entwicklung des multiaxialen Systems geführt. Diese Achsen werden in nachfolgender Aufstellung erläutert. Damit wird auch prinzipiellen erkenntnistheoretischen Vorbehalten zum Thema Objektivität der Wissenschaften Rechnung getragen. Auch ein Leitsatz von Karl R. Popper sei hier zitiert: “Clinical observations like all other observations are interpretations in the light of theories.” – „Klinische Beobachtungen sind, wie alle Beobachtungen, Interpretationen im Licht der Theorien.“[6]

Multiaxiales System nach ICD-10[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Achse 1a: Psychiatrische Erkrankungen
  • Achse 1b: Somatische Erkrankungen
  • Achse II: Soziale Behinderungen (Beeinträchtigungen der psychosozialen Funktionsfähigkeit)
  • Achse III: Faktoren der sozialen Umgebung und der individuellen Lebensbewältigung gemäß Kapitel XXI (Z) der ICD-10 (Belastungsfaktoren)[7]

Zurzeit wird ein neues Multiaxiales System entwickelt.[8] Zur Kritik sei auf den Abschnitt Weblinks verwiesen.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Norbert Boss (Hrsg.): Roche Lexikon Medizin. 2. Auflage. Hoffmann-La Roche AG und Urban & Schwarzenberg, München 1987, ISBN 3-541-13191-8; S. 1250 zu Lex.-Lemma „Nosologie“ und S. 1657 zu Lex.-Lemma „Symptomatologie“, gesundheit.de/roche
  2. Nosologie. In: P. L. Janssen et al. (Hrsg.): Leitfaden Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Deutscher Ärzte-Verlag, ISBN 3-7691-0452-8, S. 102, books.google.de
  3. Brigitte Hoppe: Der Ursprung der Diagnosen in der botanischen und zoologischen Systematik. In: Sudhoffs Archiv, 62, 1978, S. 105–130.
  4. Georg Fischer: Chirurgie vor 100 Jahren. Verlag F. C. W. Vogel, Leipzig 1876, S. 374.
  5. W. Böcker, H. Denk, Ph. U. Heitz: Pathologie. 3. Auflage. Urban & Fischer, 2004, ISBN 3-437-42381-9, S. 5
  6. Otto Bach: Über die Subjektabhängigkeit des Bildes von der Wirklichkeit im psychiatrischen Diagnostizieren und Therapieren. In: Psychiatrie heute, Aspekte und Perspektiven, Festschrift für Rainer Tölle. Urban & Schwarzenberg, München 1994, ISBN 3-541-17181-2, S. 1 zu Zitat Popper nach Bach
  7. H. Dilling et al. (Hrsg.), Weltgesundheitsorganisation: Internationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V (F). 2. Auflage. Hans Huber Verlag, Göttingen 1993, ISBN 3-456-82424-6, S. 7, Punkt d)
  8. Der Nervenarzt, ISSN 0028-2804 (Print); ISSN 1433-0407 (Online)

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]