Reinhold Ebertin

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Reinhold Ebertin (* 16. Februar 1901 in Görlitz; † 14. März 1988) war ein deutscher Astrologe, Kosmobiologe und Esoteriker.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Reinhold Ebertin war der Sohn der seinerzeit bekannten Graphologin und Astrologin Elsbeth Ebertin. Früh von seiner Mutter beeinflusst, begann er sich bereits als Jugendlicher für Grenzwissenschaften und Astrologie zu interessieren. Nach einer anfänglichen Berufslaufbahn als Schullehrer gab er diesen Beruf bald auf, gründete einen eigenen Verlag, wurde als Herausgeber des Kosmobiologischen Jahrbuches weltbekannt und widmete sich ganz seiner publizistischen Tätigkeit und der Entwicklung der Kosmobiologie. Beeindruckt von dem Astrologen Alfred Witte, dem Begründer der Hamburger Schule, übernahm er wesentliche astrologische Deutungselemente (Halbsummentechnik), distanzierte sich aber von weiteren Lehren (beispielsweise der über hypothetische Planeten). Als sein wichtigstes Werk gilt Kombination der Gestirneinflüsse. Dem folgten zahlreiche andere Bücher zu Themen der psychologischen (Kosmopsychologie) und medizinischen Kosmobiologie.

Kritik[Bearbeiten]

In der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland war das von R. Ebertin herausgegebene Fachblatt eine von nur zwei astrologischen Zeitschriften, deren Erscheinen die Machthaber erlaubten (in diesem Fall bis zum Kriegsjahr 1941). Zudem ist von R. Ebertin eine öffentliche Erklärung aus jener Zeit erhalten, in der er sich mit Stil und Inhalt an Elemente der Ideologie der Machthaber anschließt und scharf antijüdische und menschenverachtende Formulierungen verwendet.[1] Nicholas Goodrick-Clarke berichtet weiterhin, es gebe starke Hinweise darauf, dass R. Ebertin bereits vorher, in den 1920er Jahren, einer esoterisch-rassistischen Gruppierung um Herbert Reichstein angehört habe, der seine Ideologie als der Richtung der sogenannten Ariosophie zugehörig bezeichnete.[2]

Nicht unerwähnt sollte allerdings bleiben, dass die „Hinweise“, die Goodrick-Clarke erwähnt, von Ebertin später als Verleumdung bezeichnet werden. Gesichert ist, dass im Zusammenhang der von Goebbels inszenierten Gleichschaltung nach dem Sieg der Nationalsozialisten die Astrologie diffamiert wurde. Als Rosenberg und Mathilde Ludendorff die Astrologie als syrischen Zaubertrug brandmarkten, antworteten viele Astrologen mit der Behauptung, dass die Astrologie ein „urgermanisches Sternweistum“ sei und priesen den arischen Norden als Urheimat aller Kultur, teils aus Überzeugung, teils als Selbstschutz und aus Angst vor Verfolgung und Berufsverbot. Ebertin ging aber bereits vor 1933 einen anderen Weg und distanzierte sich von der mythischen und traditionellen Astrologie und bekannte sich früh zur Kosmobiologie, die einen naturwissenschaftlichen Ansatz verfolgte. Im April 1941 wurde die Ausgabe „Mensch und All“ aus dem Ebertin-Verlag verboten. Ebertin schreibt in seiner Autobiographie dazu: Es war vielleicht gut so, denn man wußte nicht mehr, was man schreiben sollte, ohne in die Klauen der Gestapo zu kommen und vielleicht gar in ein Konzentrationslager eingeliefert zu werden. Der Willkür waren damals keine Grenzen gesetzt.[3]

Man kann Ebertin vorhalten, dass er viel zu lange Kompromisse mit den Nationalsozialisten eingegangen ist und aus heutiger Sicht sich damit den Ruf eines Kollaborateurs eingehandelt hat, um seiner astrologischen Verlegertätigkeit weiterhin nachgehen zu dürfen. Ebertin: Wie schwer es war, in der damaligen Zeit eine Zeitschrift herauszugeben, ohne mit den Gesetzen in Konflikt zu kommen, zwischen den Zeilen aber doch die Wahrheit durchblicken zu lassen und sich trotzdem zu manchen Pflichtaufsätzen zu überwinden, nur um bestehen zu können, das kann sich in der heutigen Zeit kaum jemand vorstellen.[4]

Aber spätestens nach der Flucht von Rudolf Heß 1941 nach England gab es für Astrologen in Deutschland keinen Fürsprecher mehr - ihr nationalsozialistisches Lippenbekenntnis war nun wirkungsloslos geworden. Es kam zu einer breiten Verhaftungswelle. Auch R. Ebertin wurde schließlich von der Gestapo verhaftet und seine Werke und Zeitschriften beschlagnahmt. Viele andere Astrologen traf es noch härter, die später sogar im Konzentrationslager umkommen sollten.[5] Weniger von Nazi-Okkultismus-Forschern wurde Ebertin eher wegen seiner ablehnenden Haltung gegenüber der traditionellen Astrologie kritisiert. Man hat ihm vorgeworfen, wertvolle Deutungselemente (Tierkreiszeichen, harmonische Aspekte wie Trigone und Sextile sowie die astrologischen Häuser- oder Feldersysteme) einfach als mythologischen Ballast über Bord geworfen zu haben. Sein Traum war, der Kosmobiologie mit wissenschaftlichen Methoden einen angemessenen Platz zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften zu erstreiten. Dieser kann heute jedoch als gescheitert angesehen werden.

