Rehau (Unternehmen)

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Rehau Gruppe
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Rechtsform AG & Co. KG
Gründung 1948[1]
Sitz Muri bei Bern
Leitung Jobst Wagner (VR-Präsident).
Rainer Schulz (CEO)
Stefan Girschik (Deputy CEO)
Dieter Gleisberg (CFO)

William Christensen (CMO)

Mitarbeiter Schweiz: ca. 100 (2012)
Deutschland: 8.871 (2015)
Weltweit: ca. 20.000 (2016)
Umsatz 3,4 Mrd. Euro (2016)
Branche Polymerverarbeitung
Website www.rehau.com

Die Rehau Gruppe ist ein im Familienbesitz befindlicher Schweizer Polymerverarbeiter mit deutschen Wurzeln. Die Rehau Gruppe ist in den fünf Geschäftsfeldern Automotive, Building and Infrastructure Solutions, Furniture Solutions, Window Solutions und Industrial Solutions tätig und beschäftigt weltweit rund 20.000 Mitarbeiter an mehr als 170 Standorten.[2]

Die Verwaltungszentrale der Rehau Gruppe befindet sich in Muri bei Bern, Schweiz, Rehau im Nordost-Oberfranken ist der Hauptverwaltungs­sitz des Unternehmens mit den beiden Geschäftsfeldern Automotive und Industrie. Der Verwaltungssitz des Geschäfts­feldes Bau ist in Erlangen-Eltersdorf angesiedelt.Die Medizinsparte wird eigenständig durch die Raumedic AG mit Sitz in Helmbrechts geführt.

Der Umsatz der deutschen Tochter, Rehau AG + Co, lag 2015 bei 1,8 Mrd. Euro, davon wurden 40 Prozent durch Exportgeschäfte erzielt.[3] Der Umsatz der Gesamtgruppe beläuft sich auf ca. 3,4 Milliarden Euro (2016). Persönlich haftende Gesellschafterin ist die Helmut Wagner AG - 3074 Muri b. Bern - Schweiz - Präsident des Verwaltungsrats: Helmut Wagner - HR Bern CHE-107.882.879[4]

Die Rehau AG + Co ist mit mehr als 2200 Arbeitsplätzen der größte Arbeitgeber der Stadt Rehau.[5]

Branchenkenner beziffern die Eigenkapitalquote der Rehau-Gruppe auf deutlich über 50 Prozent.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Helmut Wagner gründete das Unternehmen im Jahre 1948 in Rehau (Bayern). Mit Datum vom 28. Dezember 1948 erteilte das Landratsamt Hof (Saale) dem Medizinstudenten Helmut Wagner die amtliche «Erlaubnis zur Errichtung eines kleingewerblichen Industriebetriebes zur Herstellung von Igelit». Mit dieser Genehmigung in den Händen brach der damals gerade 23-jährige Schulratssohn sein Studium ab, um Keder und Wasserschläuche aus Kunststoff zu produzieren. Keimzelle ist die Extrusion (Verfahrenstechnik). Erste Produktionsstätte ist ein Nebengebäude der 1907 gegründeten Fränkischen Lederfabrik in Rehau. Finanziell gefördert wurde das junge Unternehmen gemäß Handelsregistereintrag durch seine Mutter Christina Wagner und die Fabrikbesitzertochter Elsa Linhardt. Der Aufstieg des Unternehmens beginn als Zulieferer für die Produktion des VW Käfer. Produziert wurden Trittbretter für Autos oder Halteschlaufen für Fahrer und Beifahrer im VW Käfer.

Im Jahre 1949 taufte Wagner sein Werk Rehau Plastiks.

In dieser frühen Phase wird ein Teil der Maschinen- und Anlagentechnik in einer eigenen maschinentechnischen Abteilung entwickelt und gebaut. Im Zuge der Produktentwicklung treten neben die Extrusion auch andere Verfahren, wie das Spritzgießen oder das Extrusionsblasformen.

