Nussknacker und Mausekönig

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Ein klassischer Nussknacker auf einer Wohlfahrtsmarke der Post (1971)

Nussknacker und Mausekönig ist eine Erzählung von E. T. A. Hoffmann, erschienen 1816 in Berlin. In diesem Kunstmärchen aus der Sammlung Die Serapionsbrüder porträtiert der Autor in den Märchenkindern Marie und Fritz die Kinder Friedrich und Clara[1] seines Freundes Julius Eduard Hitzig.[2] Auch Hitzigs ältere Tochter Eugenie kommt als ältere Schwester Luise im Märchen vor.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marie, Tochter des Medizinalrats Stahlbaum, entdeckt am Weihnachtsabend auf dem Gabentisch einen Nussknacker. Der Bruder Fritz knackt mit der neuen Nürnberger Holzpuppe so harte Nüsse, dass die Puppe ihre Zähne verliert. Marie nimmt den lädierten Nussknacker in ihre Obhut und platziert ihn neben Fritzens Husarenarmee. Die rekrutiert sich aus lauter Spielzeugsoldaten und steht in der Vitrine.

Die Geschwister wurden nicht nur von den Eltern beschenkt, sondern auch von dem Paten Droßelmeier, einem Obergerichtsrat, der neben der Jurisprudenz auch die Uhrmacherei betreibt und allerlei mechanisches Spielzeug verfertigt. In der Christnacht, als alle längst zu Bett sind, hat sich Marie von der Mutter noch ein paar Minuten Aufbleibens bei den Geschenken erbettelt. Da ist es dem phantasiebegabten Kind auf einmal so, als ob Bewegung in Fritzens Husarenarmee unter dem Kommando des Nussknackers käme. Die Gegenseite, ein Heer Mäuse unter dem Kommando des Mausekönigs, eines siebenköpfigen Ungetüms, dringt aus ihren Schlupflöchern des Wohnzimmerfußbodens. Den Kommandeuren der Husarenarmee mangelt es nicht an Schneid und taktischem Geschick. Zu Maries Schrecken zeigen die Husaren Feigheit vor dem Feind. Das Mädchen verhindert die drohende Niederlage des Nussknackers, indem es seinen „Pantoffel zur rechten Zeit“ gezielt nach dem vordringenden Mäusepack wirft.

Die Feindschaft des Nussknackers gegen den Mausekönig geht bis auf die Mutter des königlichen Nagetiers zurück. Wie Droßelmeier Marie auf deren Drängen erzählt, fraß Frau Mauserinks, zu Lebzeiten Königin im Reich Mausolien, einmal dem König aus dem Menschenreich den Speck weg. Zur Strafe beschloss der König die Vertreibung der Frau Mauserinks aus seinem Palast. Mit der Aktion beauftragte er den Neffen Droßelmeiers, einen „artigen, sanften Jüngling“. Frau Mauserinks aber, diese alte Hexe, blieb und „verhäßlichte“ die „engelschöne“ Prinzessin Pirlipat in der Wiege in ein „unförmliches, starrblickendes“ Kind. Als der Neffe nach fünfzehnjähriger Suche das Mittel gefunden hatte, mit dem er Pirlipat erfolgreich entzaubern konnte, tötete er – mehr aus Versehen – Frau Mauserinks. Vor ihrem Ableben hatte Frau Mauserinks ihren siebenköpfigen Sohn zur Welt gebracht, den Mausekönig. Die sterbende Maus hatte den Neffen Droßelmeiers, diesen artigen wohlgestalteten Jüngling, noch rasch in einen hässlichen kleinen Nussknacker verwandelt, eben jenes zahnkranke Weihnachtsgeschenk, das Marie wieder aufpäppeln möchte. Marie bringt keinerlei Verständnis für die Undankbarkeit Pirlipats gegenüber dem Nussknacker auf, sollte doch der Jüngling, der Pirlipat entzaubert hatte, als Lohn die Prinzessin zur Frau bekommen. Stattdessen hatte Pirlipat den Nussknacker zum Palast hinauswerfen lassen.

Die Zurückverwandlung der „Missgestalt“ des Nussknackers in seine ursprüngliche Wohlgestalt ist an zwei Bedingungen geknüpft: Der Mausekönig muss durch die Hand des Nussknackers fallen und eine Dame muss den Nussknacker ob seiner hässlichen Gestalt liebgewinnen. Marie, begabt mit der Kraft der Liebe, tut das Ihrige: Sie bewaffnet den Nussknacker neu und folgt hernach dem Besieger des Mausekönigs ins Puppenreich. Dort, am Limonadenstrom, der in den Mandelmilchsee mündet, lernen sie einander lieben. Somit sind beide Bedingungen erfüllt: Der Neffe erhält seine „nicht unangenehme Gestalt wieder“, kehrt nach einiger Zeit zurück und macht der glücklichen Marie einen Antrag, den sie annimmt, wodurch sie zur Königin des Puppenreichs wird.

Literarische Form und Kommentar[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Adressaten des Märchens werden direkt angesprochen: „Horcht auf, Kinder!“ Zuerst „erlebt“ Marie die Schlacht des Nussknackers gegen den Mausekönig. Darauf erzählt zweitens der Pate Droßelmeier den beiden lauschenden Kindern Marie und Fritz die Vorgeschichte. Damit erkennt Marie, dass der Nussknacker der verhexte Neffe des Paten ist. In der dritten und letzten Abteilung folgt Marie dem Nussknacker ins Puppenreich in der festen Überzeugung, der Verhexte werde wieder ein schöner junger Mann werden, den sie ehelichen könnte. So wird es tatsächlich werden.

