Reich von Luca

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Die Reiche auf Timor um 1700

Das Reich von Luca war ein Herrschaftsgebiet an der Küste im Südosten des heutigen Osttimor. Nach einigen europäischen Quellen des 19. Jahrhunderts war Luca eines der Reiche, die den Osten Timors beherrschten. Heute ist Luca ein Suco Osttimors.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karte von Timor und von Hawaii von Freycinet (1820)

Das heutige Wissen über Luca beruht auf europäische Aufzeichnungen aus der Kolonialzeit und mündliche Überlieferungen der Timoresen, wobei Angaben aus West- und Osttimor sehr unterschiedlich sein können.[1] Zwischen 1994 und 1996 interviewte der Anthropologe Peter Spilett unter anderem den damals 80-jährigen Liurai von Luca und andere Mitglieder der Herrscherfamilie der Amaral.[2] Interviews von Clementino dos Reis Amaral im Jahre 2014, dem Repräsentanten der Liurai-Familie, bestätigten die Aufzeichnungen von Spillett.[3] Die meisten historischen Erbstücke und das Uma Lulik (deutsch Heiliges Hau, der Aufbewahrungsort der Reliquien) in Kampung Badari, sieben Kilometer vom Ort Luca entfernt, wurden im Bürgerkrieg 1975 zerstört. Portugiesische Unterlagen und Dokumente fielen der indonesischen Besatzung (1975–1999) zum Opfer.[2]

Luca hatte sein Zentrum an der Küste im Südosten Timors. Die Region bildet den Osten des Siedlungsgebietes der Tetum. Deren Sprache ist heute Amtssprache Osttimors und war schon früher die Lingua franca im Zentrum und den meisten Gebieten im Osten Timors. Ein Umstand, der möglicherweise die historischen Vormachtsansprüche Lucas im Osten erklärt.[4]

In einer Veröffentlichung von Salomon Müller, der 1828 bis 1829 Timor besuchte, liegt eine Karte vom niederländisch dominiertem Westtimor mit zahlreichen Details bei. Der portugiesische Ostteil am Rand der Karte wird nur vereinfacht als „Land der Belunesen“ bezeichnet. An dessen Südküste findet sich aber groß der Name „Loeka“. Müller erklärt im Text, dass Luca den Osten Timors dominiere, aber nicht die absolute Kontrolle über die Region habe. Der niederländische Kommissar Emanuel Francis berichtete, dass Luca kein legitimer Herrscher des Ostens sei, sondern die Macht an sich gerissen habe. Louis de Freycinet nennt „Louka“ hingegen das älteste Herrscherhaus, welches von vielen „Königen“ Osttimors anerkannt werde. Dem gegenüber stehen portugiesische Dokumente, die von zahlreichen unabhängigen „Reinos“ (deutsch Reiche) in Osttimor berichten, Luca aber keine vorherrschende Rolle zugestehen.[5] So zählt der ehemalige Gouverneur von Portugiesisch-Timor Afonso de Castro 1868 47 Reiche im Ostteil der Insel auf, darunter Luca.[6][7]

Dass Luca aber andere Großmächte, wie zum Beispiel Motael, Maubara, Suai-Camenaça oder Manufahi vorstand oder Einfluss auf sie hatte, ist aus diesen Quellen nicht erkennbar. Auch François Étienne de Rosily-Mesros nennt in seinem Bericht von 1772 als die wichtigsten Reiche der Insel Oecusse Vemasse, Laleia und Samoro. Man muss berücksichtigen, dass die europäischen Berichte auf Angaben der Timoresen selbst beruhen, auch solchen aus Luca. Während Europäer allerdings bei Herrschaftsgebieten von starren Strukturen mit klaren Grenzen und einer eigenen Verwaltung ausgingen, war der Staat in Südostasien oft mehr ein Zentrum, dessen Macht und Einfluss, wie das Licht einer Lampe, mit zunehmender Entfernung immer schwächer wurde. Die Gebiete am Rande der Einflusssphären kopierten Institutionen und Rituale des Machtzentrums und bildeten so eigene Machtzentren. Zudem unterscheidet man auf Timor nach dem System des Lulik zwischen zwei Mächten: Der inaktive, symbolische, „weibliche“ Herrscher und der aktive, „männliche“ Herrscher mit der politischen Macht.[5][8] Zu den rituellen Herrschern gehörten zum Beispiel die Herrscher von Wewiku-Wehale im Westen des Siedlungsgebietes der Tetum. Das Reich hatte als rituelles-kulturelles Zentrum eine große Bedeutung auf ganz Timor, politisch war es aber nach 1641/42 relativ bedeutungslos.[4]

Den von Spilett gesammelten Überlieferungen zufolge stand Luca vier anderen Reichen vor: Loro Ossu-Hosoroa (Ossorua), Loro Besuru (Vessoru), Loro Wemassin (Vemassin) und Loro Waibobo (Uaibobo). Außerdem standen Viqueque und Takanar unter der Kontrolle von Luca. Luca war wiederum dem Doppelreich von Wewiku-Wehale untergeordnet, da es seine Herkunft vom Maromak Oan (das Kind Gottes) Wehales ableitete. So stand das Reich im Westen in seiner rituellen Macht über Luca. eine Königin von Luca soll einst Land in Uatumuni (zwischen Ossu und Viqueque) an Wewiku verschenkt haben. Viqueque, das in enger Beziehung zu Wehale stand, schenkte sie einen wertvollen, alten Armreif (keke).[2]

