Opiatabhängigkeit

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Opiatabhängigkeit ist der Name für eine medizinische Diagnose. Die Opiatabhängigkeit ist wesentlich gekennzeichnet durch anhaltenden Konsum von Opioiden bzw. Opiaten, ungeachtet negativer gesundheitlicher und sozialer Folgen, sowie das Auftreten körperlicher Entzugserscheinungen, nach Beendigung des Konsums.

Häufigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland etwa 150.000 Opiatabhängige.[1] Bei 90 % von ihnen war bzw. ist Heroin das hauptsächlich konsumierte Opiat bzw. Opioid. Rund die Hälfte aller Opiatabhängigen in Deutschland befinden sich (Stand 2015) in einer Substitutionstherapie, in deren Rahmen sie Opioide wie Methadon, Buprenorphin oder Codein als Ersatzstoff für Heroin erhalten.[2][3]

Opiate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Opiat
Schlafmohn (Papaver somniferum) aus dessen Milch Opiate gewonnen werden

Opiate sind die natürlichen Substanzen, die im Opium vorkommen. Opium wird aus dem eingetrockneten Milchsaft des Schlafmohns (Papaver somniferum) gewonnen. Es besteht aus zahlreichen Alkaloiden, wobei Morphium das Hauptalkaloid dieser Pflanze ist. Alkaloide beinhalten stickstoffhaltige Verbindungen, welche das Nervensystem beeinflussen, daher werden sie auch als Heil- und Rauschmittel verwendet. Heroin, das bekannteste Opiat, ist ein Diester der Essigsäure.[4]

Der deutsche Apotheker Friedrich Sertürner isolierte 1803/1804 erstmals Morphin aus Opium. Knapp 100 Jahre später brachte die Firma Bayer Heroin als Schmerzmittel in den Handel.[5]

Schlafmohn wird im „Goldenen Halbmond“ (Afghanistan, Pakistan, Iran), im „Goldenen Dreieck“ (Thailand, Laos, Burma) und in Mexiko angebaut.[6] Zurzeit stammen mehr als 80 % der Welterzeugung von Opium, insgesamt 5800 Tonnen, aus Afghanistan.[7]

Seit den 1960er-Jahren war der Konsum von Heroin auch im deutschen Sprachraum vermehrt zu beobachten. Herstellung, Besitz und Weitergabe von Heroin ist ohne entsprechende Genehmigung verboten. Der Wirkstoff Diamorphin ist seit dem Beschluss des Bundestages vom 29. Mai 2009 zur Behandlung von Schwerstabhängigen in Deutschland erlaubt und besitzt die gleiche pharmakologische Wirkung wie Heroin.[8] Auch synthetisch hergestellten Opioide (außer Tramadol) unterliegen in der Bundesrepublik dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG).

Opioide[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Opioide

Opioide sind im Gegensatz zu Opiaten vollsynthetisch hergestellt, wie z. B. Oxycodon, Methadon, Tilidin usw.[9] Diese Substanzen bezeichnet man als exogene (nicht vom Körper produzierte) Opioide. Hingegen wird von endogenen (vom Körper selbst hergestellten) Opioiden unterschieden, sogenannte Endorphine („Glückshormone“).[10] Genaugenommen handelt es sich bei Heroin ebenfalls um ein Opioid, da es nicht in seiner natürlichen Substanz im Opium vorkommt und erst mithilfe eines chemischen Vorgangs zu Heroin verarbeitet wird (halbsynthetisch).

Nebenwirkungen von Opioiden und Opiaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Übliche Nebenwirkungen sind Sedierung, Atemdepression, Bradykardie, Blutdruckminderung, Miosis und Verstopfung. Bei erstmaligen Einnahmen kann es auch zu Übelkeit und Erbrechen kommen. Eine Überdosierung oder die Kombination mit anderen sedierenden Substanzen (wie Alkohol und Benzodiazepine) kann zum lebensbedrohlichen Atemstillstand führen.[11]

Opiatabhängigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heroin ist das am häufigsten missbräuchlich konsumierte Opiat.[9] Es wird meist intravenös oder inhalativ aufgenommen; eine nasale bzw. orale Applikation ist auch möglich. Konsumenten beschreiben die gewünschte psychotrope Wirkung als euphorisierend, angstlösend, schmerzlindernd, schlaffördernd und schildern ein angenehmes Gleichgültigkeitsgefühl.[12]

