Gesicht

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Angesicht. Weiteres siehe unter Gesicht (Begriffsklärung).

Das Gesicht – Angesicht, Antlitz, Facies, Konterfei – ist bei Primaten der vordere Teil des Kopfes. Es ist ein zentrales Gebiet von Anthropologie, Biometrie, Malerei und Fotografie.

Das Gesicht des Menschen[Bearbeiten]

Beim Menschen ist es frei von Kopfhaar und tritt infolge der größeren Ausbildung des Gehirns weit hervor. So bildet beim Menschen die Stirn, obwohl sie anatomisch nicht zum Gesicht, sondern zum Schädelteil des Kopfes gehört, einen Hauptteil des Gesichts.

Durch die Verschiedenheit der Verhältnisse der einzelnen Gesichtspartien zueinander wird die Gesichtsbildung bedingt. Die je nach der Gemütsstimmung wechselnde Mimik beruht im Wesentlichen auf der Tätigkeit einiger Kopfmuskeln, die als mimische Muskulatur zusammengefasst werden. Die Mimik wird besonders durch Augen, Augenbrauen, Stirn (Falten) und Mund als den beweglichsten Teilen des Gesichts hervorgebracht.

Die Gesichtsfarbe entspricht der übrigen Hautfarbe, bei Menschen mit heller Hautfarbe zeichnet sie sich durch ein lebhafteres Kolorit aus und zwar vornehmlich an den Wangen, deren Röte auf einer vermehrten Durchblutung beruht. Gewisse Nuancen der Gesichtsfarbe werden manchmal als Hinweise auf Krankheiten angesehen.

Oft treten in der Gesichtsbildung mehrerer Individuen gewisse Ähnlichkeiten hervor, so bei Familienmitgliedern (Familiengesicht).

Gesichtsform[Bearbeiten]

Als Gesichtsform wird die frontale Kontur des Gesichts vom Haaransatz bis zum Kinn bezeichnet. Unterschieden wird zwischen fünf verschiedenen Grundformen: oval, rund, quadratisch, herzförmig und trapezförmig.
Die Symmetrie eines Gesichts gilt in einigen Fällen als Merkmal für Schönheit, obwohl beide Gesichtshälften eines Menschen immer verschieden sind (s.a. Idealisierung). Das gilt sowohl für die Anordnung der paarigen Ohren und Augen als auch für die Nase und den Mund und auch für die Wölbung der Knochenpartie unter den Augen, aber auch für die Ansicht von links und von rechts. Absolut symmetrische Gesichter gibt es allerdings nicht.

Beim ovalen Gesicht ist die breiteste Stelle in Höhe der Wangenknochen, von dort verjüngt es sich nach oben und nach unten. Haaransatz und Kinn sind sanft gerundet, die untere Gesichtshälfte ist etwas länger.

Das quadratische Gesicht ist ebenso breit wie lang. Die Wangenlinien verlaufen gewinkelt und haben eine ähnliche Breite wie die Stirn.

Das runde Gesicht ist gekennzeichnet durch einen breiten und vollen Wangenbereich, sowie einer ausgefüllten äußeren Kontur. Im Verhältnis zu Breite ist es eher kurz.

Das trapezförmige Gesicht hat eine birnenförmige Kontur, die sich nach oben hin markant verjüngt. Die schmalste Stelle ist im Schläfenbereich. Die Wangenknochen sind breit und hoch angesetzt. Im Vergleich zu vollen Kinnpartie ist die Stirn eher schmal.

Das herzförmige Gesicht zeichnet sich mit einer breiten Stirn - und Augenpartie aus. Es verjüngt sich nach unten über die Wangen zu einem schmalen (spitzen) Kinn hin.