Literatur[Bearbeiten]

Bücher von Reinhold Ebertin (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Kombination der Gestirneinflüsse, Ebertin-Verlag, Aalen 1972.
  • Einführung in die Kosmobiologie, 5. Auflage, Freiburg im Breisgau 1984.
  • Angewandte Kosmobiologie, Freiburg im Breisgau 1986.
  • Das Schicksal in meiner Hand – Autobiographie, Aalen 1975.
  • Wilhelm Knappich: Geschichte der Astrologie, Frankfurt 1967.

Literatur über Reinhold Ebertin[Bearbeiten]

  • Reinhold Ebertin wird 80 [achtzig] Jahre, Festschrift für Reinhold Ebertin, Ebertin Verlag, Freiburg 1980. - (Dies ist eine Gratulationsbroschüre von Freunden R. Ebertins.)
  • James Herschel Holden: A History of Horoscope Astrology - From the Babylonian Period to the Modern Age. American Federation of Astrologers, Tempe/Arizona 1996 (siehe besonders S. 263 der zweiten Auflage). - (Dies ist eine Übersicht über historische Entwicklungen der Horoskopastrologie aus der Sicht eines amerikanischen Astrologen in englischer Sprache, in der R. Ebertin ein Abschnitt gewidmet ist).
  • Kocku von Stuckrad: Geschichte der Astrologie, Beck Verlag, München 2003. - (Der Autor ist Professor für die "Geschichte hermetischer Traditionen in Europa" ["History of Hermetic Philosophy and Related Currents"] an der Universität Amsterdam.)

Weblinks[Bearbeiten]

Belege und Quellenangaben[Bearbeiten]

  1. "...Nach der 'Machtergreifung' Hitlers im Jahr 1933 häuften sich in den astrologischen Publikationen nationalsozialistische Aussagen... Mit Ausnahme des Zenit von Korsch erschienen nun in allen astrologischen Zeitschriften rassistische Artikel über die vermeintlich 'nordische' Wissenschaft der Sterndeutung. Man verstieg sich sogar dazu, den Tierkreis durch den Tyrkreis zu ersetzen. Zu einem der schlimmsten antisemitischen Hetzblätter avancierte Reinhold Ebertins Mensch im All, das indirekt mit Jörg Lanz von Liebenfels' pathologisch rassistischer Ariosophischen Bewegung in Verbindung stand. R. Ebertin war 1933 auch an der Gründung der Geistigen Front beteiligt, einem Zusammenschluss von professionellen Charakterologen. In der Oktoberausgabe von Mensch im All findet sich die Aussage: 'Grundsätzlich nicht aufgenommen werden: Juden oder andere rassisch minderwertige Personen, körperlich Mißgebildete oder Krüppel (außer Kriegsversehrten), Scharlatane, Quacksalber sowie Personen, die als unzuverlässig anzusehen sind'..." / Kocku von Stuckrad: Geschichte der Astrologie, Seite 331 f.
  2. "...In the first issue of the periodical, dated October 1925, Reichstein announced the collaboration of recognized occultists in his project, including Issberner-Haldane, Lanz von Liebenfels, Wilhelm Wulff, and G. W. Surya. In December 1925 he began the issue of a bookseries, Ariosophische Bibliothek, which proposed to publicize Lanz's theories in a wide field ranging from astrology to heraldry, while bringing this kind of 'practical self-realization' to its readers. A notice in the first number indicated that Frodi Ingolfson Wehrmann, Herbert Gerstner, and Reinhold Ebertin, the astrologer, had joined his association. ..." / Nicholas Goodrick-Clarke: The Occult Roots of Nazism. Secret Aryan Cults and their Influence on Nazi Ideology. New York University Press 1992 (294 pp.); siehe dort besonders p. 168. - Vergleiche von Stuckrad: Geschichte..., S. 329: "...Der Nationalsozialismus war kein Unwetter, das einfach über Deutschland hereinbrach, sondern das Ergebnis einer Entwicklung, die sich schon lange abgezeichnet hatte. Astrologen waren nicht unwesentlich an der zunehmenden Umformulierung der öffentlichen Diskurse beteiligt, an der Stilisierung einer 'deutschen' Sternkunde, die immer auch die Abwertung einer 'nicht-arischen' oder 'jüdischen' Astrologie implizierte, und zwar schon vor 1933 und der sich anschließenden Gleichschaltung der Wissenschaften und Medien durch die Nationalsozialisten. ..."
  3. Das Schicksal in meiner Hand, Ebertin 1966/77, Seite 25
  4. Das Schicksal in meiner Hand von Reinhold Ebertin, Aalen 1969/1977
  5. Knappich: Geschichte der Astrologie, S. 356