Heroin zeichnet sich durch eine innerhalb kurzer Zeit auftretende psychische und physische Abhängigkeit aus.[11] Die psychische Abhängigkeit stellt dabei die schwerwiegendste und kaum zu überwindende Problematik dar. Hierbei ist das zentrale Kriterium das unbeherrschbare Verlangen („Craving“) nach der Wirkung des Suchtmittels. Die körperliche und seelische Gesundheit rückt dabei gänzlich in den Hintergrund. Soziale Kontakte und Integration leiden ebenfalls stark unter dem Einfluss der Abhängigkeit.[9]

Für den Süchtigen ist das Rauschmittel der Lebensmittelpunkt. Um die Droge täglich zu erwerben, braucht er größere Geldmengen. Dies hat zur Folge, dass vor allem erwerbslose und einkommensschwache Opiatabhängige die Finanzierung durch illegale Aktivitäten oder Prostitution sicherstellen müssen. Die hieraus resultierende Beschaffungskriminalität ist ein erhebliches soziales Problem.[13]

Es wird zwischen verschiedenen Formen der Drogendelinquenz differenziert. Zu unterscheiden sind demnach Verschaffungsdelikte, wozu der Handel und Schmuggel illegaler Drogen, der Betrug beim Drogenverkauf, das Verleiten anderer zum Missbrauch und die sogenannten „white-collar-crimes“ (Wirtschaftskriminalität) zählen. Hinzu kommen direkte und indirekte Beschaffungsdelikte, die auf den Erwerb von Geld zur Drogenbeschaffung zielen. Eine dritte Kategorie bildet die Folgedelinquenz. Hierzu zählen unmittelbare Folgedelikte, wie z. B. Aggressions- oder Straßendelikte unter Drogeneinfluß, und mittelbare Folgedelikte, wie Betteln oder Prostitution.[14]

Abhängigkeitskriterien nach dem ICD-10[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) befasst sich mit international anerkannten Klassifikationen und Kriterien zur Klärung medizinischer Diagnostik. Um eine „Drogenabhängigkeit“ bzw. Abhängigkeit von illegalen Drogen zu diagnostizieren, müssen mindestens drei der folgenden Symptome oder Verhaltensweisen während des letzten Jahres zutreffen:[15]

  1. ein starker Wunsch oder Zwang die psychoaktive Substanz zu konsumieren,
  2. verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Konsums (Kontrollverlust),
  3. Substanzgebrauch mit dem Ziel Entzugssymptome zu mildern,
  4. körperliches Entzugssyndrom,
  5. Toleranzentwicklung (Gewöhnung an höhere Dosen),
  6. fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen,
  7. anhaltender Suchtmittelkonsum trotz des Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen (wie Müdigkeit, depressive Verstimmung, Arbeitsplatzverlust) und
  8. eingeengtes Verhaltensmuster im Umgang mit der Substanz.[15]

Entzugssymptomatik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ersten Entzugssymptome machen sich etwa 4-6 Stunden nach dem letzten Opiatkonsum bemerkbar. Der Konsument verspürt Ängste und den Zwang zu einer erneuten Heroineinnahme. Die Gedanken kreisen um die Beschaffung weiteren Nachschubs an Heroin. Nach 8 Stunden kommen hinzu: Gähnen (vereinzelt so stark, dass sich der Kiefer ausrenkt), laufende Nase, Tränenfluss, Niesen, Schwitzen, Gänsehautschauer, Körpertemperaturschwankungen und Juckreiz. Nach etwa 12 Stunden verstärken sich die Symptome und es treten zudem geweitete Pupillen, Muskelzuckungen, Restless Legs, Muskel- und Knochenschmerzen auf. Einige Symptome sind vergleichbar mit denen einer starken Grippe. Bis zu etwa 24 Stunden verstärken sich die Symptome und weitere treten hinzu. Dazu zählen Hypertonie, Fieber, Tachykardie, Tachypnoe bis hin zum Schock, Muskelkrämpfe, Hypoglykämie und Diarrhöe. Die Nahrungsaufnahme ist aufgrund von Magenkrämpfen und Erbrechen erschwert. Während des Entzuges durchlebt der Patient emotionale Ausnahmezustände. Die Symptome des "kalten Entzuges" sind während der Akutphase kaum zu lindern, klingen aber nach etwa 4 Tagen wieder ab. Der Patient stabilisiert sich psychisch und physisch langsam wieder. Die körperliche Entgiftung ist nach etwa 14 Tagen abgeschlossen. Das Craving nach der Droge, also der psychische Suchtdruck, besteht jedoch weiterhin.