Bald werden neue Anwendungsgebiete von Kunststoffprodukten (z.B. Möbelprofile, Schläuche für industrielle Anwendungen und für die Medizintechnik) erschlossen, anspruchsvolle technische Teile und Systeme entwickelt und Kunststoffgranulate durch Definition der Rezeptur und mittels Compoundierung selbst hergestellt. Die Materialtypen der Rehau Gruppe tragen daher den Präfix RAU. Entsprechend der Neuentwicklung von technischen Polymeren der Rohstoffindustrie wurde in der Rehau Gruppe die zum Einsatz kommende Palette von Kunststofftypen kontinuierlich ausgebaut.

Neben zwei Werken in Rehau entstand 1951 in Feuchtwangen das erste Werk zur Fertigung von Teilen für die Automobilindustrie unter anderem zur Fertigung von Stoßfängern. Feuchtwangen ist heute mit zwei Werken der größte Fertigungsstandort der Gruppe in Deutschland. 1958 werden das erste Kunststoff-Fensterprofil und der erste Magnetband-Rahmen für Kühlschränke extrudiert.

Im Jahre 1962 wurde das erste Werk außerhalb Europas in Montreal (Kanada) eröffnet. Anfang der 1960er Jahre wurde die Zentrale der Rehau Plastiks nach Muri nahe Bern in der Schweiz verlegt und der weltweite Einkauf der Gruppe für 45 Werke in 21 Ländern und das Controlling dort gebündelt. Die Holding in Muri hat knapp 100 Beschäftigte.

Auf Mitinitiative von Rehau wird 1976 in Deutschland der Beruf des Kunststoffformgebers eingeführt. In den 1970er Jahren erleben Kunststoffteile eine stark ansteigende Nachfrage, die die Rehau Gruppe in den Bereichen Automotive, Möbel- und Elektroindustrie, Fenster-, Sanitär-, Heizungs- und Haustechnik, Rohr- und Schlauchanwendungen begleitet. Neben der Verwaltung in Rehau entsteht eine neue Verwaltung in Erlangen-Eltersdorf.

Im Jahr 2000 gab Helmut Wagner die Leitung des Aufsichtsrates an seine Söhne Jobst Wagner und Veit Wagner ab. Jobst Wagner wurde Präsident des Supervisory Board, Dr. Veit Wagner wurde Vizepräsident. Die beiden Brüder teilen sich die Aufgaben im Unternehmen. So kümmert sich Veit Wagner um den Bereich Automotive, betreut den englischsprachigen Markt mit den Niederlassungen in Nordamerika, in Großbritannien (Insel) und Südafrika. Jobst Wagner verantwortet die Bereiche Bau und Industrie, sowie alle anderen Niederlassungen weltweit.

Im Jahr 2004 wurde die Medizinsparte mit rund 200 Mitarbeitern ausgegliedert und als Schwestergesellschaft Raumedic AG gegründet. Die Raumedic AG ist Entwicklungspartner und Hersteller für die medizintechnische und pharmazeutische Industrie mit autarkem Vertriebsnetz und zwei Produktionsstandorten für Extrusion, Spritzguss und Montage in Reinräumen in Helmbrechts und Mills River (North Carolina, USA)[6].

Gesellschafterstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Rehau Gruppe wird als AG + Co. geführt. Alle Aktien des Unternehmens wurden auf Gründungs- und Familienmitglieder verteilt.

Die beide Söhne Helmut Wagners, Jobst und Veit, als Repräsentanten der zweiten Generation, haben elf Kinder, die als dritte Generation demnächst ins Unternehmen kommen oder daran beteiligt sind. Ältester Enkel Helmut Wagners ist Nils Wagner, der Sohn von Jobst Wagner. Die Nachkommen und Erben der Gründungsgesellschafterin Elsa Linhardt schieden nach 2000 gegen Bargeldabfindungen im höheren dreistelligen Millionenbereich aus dem Unternehmen aus.