Psychologie der Gesichtswahrnehmung[Bearbeiten]

Erwachsene Menschen können zuverlässig Gesichter erkennen, erinnern und wiedererkennen. Sie können Gesichter aus verschiedenen Winkeln als zur selben Person zugehörig erkennen. Sublime Veränderungen eines Gesichts beim emotionalen Ausdruck werden wahrgenommen und als soziales Signal verstanden. Die Wahrnehmungsfähigkeit von individuell unterschiedlichen Gesichtern spielt eine zentrale Rolle im sozialen Bereich. Menschen mit eingeschränkter Fähigkeit zur Gesichtswahrnehmung sind schwer beeinträchtigt, insbesondere in der sozialen Kommunikation.[1] So geht beispielsweise eine der schwerwiegendsten klinischen Beeinträchtigungen der sozialen Interaktionsfähigkeit, der frühkindliche Autismus, regelmäßig mit massiven Beeinträchtigungen des Blickverhaltens einher. [2]

Die überragenden Fähigkeiten des Menschen zur Gesichtswahrnehmung sind das Ergebnis eines evolutionären Prozesses. Primaten zeigen die mit Abstand größten Fähigkeiten, soziale Informationen dem Blick und auch der Kopfhaltung anderer Individuen zu entnehmen. [3] Im Primatengehirn, und somit auch im menschlichen, gibt es spezielle Gehirnareale mit Neuronen, die direkt mit der Wahrnehmung des Gesichts verknüpft sind.[4] Das führt dazu, dass bereits ein 13 Monate alter Schimpanse (Pan troglodytes) dem Blick eines erwachsenen Menschen folgen kann, der auf ein externes Objekt blickt.[5] Derartige Fähigkeiten sind die Voraussetzung für die komplexen soziokognitiven Kommunikationsmöglichkeiten höherer Primaten und des Menschen. Die Gesichtswahrnehmung weist zahlreiche funktionell unterscheidbare Aspekte auf, etwa das Erkennen des emotionalen Ausdrucks oder der Blickrichtung eines Sozialpartners. Neurophysiologen und –psychologen haben herausgefunden, dass die Identifikation eines bestimmten Gesichts beispielsweise die Aktivierung der fusifom face area (FFA) im Occipitallappen voraussetzt.[6] Gesichtswahrnehmung auf neurophysiologischer Ebene ist dabei verknüpft mit der Auslösung von Affekten, bedingt durch die Aktivierung der Amygdala.[7] Dies wiederum führt unmittelbar zur Aktivierung von Verhalten. Der soziale Aspekt dieser komplexen Verbindungen aus Gesichtswahrnehmungen, Affekten und Handlungen bildet sich in der Interaktion zwischen Mutter und Kind heraus.

Neugeborene und Kleinkinder[Bearbeiten]

Neugeborene können sofort nach der Geburt (und wohl schon pränatal) sehen. Sie bevorzugen das menschliche Gesicht, was als Gesichtspräferenz bezeichnet wird.[8] Das Gesicht der Mutter erhält schon in den ersten Lebenswochen mehr Aufmerksamkeit als das Gesicht eines Fremden.[9] Säuglinge können schon im Alter von etwa einem Monat mit ihrem Gesicht und ihren Händen Gesten ihrer Mutter nachahmen. Neugeborene strecken ihre Zunge heraus, wenn ein Erwachsener ihnen die Zunge herausstreckt, den Mund öffnet oder große Augen macht.[10] Diese Imitationsfähigkeiten werden nicht erlernt, sondern sind genetisch bedingt und ein Teil unseres evolutionsbiologisch bestimmten Erbes.[11]

Die Fähigkeit zur unmittelbaren Nachahmung beruht auf der Existenz sogenannter Spiegelneuronen.[12] Diese speziellen Neuronen feuern auf praktisch gleiche Weise sowohl beim Sehen einer Handlung eines anderen Menschen als auch bei der motorischen Nachahmung dieser Handlung. Somit verknüpfen diese Neuronen die äußere Erfahrung einer beobachteten Bewegung mit dem inneren Erleben bei ihrer Imitation. Sie bilden eine neuronale Grundlage für soziales Lernen, Einfühlungsvermögen, Empathie und das Erleben von Kunstwerken: Das Betrachten von Bildern ausdrucksstarker Gesichter aktiviert nachweislich die Gesichtsmuskeln des Betrachters.[13]

