Rat Krespel

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Rat Krespel ist eine Erzählung von E. T. A. Hoffmann, die Friedrich de la Motte Fouqué im Frauentaschenbuch für das Jahr 1818 bei Johann Leonhard Schrag in Nürnberg unter dem Titel Ein Brief von Hoffmann an Herrn Baron de la Motte Fouqué herausgab.[1] 1819 erschien der Text im ersten Abschnitt des ersten Bandes der Sammlung Die Serapionsbrüder bei G. Reimer in Berlin.[2] Auf der Erzählung basiert ein Akt der Oper Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Familie des Johann Bernhard Crespel (1747–1813) aus Frankfurt am Main habe gegen die Darstellung des Rats durch E. T. A. Hoffmann protestiert. Johann Bernhard Crespel sei einer der Jugendfreunde Goethes gewesen. Frau Bergrat Buderus, die älteste Tochter Crespels, habe der Buchautorin Maria Belli (Leben in Frankfurt am Main, erschienen 1850) mitgeteilt, E. T. A. Hoffmann habe das „Material“ von Clemens Brentano bekommen.[3]

Nach Frank Haase[4] sei der Geheime Postrat Carl Philipp Heinrich Pistor als E. T. A. Hoffmanns Vorbild für den Rat Krespel zu sehen. Dieser erfinderische Berliner Mechaniker habe eine Amati – einfach so studienhalber – zerlegt (siehe unten).[5]

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Herr Studiosus Theodor, alias E. T. A. Hoffmann, erzählt: „Krespel war berühmt als gelehrter gewandter Jurist und als tüchtiger Diplomatiker.“ Ein wunderlicher Mensch war er schon. In der süddeutschen Stadt H- lässt sich Krespel ein Haus nach Schildbürgerart errichten. Die Maurer müssen die Wände tür- und fensterlos hochziehen und jene Öffnungen hinterher nach Krespels Angaben ausbrechen. Als der Ich-Erzähler Theodor den Rat in seiner neuen Behausung aufsucht und sich nach Antonie erkundigt, lenkt Krespel das Gespräch auf seine neue Amati, die er gerade aufgeschnitten habe. Dafür verfertigt der Rat mit seinem Wissen um die Innenarchitektur dieser Violine die herrlichsten Geigen. Allerdings spielt er ein fertiges Instrument nur einmal und nimmt es sodann auseinander. Eines Tages steht Theodor zusammen mit einer Schar Einwohner von H- vor dem merkwürdigen Hause. Man genießt den Gesang Antonies. Das blutjunge, bildhübsche Mädchen wird auf dem Pianoforte begleitet. Darauf hört man Krespel schreien. Ein junger Mann – anscheinend Antonies Bräutigam – wird die Treppe hinuntergeworfen und fährt schluchzend mit der Postchaise davon. Theodor möchte herauskriegen, in welchem Verhältnis der tyrannische Zauberer Krespel zu dem jungen Mädchen steht.

Als Theodor zwei Jahre später von B** aus eine Reise nach H- unternimmt, berichtet ihm der Rat von Antonies Tode, lacht und ruft: „Heisa frei! - Nun bau ich keine Geigen mehr.“ Theodor versteht die Ausbrüche des Schmerzes so: Krespel hat nach Antonies plötzlichem Tode den Verstand verloren.

Theodor will den Bösewicht Krespel des Mordes an Antonie überführen. Das gelingt ihm nicht, doch er erfährt Krespels Geschichte. Antonie war die Tochter des Rats; Kind der unglücklichen Liebe des wunderlichen Deutschen mit einer Italienerin, der berühmten Sängerin Angela -i aus Venedig. Krespel, den es nach Italien gezogen hatte, war lange vor der Geburt des Kindes vor Angela -i ins Süddeutsche geflüchtet und dort geblieben. So erfuhr er lediglich brieflich, wie Antonie an der Seite der Mutter zur Sängerin vom ersten Range aufblühte und sich in den hoffnungsvollen jungen Komponisten B... verliebte. In der Nacht vor der beabsichtigten Trauung des jungen Brautpaares war Angela -i an den Folgen einer Erkältung gestorben.