Das Wirtschaftsmagazin Bilanz schätzt das Vermögen der Familie Wagner im Rahmen der Liste der 300 Reichsten in der Schweiz auf 800 bis 900 Millionen Franken.[7][8]

Unternehmensstrategie und Philosophie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegenüber dem Unternehmensgründer, Autodidakten und Erfinder Helmut Wagner hat die zweite Generation das Unternehmen strukturell verändert, ausgebaut und transparenter gestaltet. So zählten eine klare Matrix-Struktur der komplexen Organisation und die Übertragung von Verantwortung an regionale Geschäftsführer zu den Veränderungen ab dem Jahre 2000.

Zu den Besonderheiten und Kernpunkten der Rehau Gruppe zählen nach wie vor:

  • hohe Komplexität der Gruppe mit zahlreichen Produktionsstandorten, Anwendungsgebieten und Märkten, die das Unternehmen insgesamt aufgrund des Spektrums relativ unabhängig von Markt- oder Branchenschwankungen machen
  • Tendenz der Entwicklung vom Hersteller von Halbzeugen hin zum System- und Entwicklungspartner
  • Einfluss auf der Rohstoffseite: Durch das hohe Beschaffungsvolumen von der Rohstoffindustrie Preisvorteile, bei gleichzeitiger Eigenrezeptierung von Kunststofftypen zur Qualitätssicherung und Erhöhung der Wertschöpfung
  • hohe Synergien, bei Einkauf, Vertrieb und Produktentwicklung
  • No name und Eigenmarken: In einigen Sparten werden Markenprodukte im mehrstufigem Vertrieb angeboten, in Automotive oder der Medizintechnik beispielsweise, werden die Produkte von den Kunden gelabelt
  • starkes Engagement in Pioniermärkten, wie Osteuropa, Südamerika, Afrika oder Asien
  • Rechtsform als AG + Co., bei der alle Aktien durch die Familie gehalten werden ohne Börsennotierung
  • Einschränkung der Arbeitnehmermitbestimmung durch Ausschluss von Aktivitäten der Gewerkschaften.

Strategisch werden Produkte und Systeme unter den Gesichtspunkten Nachhaltigkeit oder Ressourcenschonung als Ausdruck der Kundennachfrage forciert. Im Bereich Bau zählen die Nutzung von Geothermie und das Niedrigenergiehaus zu den Aktivitäten der Rehau Gruppe.

Standorte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Rehau Gruppe ist an über 170 Standorten auf fünf Kontinenten vertreten.[9]

  • Deutschland: 16 Verkaufsbüros, 11 Werke, 2 Verwaltungen, 3 Logistik-Zentren
  • Europa: mehr als 100 Standorte, über 20 Werke, 3 Verwaltungen mit der Zentrale in Muri bei Bern, mehr als 80 Verkaufsbüros
  • Weltweit: mehr als 170 Standorte, über 40 Werke, mehr als 110 Verkaufsbüros

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Unternehmen wurde in der Presse wiederholt kritisiert, die Bildung von Betriebsräten und andere gewerkschaftliche Aktivitäten entgegen gültiger Gerichtsbeschlüsse zu unterbinden.[10][11]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Rehau Gruppe – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rehau Gruppe
  2. Rehau Gruppe: Das Unternehmen REHAU
  3. Jahresabschluss 2015 der REHAU AG + Co im elektronischen Bundesanzeiger
  4. Rehau AG + Co.: Haftung. 13. Januar 2018, abgerufen am 13. Januar 2018 (deutsch).
  5. Rehau: Ausbildungszentrum auf bauwelt.de, abgerufen am 1. April 2013.
  6. Rehau: Raumedic. Raumedic AG, 13. Januar 2018, abgerufen am 13. Januar 2018 (deutsch).
  7. Jobst Wagner: Auf der Sonnenseite, Wirtschaftsmagazin Bilanz, Ausgabe 06/09, 27. März 2009
  8. 300 Reichste: Familie Wagner, Wirtschaftsmagazin Bilanz
  9. Standorte weltweit, abgerufen am 6. August 2016
  10. Die reichsten Deutschen: "Zuckerbrot und Peitsche". auf: Spiegel online. 21. Juli 2001.
  11. Mach's gleich richtig. In: Der Spiegel. 18/1992.