Opfer (Schimpfwort)

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Das Wort Opfer tritt ungefähr seit den 2000er Jahren im deutschen Sprachraum auch als Schimpfwort auf. Abweichend vom traditionellen Sprachgebrauch drückt es eine abwertende und verächtliche Haltung jemandem gegenüber aus.[1]

Inzwischen wird es unter Umständen auch abgeschwächt im Sinne von „uncool“, „langweilig“, „dumm“ verwandt,[2] seltener als ironisch-freundliche Anrede.[1]

Wortgebrauch

„Opfer“ (auch „Opfa“) wird in diesem Zusammenhang ohne Empathie für eventuell erlittenes Leid, sondern abwertend und verächtlich gebraucht. Der Begriff zielt auf Personen, die sich nicht ausreichend wehren können oder auf andere Weise Schwächen zeigen und allgemein nicht einem Konzept von harter, starker und wehrhafter Männlichkeit entsprechen.[3] In diesem Sinn ist das Wort „Opfer“ in etwa ein Synonym für Versager oder Loser.[2] Der so Bezeichnete habe als Loser seine Randgruppenlage selbst verschuldet.[1]

Heute wird der Begriff teils auch im Sinne von „uncool“, „langweilig“, „dumm“ etc. benutzt, auch als scherzhafte Anrede unter Freunden und Bekannten, und dessen pejorative Bedeutung abgemildert.[2] Mitunter wird er als freundlich gemeinte Anrede im Sinne von "Alter" verwendet: "Hey, Opfer, kommst du auch in die Cafeteria?"[1]

Sozial-psychologische Erklärungsversuche

Carol Hagemann-White erläutert: „Ein Motiv für die Ausübung von Gewalt, insbesondere bei jungen Menschen, ist das Bedürfnis, einen unsicheren Bezug zur Wirklichkeit zu überwinden und das Gefühl zu haben, eindeutig etwas bewirken zu können […]. Opfer zu sein, sich als Opfer [zu] erkennen zu geben oder sich in die Opfersituation von Gleichaltrigen hineinzuversetzen, könnte diese Verunsicherung und Diffusität des Selbst in einer haltlos gewordenen Umwelt steigern und den Wunsch erzeugen, lieber Täter zu sein, als gar nicht mehr wirklich zu existieren.“[4]

Auf derselben Tagung fügte Joest Martinius hinzu: „Wenn Jugendliche, die in ihrer Entwicklung durch schwere und langdauernde Entbehrungen und Gewalterfahrungen verletzt wurden, andere, ebenfalls Betroffene als ‚Opfer‘ beschimpfen, liegt darin der untaugliche Versuch, die eigene Schwäche zu kompensieren. Das Erniedrigen gleich Schwacher und Schwächerer und die dabei erlebte Überlegenheit ist die eigentliche Erklärung für das Aufkommen der genannten Beschimpfung und für den Missbrauch des Opferbegriffs.“[5]

Norbert Dittmar erklärt die starke Zunahme des Gebrauchs des Wortes „Opfer“ - bedingt auch durch das Bemühen, sich selbst als „Opfer“ problematischer Verhältnisse darzustellen - damit, dass die Welt zunehmend in Kategorien des Wettkampfs gesehen werde.[6] Demzufolge gebe es in der Welt unzählige Gewinner und Verlierer, wobei Letztere immer öfter als „Opfer“ bezeichnet würden.

Einzelnachweise

  1. a b c d Trendbüro: Duden, das neue Wörterbuch der Szenesprachen. Dudenverlag, Mannheim 2009, S.24, ISBN 978-3-411-71092-8
  2. a b c James Redfield: Jugendsprache in Berlin-Neukölln: Wir sagen „Du Opfer!“. TAZ, 2. April 2008
  3. Stefan Voß: Du Opfer… (PDF; 92 kB). Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 12. 2003
  4. Carol Hagemann-White: Opfer – die gesellschaftliche Dimension eines Phänomens (PDF; 373 kB). Redebeitrag in der Berliner Fachrunde gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen. 25. Juni 2007, S. 32
  5. Joest Martinius: Der Opferbegriff in Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie (PDF; 373 kB). Redebeitrag in der Berliner Fachrunde gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen. 25. Juni 2007, S. 36
  6. Norbert Dittmar: „Du Opfer…!“. Der Begriff „Opfer in der Vergangenheit und heute“ (MS PowerPoint; 994 kB). Podiumsdiskussion der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, 17. Januar 2011