Prebisch-Singer-These

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Die Prebisch-Singer-These (auch These der säkularen Verschlechterung der Terms of Trade) ist innerhalb der internationalen Mikroökonomie bei dem Thema Außenwirtschaft einzugliedern. Sie befasst sich mit den Auswirkungen des Welthandels auf die Terms of Trade der Primärgüter-Exporteure.

Aussage[Bearbeiten]

Die These besagt, dass sich das reale Güteraustauschverhältnis (Commodity Terms of Trade) der Primärgüter-Exporteure (meist Entwicklungsländer), bei deren Einbindung in das Weltwirtschaftssystem, langfristig verschlechtert. Infolge dessen wird der ökonomische Wohlstand dieser Länder beeinträchtigt.

Sie basiert auf den im Februar und Mai 1949 veröffentlichten Studien: Hans Wolfgang Singers "Post-war Price Relation in Trade Between Under-developed and Industrialized Countries" und "The Economic Development of Latin America and its Principal Problems" von Raúl Prebisch.

Begründungen und Annahmen[Bearbeiten]

Folgende Punkte werden in der Literatur zur Begründung der These aufgeführt.

Primärgüter (z.B. Nahrungsmittel, Rohstoffe, etc.) sind in der Regel relativ inferiore Güter. Dies bedeutet, dass bei steigenden Einkommen die Nachfrage nach Primärgütern unterproportional zunimmt.

  • Die hohe Einkommenselastizität der Nachfrage bei Industriegütern

Industriegüter (z.B. Autos, Smartphones, etc.) hingegen sind superiore Güter. Bei steigenden Einkommen werden diese Güter überproportional nachgefragt. D.h., dass bei wachsenden Einkommen der Konsum von Industriegütern zunimmt, während der Konsum von Primärgütern nahezu konstant bleibt. Lohnsteigerungen in den Entwicklungsländern führen also dazu, dass nur die Nachfrage nach Industriegütern signifikant steigt. Somit entsteht ein Einkommenstransfer von den Entwicklungsländern zu den Industrieländern.

  • Die unterschiedliche Wettbewerbssituation auf den Primärgüter- und Industriegütermärkten

Die Primärgütermärkte sind geprägt von einem intensiven Wettbewerb zwischen den exportierenden Ländern. Das liegt zum einen an der Homogenität und der damit verbundenen Substituierbarkeit dieser Güter und zum anderen an der Spezialisierung bzw. Beschränkung der Entwicklungsländer auf einige wenige exportierbare Primärgüter. Auf den Industriegütermärkten herrscht hingegen ein geringerer Wettbewerb, da diese Produkte in der Regel ausreichend diversifiziert und somit schwerer zu substituieren sind.

  • Die hohe Preiselastizität der Nachfrage bei Primärgütern

Aufgrund der Austauschbarkeit und einer Vielzahl von Anbietern können Preiserhöhungen für exportierbare Primärgüter auf den Weltmarkt schwer durchgesetzt werden. Angenommen in einem Entwicklungsland steigt durch eine Dürre der Preis für ein Exportgut. Folglich wird die Nachfrage aus dem Ausland nach diesem Gut einbrechen, weil andere Exporteure das Gut zum niedrigeren Marktpreis anbieten und absetzen können.

  • Die niedrige Preiselastizität der Nachfrage bei Industriegütern

Die Nachfrage nach Industrieprodukten sinkt bei Preiserhöhungen kaum, da die Konsumenten nur auf wenige gleichwertige Alternativen zurückgreifen können.

  • Die unterschiedlichen Auswirkungen von Produktivitätsfortschritten

Bei Primärgütern handelt es sich oftmals um quantitative Produktivitätsfortschritte (z.B. neue Anbauverfahren oder Abbautechniken). Die Folge ist eine Erhöhung des Angebots bei stagnierender Nachfrage und das führt somit zu sinkenden Preisen. Weiterhin werden Fortschritte in der Arbeitsproduktivität direkt, in Form von Preissenkungen, an die Industrieländer weitergegeben, um sich im starken Wettbewerb behaupten zu können. Im Industriegüterbereich gehen Produktivitätsfortschritte mit einer Verbesserung der Produkte einher (qualitative Produktivitätsfortschritte), was zu steigenden Marktpreisen und Löhnen führt.

Dies insgesamt führt zu einer Verschlechterung der internationalen Handelsbedingungen für die Entwicklungsländer, da diese im Verhältnis immer mehr Primärgüter exportieren müssen um ihren Bedarf an Industriegütern zu decken.

Fiktives Beispiel[Bearbeiten]

Man nehme an, Deutschland produziert und exportiert im Jahr 2010 ein Auto im Wert von 15.000 Euro nach Brasilien. Zeitgleich baut Brasilien 15.000 kg Kaffee an und exportiert diesen für einen Preis von 1 €/kg nach Deutschland. Es entsteht somit das reale Austauschverhältnis:

 \frac{15.000 kg Kaffee}{1 Auto}

Daraus folgt, dass Deutschland für ein exportiertes Auto, 15.000 kg Kaffee erhält. Brasilien im Gegenzug, muss 15.000 kg Kaffee verkaufen um ein Auto aus Deutschland zu importieren.

Da Deutschland für eine exportierte Mengeneinheit (Auto) mehr importierte Mengeneinheiten (Kilogramm Kaffee) erhält, spricht man von einer Verbesserung der Terms of Trade (ToT).