Mythen und historische Begebenheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die mündlichen Überlieferungen aus Luca beinhalten auch Sagen und mythische Elemente, so dass reale Ereignisse kaum davon klar abtrennbar sind. So berichtete man Spillett von der Begegnung von Lu′u Leki, dem Na′i Luka Likusan (deutsch Herrscher von Luca Likusan) und Bei Taek Aman, dem Herrscher von Wewiku in Kmodo Mahut Welaku. Beide verfügten den Überlieferungen zufolge über magische Kräfte. Lu′u Leki konnte demnach das Wasser von den Riffen zurückweichen lassen und selbst das Meer trocken legen, während Bei Taek Aman über den Zeitpunkt von Sonnen- und Monduntergang entscheiden konnte. Möglicherweise waren die beiden Herrscher Brüder, die vereint über große Stärke und Autorität. Sie teilten unter sich das Land auf. Als Grenze zwischen den Herrschern wurde, laut Clementino Amaral, der Mota Masin festgelegt, der heutige Grenzfluss zwischen Indonesien und Osttimor.[3] Clementino Amaral berichtete auch von den ersten Herrschern Lucas. Seine Aufzählung beginnt mit Afoan Sila und seiner Nachfolgerin Na’i Lou Baria Sak.[9]

Der Doppelname „Luka Likusan“ weist auf Liquiçá an der Nordwestküste Osttimors hin, bezieht gelegentlich aber auch Motael ein, dem alten Reich in der Umgebung von Osttimors heutiger Landeshauptstadt Dili. Teilweise wird sogar noch Suai-Camenaça an der westlichen Südküste Osttimors hinzugefügt.[2] Letztlich beschreibt die Überlieferung eine Dreiteilung Timors in Sonba’i, dem Reich der Atoin Meto im Westen, Wewiku-Wehale im Zentrum und Luka Likusan im Osten. Diese Dreiteilung findet sich auch in einem portugiesischen Bericht aus dem Jahre 1734. Den drei Reichen wird zwar eine hoghe Stellung in der Hierarchie zugestanden, politische Macht ergab sich aber nicht automatisch. Sehr wohl konnte sie sich aber bei der Bildung von Bündnissen auswirken.[3][10]

Mit der Ankunft der Portugiesen im 16. Jahrhundert und der Ausdehnung ihres Einflusses auf Timor kam es zu starken Veränderungen im Machtgefüge auf Timor. Laut Spilletts Informanten entstanden nach und nach neue Reiche und brachen von Luca ab. Clementino Amaral erzählte über die Christianisierung Lucas, dass die Herrscherin Na’i Lou Baria Sak im westtimoresischen Mena zum katholischen Glauben bekehrt und getauft worden sei. Sie wird mit der Missionierung des Reiches in Verbindung gebracht, auch weil Chroniken der Dominikaner von einer Königin Lucas berichten, die zusammen mit ihrem minderjährigen Sohn, Adligen und „unzähligen“ Untertanen vom Missionar António de São Domingos getauft worden sei. Laut der Berichte muss dies um 1670 geschehen sein.[9] Spillet wurde erzählt, dass der katholische Bischof von Malakka mit sieben Priestern versuchte Luca zum Christentum zu bekehren, aber scheiterte. Er und sein Gefolge sei ermordet und seine sterblichen Überreste an einem geheimen Ort begraben worden. Andere mündliche Quellen bestreiten, dass der Bischof ermordet worden sei. Laut portugiesischer Dokumente ließ sich der Dominikaner Manuel de Santo António um 1700 in Luca nieder und christianisierte erfolgreich Luca sowie die Reiche von Viqueque, Samoro, Fatuletiluli, Alas und Manatuto. 1701 wurde Manuel zum Bischof von Malakka ernannt. Seinen Sitz behielt er auf Timor und war somit der erste Bischof auf der Insel. Ermordet wurde er nicht und er starb auch nicht auf Timor. 1722 verwies ihn der portugiesische Gouverneur Francisco de Melo e Castro von der Insel. 1759/60 starb Bischof Geraldo de São José unter mysteriösen Umständen auf Timor, allerdings in Lifau.[3][11]

1722 attackierten Krieger von Luca einen Trupp von Moradores auf dem Weg von Lifau nach Cailaco, die für Portugal die Fintas, die Tributzahlungen der Liurais (timoresische Kleinkönige) einsammelten. Die Rebellen zerstörten Kirchen und ermordeten Missionare und konvertierte Timoresen.[12][10]