Antonies Kunst, also ihr „über die Sphäre des menschlichen Gesanges hinaustönender Klang“, wird durch ein organisches Brustleiden ermöglicht. Wenn während des Gesanges rote Flecken auf Antonies Wangen erscheinen, dann besteht für die Solistin akute Lebensgefahr. Der Bräutigam B... weiß das, kann jedoch der Versuchung nicht widerstehen. Er begleitet die Braut auf dem Pianoforte und wird, als jene Flecke erscheinen, von Krespel die Treppe hinuntergeworfen. Vorerst hat der Vater das Leben der Tochter gerettet. Antonie fügt sich. Sie will nicht mehr singen, versteht den Vater aber nicht, der die vollkommene Geige (die er der Tochter später in den Sarg legen wird) zerschneidet.

Theodor gibt den Bericht Krespels vom Hinsterben der Tochter wieder: Da „...war es in einer Nacht dem Rat so, als höre er im Nebenzimmer auf seinem Pianoforte spielen, und bald unterschied er deutlich, daß B... nach gewöhnlicher Art präludiere. Er wollte aufstehen, aber wie eine schwere Last lag es auf ihm, wie mit eisernen Banden gefesselt, vermochte er sich nicht zu regen und zu rühren. Nun fiel Antonie ein in leisen hingehauchten Tönen, die immer steigend und steigend zum schmetternden Fortissimo wurden, dann gestalteten sich die wunderbaren Laute zu dem tief ergreifenden Liede, welches B... einst ganz im frommen Styl der alten Meister für Antonie komponiert hatte. Krespel sagte, unbegreiflich sei der Zustand gewesen, in dem er sich befunden, denn eine entsetzliche Angst habe sich gepaart mit nie gefühlter Wonne. Plötzlich umgab ihn eine blendende Klarheit, und in derselben erblickte er B... und Antonien, die sich umschlungen hielten und sich voll seligem Entzücken anschauten. Die Töne des Liedes und des begleitenden Pianofortes dauerten fort, ohne daß Antonie sichtbar sang oder B... das Fortepiano berührte. Der Rat fiel nun in eine Art dumpfer Ohnmacht, in der das Bild mit den Tönen versank. Als er erwachte, war ihm noch jene fürchterliche Angst aus dem Traume geblieben. Er sprang in Antoniens Zimmer. Sie lag mit geschlossenen Augen, mit holdselig lächelndem Blick, die Hände fromm gefaltet, auf dem Sopha, als schliefe sie und träume von Himmelswonne und Freudigkeit. Sie war aber tot.“[6]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Meyer[7] betrachtet 1963 Krespel als „harmlosen Sonderling“ und Vitt-Maucher[8] sieht 1972 den Titelhelden auf einer Gratwanderung zwischen Bürger- und Künstlertum.
  • McGlathery[9] spricht 1978 von Inzest zwischen Krespel und Antonie. Würker[10] probiert 1993 die Tauglichkeit des Untersuchungsinstruments Psychoanalyse. Auf der Suche nach musikalischen Strukturen sind 1978 Wittkowski[11], 1988 Brandstetter[12] und 2003 Neymeyr[13].
  • Schulz[14] nennt ein im Text mehrfach auftauchendes Diktum, an dem Krespel scheitert: „Der Mensch ist nicht Gott.“[15] Kaiser betrachtet das Wirken motivischer Gegensätze – zum Beispiel Aufbau versus Zerstörung (Haus, Violine,...)[16] und nennt Arbeiten[17] von Auhuber (1986), Brüggemann (1958), Cixous (1974), John M. Ellis (London 1974) und Peter von Matt (1971).
  • Weitere Einzelheiten finden sich bei Segebrecht[18] und Keil. Letzterer gibt Antwort auf solche Fragen: Warum spielt Antonie kein Instrument, wenn das Singen tödlich ist? Warum singt Krespel nicht? Warum ist die Violine im Spiel? Warum wird dieses Instrument auseinandergenommen?[19] Die Antwort lautet: Es geht dem Musiker E. T. A. Hoffmann um die Entstehung des Tones.[20] Segebrecht[21] gibt noch folgende Stellen an: Benno von Wiese (Düsseldorf 1962), J. Rippley La Verne (1971), Frank Haase und Carl Pistor (1985), Jean-Charles Margotton (Bern 1987), Brigitte Prutti (1992), Hubert Rüter (Paderborn 1997), Birgit Röder (2000) und Uwe Japp (Stuttgart 2004).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Erstausgabe in den Serapionsbrüdern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rat Krespel in: Die Serapionsbrüder. Gesammelte Erzählungen und Mährchen. Herausgegeben von E. T. A. Hoffmann. Erster Band. Berlin 1819. Bei G. Reimer. 604 S.[22]