Gesundheitliche Begleiterscheinungen der Opiatabhängigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bedingt durch unhygienische Verhältnisse führt die intravenöse Applikation häufig zu bakteriellen Infektionen und zu Virusinfektionen, Abszessen, Leber-, Nieren-, und Gelenkserkrankungen. Etwa 80 % der Heroinabhängigen sind Hepatitis C-positiv. Andere Infektionen, wie AIDS und Hepatitis B, sind ebenfalls eine häufige Folge der Bedingungen, unter denen der Konsum stattfindet, da es zum unhygienischen Austausch des Injektionsbesteckes kommt.[16]

Die Mortalität unter Opiatkonsumenten ist 6– bis 20mal höher als bei Gleichaltrigen der Allgemeinbevölkerung.[17][18]

Heroinabhängige leiden mehrheitlich an komorbiden psychischen Störungen (Doppeldiagnosen) wie Angststörungen (43–46 %), affektive Störungen (34–46 %), Psychosen (5–15 %) und Essstörungen (5 %). Sie bestanden häufig bereits vor Beginn des Substanzkonsums. Der Selbstmedikationshypothese von Kantzian zufolge benutzen die Betroffenen Heroin, um ihre Ängste und Stimmungen zu kaschieren bzw. therapieren. Daher kommen diese Erkrankungen oft erst während und nach einer Entgiftungsbehandlung zum Vorschein. Werden diese Leiden nicht erfolgreich therapiert, besteht eine erhöhte Rückfallgefahr.[19][20]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kunstmann, Wilfried; Hessenauer, Frieder: Substitution Opiatabhängiger: Versorgung wird schwieriger. Deutsches Ärzteblatt 2009; 106(30): A-1508 / B-1289 / C-1257
  2. Bundesamt für Arzneimittel, Bericht zum Substitutionsregister, Januar 2016
  3. Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) (2010): National report 2010: Germany. 8. August 2012.
  4. Bernd Schäfer: Naturstoffe in der chemischen Industrie, Spektrum Akademischer Verlag, 2007, S. 236, ISBN 978-3-8274-1614-8.
  5. T. Geschwinde: Rauschdrogen. Springer, Berlin 2003.
  6. P. Loviscach (1996): Soziale Arbeit im Arbeitsfeld Sucht. Eine Einführung. Lambertus-Verlag, Freiburg im Breisgau 1996.
  7. Afghanistans Opium-Bauern verzeichnen Rekord-Umsätze. In: Süddeutsche Zeitung. 8. August 2012.
  8. Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll 16/224 vom 28. Mai 2009: Entwurf eines Gesetzes über die diamorphingestützte Substitutionsbehandlung. 2009.
  9. a b c A. Batra, O. Bilke-Hentsch: Praxisbuch Sucht. Thieme, Stuttgart 2012.
  10. E. Freye: Opioide in der Medizin. Springer, Berlin 2009.
  11. a b W. Schmidbauer, J. vom Scheidt: Handbuch der Rauschdrogen. Fischer, Frankfurt am Main 2003.
  12. K. Kegel, B. Hoffmann: Die Substitutionstherapie. 2. Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2010.
  13. W. Heinz, T. Poehlke, H. Stöver: Glossar: Substitutionstherapie bei Drogenabhängigkeit. Springer, Berlin 2010.
  14. A. Kreuzer, R. Römer-Klees, H. Schneider: Beschaffungskriminalität Drogenabhängiger. Bundeskriminalamt (Hrsg.), Band 24, BKA-Forschungsreihe, Wiesbaden 1991.
  15. a b H. Dilling, W. Mambour, H. Schmidt: Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10. 2. Auflage. Weltgesundheitsorganisation, Huber, Bern 2008.
  16. E. Beubler, H. Haltmayer, A. Springer (Hrsg.): Opiatabhängigkeit – Interdisziplinäre Aspekte für die Praxis. Springer, Berlin 2007.
  17. E. Beubler, H. Haltmayer, A. Springer (Hrsg.): Opiatabhängigkeit – Interdisziplinäre Aspekte für die Praxis. Springer, Berlin 2007.
  18. Hser YI, Evans E, Grella C, Ling W, Anglin D: Long-term course of opioid addiction. (Review). Harvard Review of Psychiatry 23:76-89 (2015)
  19. I. Maremmani, M. Pacini, P. Pani u. a.: The mental status of 1090 heroin addicts at entry into treatment: should depression be considered a 'dual diagnosis'? 2007. PMC 2216008 (freier Volltext).
  20. Komorbide psychische Störungen bei Opiatabhängigen. Suchttherapie 2014; 15(01): 22-28