Paraffinom des Penis

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Klassifikation nach ICD-10
M60.2 Fremdkörpergranulom im Weichteilgewebe, anderenorts nicht klassifiziert
ICD-10 online (WHO-Version 2016)
Ein Penis mit Paraffinom, verursacht durch die intraurethrale Injektion von flüssigem Paraffin (30-jähriger Patient). In der linken unteren Ecke im Bild ein Finger des untersuchenden Arztes.

Das Paraffinom des Penis ist eine spezielle Form eines sklerosierenden Lipogranuloms im Bereich des Penis.[1] Das Paraffinom des Penis hat ausschließlich exogene Ursachen und weist unbehandelt eine ausgesprochen schlechte Prognose auf.[2]

Epidemiologie und Ätiologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war in Europa die Injektion von Paraffinen oder auch Mineralölen unter die Haut des Penis eine verbreitete Praktik zur Penisvergrößerung.[3] Nachdem viele Jahre später die unerwünschten Nebenwirkungen allmählich bekannt wurden, verschwand diese Technik in Westeuropa weitgehend.[4] In vielen osteuropäischen Ländern und Korea wird sie vereinzelt noch heute ausgeübt.[5][6][7]

Diese Form der Penisvergrößerung wird gegenwärtig fast ausschließlich von Nicht-Medizinern durchgeführt. In einer 1996 veröffentlichten Studie über 26 koreanische Patienten im Zeitraum von 1981 bis 1993 lag das Durchschnittsalter der Patienten bei 39,6 Jahren, wobei das Altersintervall von 19 bis 77 Jahre reichte. Als Gründe für die Behandlung gaben die Patienten im Wesentlichen an: den Wunsch nach einem größeren Penis (14), erektile Dysfunktion (7), den Wunsch, den Sexualpartner befriedigen zu können (5 Patienten). Die Injektionen erfüllten nur in zwei Fällen (Befriedigung des Sexualpartners) auch die Wünsche der Betroffenen. Nach durchschnittlich 18,5 Monaten wurde bei 19 der 26 Patienten der Penis im Bereich der Injektionsstellen schmerzhaft. Die restlichen sieben Patienten waren schmerzfrei, beklagten aber eine Verfärbung der Penishaut und eine Veränderung der Penisgeometrie. Bei 17 der 19 Patienten ulzerierten die Lipogranulome, mit gelegentlichen eitrigen Ausflüssen. Die injizierten Paraffine oder Mineralöle blieben auf den Bereich des Penis fixiert. Eine Diffusion in andere Organe wurde nicht beobachtet.[4]

In einer anderen Studie wurden 357 koreanische Männer zu dem Ergebnis der Paraffininjektion in ihren Penis befragt. 91 Prozent waren mit dem Ergebnis der Injektion nicht zufrieden, 74 Prozent würden das injizierte Material gerne wieder entfernt haben und lediglich 15,6 Prozent hatten keine Nebenwirkungen. Dagegen klagte die Mehrzahl über Entzündungen, Hautnekrosen und Schmerzen.[8]

Von der ersten Injektion der Flüssigkeit bis zum Ausbruch des Paraffinoms vergeht in den meisten Fällen ein Zeitraum von mindestens einem Jahr;[9] in Einzelfällen können nahezu 40 Jahre vergehen.[10]

Pathologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

siehe Hauptartikel Lipidgranulom

Die subkutane Injektion von nicht-resorbierbaren Flüssigkeiten in den Penis – aber auch generell in andere Bereiche des Körpers – kann zu einer Fremdkörperreaktion führen, die die Bildung eines Fremdkörpergranuloms zur Folge hat. Ein Fremdkörpergranulom ist ein nicht-infektiöses Granulom. Dies ist eine knotenartige Gewebeneubildung, die aus Epitheloidzellen, mononukleären Zellen oder Riesenzellen besteht, die sich um den Fremdkörper legen und diesen einkapseln.[11] Die Lipidgranulome entstehen als Folge einer unspezifischen Immunantwort des Organismus.

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Paraffinom des Penis sollte in jedem Fall behandelt werden, da die Erkrankung in den meisten Fällen einen progredienten, das heißt sich stetig verschlechternden Verlauf hat.

Die Methode der Wahl ist die vollständige Entfernung der Penisvorhaut (Zirkumzision) und die radikale Exzision („herausschneiden“) der Paraffinome.[12][13] Werden die Paraffinome nicht vollständig entfernt, so können sie nach der Entfernung rezidivieren.[14] In vielen Fällen ist eine Phalloplastie, das heißt eine Rekonstruktion des Penis aus körpereigenem Gewebe, notwendig.[4][15]

Wenn der Patient einer operativen Entfernung des Paraffinoms nicht zustimmt oder aber bei weniger schwerwiegendem Verlauf, kann auch eine konservative Behandlung erfolgen. Sie erfolgt im Wesentlichen symptomatisch, durch wiederholte Injektion von Glucocorticoiden wie Triamcinolon direkt in das Paraffinom.[7] Langzeitergebnisse über diese Therapieform liegen nicht vor.[14] Auch die orale Gabe von Corticosteroiden ist eine Option. Einige Autoren empfehlen dies als Erstlinientherapie und die operative Entfernung der Paraffinome nur bei einem Nicht-Ansprechen dieser Therapieform.[16]

Speziell bei älteren Patienten mit ulzerierenden Läsionen des Penis besteht die Gefahr, dass sich aus dem chronisch entzündeten Gewebe ein Plattenepithelkarzinom entwickelt.[8][9][17][18]

Medizingeschichtliches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Robert Gersuny (1844–1924) verwendete 1899 erstmals Paraffin für eine Hodenprothese – ein folgenschwerer Fehler, wie sich erst Jahrzehnte später herausstellte.