Auch das früh entwickelte „spezifische selektive soziale Lächeln“, das zunächst nur der Mutter gilt, und das zunehmende Verweigern des Anlächelns fremder Gesichter gehören zum Gebiet der Gesichtswahrnehmung.[14] Babys weichen bereits im Alter von zwei Wochen vor einem sich schnell nähernden Gesicht zurück und reagieren mit Abwehr. [15] Babys regulieren mit dem Mittel der Blickkontakt­vermeidung bzw. -erwiderung die Intensität emotionaler Beziehungserfahrungen.[16]

Bei der Entwicklung der zeichnerischen Fähigkeiten spielt das Gesicht eine große Rolle. Kinder benennen ihre frühesten Zeichnungen (also bereits im Alter von etwa zwei Jahren) häufig als Gesicht, selbst wenn dabei wenig Ähnlichkeit zu einem realen Gesicht besteht.[17] Früh entstehen sogenannte Kopffüßler, gezeichnete Wesen bestehend aus Kopf und Beinen mit starker Betonung des Gesichts, wobei Kopf und Rumpf („Bauch“) nicht voneinander unterschieden werden.[18]

Erkennung[Bearbeiten]

Fast immer geht die Gesichtserkennung mit der Unterscheidung zwischen Mann und Frau einher.[19][20]

Viel untersucht wurden nach „race“ systematisierte Unterschiede in der Gesichtserkennung. Die Wiedererkennung von individuellen Gesichtern von einer anderen „race“ als der Proband selbst zugeordneten Person ist im Vergleich zur Wiedererkennung von Gesichtern der eigenen „race“ eingeschränkt.[21] Es wird diskutiert, ob dieser sogenannte Cross-Race-Effect dadurch zustande kommt, dass in Gesichtern der anderen „races“ auf andere Gesichtsmerkmale geschaut wird als bei Gesichtern der eigenen „race“.[22] Eine 2007 veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Einordnung von Personen als Mitglieder einer in-group die Wiedererkennung positiv beeinflusste unabhängig von der tatsächlichen Vertrautheit.[23][24]

Die (krankhafte) Unfähigkeit Gesichter zu erkennen, ist die Prosopagnosie.