Karl August von Hardenberg und August Neidhardt von Gneisenau lobten 1816 Hoffmanns „Feldherrntalent“, wenn dieser „die gewaltige Schlacht“ und „Nussknackers Verlieren“ beschreibt.[3] Nach Rüdiger Safranski operierte Hoffmann in Nussknacker und Mäusekönig in der „noch geschlossenen Phantasiewelt der Kindheit“.[4] Er soll nach anderen auch den Komplex seiner äußeren Hässlichkeit in dem Märchen ebenso verdrängt wie verarbeitet.[5] Unter der Überschrift „Initiation­sspuk“ gibt Heimes eine kurze Psychoanalyse, die „geschlechtliche Identitätsbildung“ Maries betreffend.[6] Auf einer späteren Bearbeitung des Stoffes durch Alexandre Dumas d. Ä. basiert Tschaikowskis weltberühmtes Ballett Der Nussknacker.

Filmografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1973 erfolgte die Verfilmung der Geschichte in einem russischen 27-minütigen Zeichentrickfilm mit dem Titel Щелкунчик (Schtschelkunchik „Nussknacker“) unter der Regie von Boris Stepantsev und Boris Larin.
  • Ein gleichnamiger, nur zweiminütiger russischer Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1999 behandelt den Stoff unter dem Titel Щелкунчик и мышиный король in 3D-Animation (Regie: Tatjana Ilina).
  • 2001 erschien der 3D-Zeichentrickfilm Barbie in Der Nussknacker, in dem Barbie die Geschichte erzählt.
  • Die Erzählung war außerdem Vorlage für weitere Zeichentrickfilme, wie Der Nußknacker-Prinz (USA 1990) und Nussknacker und Mausekönig (Deutschland 2004; u. a. mit Wolfgang Völz).
  • 2009 erschien die Erzählung Nussknacker und Mausekönig erstmals als Hörspiel (Bearbeitung: Step Laube; Produktion: TonInTon-Audioproduktion Berlin; Verlag: Romantruhe Audio).
  • 2010: The Nutcracker (3D), eine trickreiche Musical-Dystopie mit historischen Bezügen von Andrei Kontschalowski
  • 2015 verfilmte die ARD den Stoff für die Märchen-Sendereihe Sechs auf einen Streich.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quelle
  • E. T. A. Hoffmann: Nußknacker und Mausekönig. In: Poetische Werke in sechs Bänden. Dritter Band. 692 Seiten (mit Anmerkungen von G. S., S. 643–691). Aufbau-Verlag, Berlin 1958, S. 250–321.
Ausgaben
  • E. T. A. Hoffmann: Nußknacker und Mausekönig. Erste Auflage, Nachdruck. Insel-Verlag, Frankfurt am Main u. a. 2004, ISBN 3-458-19216-6 (Insel-Bücherei 1216).
  • E. T. A. Hoffmann: Nußknacker und Mausekönig. Märchen. Mit Anmerkungen und einer Nachbemerkung. Zweite Auflage. Philipp Reclam, Stuttgart 2006, ISBN 3-15-018503-3 (Reclams Universal-Bibliothek 18503).
Illustrationen
  • E. T. A. Hoffmanns Titelvignette von 1816 (Kopie aus der Staatsbibliothek Bamberg) findet sich nach der S. 1199 auf Abb. 3 in E. T. A. Hoffmann: Die Serapions-Brüder. Hrsg. von Wulf Segebrecht. Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch. Band 28. Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-618-68028-4 (entspricht: Wulf Segebrecht (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann: Sämtliche Werke in sieben Bänden, Band 4, Frankfurt am Main 2001).
  • E. T. A. Hoffmann: Der Nussknacker. Illustriert von Lisbeth Zwerger. Neu erzählt von Susanne Koppe. NordSüd Verlag, Zürich 2016, ISBN 978-3-314-10354-4.
Sekundärliteratur
  • Helmut de Boor, Richard Newald: Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Band 7: Gerhard Schulz: Die deutsche Literatur zwischen Französischer Revolution und Restauration. Teil 2: Das Zeitalter der Napoleonischen Kriege und der Restauration. 1806–1830. Beck, München 1989, ISBN 3-406-09399-X.
  • Rüdiger Safranski: E. T. A. Hoffmann. Das Leben eines skeptischen Phantasten. Zweite Auflage. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-596-14301-2.
  • Gero von Wilpert: Lexikon der Weltliteratur. Deutsche Autoren A – Z. Vierte völlig neubearbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2004, ISBN 3-520-83704-8, S. 284.
  • Alexandra Heimes: Nußknacker und Mausekönig. In: Detlef Kremer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Leben – Werk – Wirkung. Walter de Gruyter, Berlin 2009, S. 287–297, ISBN 978-3-11-018382-5.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Petra Wilhelmy, Der Berliner Salon, S. 704 f.
  2. Quelle, S. 667, 11. Z. v. o.
  3. Safranski, S. 390.
  4. Safranski S. 409.
  5. Schulz, S. 439.
  6. Heimes, S. 293 oben und S. 295, 19. Z. v. o.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]