Der österreichische Chirurg Robert Gersuny berichtete 1903 erstmals von der Verwendung von Paraffin als Hodenprothese. Bei einem Patienten, dem – als Folge einer tuberkulösen Orchitis – beide Hoden entfernt werden mussten (Orchiektomie), injizierte er 1899 Paraffin.[19] Durch den (kurzfristigen) Erfolg seiner Rekonstruktion ermutigt, begannen Gersuny und eine Reihe von Kollegen weltweit damit, verschiedene Mineralöle und Paraffine in unterschiedliche Regionen des Körpers zu injizieren; so bspw. zur Behandlung von Deformationen des Gesichtes, Hämorrhoiden, Inkontinenz, Hernien und zur Vergrößerung des Penis.[20][21] Der Boom endete nach etwa 20 Jahren, da inzwischen die desaströsen Spätfolgen dieser Injektionen allmählich bekannt wurden.[22] Um 1950 wurden diese Materialien zur Injektion dann endgültig aufgegeben und beispielsweise durch Kollagen ersetzt.[23]

Weiterführende Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fachartikel

  • K. Pónyai, M. Marschalkó, J. Hársing, E. Ostorházy, Z. Kelemen, P. Nyirády, V. Várkonyi, S. Kárpáti: Paraffinoma. In: J Dtsch Dermatol Ges 8, 2010, S. 686–688 PMID 20337771.
  • K. Hohaus u. a.: Mineral oil granuloma of the penis. In: J Eur Acad Dermatol Venereol 17, 2003, S. 585–587 PMID 12941103.
  • R. C. Stewart u. a.: Granulomas of the penis from self-injections with oils. In: Plast Reconstr Surg 64, 1979, S. 108–111 PMID 377327.

Fachbücher

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. H. Kerl: Histopathologie der Haut. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  2. J. Steffens u. a.: Paraffinoma of the external genitalia after autoinjection of vaseline. In: Eur Urol 38, 2000, S. 778–781. PMID 11111201
  3. O. Braun-Falco und H. H. Wolff: Dermatologie und Venerologie. Verlag Springer, 2005, S. 1040. ISBN 3-540-40525-9 eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  4. a b c T. Lee: Paraffinoma of the penis. In: Yonsei Med J 35, 1994, S. 344–348. PMID 7975744
  5. Die späte Rache der Vaseline. (Memento vom 17. April 2012 im Internet Archive) (PDF; 66 kB) In: Medical Tribune 36, 2001, S. 40.
  6. P. Santos u. a.: Penile paraffinoma. In: J Eur Acad Dermatol Venereol. 17, 2003, S. 583–584. PMID 12941102
  7. a b E. Akkus u. a.: Paraffinoma and ulcer of the external genitalia after self-injection of vaseline. In: J Sex Med 3, 2006, S. 170–172. PMID 16409233
  8. a b D. G. Moon u. a.: Sexual function and psychological characteristics of penile paraffinoma. In: Asian J Androl 5, 2003, S. 191–194. PMID 12937800
  9. a b G. Pehlivanov u. a.: Foreign-body granuloma of the penis in sexually active individuals (penile paraffinoma). In: J Eur Acad Dermatol Venereol 22, 2008, S. 845–851. PMID 18355202
  10. J. A. Eandi u. a.: Penile paraffinoma: the delayed presentation. In: Int Urol Nephrol 39, 2007, S. 553–555. PMID 17308876
  11. R. Büttner und C. Thomas: Allgemeine Pathologie. Schattauer Verlag, 2003, ISBN 3-7945-2229-X eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  12. M. Gfesser und W. I. Worret :„Paraffinom des Penis“ In: Der Hautarzt 1996, S. 705–707. doi:10.1007/s001050050493 PMID 8999027
  13. J. L. Cohen u. a.: Penile paraffinoma: self-injection with mineral oil. In: Am Acad Dermatol 45, 2001, S. S222–224. PMID 11712066
  14. a b E. Rosenberg u. a.: Three cases of penile paraffinoma: A conservative approach. In: Urology 70, 2007, 372.e9–10. PMID 17826519
  15. J. H. Jeong u. a.: A new repair technique for penile paraffinoma: bilateral scrotal flaps. In: Ann Plast Surg 37, 1996, S. 386–393. PMID 8905046
  16. N. Lawrentschuk u. a.: Sclerosing lipogranuloma of the genitalia treated with corticosteroids. In: Int Urol Nephrol 38, 2006, S. 97–99. PMID 16502060
  17. C. K. Ko u. a.: Scalp Paraffinoma underlying squamous cell carcinoma. In: Arch Pathol Lab Med 128, 2004, S. 1171–1172. PMID 15387701
  18. I. Kokkonouzis u. a.: Penis deformity after intra-urethral liquid paraffin administration in a young male: a case report. (PDF; 550 kB) In: Cases Journal 1, 2008, 223. PMID 18840268 (Open Access, unter CC-by-2.0-Lizenz)
  19. R. Gersuny: Harte und weiche Paraffinprothesen. In: Zentralbl Chir 30, 1903, S. 1.
  20. E. R. Engelmann u. a.: Lipogranulomatosis of external genitalia. In: Urology 3, 1974, S. 358. PMID 4594721
  21. Y. C. Oertel und F. B. Johnson: Sclerosing lipogranuloma of male genitalia. In: Arch Pathol Lab Med 101, 1977, S. 321. PMID
  22. J. Glicenstein: The first „fillers“, vaseline and paraffin. From miracle to disaster. In: Ann Chir Plast Esthet 52, 2007, S. 157–161. PMID 16860452 (in französisch)
  23. H. Feldmann: Die Geschichte der Injektionen. In: Laryngorhinootologie 79, 2000, S. 239–246. PMID 10838689
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