Betrachtet man diese Annahme des Austauschverhältnisses zu unterschiedlichen Zeitpunkten, wird der Effekt der Prebisch-Singer-These umso deutlicher. Im Jahr 2015 kann Brasilien die gleiche Menge des Substitutes Kaffee nur noch für 0,9 €/kg an Deutschland veräußern. Da die Forschung und Weiterentwicklung des Industriegutes floriert, kann Deutschland ein Auto für 20.000 € nach Brasilien absetzen. Somit muss Brasilien 22.222 kg Kaffee produzieren und exportieren um ein Auto aus Deutschland zu erhalten. Das Austauschverhältnis liegt somit bei (22.222 kg Kaffee)/(1 Auto) und führt hiermit zu einer wesentlichen Verschlechterung der Terms of Trade aus der Sicht des Entwicklungslandes.

Brasilien:

Jahr 2000 2015
Exportgüterpreisniveau 1 €/kg Kaffee 0,9 €/kg Kaffee
Importgüterpreisniveau 15.000 €/ Auto 20.000 €/ Auto
Terms of Trade F(x) = E/I = 15.000/1 F(x) = E/I = 20.000/0,9
Resultat 15.000 kg Kaffee = 1 Auto 22.222 kg Kaffee = 1 Auto
Beispielentwicklung ToT Brasilien-Deutschland

Kritik an der Datenerhebung[Bearbeiten]

Die These stützt sich auf empirische Werte, die für den Zeitraum 1876 bis 1947 für Großbritannien und seine Kolonien erhoben wurden. Zu diesen erhobenen Werten gibt es vier Hauptkritikpunkte, welche von John Spraos (1980) zusammengefasst und formuliert wurden.

  • Der erste Kritikpunkt ist, dass Englands „Terms of Trade“ nicht repräsentativ für alle Industrieländer sind, denn der Handel mit „eigenen“ Kolonien entspricht nicht zwingend dem Handel mit unabhängigen Entwicklungsländern.
  • Des Weiteren wurde nicht berücksichtigt, dass Industrieländer auch Primärgüter exportieren.
  • Als dritten Kritikpunkt führte er die Transportkosten auf. Bei britischen Exporten wurden die Transportkosten nicht beachtet. Bei den Importen wurden diese jedoch berücksichtigt.
  • Als letzte Schwäche nennt Spraos, dass neue oder verbesserte Industriegüter möglicherweise den Price Index der Industriegüter erhöhen und dadurch der Eindruck eines relativen Rückgangs der Primärgüterpreise entsteht.

Die Grilli und Yang Studie[Bearbeiten]

Die beiden Wissenschaftler Enzo Grilli und Maw Cheng Yang nahmen sich 1988 dem Problem der Datenerhebung an.

Sie erstellten einen Preisindex für den Zeitraum von 1900 bis 1986, welcher 24 international gehandelter Güter beinhaltete (Erdöl wurde nicht berücksichtigt). Ihre Daten bekamen Sie von der Weltbank. Als zweites modifizierten Sie den „Manufactures Unit Value Index“ der Vereinten Nationen (UN), welcher den Wert der exportierten, industriell hergestellten Gütern aus den Industrieländern abbildet.

Sie kamen zu dem Ergebnis, dass sich die Terms of Trade der Entwicklungsländer jährlich um 0,6 % verschlechtern. Folglich stützt ihre Untersuchung die Prebisch-Singer-These.

Rezeption[Bearbeiten]

Die Prebisch-Singer-These wurde in zahlreichen Ländern als Rechtfertigung für eine importsubstituierende Industrialisierung (ISI) und eine strukturalistische Wirtschaftspolitik herangezogen. Auch in neomarxistischen Kreisen fand sie großen Anklang, da sie als Bestätigung der Dependenztheorie angesehen wurde. Obwohl sie zeitweise in Vergessenheit geriet, haben neuere Untersuchungen, u.a. von José Antonio Ocampo, ihre empirische Gültigkeit im 20. Jahrhundert bestätigt. Allerdings sei der Effekt nicht stetig, sondern von starken Schwankungen geprägt. Neuere Forschungen zur Prebisch-Singer-These gehen davon aus, dass ein ähnlicher Effekt wie bei Primärgütern auch bei Industriegütern mit geringer Wertschöpfung entsteht, die heute die Exporte der meisten Entwicklungsländer dominieren.

1998 erklärte Singer, die These sei bereits Teil des entwicklungstheoretischen Mainstreams, da die Empfehlungen der internationalen Wirtschaftsinstitutionen (z.B. des IWF) an die Entwicklungsländer, die beispielsweise davor warnen, auf steigende Rohstoffpreise zu setzen, von denselben Annahmen ausgingen.[1]

Literatur[Bearbeiten]

  • Paul R. Krugman & Maurice Obstfeld: Internationale Wirtschaft: Theorie und Politik der Außenwirtschaft 7. Auflage, Pearson Studium, 2006, ISBN 3-8273-7199-6
  • Mohammad A. Razzaque, Philip Osafo-Kwaako & Roman Grynberg: Commodity Prices, Aid and Debt: Implications for LDCs, Small Vulnerable States and HIPCs, Commonwealth Secretariat, 2005, ISBN 0-85092-820-6

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hans Singer: The South Letter (30): The Terms of Trade Fifty Years Later - Convergence and Divergence (PDF), South Center, 1998

Weblinks[Bearbeiten]