Verwendete Ausgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • E. T. A. Hoffmann: Rat Krespel S. 39–71 in: Wulf Segebrecht (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann: Die Serapions-Brüder. Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch. Bd. 28. Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-618-68028-4 (entspricht: Bd. 4 in: Wulf Segebrecht (Hrsg.): „E. T. A. Hoffmann: Sämtliche Werke in sieben Bänden“, Frankfurt am Main 2001)

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gerhard R. Kaiser: E. T. A. Hoffmann. Metzler, Stuttgart 1988, ISBN 3-476-10243-2. (Sammlung Metzler; 243; Realien zur Literatur)
  • Barbara Neymeyr: Musikalische Mysterien. Romantische Entgrenzung und Präfiguration der Décadence in E.T.A. Hoffmanns „Rat Krespel“. In: E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch 11 (2003), S. 73–103.
  • Gerhard Schulz: Die deutsche Literatur zwischen Französischer Revolution und Restauration. Teil 2. Das Zeitalter der Napoleonischen Kriege und der Restauration: 1806–1830. C. H. Beck, München 1989, ISBN 3-406-09399-X.
  • Werner Keil: Rat Krespel. S. 268–275 in: Detlef Kremer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Leben – Werk – Wirkung. Walter de Gruyter, Berlin 2009, ISBN 978-3-11-018382-5

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Segebrecht, S. 1268, 3. Z.v.u.
  2. Segebrecht, S. 1221, 4. Z.v.o. und S. 1681 oben
  3. Segebrecht, S. 1276, ab 5. Z.v.o.
  4. zitiert bei Keil, S. 269 und S. 632: Frank Haase: Nachrichtentechnik vs. romantische Autorschaft in E. T. A. Hoffmanns Novelle „Rat Krespel“ in Kittler, Schneider, Weber: Medien. Opladen 1987, S. 55
  5. Segebrecht, S. 1277, ab 1. Z.v.o.
  6. Verwendete Ausgabe, S. 63, 23. Z.v.o.
  7. zitiert bei Keil, S. 269, 6. Z.v.o. und S. 642: Hermann Meyer: Der Sonderling in der deutschen Dichtung. München 1963
  8. zitiert bei Keil, S. 269, 4. Z.v.o. und S. 654, Gisela Vitt-Maucher: „Rat Krespel“ und der Schlafrock Gottes. Monatshefte 64 (1972), S. 51
  9. zitiert bei Keil, S. 269, 14. Z.v.o. und S. 641: James M. McGlathery: Der Himmel hängt voller Geigen. The German Quarterly 51 (1978) S. 135
  10. zitiert bei Keil, S. 269, 15. Z.v.o. und S. 656: Achim Würker: Das Verhängnis der Wünsche. Unbewußte Lebensentwürfe in Erzählungen E. T. A. Hoffmanns. Frankfurt am Main 1993
  11. zitiert bei Keil, S. 269, 19. Z.v.o. und S. 655: Wolfgang Wittkowski: E. T. A. Hoffmanns musikalische Musikerdichtungen Ritter Gluck, Don Juan, Rat Krespel. Aurora 38 (1978) S. 54
  12. zitiert bei Keil, S. 270, 4. Z.v.o. und S. 625: Rat Krespel, S. 15 in Gabriele Brandstetter (Hrsg.): Jacques OffenbachsHoffmanns Erzählungen“. Konzeption. Rezeption. Dokumentation. Laaber 1988
  13. zitiert bei Keil, S. 269, 20. Z.v.o. und S. 644: Barbara Neymeyr: Musikalische Mysterien. Romantische Entgrenzung und Präfiguration der Décadence in E. T. A. Hoffmanns „Rat Krespel“. Hoffmann-Jahrbuch 2003, S. 73
  14. Schulz, S. 435, 9. Z.v.u.
  15. Schulz, S. 436, 19. Z.v.o.
  16. Kaiser, S. 66, 14. Z.v.u.
  17. Kaiser, S. 82 unter „Rat Krespel“
  18. Segebrecht, S. 1268–1287
  19. Keil, S. 270, 5. Z.v.u.
  20. Keil, S. 274, 13. Z.v.u.
  21. Segebrecht, S. 1281–1282 und S. 1666
  22. Segebrecht in der verwendeten Ausgabe, S. 1221 oben

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]