1781 (nach anderen Quellen zwischen 1776 und 1779) erhob sich das Reich von Luca, aufgrund von Repressionen gegen die traditionelle Religion Timors, in einer mehrere Jahre dauernden Revolte gegen die portugiesischen Kolonialherren, die der „Krieg der Verrückten“ (port.: guerra de loucas, auch guerra de doidas) genannt wurde. Eine „Prophetin“ hatte den Kriegern verkündet, dass die Ahnen sie unterstützen würden, um das Joch der Fremden abzuschütteln. Die Krieger hielten sich für unverwundbar. Viqueque unterstützte die Portugiesen bei der Niederschlagung er Rebellion. Die Rebellion wurde von Gouverneur João Baptista Vieira Godinho (1785 bis 1788) erfolgreich niedergeschlagen.[13][14]

1868 unterstützte Luca mit Truppen die portugiesischen Kolonialherren bei der Niederschlagung der Rebellion in Cowa. Im April 1896 schloss Luca mit Portugal einen schriftlichen Vertrag über seinen Vasallenstatus.[15]

Mündliche Überlieferungen aus Ossorua und Babulo berichten von Bewohnern Lucas, die einst an die Küstenebenen Uato-Laris auswanderten und sich dort ansiedelten, nachdem ein Abkömmling des Luca-Reiches von den Portugiesen zum Herrscher von Uaitame und Vessoru gemacht wurde. Hier bilden sie einen Teil der heutigen Makasae-sprechenden Bevölkerung.[16]

Herrscherliste[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Afoan Sila (vor der portugiesischen Kolonialzeit)
  • Na’i Lou Baria Sak (etwa 1670)
  • Na’i Lequi Sak
  • Na’i Lulequik I
  • Sebastião Fernandes (1703)
  • António Aveiro do Amaral (im Range eines tenente-coronel 1726)
  • Sancho Manuel (1738)
  • Sebastião do Amaral (vor etwa 1769 bis etwa 1782)
  • Tomás do Amaral (1782 bis nach 1789) (Neffe)
  • Ana do Amaral (1815)
  • Felix António do Amaral (1817)
  • Maria Amaral (1826–1850)
  • Na’i Lulequik II. (1850–1880)
  • João de Amaral (1854)
  • Luiz dos Reis e Cunha (1869–1876) (von der Herrscherfamilie von Barique)
  • José Amaral (1880–1885)
  • Rosa Amaral (etwa 1881 bis etwa 1896) (Witwe)
  • Clementino dos Reis Amaral (etwa 1896–1914) (Neffe von Dom José)
  • Tomás A. dos Reis Amaral (1914–1917) (Sohn)
  • Lourenço Amaral (1917–1923) (Bruder von Dom Clementino)
  • Tomás A. dos Reis Amaral (1923–1926, zweite Amtszeit)
  • Lourenço Amaral (1926–1933, zweite Amtszeit)
  • Jeremias dos Reis Amaral (1933–1943) (Neffe von Dom Tomás)
  • Zeferino Amaral (1944–1959) (Sohn von Dom Lourenço)
  • Paulo Guterres (1959–1989) (Schwiegersohn von Dom Tomás)
  • Domingos Torrezão dos Reis Amaral (1979–1989) (Sohn von Zeferino)
  • Francisco A. T. A. Guterres (ab 1989) (Sohn von Paulo Guterres)[17][18]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Spilett: The pre-colonial history of the island of Timor together with some notes on the Makassan influence in the island, 1999.

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptbelege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Barnes, Hägerdal, Palmer S. 329.
  2. a b c d Barnes, Hägerdal, Palmer S. 331.
  3. a b c d Barnes, Hägerdal, Palmer S. 332.
  4. a b Barnes, Hägerdal, Palmer S. 328.
  5. a b Barnes, Hägerdal, Palmer S. 326–328.
  6. TIMOR LORO SAE, Um pouco de história
  7. East Timor - PORTUGUESE DEPENDENCY OF EAST TIMOR (Memento vom 21. Februar 2004 im Internet Archive)
  8. Josh Trindade: Lulik: The Core of Timorese Values, abgerufen am 6. November 2017.
  9. a b Barnes, Hägerdal, Palmer S. 333.
  10. a b Hans Hägerdal: Rebellions or factionalism? Timorese forms of resistance in an early colonial context, 1650–1769
  11. Instituto Camões
  12. Gunn S. 41–42.
  13. Gunn S. 50.
  14. Hans Hägerdal: Lords of the Land, Lords of the Sea; Conflict and Adaptation in Early Colonial Timor, 1600-1800, S. 407, (2012).
  15. Gunn S. 86–88.
  16. Susana Barnes: Origins, Precedence and Social Order in the Domain of Ina Ama Beli Darlari, In: Land and life in Timor-Leste, S. 29 & 32.
  17. António Vicente Marques Soares: Pulau Timor; Sebuah sumbangan untuk sejarah, Baucau 2003, Matebian Press.
  18. Carlos Filipe Ximenes Belo: Os antigos reinos de Timor-Leste (Reys de Lorosay e Reys de Lorotoba, Coronéis e Datos), S. 234–242, Baucau 2011, Tipografia Diocesana Baucau.

Koordinaten: 8° 56′ 59,1″ S, 126° 11′ 51,4″ O