In Gerichtsverfahren wird bei Identitätszweifeln ein morphologischer Bildvergleich oder ein anthropologisch-biometrisches Gutachten erstellt.[25]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Belting: Faces: Eine Geschichte des Gesichts. C.H. Beck 2014, ISBN 978-3406644306.
  • John Bowlby: Bindung: eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung, Frankfurt am Main 1975.
  • Louis Cozolino: The Neuroscience of Human Relationships: Attachment and the Developing Social Brain, New York, London 2006.
  • N. J. Emery: The eyes have it: the neuroethology, function and evolution of social gaze. Neuroscience and biobehavioral reviews 24 (2000), S. 581-604.
  • Peter Fonagy, Mary Target: Neubewertung der Entwicklung der Affektregulation vor dem Hintergrund von Winnicotts Konzept des „falschen Selbst“. Psyche 56 (2002), S. 839-862.
  • Heidi Keller: Entwicklungspsychopathologie: das Entstehen von Verhaltensauffälligkeiten in der frühesten Kindheit, in: Heidi Keller (Hg.): Handbuch der Kleinkindforschung, Berlin 1989, S.529-543.
  • Heidi Keller: Psychologische Entwicklungstheorien der Kindheit: Versuch einer evolutionsbiologischen Integration. in: Manfred Markefka, Bernhard Nauck (Hg.): Handbuch der Kindheitsforschung, Neuwied 1993 31-43.
  • Fritz Lange: Die Sprache des menschlichen Antlitzes. Eine wissenschaftliche Physiognomik und ihre praktische Verwertung im Leben und in der Kunst. J. F. Lehmanns Verlag, 1937, 4. Auflage 1952, spanisch 1957.
  • Joseph D. Lichtenberg: Psychoanalyse und Säuglingsforschung, Berlin 1991.
  • Rolf Oerter; Leo Montada, (Hg.): Entwicklungspsychologie, 3., vollst. überarb. Aufl. München 1995.
  • Sanae Okamoto, Masaki Tomonaga, Kiyoshi Ishii, Nobuyuki Kawai, Masayuki Tanaka, Tetsuro Matsuzawa: An infant chimpanzee (Pan troglodytes) follows human gaze. Animal Cognition 5 (2002),S. 107–114.
  • Oliver Sacks: Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte. Reinbek 1990.
  • Henning Saß, Hans-Ulrich Wittchen, Michael Zaudig, (Bearb.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-IV, Göttingen 1994 (Zit. als: DSM-IV)
  • Martin Schuster: Die Psychologie der Kinderzeichnung. Berlin 1993.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Gesicht – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Gesichter – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  Wikiquote: Gesicht – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zu neurologisch bedingten Ausfallerscheinungen der Wahrnehmung (Agnosien) vgl. Sacks, (1990), S. 23 ff.
  2. Vgl. DSM-IV 103 ff. Beim Kanner-Autismus und auch beim sozial weniger beeinträchtigenden Asperger-Autismus zeigen sich Probleme beim Erkennen des Gesichtsausdrucks. Vgl. Fonagy & Target (2002), S. 850 zum gestörten Blickverhalten autistischer Kinder, Emery (2000), S. 597 ff. und Cozolino (2006), S. 197 f.
  3. Vgl. Emery (2000), S. 581 ff.
  4. Emery (2000), S. 594, zur Bedeutung des Temporallappens bei der Gesichtswahrnehmung.
  5. Okamoto et al. (2002), S. 107 ff.
  6. Cozolino (2006), S. 58.
  7. Emery (2000), S. 596
  8. Oerter & Montada (1995), 204 ff.
  9. Lichtenberg (1991), S. 13 ff.
  10. Oerter & Montada (1995), S. 190
  11. Keller (1993).
  12. Cozolino (2006), S. 186 ff.
  13. Cozolino (2006) 202.
  14. Bowlby (1975) 261 ff.
  15. Lichtenberg (1991), S. 48
  16. Keller (1989) 539.
  17. Schuster (1993), S. 18.
  18. Schuster (1993), S. 29.
  19.  Charles Stangor, Laure Lynch, Changming Duan, Beth Glas: Categorization of individuals on the basis of multiple social features. In: Journal of Personality and Social Psychology. 62, Nr. 2, 1992, S. 207–218, doi:10.1037/0022-3514.62.2.207.
  20.  Kara Weisman, Marissa V. Johnson, Kristin Shutts: Young children’s automatic encoding of social categories. In: Developmental Science. 2014, doi:10.1111/desc.12269.
  21.  Christian A. Meissner, John C. Brigham: Thirty years of investigating the own-race bias in memory for faces: A meta-analytic review. In: Psychology, Public Policy, and Law. 7, Nr. 1, 2001, S. 3–35, doi:10.1037/1076-8971.7.1.3.
  22.  Caroline Blais, Rachael E. Jack, Christoph Scheepers, Daniel Fiset, Roberto Caldara: Culture Shapes How We Look at Faces. In: PLoS ONE. 3, Nr. 8, 2008, S. e3022, doi:10.1371/journal.pone.0003022.
  23. Warum für Europäer alle Asiaten so ähnlich aussehen Wissenschaft.de, 16. August 2007
  24.  Michael J. Bernstein, Steven G. Young, Kurt Hugenberg: The Cross-Category Effect. Mere Social Categorization Is Sufficient to Elicit an Own-Group Bias in Face Recognition. In: Psychological Science. Bd. 19, Nr. 8, 2007, S. 706–712, doi:10.1111/j.1467-9280.2007.01964.x.
  25. u.a. OLG Hamm, Beschluss vom 20. Juni 2008, Az. 3 Ss OWi 434/08.